piwik no script img

CDU und Personalplanung Merkel brauchte 16 Jahre, Merz reichen 14 Monate

Cem-Odos Güler

Kommentar von

Cem-Odos Güler

Der Kanzler entkernt seine Partei, nur anders als einst die Kanzlerin. Den Kritikern hat er nichts anzubieten außer Durchhalteparolen.

N achdem die CDU die Bundestagswahl 2021 verloren hatte und in eine bemerkenswert harte Auseinandersetzung mit sich selbst trat, lautete der zentrale Befund: Die Partei wurde nach Jahren der Verwaltung unter Angela Merkel inhaltlich so entkernt, dass man niemandem mehr erklären kann, wofür die CDU eigentlich steht. Der Abgrund, der sich dieser Tage zwischen der Partei und ihrem Chef Friedrich Merz auftut, deutet auf eine Neuauflage dieses Problems hin. Nur vordergründig ging es bei der Kritik, die sich aus der CDU am Kanzler entladen hat, um den chaotischen Regierungsumbau.

Vielmehr schaffte Merz in 14 Monaten das, wofür Angela Merkel einst 16 Jahre brauchte: Er hat die CDU durch die Aufweichung der Schuldenbremse in einer zentralen Frage entkernt, ohne dass er erklären kann, warum sich ein Wirtschaftswachstum trotz Investitionen nicht abzeichnet.

Wer kann es den CDUlern in den Kreisverbänden verübeln, wenn da Gedanken voller Selbstmitleid aufkommen: Erst hat sich die Merz-Mannschaft von einer geschrumpften SPD bei der Regierungsbildung über den Tisch ziehen lassen, und nun scheint das gemeinsame Regierungsprojekt nur darin zu bestehen, mit den SPDlern den Negativrekorden in den Umfragen hinterherzuhecheln.

Nach dem chaotischen Umbau von Kabinett, Fraktion und Partei ergoss sich über den Bundeskanzler eine Kaskade der Kritik: Mit jeder Nachricht wurden die Anschuldigungen härter. Dem Kanzler wurden sogar die Leviten gelesen; er könne die Bundesregierung nicht so führen wie eine Firma, soll der Bremer Landesvorsitzende Heiko Strohmann in der CDU-Vorstandssitzung gegiftet haben. Am Ende schien es so, als könnten die Anschuldigungen eine solche Eigendynamik entfalten, dass der Kanzler noch darüber stürzt.

Eine verstolperte Kabinettsumbildung

Die massive Kritik an der Personalplanung von Merz lässt Zweifel daran aufkommen, wie regierungsfähig die Union unter ihm ist. Schlimmer als die interne Auseinandersetzung, die für die CDU ja auch fruchtbar sein könnte, wiegt für den Kanzler, dass die Anschuldigungen so bereitwillig in die Öffentlichkeit getragen wurden. Die verstolperte Kabinettsumbildung rief in der CDU erstmals diejenigen auf den Plan, die Merz als Bundeskanzler mit einem Schubser auch über die Böschung befördern würden.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Mit dem glimpflichen Ausgang der Sonderfraktionssitzung der Union am Mittwoch konnte Merz seine Kritiker vorerst besänftigen. Das Wahlergebnis von mehr als 90 Prozent für den Merz-Vertrauten und ehemaligen Kanzleramtschef Thorsten Frei als Fraktionsvorsitzenden sicherte dem Bundeskanzler zumindest den Sommerurlaub, den er nun antrat. Auch wenn er damit den Kabinettsumbau nach seinen Vorstellungen und in seiner ruppigen Art über die Bühne brachte: Merz zahlt einen hohen Preis dafür, denn er ist fortan angezählt.

Gedankenspiele über eine Zukunft der CDU ohne Merz verheißen nichts Gutes

Gedankenspiele über eine Zukunft der CDU ohne Merz verheißen nichts Gutes, denn sie bergen die Gefahr von Kurzschlussreaktionen und einer weiteren Öffnung der Partei nach rechts außen – in der Hoffnung auf billige Beliebtheit. Das Glaubwürdigkeitsproblem, in das Merz seine Partei manövrierte, erfordert dagegen eine differenziertere Lösung. Denn der Kanzler brachte eben nicht Wirtschaftswachstum und solide Staatsfinanzen über das Land. Seine Regierung verantwortet im Gegenteil einen riesigen Schuldenberg und Sozialkürzungen, die nicht Wachstum, sondern Abstiegsängste in der Mittelschicht befeuern.

