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Wahlerfolg der AfD in Sachsen-Anhalt Vertrauen schlägt Fakten

Kommentar von

Christoph Maier

Die AfD setzt gezielt auf Beeinflussung „kleiner Öffentlichkeiten“. Subjektive Gewissheiten und Erfahrungen wirken dort stärker als jede Tatsache.

N och immer fällt es mir nicht leicht, zu erfassen, was am vergangenen Sonntag in Sachsen-Anhalt geschehen ist – in dem Bundesland, in dem ich Verantwortung für eine Institution trage, die sich dem gesellschaftlichen Diskurs widmet. Wird nun tatsächlich die an staatlich verordnetem Patriotismus orientierte Kultur-, Bildungs- und Religionspolitik Einzug halten, die im Wahlprogramm angekündigt wurde?

Unvorstellbar ist für mich, dass dies jede zweite Person in meinem Umfeld für wünschenswert halten könnte! Für eine kirchliche Einrichtung in der Tradition der Friedlichen Revolution und mit starken Verbindungen in die Bürgerrechts- und Umweltbewegung ist das ein Schock.

Zu Zeiten der Friedlichen Revolution waren es die kleinen vernetzten Öffentlichkeiten der Basisgruppen aus Jungen Gemeinden, Friedensgruppen und Umweltbewegung, die den Umbruch trugen. Heute sehe ich genau hier, an der Basis, eine folgenreiche Schwäche in der politischen Kommunikation.

Wetten, die Demokratie gewinnt? ​

Nach den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern droht erstmals eine AfD-Regierung. Die taz berichtet, was auf dem Spiel steht – und wer jetzt die Demokratie verteidigt. Alle Texte zur Serie finden Sie hier.

Eine Erklärung für das Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt liegt für mich darin, dass der Kampf um die „kleinen Öffentlichkeiten“ verloren ging. Dem langfristigen, strategischen und hochprofessionellen Agieren der AfD in diesen Räumen konnte kaum etwas entgegengesetzt werden.

Kleine Öffentlichkeiten sind sozial überschaubare Kommunikationsräume zwischen dem Privaten und der massenmedial vermittelten Öffentlichkeit. Sie entstehen überall dort, wo Menschen in Vereinen, Kirchengemeinden, kommunalen Zusammenhängen, Nachbarschaften, Initiativen oder Freundeskreisen gesellschaftlich relevante Fragen verhandeln.

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Präsent in Dorfgasthöfen und auf Marktplätzen

Anders als in den massenmedial vermittelten „großen Öffentlichkeiten“ entsteht kommunikative Autorität hier weniger durch institutionelle Position, Expertise oder mediale Reichweite. Eine besondere Rolle spielen lokale Respekts- und Vertrauenspersonen, deren Glaubwürdigkeit sich aus persönlicher Bekanntheit, sozialer Reputation und bewährten Beziehungen speist.

Genau hier konnte der charismatische Kandidat Ulrich Siegmund punkten. Er war in diesen kleinen Öffentlichkeiten ständig präsent, füllte Dorfgasthöfe und Marktplätze und verstand es, sich als Respekts- und Vertrauensperson zu inszenieren.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

In den großen Öffentlichkeiten, in Talkshows und politischen Debatten, wurde stattdessen auf Fakten und Argumente gesetzt. Verwundert rieb man sich die Augen, dass Statistiken und wissenschaftliche Studien – etwa zur Finanzierbarkeit der Wahlversprechen – an der Glaubwürdigkeit der Blauen nicht kratzen konnten. Auch handfeste Skandale wie die Vetternwirtschaft – sonst ein K.-o.-Kriterium der empörungssensiblen Öffentlichkeit – konnten der AfD nicht schaden.

Die Ratlosigkeit darüber offenbart einen blinden Fleck in der Analyse politischer Kommunikation: Glaubwürdigkeit kann auf ganz unterschiedliche Weise entstehen und Wahrheitsansprüche können sich aus ganz unterschiedlich Quellen speisen.

