Raubtiere in Niedersachsen: Der fassungslose Wolf

Ein Video einer Wolfsbegegnung sorgt für Aufregung. Der tatsächlichen Gefahr ist das nicht angemessen. Attacken von Wölfen auf Menschen sind selten.

Ein Wolf schaut zwischen den Aesten einer Fichte hindurch

Nicht der Wolf in Niedersachsen, sondern einer im Bayerischen Wald Foto: blickwinkel/imago

Er ist wieder da! Deshalb sieht man ihn eben auch von Zeit zu Zeit. Während Naturfotografen von der einmaligen Gelegenheit träumen, im Wald mal einem Wolf gegenüberzustehen, und Tierfreunde sich auf geführten Exkursionen zu absurden Zeiten durchs Unterholz treiben lassen, um sich am Ende mit glückseligem Lächeln über einen zertifizierten Haufen Wolfskacke zu freuen, reagieren andere Menschen etwas weniger enthusiastisch, wenn es zu einer Begegnung kommt.

So macht seit dem Wochenende ein Youtube-Clip von einer Spaziergängerin in Niedersachsen die Runde, die beim Gang über einen Acker mit ihrem Hund auf einen leibhaftigen Wolf getroffen ist. Die dokumentierten zweieinhalb Minuten zeugen vor allem von der Nervenstärke des Wolfs, der sich von wüstem Geschrei und Beschimpfungen nicht aus der Ruhe bringen lässt. Eher fassungslos scheint er dem Naturereignis der tobenden Frau zuzuschauen. So etwas ist ihm vermutlich noch nie begegnet, da muss er doch mal gucken. Vielleicht ist er aber auch einfach nur taub.

Auch der Hund bleibt erstaunlich souverän. Selbst die Spaziergängerin macht im Grunde alles richtig. Tatsächlich empfehlen Ex­per­t*in­nen bei unerwünschtem Wolfskontakt genau das: nicht wegrennen, laut schreien, sich groß machen, Hund an der kurzen Leine halten. An der Wortwahl könnte man womöglich noch feilen, aber da wollen wir mal nicht zu geschmäcklerisch sein. Schließlich hat der Wolf genug von dem Rabatz und macht sich wortwörtlich vom Acker. Alles gutgegangen also.

Was keine Überraschung ist, denn Attacken von Wölfen auf Menschen sind extrem selten. Seit ihrer Rückkehr nach Deutschland vor etwa zwanzig Jahren ist es zu noch keinem einzigen Angriff gekommen, und auch das im Clip festgehaltene Meeting ist natürlich keine, wohl nicht einmal eine „gefährliche Begegnung“ (Bild), ganz sicher jedenfalls keine „Lebensgefahr“ (Berliner Kurier).

Hunde können auch beunruhigen

In der Debatte bei uns wird gern übersehen, dass der Wolf nicht singulär in Deutschland plötzlich aus dem Nichts erschienen ist, sondern in vielen anderen durchaus besiedelten Ländern von den USA und Kanada bis nach Russland, Skandinavien und Osteuropa weit verbreitet ist und auch dort bis in menschliche Siedlungen vordringt, ohne dass die Bevölkerung deswegen in Angst und Schrecken leben müsste.

Natürlich kann einen eine Wolfsbegegnung beunruhigen, aber das gilt genauso für das Zusammentreffen mit manchem Hund. Und wer je in Berlin am falschen Ort zur falschen Zeit einem Rudel junger Männer in zweifelhafter Gemütslage begegnet ist, wird sich stattdessen nach Wolfskontakt sehnen.

Sicherlich: Wölfe sind Raubtiere, die in seltenen Fällen auch Menschen angreifen. Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass dies irgendwann einmal in Deutschland wieder passieren wird, im schlimmsten Fall mit tödlichem Ausgang. Das allerdings ist kein Alleinstellungsmerkmal. Hunde verursachen jedes Jahr in Deutschland 30.000 bis 50.000 Bissattacken, davon verlaufen statistisch 3,3 tödlich.

Selbst wenn der Wolf eines Tages jede Baumschule für sich erschlossen haben sollte, wird er in Sachen Bedrohungspotenzial nicht aufschließen können. Dennoch sind Forderungen nach Hundeabschuss selten zu vernehmen. Pferde, Kühe und Bienen fordern ebenfalls ihren jährlichen Blutzoll. Selbst Katzen sind aufgrund gar nicht so seltener Kratzverletzungen mit Sekundärinfektion und Toxoplasmose-Übertragung ein größeres Risiko für Leib und Leben als Wölfe. Von Autos mal ganz zu schweigen.

Schutz von Tieren, die woanders sind

Dieselben Leute, namentlich AfD- und FDP-Politiker, die jetzt den Abschuss von Wölfen fordern, weil sie Menschen unter ziemlich unwahrscheinlichen Umständen gefährden könnten, halten es auf der anderen Seite für den unverhandelbaren Preis ihrer persönlichen Freiheit, während einer Pandemie Feiern zu feiern, keine Maske tragen zu müssen oder sich nicht impfen zu lassen, auch wenn Zehntausende jämmerlich an Corona ersticken. Das ist kein Whataboutism, das ist Risikoabwägung.

Wölfe sind ureigenster Teil unserer heimischen Natur. Sie haben jedes Recht, hier zu sein und auch mal neugierig zu gucken, was denn da in ihrem Revier laut vor sich hinkreischt. Wenn wir Artenschutz ernst meinen, können wir ihn nicht nur dorthin delegieren, wo er uns persönlich nicht betrifft.

Die Deutschen sind ganz groß darin, den Schutz von Tieren zu fordern, die ihnen nur auf dem abendlichen Fernsehbildschirm, aber ganz sicher nicht beim abendlichen Spaziergang begegnen werden. Von Menschen anderer Erdteile fordern sie zu Recht, mit Elefant, Tiger oder Krokodil leben zu lernen. Dann können sie aber auch nicht dem in Sachen Gefährlichkeit eher drittklassigen Wolf bei der erstbesten Gelegenheit ein „Verpiss dich“ entgegenschreien.

Eine Ausnahme wollen wir da nur für Spaziergängerinnen auf niedersächsischen Äckern gelten lassen. Der Wolf will ja schließlich auch mal was geboten bekommen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben