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Proteste in IranDie kreisläufige Form der Geschichte

Indonesiens Diktator Suharto ist Nationalheld, Irans Pahlewi-Dynastie wird rehabilitiert. Die Idee eines linearen Fortschritts ist ein Trugschluss.

Protest dagegen, den verstorbenen indonesischen Präsidenten Suharto zum Nationalhelden zu ernennen, Jakarta, Indonesien, 6. November 2025 Foto: Kyodo/picture alliance

D iese Geschichte führt zurück in eine frühe Phase meiner Erfahrungen als Auslandsreporterin. Indonesien 1998, der Sturz des Diktators Haji Mohamed Suharto: Zum ersten Mal erlebte ich die Wucht eines demokratischen Aufbruchs in einem großen Land der südlichen Welt. Solche Momente prägen sich mit Farben, Tönen und Gerüchen ein, die vieles andere, was später kommt, überdauern.

Deshalb traf es mich ins Herz, als der heutige Präsident Indonesiens, Subianto Prabowo, den verstorbenen Diktator kürzlich zum Nationalhelden erhob – einen Mann, der immerhin mitverantwortlich war für eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts außerhalb Europas. General Suhartos Aufstieg zur Macht wurde von Massakern begleitet, bei denen 1965/1966 mehr als eine halbe Million Menschen ermordet wurden: vor allem mutmaßliche Mitglieder der Kommunistischen Partei, die damals eine der größten der Welt war. Eine politische Säuberung, sofern man das Wort dafür verwenden will, im Rahmen eines entfesselten Staatsterrors.

Es war ein Völkermord, meinen indonesische Menschenrechtler, auch wenn sich das Geschehen nicht in den Wortlaut der Anti-Genozid-Konvention fügt: Sie definiert Opfer als nationale, ethnische oder religiöse Gruppe, nicht als politische. Ohne Zweifel aber gehören die Massenmorde von 1965/66 zu jenen Großverbrechen des 20. Jahrhunderts, die der Kalte Krieg in den Schatten der Aufmerksamkeit verbannte – oder überhaupt erst ermöglichte. Es war die Zeit des Vietnamkriegs und der US-amerikanischen Dominotheorie: Ganz Südostasien könnte kippen, an den Kommunismus fallen.

So ergriff General Suharto, verlässlich wirtschaftsliberal, die Macht mit dem Rückhalt der USA. Was scherte eine halbe Million Tote die freie Welt? Bundeskanzler Helmut Kohl nannte den General mit Blut an den Händen seinen „Freund“, besuchte ihn viermal. Mit Diktatoren gute Geschäfte zu machen, war in der alten Bundesrepublik durchaus üblich. Suharto blieb 32 Jahre im Amt, bereicherte sich obendrein an Milliarden Dollar Staatsvermögen. Eine wirkliche Aufarbeitung des dunklen Kapitels, das mit seinem Namen verbunden ist, hat es in Indonesien nie gegeben.

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Die Genozide unserer Freunde

Keine People’s Justice. Klingelt da etwas? Ja, so hieß das berüchtigte Monumentalbild auf der Documenta 15; nach der Entdeckung einer antisemitisch überzeichneten Figur wurde es abgehängt – zu Recht. Aber wie bequem, dass nun nicht darüber nachgedacht werden musste, was People’s Justice anprangerte: die Unterstützung von Suhartos Schreckensherrschaft durch den Westen (und teils durch Israel). Kohls Freundschaft zum Blut-General – unerheblich. Mit Genoziden, die Freunde begehen, befasst man sich ja in Deutschland generell ungern.

Bundeskanzler Helmut Kohl (l.) und der indonesische Präsident Haji Mohamed Suharto in Jakarta, Indonesien, am 28. Oktober 1996 Foto: imago

Meine Begeisterung Ende der 1990er Jahre über den demokratischen Aufbruch Indonesiens war so berechtigt wie übereilt. Die Euphorie über die neue Freiheit, die ich besonders bei armen Menschen erlebte, war real, und sie dementierte das westliche Vorurteil, Muslime gäben nichts auf Demokratie. Doch die von Suharto gehätschelte Oligarchie blieb hinter den Kulissen an der Macht; alte Eliten ziehen bis heute die Fäden. Der amtierende Präsident Subianto, der dem Diktator posthum den Ehrentitel verlieh, gehörte als junger Militär zu dessen Vertrauten und pflegt nun selbst einen zunehmend autoritären Regierungsstil.

Die andere Seite: Unlängst gab es wieder soziale Massenproteste, die größten seit Suhartos Sturz. Und in der indonesischen Zivilgesellschaft reagierten viele mit Entsetzen auf die Rehabilitierung des Diktators. Beides zeigt: Der überstrapazierte Begriff vom Globalen Süden verwischt gravierende Gegensätze, krasse Unterschiede von Interessen und Werten.

Global betrachtet ist die Ehrung für einen Massenmörder eher ein Symptom der Zeit: die offensive Anerkennung von Unrecht als Recht, von bösen Taten als vorbildhaft – Medaillen für Massaker. In Chile wurde soeben ein expliziter Pinochet-Anhänger zum Präsidenten gewählt; Militärs, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurden, will er begnadigen, und die eigene Familie ist in Untaten verstrickt. Mehr geht kaum. Ich denke an Víctor Jara, seine Lieder des Nueva canción politisierten eine Generation; er fiel unter 44 Gewehrkugeln der Pinochetista. Alles umsonst, vergangen, vergessen, untergepflügt die Ideale?