Gesellschaftliche Wirklichkeit verhandeln

Das Gespräch über gesellschaftliche Wirklichkeit erschöpft sich nicht in der Frage, ob eine Aussage empirisch wahr oder falsch ist. Wir können danach fragen, ob eine Tatsachenbehauptung wahr, eine Norm oder Handlung richtig und ein Sprecher wahrhaftig ist. Kleine Öffentlichkeiten können gerade deshalb demokratisch bedeutsam sein, weil hier Wahrhaftigkeit und Wahrheit, Erfahrung und Evidenz, Person und Sache miteinander verbunden werden können, ohne sie zu verwechseln.

Populistische Kommunikation profitiert davon, unterschiedliche Geltungsmodi bewusst ineinanderzuschieben

Allerdings droht genau diese Unterscheidungsfähigkeit verloren zu gehen. Populistische Kommunikation profitiert davon, unterschiedliche Geltungsmodi bewusst ineinanderzuschieben. Persönliche Erfahrung wird dann zur Tatsachenbehauptung, subjektive Gewissheit zum Beleg, Aufrichtigkeit zum Wahrheitskriterium und Zugehörigkeit zur Voraussetzung dafür, überhaupt erkennen zu können, „wie es wirklich ist“.

Martin Luther hat für eine ganz andere historische Konstellation ein drastisches Bild gefunden. Bei seiner Unterscheidung von geistlichem und weltlichem Regiment warnt er vor deren Vermischung: „Der leidige Teufel hört auch nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu brauen.“

Luthers Zwei-Reiche-Lehre lässt sich nicht ohne Weiteres auf die moderne demokratische Öffentlichkeit übertragen. Aber das Bild vom „Ineinanderkochen und -brauen“ trifft die kommunikative Herausforderung. Nicht die Kirchen sind zu politisch geworden, was ihnen gerne vorgeworfen wird, sondern an Politik werden zu viele religiöse Erwartungen herangetragen.

Säkularität garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft

Wo religiöse Kommunikation und bekenntnishaftes Sprechen fremd geworden sind, fehlt möglicherweise auch die Übung darin, verschiedene Formen des Wahrheitsanspruchs auseinanderzuhalten. Säkularität allein garantiert keine aufgeklärte Gesellschaft – weder in den großen noch in den kleinen Öffentlichkeiten.

In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck, weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen. Wo politische Überzeugungen zu Bekenntnissen werden, Zugehörigkeit an die Stelle von Begründung tritt und Widerspruch den eigenen Glauben nur noch bestärkt, verändert sich der Charakter demokratischer Öffentlichkeit radikal.

Faktenchecks und kampagnenhafte Polarisierung in den „großen Öffentlichkeiten“ sind kaum ein wirksames Mittel gegen Vertrauen, das in kleinen Öffentlichkeiten über persönliche Beziehungen, gemeinsame Erfahrungen und soziale Reputation entstanden ist. Um Missverständnissen vorzubeugen: Das macht dieses auf Vertrauen basierende Wissen natürlich nicht wahrer als überprüfbare Fakten. Es erklärt aber, warum die Widerlegung einer Tatsachenbehauptung die Glaubwürdigkeit einer Person noch lange nicht erschüttert.

Christoph Maier

ist Direktor der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt in Lutherstadt Wittenberg. Als Studienleiter für Theologie und Politik betreut er das Projekt „Am Gartenzaun“, das kleine Öffentlichkeiten im ländlichen Raum schafft. Finanziert wird dies derzeit aus Landesmitteln, die zukünftig nicht mehr fließen sollen.

Aufklärung verlangt, unterschiedliche Geltungsansprüche zu erkennen, kenntlich zu machen und aufeinander zu beziehen. Nicht die Verschiedenheit von Wahrheitsansprüchen gefährdet demokratische Öffentlichkeit. Gefährlich wird es dort, wo ihre kategoriale Verschiedenheit nicht mehr erkannt wird und der Politik zugeschrieben wird, für Hoffnung, Zuversicht und eine positive Erzählung verantwortlich zu sein.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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33 Kommentare

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  • Claude Nuage

    Dieser Artikel zeigt im Übrigen auch sehr schön, warum dieses Land nichts weniger braucht als direkte Demokratie. So ein Remigationsreferendum ist schnell organisiert.

