Springer stellt „Bild“-Chef Reichelt frei: Ende der Feldbett-Geschichten

Nun muss er doch gehen: Der Springer-Verlag hat „Bild“-Chef Julian Reichelt freigestellt. Die „New York Times“ hatte zuvor neue Details enthüllt.

Julian Reichelt, bisher Chefredakteur «Bild», steht im Studio des TV-Senders «Bild»

Auch ein verhinderter kritischer Bericht half nicht mehr: der nun Ex-„Bild“-Chef Julian Reichelt Foto: Jörg Carstensen/dpa

BERLIN taz | Es war ruhig geworden um Bild-Chefredakteur Julian Reichelt. Seit Sonntagabend ist die Ruhe allerdings vorbei: Am späten Abend veröffentlichte die New York Times einen Bericht über den Axel Springer Verlag. Konkret geht es darin um die Bild-Zeitung und ihren Chef Reichelt. New York Times-Journalist Ben Smith beschreibt in seinem Artikel eine Arbeitskultur in der Bild-Redaktion, in der sich „Sex, Journalismus und Firmengeld“ vermischen. Smith legt außerdem weitere Details darüber offen, wie Reichelt mit jungen Frauen in seiner Redaktion umgegangen sein soll.

Am Montagabend veröffentlichte Axel Springer außerdem überraschend in einer Mitteilung, dass Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung als Chefredakteur von Bild entlassen wird. Sein Nachfolger wird Johannes Boie, derzeit Chefredakteur der Welt am Sonntag. Der Vorstand habe erfahren, dass Reichelt auch im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt habe, heißt es in der Mitteilung. Das Unternehmen reagiere mit seiner Entscheidung auf Vorwürfe, die es in den letzten Tagen über Reichelt erhalten habe.

Auch das neue Investigativteam der Ippen-Verlagsgruppe, zu der unter anderem Frankfurter Rundschau und Münchner Merkur gehören, recherchierte zu den Vorwürfen gegenüber Reichelt. Ihre monatelange Recherche sollte ebenfalls am vergangenen Sonntag erscheinen. Verleger Dirk Ippen stoppte allerdings die Veröffentlichung.

In einem Brief des gesamten Rechercheteams (Chefredakteur Daniel Drepper, Stellvertreter Marcus Engert sowie die Senior-Reporterinnen Juliane Löffler und Katrin Langhans), der mittlerweile öffentlich und an Verlag und Geschäftsführung adressiert ist, zeigen sich die Jour­na­lis­t:in­nen schockiert, denn die Recherche sei „redaktionell und juristisch über Monate abgestimmt“ gewesen. „Die Entscheidung ist eine absolute Verletzung des Grundsatzes der Trennung von Redaktion und Verlag“, heißt es in dem Brief. Man fühle sich in der Arbeit als Investigativteam beschnitten.

Brisant ist, mit welcher Begründung die Recherche verhindert worden sein soll. Denn für den Stopp der Veröffentlichung seien keine juristischen oder redaktionellen Gründe angeführt worden, schreibt das Team. Auch seien Anrufe von Verantwortlichen des Axel Springer Verlags beim Ippen-Verlag nicht der Grund gewesen, „sondern persönliche Geschmacksfragen“. Welche dies konkret sind, wird nicht weiter ausgeführt.

Konkurrenten und Partner

Es drängen sich mehrere Fragen auf: Was missfiel Verleger Ippen an den Rechercheergebnissen, an denen ein hohes öffentliches Interesse besteht, wie das Investigativteam schreibt? Welche Rolle spielten die genannten Anrufe durch Springer-Verantwortliche? Was beinhalteten diese Telefonate? Oder bewegten andere Gründe Dirk Ippen letztlich zu seiner Entscheidung?

Auf Anfrage der taz heißt es aus dem Ippen-Verlag, man müsse als Mediengruppe, die in direktem Wettbewerb mit Bild stehe, „sehr genau darauf achten, dass nicht der Eindruck entsteht, wir wollten einem Wettbewerber wirtschaftlich schaden“. Eine Beeinflussung durch Springer habe es dabei nicht gegeben. Das hat Dirk Ippen selbst in einem Mailverkehr mit ZDF-Moderator Jan Böhmermann mitgeteilt, auf den der Verlag verweist und der auf Twitter veröffentlicht wurde.

Doch die Ippen-Gruppe und Bild sind nicht nur Konkurrenten auf dem Medienmarkt, Bild ist auch Auftraggeber für Ippen. Seit 2005 wird eine Teil­auflage der Bild-Zeitung täglich von der Kreiszeitung bei Bremen produziert. Haupteigentümer der Kreiszeitung ist Verleger Dirk Ippen. Mittlerweile wurde der Auftrag zwar gekündigt, er läuft aber noch bis Ende des Jahres.

Aus dem Axel Springer Verlag heißt es von einem Unternehmenssprecher auf Anfrage der taz, man habe grundsätzlich kein Problem mit einer kritischen Auseinandersetzung. „Auch eine solche Berichterstattung muss jedoch eine Grenze finden, wo es um die geschützte Privat- und Vertraulichkeitssphäre von Mitarbeitern sowie insbesondere – in diesem konkreten Fall – von Zeugen geht, denen im Rahmen des im Frühjahr abgeschlossenen Compliance-Verfahrens strikte Anonymität zugesichert wurde.“

Mit Wissen von Axel Springer habe es keinen Versuch gegeben, Veröffentlichungen im Zusammenhang mit der Compliance-Untersuchung zu verhindern. Weiter heißt es: „Davon unbenommen sind rechtliche Hinweise, die der Wahrung berechtigter Interessen des Unternehmens und seiner Mitarbeiter dienen.“

Mit „Vögeln, fördern, feuern“, Anführungszeichen inbegriffen, war ein Spiegel-Artikel betitelt, der im März den Fall um Reichelt ausführlich darlegte. Gegen einzelne Behauptungen des entsprechenden Artikels hatte Reichelt später eine einstweilige Verfügung erwirken können.