Besonders prekär ist die Lage im Osten

Mit dieser Politik bringt der Kanzler derzeit die halbe Gesellschaft, das gesamte Spektrum der CDU – vom Arbeitnehmer- bis zum Wirtschaftslager – gegen sich auf. Den Kritikern hat das gerupfte Merz-Lager aber nichts anzubieten außer Durchhalteparolen. Das reicht vor allem den Landesverbänden im Osten nicht mehr aus, die sich auch von Merz’ Personalrochaden übergangen fühlen.

Ihrem Frust machten die CDU-Ministerpräsidenten von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen Luft, indem sie Merz’ Regierung zu den geplanten Sozialreformen vorwarfen, die Situation im Osten nicht genug zu beachten. Das Abschneiden der CDU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wird damit auch Merz in Rechnung gestellt werden. Es ist unklar, ob der Kanzler sie noch bezahlen kann.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Cem-Odos Güler

Cem-Odos Güler Redakteur

Berichtet seit 2023 als Korrespondent im Parlamentsbüro der taz über Verteidigungsthemen und die SPD. Studium der Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Köln, Moskau und London.
Mehr zum Thema

14 Kommentare

 / 
  • Ein Zurück in die 1980er von Helmut Kohl und Wolfgang Schäuble hatten sich die Regionalfürst:innen der Union durch Merz erhofft.



    Schwarze Kassen, der Staat als Beute (von Adenauer bis heute). Und dann kommt die Erkenntnis, dass sie einen Regierungs-Azubi zum Kanzler gemacht haben.



    Rettung bringt Peter Unfried, der den Grünen und Sozen erklärt, dass sie mal ihr Anti aufgeben sollen und den Mitte-Merz unterstützen müssen. Vllt. klappt das ja.



    taz.de/Erhalt-der-...erkommen/!6195072/

  • "Merkel brauchte 16 Jahre, Merz reichen 14 Monate":

    Vielleicht will er jetzt, nachdem er mit 70 Jahren die Mühen der Ebene erfahren musste, die ganze Sache einfach möglichst schnell hinter sich bringen.

  • Merz vs Angie? - 🍏 🍏🍎🍏 vs 🍐🍐🍐🍐 -



    Egal was - vergiss es •

    Das bezeichnenderweise Schäuble-Protegé -



    (remember “…wer anderes von mir verlangt -



    (Art 65! GG) dann tret ich zurück!“)taz-buddy😮



    FritzeMerz - ist innerlich nie - “Sauerland ist Powerland!“ - über Unterprima-Hohlheit zur CDU hinausgekommen!



    Genau das aber schlägt via suboptimal plus



    Taube🥜 & lobbygtrieben voll durch - in turbo mit seinen evidenten 💦 etc Charaktermängeln:



    satt zu Buche! Woll -



    Volkers🫦“Voll dem Faß die 👑 ins Gesicht“ •

    kurz - das alles reicheangereichert;)(( 🤑🤮



    Mit Angie in Action - Zéro Null,nüscht ze donn •

  • Merz hat sich ja nicht an die Macht geputscht, sondern wurde sehenden Auges demokratisch ins Amt gewählt.



    Dabei sollte eigentlich jedem und jeder anhand seiner Vita, seines Populismus und seiner oft genug zutage getretenen Rückständigkeit in jeder Hinsicht klar gewesen sein, was von ihm zu erwarten war und genau das bekommen wir jetzt, ob gewollt oder nicht.

  • Besonders schwer dürfte wiegen, dass sich auch der größte Teil der bürgerlichen Medien von Merz abwendet.

    Ich gehe davon aus, dass wir ohne ein Wunder bei den Wahlen im Herbst spätestens Anfang nächsten Jahres einen neuen Kanzler bekommen. Nötig wäre es.

  • Es fehlt irgendwas, an das man glauben könnte. Nicht nur bei Merz und der cdu - sondern bei allen Parteien von der cdu bis zur Linken.

  • Ich interessiere mich eigentlich nicht für CDU Themen.

    Wenn aber vor drei wichtigen Landtagswahlen den Rechtsaußenparteien die Türen so sperrangelweit aufgemacht werden, ich bin nicht ängstlich , fürchte auch ich mich.

    Ich meine damit :

    Gesundheitspolitik betrifft jeden, besonders die gesetzlich Versicherten, dazu braucht man einen Minister, der sich auskennt.

    45 Beitragsjahre vor 66 hat man nur, wenn man mit 15 bis 20 angefangen hat zu arbeiten, wenn man mit 60+ nicht mehr kann/will, soll man noch mit Abzügen bestraft werden ?

    Warum wird ein Verkehrsminister entlassen, unter dem die Bahn sich gerade erholt ? .....

  • Die CDU hat momentan nur noch einen einzigen Zweck, das Auffangbecken für Wähler zu sein, die nicht die Linken ( SPD/Grüne/Linke) oder die Rechten (AfD) wählen wollen.