  • Optimist2015

    Ich kann die Mär vom unterjochten armen Bewohner der östlichen Bundesländer, denen wegen ihrer Herkunft die Demokratie und der westliche Kapitalismus so unzumutbar sind, dass sie eine völkisch-rechte Partei wählen müssen, nicht mehr hören.



    Ich wohne selbst im Osten und kenne in meiner Nachbarschaft viele Wähler der AfD.



    Gut situierte Herrschaften, die mit ihrem Häuschen, oft einer guten Rente, außer im Krankenhaus ohne Ausländerkontakte, aus rechter und rassistischer Gesinnung diese Partei wählen.



    Und dann gibt es noch einen weiteren kaum je benannten rationalen Grund die AfD zu wählen:



    Immer wenn irgendwo zu viel AfD gewählt wird hebt in der Politik das große Bemitleiden der Unterprivilegierten in dieser Region an, die ja quasi gezwungen seien diesen Sumpf zu wählen. Und dann passiert ziemlich häufig das worauf einige AfD Wähler spekulieren: die Gegend wird mit Fördermaßnahmen aufgepäppelt, spricht AfD Wählen bringt Geld!

  • Klabauta

    "Zu Zeiten der Friedlichen Revolution waren es die kleinen vernetzten Öffentlichkeiten der Basisgruppen aus Jungen Gemeinden, Friedensgruppen und Umweltbewegung, die den Umbruch trugen."

    Was der Autor außen vor lässt, ist die Tatsache, dass all die kleinen Gruppen und Runden Tische damals nicht verhindern konnten, dass eine Mehrheit sich für eine verfrühte und kritiklose Wiedervereinigung entschied, mit allen bekannten Folgen.

  • Dietrich Schneider

    Mir fällt bei vielen Kommentaren der "Unfrisierte Gedanke" von Stanislaw Jerzy Lec ein: "Das Gesicht des Feindes entsetzt mich, weil ich sehe, wie sehr es meinem eigenen ähnelt."

  • Dietmar Rauter

    Bezüglich der 'Wahlen' und und dem Sprech 'Erfolg der AfD' (oder des Faschismus) sehe ich ein DRAMATISCHES Missverständnis. So als ob da aus Versehen eine unbeliebte Mannschaft ein Fussballspiel verloren hätte: NEIN, es geht um uns und um unsere Demokratie und Meinungsfreiheit und gegen den (auch von Merz und Söder) praktizierten Populismus. Wir haben unsere Mitmenschen nicht von den Segnungen unserer Verfassung und unserer Rechte überzeugen können, wenn wir zulassen, dass angeblich demokratische Parteien unglaubwürdig werden, das in ihren TATEN das Klima verleugnen, zuschauen wie Arbeitsplätze und Lebensgrundlagen verloren gehen, jungen Menschen eine gute Bildung versagt wird. Stattdessen wird Techkapitaliste erlaubt, Schwachsinn, Verschwörungstheorien und Schönreden von dahergelaufenen 'Influenzern' zu verbreiten, alles nur um über Werbung satte Gewinne einzufahren und unsere Abhängigkeit nur noch zu vergrößern. Wir haben alle verloren, wenn Wahlen eben nicht dazu führen, den Verlust unserer Lebensgrundlagen zu verhindern und allen ein auskömmliches Leben zu ermöglichen statt abgehobenen Reichtum zu fördern. Wo sind da (zB) die 'Grünen' ? Es ist UNSERE Niederlage !!