Vom linearen Fortschrittsdenken befreien

Als Beobachterin war ich nach Indonesien Zeugin weiterer Umbrüche in Ägypten, Tunesien, Sudan. Errungenes, das für dauerhaft gehalten wird, weil es so opferreich erkämpft wurde, kann auf eine zuvor unvorstellbar rasante Weise verloren gehen. Darauf mit Zynismus zu reagieren, würde das Beste in uns zerstören.

Reza Pahlewi rief die iranischen Ölarbeiter zum Streik auf. Hat er vergessen, dass sie bereits gegen seinen Vater streikten?

Wer in diesen Zeiten politisch-moralisch überleben will, muss sich von einem linearen Fortschrittsdenken befreien, das uns jetzt nur Niederlagen und verlorene Anfänge sehen lässt, und sich einlassen auf disruptive oder kreisförmige Verläufe von Geschichte. Während heute die Organe und Prinzipien einer solidarischen Weltgesellschaft unterminiert und zerschlagen werden, sind die Protestbewegungen für ein besseres Leben kaum zählbar. In Iran sterben die Menschen gerade dafür.

Bei aller Solidarität mit den dort Kämpfenden: Auch hier fallen kreisförmige Verläufe ins Auge. Ausgerechnet der wohlhabende Sohn des Schahs soll nun das Gesicht der Proteste sein – als wäre sein Vater nicht wegen exorbitanter Bereicherung und Unterdrückung der Freiheit gestürzt worden, sondern aus gänzlich unerfindlichen Gründen.

Der Schah war vom Westen installiert worden, denn auch im Fall Iran sah selbiger Westen seine Interessen durch einen Diktator bestens gewahrt. Sein Sohn Reza Pahlewi umschmeichelt jetzt Trump, der Demokratie und Völkerrecht zerschlägt, als „Anführer der freien Welt“. Ich hoffe, die Iraner und Iranerinnen erkämpfen sich eine bessere Freiheit. Reza Pahlewi rief jetzt die iranischen Ölarbeiter zum Streik auf. Sie streikten bereits gegen seinen Vater.

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8 Kommentare

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  • Wer an einen "linearen Fortschritt" glaubte, hatte offensichtlich vergessen, rechtzeitig einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen.

  • Vielleicht liegt es auch daran, dass es in gesellschaftlichen Fragen sehr unetrschiedliche Auffassungen davon gibt, was "Fortschritt" ist. zB gilt ja nicht in allen Kulturkreisen die liberale Demokratie nach westeuropäischem Vorbild mehrheitlich als das erstrebenswerteste System.

  • Dass die Entwicklung der Freiheit und Menschenrechtssituation keine Einbahnstraße ist kennen wir ja aus unserer eigenen Geschichte. Im Falle Irans ist aber die Revolution von 1979 als Rückschritt zu sehen, die mögliche Wiedererrichtung einer konstitutionellen Monarchie mit Demokratie als Fortschritt. Das wäre schon ziemlich übel, die mörderischen Mullahs an der Macht zu lassen nur weil man dem Reza Pahlewi den Thron neidet. Die halbe EU hat Könige.

  • Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen:

    - Marcos auf den Philippinen



    - Eine Mussolini-Verehrerin in Italien



    - Die Franco-Verehrung durch Konservative und Kirche in Spanien



    - Die Faschisten der AfD in Deutschland



    - …

    Die Fähigkeit der Menschen, aus der Vergangenheit zu lernen, scheint ausgesprochen schlecht entwickelt zu sein.

  • Gewiß “Die Idee eines linearen Fortschritts ist ein Trugschluss.“ But

    Mit Verlaub. Ein Kreislauf 🔁 - sicher auch nicht.



    Eher ein in die Zeit offener Zickzacklauf -



    Mit Schlunken und vor&rückläufigen Elipsen.



    Und ein Kepler hat sich dafür noch nicht gefunden. Newahr



    Normal nich.

    unterm—- a 🚖 -



    Befuhren wir die Keplerstraße.



    Mein Hinweis auf die Rolle Keplers quittierte der Weißbart - der Prophet habe das alles schon gewußt und zB Goethe sei das klar gewesen



    “Der Prophet? Mohammed?“ “Ja der!“ 🙀🥳🧐



    Leider war die Fahrt dann zu Ende.

    • @Lowandorder:

      ps im Abschicken fiels mir ein - sagte;



      “Menschen - die vorgeblich alles wüßten;



      Seien mir besonders verdächtig“ und



      Stieg aus.

      • @Lowandorder:

        Und dann haben alle geklatscht.

  • "Während heute die Organe und Prinzipien einer solidarischen Weltgesellschaft unterminiert und zerschlagen werden,..."

    Diese Organe werden nicht zerschlagen, sondern haben ihre Funktion eingebüßt, sie sind am Absterben. Das ist Teil des Zyklus. Vernunft und Solidarität werden dezentralisiert und so in einer neuen Form wirksam. Es geht um Eigenverantwortung jedes Einzelnen . So wird der Zyklus zur Spirale, die evolutionär zum Besseren führt.