  • Ja und Nein



    Kanzlerin Merkel ist nicht abgewählt worden,



    es war der Kandidat Armin Laschet, der mit seinem Unvermögen eine Hauptverantwortung für die verlorene Wahl stand.



    Merz "Idee" war, die CDU wieder in die 90er Jahre zurück zu führen und Alles, womit die GroKo unter Merkel stand, auf den Kopf zu stellen.



    Wie verlogen das ist, zeigt sich an Personen wie Jens Spahn.



    Der "Rechtsruck" in der Union förderte sehr Rechte wie Dobrindt zutage.



    Außerdem Lobbyistinnen wie Reiche, die nicht zum Wohle des Landes handelt.



    Es gibt noch weitere Beispiele, der Widerspruch ist allerdings, dass Merz eine 16 Jahre erfahrene Mannschaft austauschte und mit einem Haufen Unqualifizierter auftrat.



    Das schließt ihn selbst mit ein, wie er täglich demonstriert.



    Merkel war von Vielen, auch Jenseits der Parteifamilie, geschätzt.



    Sie verstand Moderation.



    Merz ist aus einer Kränkung heraus Kanzlerkandidat geworden und es zeigt sich, er ist der Rolle nicht gewachsen.



    Er ist derart unbeliebt, dass sich nun sogar CDU Mitglieder trauen, ihn zu kritisieren.



    Das ist in der Union ein bemerkenswerter Vorgang, schließlich ist die die Partei der Opportunisten.



    Es wäre wirklich möglich, dass er früher gehen muss.

  • Es waren auch maßgeblich die CDU Ostverbände die sich vom autoritären Merz eine Wende versprachen, das Streicheln der Volksseele durch Bedienen von Bauchgefühlen. Dass genau jene jetzt jammern, war abzusehen… Mit neoliberal bekämpft man eben keine Abstiegsängste, auch wenn jene Betroffenen im Affekt genau nach dieser Politik lechzen...

    • @nutzer:

      Genau dieser Hinweis ist es, der im Kommentar noch fehlt. Danke.



      A. Merkel wußte noch, wie sie ihren ostdeutschen Landsleuten neoliberale Politik („marktkonforme Demokratie“) so verkauft, daß die sich schlimmstenfalls über eine vermeintliche Sozialdemokratisierung aufregen.



      F. Merz trat mit dem Versprechen an, dieses Mäntelchen abzulegen, und wieder zum Wesenskern der Union zurückzukehren: einer Wirtschaftspolitik, die allein dem Kapital verpflichtet ist, und perfekt von K. Reiche verkörpert wird (die muß ihren Posten nicht verlassen, trotz ihrer Unbeliebtheit). Den sozialdemokratischen Schleiertanz überläßt er ganz der SPD.

    • @nutzer:

      Nein das erhofften nicht nur die CDU Ostverbände.



      Die gesamte Union saß vor der Wahl 2025 bei Lanz und Co und versprach immer wieder: es wird keine Steuererhöhungen geben, die Steuern müssen runter. Dazu keine neuen Schulden.



      Söder, Amthor, Merz, alle saßen sie und versprachen es.



      Es gab extrem viele Wähler die gesagt haben: ein letztes Mal wähle ich Union, aber wenn der Merz nicht hält was er verspricht, wars das.



      Und was macht Merz?



      Das größte Schuldenpaket ever. Steckt das Geld zu allem Überfluss nicht in den Mittelstand. Gleichzeitig gibt es keine Steuerentlastungen und Sozialabgaben steigen ins Unermessliche - das sind gefühlt Steuererhöhungen.



      Oh Wunder hat die Union in Umfragen 25% ihrer Wähler seit der Bundestagswahl verloren - und wenn man sich die Balken ansieht, weiß man genau wohin die meisten von denen gelaufen sind.



      Und es wird so weitergehen, so lange Merz das genaue Gegenteil tut von dem was er versprochen hat.



      Wähler haben heute kaum mehr Parteibindung - wer das Gegenteil von dem macht, was er versprochen hat, wird abgewählt.



      Eigentlich hätte die Union das vom Niedergang der SPD wissen müssen, aber sie machen die gleichen Fehler🤷



      Die AfD freuts.

  • Meine Erwartungen an den Kanzler waren eigentlich nur die, dass er den Ernst der Lage erkennt und zumindest mit seinem Wahlverein soweit im Einklang ist, das diese es auch erkennen.

  • Das muss ein sehr merkwürdiger Tisch sein, über den die cdU die sPD gezogen haben soll. Denn die sPD wurde von der csdU ebenso über diesen gezogen. Komisch. Und wofür die cdU steht? Glasklar: für die Profite der Wirtschaft, die Reichen und Superreichen und sonst nix.