    • FtznFrtz

      @Dietmar Rauter:

      Ihre Analyse ist sicher nicht falsch, natürlich bekommt die Politik in vielen Bereichen keine Lösung oder auch nur Besserung hin, Sie erwähnen zurecht das Klima, mir fallen auch die Wohnungsnot oder die Reform der Sozialversicherung ein. Nur wenn es jemanden gibt, der das ganze noch schlechter lösen ode rsogar verschlimmern würde sind es die Nazis. Da hakt dann leider die Logik aus.

      • Zippism

        @FtznFrtz:

        Erst wird ausführlich erklärt, warum die etablierten Parteien bei Klima, Wohnen, Bildung und Sozialversicherung seit Jahren keine überzeugenden Lösungen liefern – und anschließend lautet die Antwort sinngemäß: „Ja, aber die anderen sind Nazis.“

        Das ist natürlich eine ausgesprochen komfortable politische Theorie: Wenn die eigene Politik die Probleme nicht löst, darf man sich trotzdem als alternativlos betrachten, weil die Alternative angeblich noch schlechter wäre. Das hat weniger mit politischer Überzeugungskraft als mit einer ziemlich ausgeprägten Angst vor dem Wähler zu tun.

        Und wenn die Grünen, wie Sie selbst fragen, bei den von Ihnen genannten Problemen keine ausreichenden Antworten liefern, wäre vielleicht die naheliegende Frage: Warum sollte der Bürger das als „unsere Niederlage“ betrachten und anschließend trotzdem wieder genau diejenigen wählen, die diese Niederlage produziert haben?

  • ja wirklich?

    Kann mir mal jemand erklären, was das Charisma des Herrn Siegmund ausmacht? Ich habe ihn zwar nur im TV mal erlebt. Sein Charisma ist mir das nicht begegnet.

    • Claude Nuage

      @ja wirklich?:

      Wenn die anderen lange genug über die eigenen Füße gestolpert sind, überlegen die Leute halt, ob sie es mal mit einem Siegmund versuchen. Man muss gar nicht gut sein, um Wahlen zu gewinnen. Es genügt völlig, bei entsprechender Beleuchtung ein kleines bißchen weniger scheiße auszusehen als die Konkurrenz. Siegmund hatte noch nicht die Chance, sich bei der praktischen Regierungsarbeit zu blamieren.

    • Kaboom

      @ja wirklich?:

      Er wirkt ansatzweise normal (abgesehen davon, dass sein Gesichtsmuskeltraining offenbar dazu geführt hat, dass er Dauerlächler ist). Gegen Weidel, bei der der Hass aus jeder Pore tropft, und Chrupalla, der ständig ziemlich unbedarft wirkt. Interessant btw., dass die beiden offenbar die einzigen sind, die von Onkel Vladi die Erlaubnis haben, in Talkshows ihre geistigen Ergüsse zum Besten zu geben.

    • Klabauta

      @ja wirklich?:

      Das Charisma ist das von Lewis Carrolls Cheshire Cat: Der Körper dahinter (der Hass) kann verschwinden, was bleibt ist das hohle Grinsen.



      Das ist dem Rapper Disastar auch schon aufgefallen, als er 2018 rappte:

      "Grinsekatze (Alice, Alice)



      Mutmacher (Alice, Alice)



      Weißer Hase (Alice, Alice)



      Alice im Wunderland



      Alex Gauland (Alice, Alice)



      Jörg Meuthen (Alice, Alice)



      Alte Männer (Alice, Alice)



      Alice im Wunderland"

      Ich würde das Lied um die Zeile



      "Ulrich Siegmund (Alice, Alice)"



      aktualisieren.

    • FtznFrtz

      @ja wirklich?:

      Da sind Sie vielleicht nicht so empfänglich für, es ist das Kumpelhaft-schwiegersohnig-harmlose, das Siegmund verkörpert. Der gute Junge von nebenan, der jetzt mal die Ärmel hochkrempelt und den auf Grund gelaufenen Dampfer Deutschland flott macht. Und das ohne Verbissenheit und schlechte Laune, positiv und in Partylaune kriegen die Leute den Nazidreck in die Hirne geschaufelt. Der Mann ist gelernter Raumduftverkäufer, also jemand der Ihnen was andrehen kann, dass sie gar nicht brauchen. Ob das Parfum in Ihrem Wohnzimmer oder eine faschistoide Dreckspartei ist macht da fast keinen Unterschied. Vermutlich würde er einen Großteil der Leute auch zum Abschluss einer Risikolebensversicherung kriegen. Warum wollen die Leute alle ein Selfie mit der Flitzpiepe? Weil sie ihn mögen, wie sie Meister Proper, Joshua Kimmich oder Peter Maffay mögen, die Verbindung des Images mit dem Produkt hat (leider) funktioniert.

