Shrinkflation: Dann eben nicht
Dass Verpackungsinhalte schrumpfen, um Gewinnmargen von Unternehmen stabil zu halten, ist ärgerlich und nervig. Und betriebswirtschaftlich zu kurz gedacht.
Ü ber mein Lieblingseis am Stil habe ich mich kürzlich sehr geärgert. Ach was, eigentlich ärgere ich mich immer noch. Ich glaube sogar, mein Lieblingseis ist nicht mehr länger mein Lieblingseis. Denn es ist der Shrinkflation zum Opfer gefallen.
Shrinkflation bezeichnet eine verdeckte Preiserhöhung, bei der die Unternehmen den Verpackungsinhalt – zum Beispiel von Eis – reduzieren, der Preis aber gleich bleibt oder gar steigt. Anhand der Verpackungsgröße lässt sich der geschrumpfte Inhalt zudem meist nicht erkennen. Zusätzlich setzen die Verpackungsmarketingmenschen auf Ablenkung und werben mit neuen Rezepturen oder Designs.
Seit der Teuerung infolge der Coronapandemie und des Ukrainekriegs nutzen viele Lebensmittelkonzerne diese Art der Geldmacherei. Wie zum Beispiel auch Mondelez mit seinen Schokoladentafeln Milka, was das Landgericht Bremen an diesem Mittwoch nach einer Klage der Verbraucherzentrale Hamburg als unlauteren Wettbewerb eingestuft hat.
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Auch auf meinem Lieblingseis, dem Rocher-Eis von Ferrero, prangt neuerdings der verdächtige Hinweis auf eine neue Rezeptur. Die alte wäre mir lieber gewesen: Besser schmeckt das Eis nicht, eher im Gegenteil. Ich vermute daher, hinter der neuen Rezeptur steckt kein Feinschmecker, der Konsument:innen ein noch grandioseres Geschmackserlebnis bescheren wollte, sondern schlicht das betriebswirtschaftliche Prozedere, Herstellkosten zu senken.
Dass mein Lieblingseis geschmacklich eingebüßt hat, ist allerdings nicht das einzige und vor allem nicht das größte Ärgernis. Sondern, dass eine Packung nur noch drei statt vier Portionen enthält. Ich kaufte also kürzlich, seit dem vergangenen Sommer zum ersten Mal, wieder eine Eispackung.
Mein Freund und ich saßen zusammen im Sonnenschein und verspeisten je ein Eis am Stiel, während wir über die Shrinkflation schimpften. Und nun liegt ein einzelnes Eis einsam in meiner Tiefkühltruhe. Keiner von uns beiden kann es essen, weil ihm dann der andere ohne Eis dabei zusehen müsste.
Ich muss also noch einmal eine neue Eispackung kaufen, um diese Misere zu lösen. Ich stelle mir vor, wie die Marketingmenschen meines Lieblingseises bei dieser Aussage „Yes“ jubeln, einschlagen und sich gratulierend auf die Schultern klopfen, weil sie es geschafft haben, mit einem Verpackungstrick den Absatz zu steigern. Dabei haben sie einen typischen BWLer-Fehler begangen: Sie haben nicht langfristig gedacht, sondern nur in den nächsten Quartalszahlen.
Ein wichtiges Abgrenzungsgefühl
Es hat Sommer gegeben, in denen habe ich eine Packung nach der anderen gekauft – weil dieses Eis einfach zu köstlich war. Dass ich nun aber immer gleich zwei Eispackungen kaufen muss, um den Inhalt durch zwei teilen zu können, ärgert mich. Viel mehr, als wenn das Eis einfach so teurer geworden wäre.
Der Platz in meinem Tiefkühlfach ist nämlich hart umkämpft, ich kann nicht zu viel auf Vorrat kaufen. Und es ärgert mich auch, dass ein Unternehmen meint, mich austricksen zu können. Es hält mich wohl für dumm, was für eine Frechheit!
Psycholog:innen wissen: Wut und Ärger sind wichtige Abgrenzungsgefühle. Sie bringen uns zum Loslassen und dazu, uns Besserem zuzuwenden. Ich werde zukünftig also lieber zu Eispackungen greifen, deren Inhalt durch zwei teilbar ist. Oder es als Wink des Universums betrachten: Wir sollen ja sowieso alle weniger Zucker essen.
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