Bild-Chef Reichelt soll, so wird es im Spiegel-Text beschrieben, Volontärinnen und Praktikantinnen zum Abendessen eingeladen, junge Mitarbeiterinnen schnell befördert und ebenso schnell wieder gekündigt haben. Der Text vermittelt das Bild einer autoritären Führungskultur, in der Reichelt den Ton angibt. Rund ein halbes Dutzend Mitarbeiterinnen hätten Beschwerden gegen Reichelt vorgebracht, unter anderem wegen Mobbing, Nötigung und Machtmissbrauch. Daraufhin hatte sich ein Compliance-Team im Springer-Haus mit der Klärung der Vorwürfe beschäftigt.

Vorwürfe des Machtmissbrauchs

Reichelt war am 12. März auf eigenen Wunsch für zehn Tage beurlaubt worden. Er kehrte später wieder auf seinen Posten als Chef der Bild-Zeitung zurück, leitete die Zeitung allerdings dann zusammen mit Alexandra Würzbach. Würzbach ist eigentlich Chefredakteurin der Bild am Sonntag und Mitglied der Chefredaktion der Bild-Gruppe. In Reichelts Abwesenheit hatte sie die Bild kommissarisch geleitet.

Protestbrief vom Ippen-Investigativteam

„Für unsere Arbeit ist redaktionelle Unabhängigkeit die Grundlage“

Nachdem Reichelt wieder auf seinem Posten war, hieß es in einer Mitteilung des Springer-Verlags damals, Reichelt habe eingeräumt, berufliche und private Beziehungen vermischt zu haben, die restlichen Vorwürfe habe er aber bestritten und dies eidesstattlich versichert. Reichelt habe Fehler gemacht, die strafrechtlich nicht relevant seien. Eine Trennung aufgrund seiner Fehler, so wird Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Springer, zitiert, halte man aber für unangemessen.

Reichelt selbst kommt in der Mitteilung auch zu Wort und räumt Fehler ein: „Ich weiß, ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht und kann und will das nicht schönreden. Was ich mir vor allem vorwerfe, ist, dass ich Menschen, für die ich verantwortlich bin, verletzt habe. Das tut mir sehr leid.“

Nach dieser Mitteilung wurde es im Hause Springer und auch in der Öffentlichkeit erst einmal ruhig. Es schien, so schreibt es Übermedien-Gründer Stefan Niggemeier, als sei Reichelt damit rehabilitiert gewesen. Das Ippen-Investigativteam aber blieb an den Vorwürfen dran, es recherchierte weiter, im Hintergrund. Hunderte Dokumente habe das Team recherchiert und die Belege in umfangreichen Faktenchecks besprochen.

Das Investigativteam, ehemals Buzzfeed News, arbeitet seit Juni unter dem Namen „Ippen Investigativ“. Der Ippen-Verlag plante mit der Gründung, investigativen Journalismus in seinem Netzwerk zu fördern. Das Team um Gründer Daniel Drepper sollte demnach für das gesamte Netzwerk Recherchen realisieren.

In seinem Brief schreibt das Team dazu: „Seit der Übernahme unseres Teams wurde uns mehrfach gesagt, unsere Rolle sei auch die, einen Qualitätsschub im Netzwerk auszulösen. Wir haben immer wieder kommuniziert, dass für unsere Arbeit redaktionelle Unabhängigkeit die Grundlage ist.“

Dass eine lang recherchierte Geschichte vom neuen Arbeitgeber nun verhindert wurde, bezeichnet das Team als „Vertrauensbruch in der Zusammenarbeit“. Jour­na­lis­t:in­nen in den sozialen Netzwerken und Vereine haben sich mittlerweile mit dem betroffenen Team solidarisiert. Die Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche, deren Vorsitzender Daniel Drepper ist, ruft in einer Stellungnahme den Verlag Ippen dazu auf, „die Unabhängigkeit seiner Redaktionen zu respektieren“. Verleger Dirk Ippen habe damit eine Grenze überschritten und der Pressefreiheit Schaden zugefügt. Der Verein weist darauf hin, bei aller Kritik an Ippen „den Gegenstand der zurückgehaltenen Recherche nicht aus den Augen“ zu verlieren.

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union, Teil von Verdi, kritisiert den Stopp der Recherche als einen skandalösen Eingriff in unabhängige Berichterstattung bei Ippen. Die Journalist:innen-Gewerkschaft stelle sich solidarisch an die Seite der betroffenen Kolleginnen und Kollegen des Ippen-Investigativteams.

In den sozialen Medien diskutieren Jour­na­lis­t:in­nen über den Fall hinaus darüber, unter welchen Bedingungen und gegen welche Widerstände investigative Recherchen zu sensiblen Themen noch entstehen können. Offen bleibt zum jetzigen Stand, wie eine weitere Zusammenarbeit zwischen „Ippen Investigativ“ und dem Ippen-Verlag aussehen wird. Der Verlag teilte mit, man wolle „die Arbeit mit den hervorragenden Journalistinnen und Journalisten natürlich weiter fortsetzen“.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de