    • Joba

      @ja wirklich?:

      Weil Sie, so würde ich es ausdrücken, "die Geister unterscheiden" können. Es mag überheblich klingen, aber mich hat an Ulrich Siegmund auch nichts wirklich angezogen. Aber so abstoßend wie Frau Weidel oder andere AfDler wirkt er auf mich nicht, wie ich anderswo schon geäußert habe. Andere erreicht er mit seiner Ausstrahlung aber. Das ist eine Tatsache, auch wenn es mir nicht passt. Herr Maier benennt im Artikel Gründe dafür, auch wenn das beschriebene "Charisma" ihn selbst auch nicht erreicht, denn Siegmunds "Charisma" kommt von einem "Lügengeist". Viele lassen sich davon mangels der eingangs genannten Unterscheidungskraft in den Bann ziehen.

  • mumba

    Weiter im Text: Solange die Steuergelder fließen, die Diäten , Sitzungsgelder und die Versorgung im Alter gesichert ist, der Dienstwagen, für die unteren Kader immerhin noch die Fahrbereitschaft; man über Parteinähe Stiftungen, Gewerkschaften oder "NGOs" den einen oder anderen Verwandten oder Bekannten mit versorgen kann: Weiter so. Erst wenn sich jeder Abgeordnete, jedes Ratsmitglied und all die Anderen, die am Staatstropf hängen, sich ernsthaft Sorgen um das eigene Auskommen machen muss, wirdsich da etwas ändern. Sollte es in diesem Land wirklich zu Unruhen oder gar einer Revolte kommen, wird dies nach meinem Dafürhalten eher nicht sozialistisch geprägt sein.

  • mumba

    Die kleine Öffentlichkeit war in meiner Kindheit und Jugend von der SPD und den Kirchen dominiert. Da gab es Kümmerer vom Ortsverein, von der AWO und der IG Bergbau - Metall. Zudem einen sehr im Jugendbereich und im sozialen engagierten Pastor nebst emsigen Kaplan. Die würden nach und nach ersetzt durch Politirlogie- und Geisteswissenschaftler, manchmal sogar mit abgeschlossenem Studium. Denen waren nicht nur ihre Herkunft, sondern auch ihre Mitglieder in weiten Teilen peinlich bis unangenehm. Das gleiche galt für die Kirchen,wo Wohlfahrt und Seelsorge am Ort nachrangig ggü. den wirklich wichtigen Problemen der Welt, damals Nicaragua, heute irgendwas mit Identität und natürlich Umweltschutz wurden. Für die CDU, FDP und Grüne gilt ähnliches, wenn auch in anderer Ausprägung. Bei jedem Gespräch mit einem Berufspolitiker, oder solchen, die es noch werden wollen, spüre ich weder wirklich Bereitschaft zum Dialog, echtes Interesse an meinen Problemen oder auch nur den Hauch des Willens zur Behebung derselben. Was ich erfahre, ist Herablassung, Belehrung, das Wiederholen der Parteilinie in vorgestanzten Sätzen, offenes Desinteresse, teils gar wenig verborgene Verachtung.

  • dites-mois

    Wichtiger Punkt, der Hinweis auf die kleinen Öffentlichkeiten, erklärt gut, warum Fakten und Argumente bei vielen Menschen so chancenlos sind. Das Problem ist eben, dass diesen kleinen Öffentlichkeiten (auch "Stammtisch" genannt!) Populismus und Ressentiments immanent sind, und wir mit demokratischen, linken, kritischen (= komplizierten, infragestellenden!) Gedanken wenig Chancen gegen "Ist doch so!", "Sehen wir doch alle!" und "gesunder Menschenverstand!" haben.



    Die alte Diskussion über die Notwendigkeit von Linkspopulismus (einfache Botschaften!). Der dann aber hintenrum doch wieder rechts einzahlt, weil er Ressentiments bedienen muss.

  • Tom Farmer

    Klar ist das so, gute Analyse. Aber die Frage ist doch warum das so ist.



    Weil eben die etablierten Parteien genau diese Lücken durch ihre Art zu regieren aufgerissen haben. Vertrauensverlust der über Jahre entstand und nicht mal plötzlich vom Himmel gefallen ist. Wir stehen am vorläufigen Endpunkt einer jahrelangen Entwicklung. Und weder Berlin noch weite Teile der medialen Welt erkennen ihren eigenen Beitrag. Man muss nur die Sommerinterviews anschauen wie die Politiker sich präsentieren dürfen.... unwidersprochen lächelnd freundliche Frager. An den Taten (also was alles nicht erledigt wurde) und nicht Worten sollte man sie messen.

  • My Sharona

    Ein wichtiges Puzzlestück, ohne das die Analyse des neuen Faschismus unvollständig bleibt. Wie auch beim viel kommentierten Beitrag von Herrn Misik muss auch hier gefragt werden: welche politischen und ökonomischen Entscheidungen und Systemwirkungen des Kapitalismus haben dazu geführt, dass demokratisch gesinnte "kleine Öffentlichkeiten" so schwach geworden sind?

  • Sonntagssegler

    "Ethnopluralistische Glaubensgemeinschaft"

    Da ist mehr dran als einem lieb ist. Beeindruckender Artikel und erklärt auch mehr als einem lieb ist.

  • Andreas_2020

    Ich finde die Analyse gut, aber man kann es auch sehr kurz fassen, eine Gegend mit schwacher Infrastruktur und einer sozialen Zusammensetzung, die kritisch ist, teilweise durch Niedriglohn und Armut, die lässt sich für Rechtsextreme gut erreichen. Außerdem haben dort Neonazis eine offene, liberale Gesellschaft seit 1990 stetig attackiert und zwar mit Gewalt.

  • Fritz Müller

    "In der Beobachtung des Wahlkampfes hatte ich manches Mal den Eindruck, weniger einer politischen Auseinandersetzung als einer ethnopluralistischen Glaubensgemeinschaft mit charismatischem Prediger zuzusehen"



    ... dazu braucht es aber auch eine entsprechend dämliche Anhängerschaft —Charisma schlägt persönlichen Sachverstand.

  • Philippo1000

    Mittendrin.



    Danke für den Artikel.



    Es interessant, hier eine Analyse von Jemandem zu lesen, der mittendrin lebt.



    Mittendrin in der Gesellschaft und mittendrin im Thema.



    Das ist ein Blickwinkel, der den anderen Analysen oft fehlt.



    Bei aller Rechenschieberei, die besagt, dass Sachsen Anhalt sehr klein und Stimmunterschiede nicht sehr groß sein müssen, um zu gewinnen, gerät die Stimmung aus dem Blick.



    Natürlich ist die Entwicklung schlimm.



    Wir sollten aber auch nicht so tun, als sei die „afd“ kurz vor der Machtübernahme in Deutschland,



    Frau Weidel gab sich im Bundestag zwar so, das ist allerdings Propaganda.



    Wir sollten nicht reagieren, wie das Häschen vor der Schlange, sondern ruhig mal Zähne zeigen: diverse Politiker haben sich für ein Verbotsverfahren ausgesprochen.



    Es ist an der Zeit, die Demokratie aktiv zu schützen .

    • ja wirklich?

      @Philippo1000:

      Ja, auch das Kaninchen kann Zähne zeigen. - Ob wir mnoch irgendeine der berechtigten Instanzen dazu bewegt kriegen, den Verbots-Prüfungs-Antrag zu stellen? Es ist an der Zeit.

      • rero

        @ja wirklich?:

        Das Verbotsverfahren wird mehrere Jahre dauern.

        Bis dahin hat Siegmund gezeigt, ob er was hinkriegt oder ob er versagt.

        Ob er wirklich Demokratie abbaut oder nicht.

        Das Verbot ist damit hauptsächlich eine Projektion.

        • Thomas Böttcher

          @rero:

          Und wenn er nichts gebacken bekommt, sind wieder die „Altparteien" und „Eliten" schuld



          am ganzen Dilemma.



          Also, alles wie gehabt.

  • derzwerg

    Toller Beitrag, kann auch in verschiedene Richtungen ausgebaut werden, etwa „Haustürwahlkampf“ oder das was neuerdings als Organizing bezeichnet wird.

    Ein kleines Detail: „Auch handfeste Skandale wie die Vetternwirtschaft – sonst ein K.-o.-Kriterium der empörungssensiblen Öffentlichkeit – konnten der AfD nicht schaden.“ das gilt nur für die linke Seite. Auf der Rechten sind so altmodische Moralvorstellungen den Wählern egal, das zählt als Schlitzohrigkeit und bekommt Anerkennung.

    • rero

      @derzwerg:

      Vetternwirtschaft ist nun definitiv etwas, wo auch linke Parteien wissen, wie es geht.

      SPD-Filz ist ja fast eine Marke.

      Der Berliner Spitzenkandidat hatte gerade eine Hausdurchsuchung wegen eines Korruptionsdeliktes.

      Unter der Ampel gab es die Trauzeugenaffäre im grünen Ministerium.

      Die Linke in Thüringen praktizierte familiäre Beschäftigungsverhältnisse als Überkreuzbeschäftigung.

      Da herrscht dann auch auf linker Seite Toleranz.

      • Kaboom

        @rero:

        Gegen das, was bei der AfD jetzt schon an Korruption zu sehen ist, nämlich die Anstellung dutzender Familienangehöriger über Kreuz durch AfD-Funktionäre, sind die Skandale der anderen Parteien sogar in Summe absolute Peanuts. Bei der sogenannten Trauzeugenaffaire handelte es sich um EINE Person.



        Und die wenigen Beschäftigungsverhältnisse bei der Linken haben einen völlig anderen Hintergrund

        www.n-tv.de/region...en-id30399035.html

        als die bei der AfD



        www.deutschlandfun...enaffaere-100.html

        Achja, solange wir uns noch in einem Rechtsstaat befinden, gilt ein Beschuldigter, gegen den noch nicht mal eine Anklage erhoben wurde, als unschuldig. Die AfD kann das ja nach einer eventuellen Machtergreifung 2.0 ändern

  • hedele

    Danke für diesen Artikel! Das ist genau auch mein Empfinden, dass Menschen, die nie groß religiös gebildet wurden, hier ihre Ersatzreligion gefunden haben, die keine unmittelbar logisch Bestätigung in der Realität mehr benötigt, solange der Überbau stabil bleibt.



    Die Erkenntnis ist einerseits befreiend, weil sie so viele unverständliche Phänomene dieses Aufstiegs der gewaltbereiten Rechten erklärt, die sich sonst nicht erschließen wollen, andererseits aber auch sehr frustrierend, weil die Erfahrung lehrt, dass Religionskriege nicht unter 30 Jahren zu haben sind.

  • rero

    Danke für diesen sehr lesenswerten Artikel.

  • LeKikerikrit

    Der charismatische Siechmund?



    Ich krieg mich nicht mehr ein.

  • DerBlondeHans

    Ist das denn nicht bei den Linken genauso? Die reden davon dass "gefühlt" überall Springerstiefel mit weissen Schnürsenkeln herumlaufen, gefühlt.

    • Thomas Böttcher

      @DerBlondeHans:

      Ja? Ist das so?



      Quelle?

      Vertrau mir, Bro.