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Hauptstadt als SchutthaldeBerlin vermüllt und verroht. Wir brauchen eine Müllabgabe!

Gemeinsinn hört für manche Ber­li­ne­r:in­nen auf, sobald sie die Wohnungstür hinter sich schließen. Nur eines kann diese Leute zur Vernunft bringen.

Is mir egal: Müll wird in Berlin einfach abgeladen, kümmere sich wer will Foto: Jens Kalaene/dpa

S ie kommen in der Dunkelheit. Sie schleichen sich aus den Häusern, tragen schwer. Von der Nacht geschützt schleppen sie alte Sofas, Kühlschränke, Waschmaschinen, Matratzen, Säcke mit Bauschutt heimlich die Treppen hinunter und über die Straße. Ihre Flüche ob der Schwere der Fracht werden verschluckt.

Jede Nacht wiederholt sich dieses Spektakel. Wo? In Berlin natürlich, dieser vermüllten Hauptstadt, der nachgesagt wird, dass ihr Kern das Ist-mir-egal sei. (Wobei: Auch in anderen Städten geht es so zu.)

Obwohl die Männer nachts unsichtbar sein wollen, sieht man sie mitunter doch. Da, dieser. Mit einer Matratze auf der Schulter tritt er aus dem Tor. Er schaut nach rechts, nach links und geht vor zum Platz, wo ich wohne. Ich, auf dem Heimweg, versuche ihn aufzuhalten. „Hej, das ist keine Müllhalde“, schreie ich und folge ihm. „Ich mach doch nichts“, sagt er, kehrt um, geht zurück zum Haus, aus dem er kam, die Matratze über der Schulter.

Oder der, der einen Kühlschrank auf das Trottoir schiebt. Der Mann ist zwei Meter groß und wiegt dreimal so viel wie ich. „Müll gehört zur Stadtreinigung in der Lengeder Straße“, sage ich, meine Stimme klingt unsicher. Er kommt auf mich zu. „Was willst du?“

Meistens aber sind die Leute von der Dunkelheit geschützt. Morgens steht ihr Müll zwischen den Bäumen, beim Spielplatz oder auf dem Platz. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich ihn. Dabei ist die Straße, wo ich wohne, ganz schön; in der Mitte wachsen Bäume. Eine Frau hat Tagetes, Cosmeen und Malven darunter ausgesät und pflegt den Ort hingebungsvoll. Der Müll wird in die Blumen gekippt.

Neulich ein Schauspiel ungeahnten Ausmaßes. Nachts lud ein Lieferwagen Altkleidersäcke auf dem Platz ab. Tags darauf beginnen Vorbeikommende die Tüten aufzureißen. Sie stapfen über die Berge alter Kleider, alter Schuhe, ziehen etwas raus, begutachten, werfen es zurück. Müllsucher auf einem Berg Unrat mitten in Berlin.

Zwischenmenschliche Verwahrlosung

Von mir nur Fragen. Warum machen sie das? Warum steht jeden Morgen neuer Müll auf dem Platz? Oder am Straßenrand? Oder überall? Selbst im nahen See hab ich schon Kühlschränke gesehen. Sie schleppen sie dahin, nicht zur Stadtreinigung. Warum?

„Der öffentliche Raum wird zunehmend als Verbrauchsraum gesehen“, wird die Abfallwirtschaft Stuttgart in der Welt zitiert, „Rücksicht und Verantwortungsgefühl nehmen ab, das Wegwerfverhalten steigt.“

Und im Magazin Aus Politik und Zeitgeschichte steht in einem Text von Laura Moisi: „Schmutz und Abfall sind vor allem eine Grenzverletzung: eine Bedrohung der kulturellen Kohärenz.“ Kultur gedacht als etwas Aufgeräumtes und Beständiges. Nur, wie wurde daraus eine Kultur der Vermüllung?

Ich habe hilflose Erklärungen. Die, die den Müll wild abladen, haben kein Verhältnis zu ihrer Stadt. Es ist nicht ihre. Gemeinsinn hört auf, sobald sie die Wohnungstür hinter sich schließen. Ihr Planet ist geschrumpft auf ein paar Quadratmeter. Oder er ist noch kleiner, gerade so groß wie ihr Bildschirm. Der ist clean. Um die reale Welt sollen sich die anderen kümmern.

Wenn die Vermüllung Berlins für etwas steht, dann für den konsensualen Kulturverlust ihrer Bewohner*innen. Oder klarer: für zwischenmenschliche Verwahrlosung. Das müsste die Politik auf den Plan rufen. Tut es aber nicht. Nicht in Berlin.

wochentaz

Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Der wahre Preis muss klar werden

Dabei bieten sich Lösungen an: Auf alles Kaufbare muss Pfand oder eine Müllabgabe erhoben werden. Auf alles, nicht nur auf Einwegverpackungen wie in Tübingen. 15 Euro auf ein Kleidungsstück, 150 auf ein Sofa, 100 auf den Kühlschrank usw. Der wahre Preis muss klar werden. Das wäre ein Anfang.

Ansonsten, fragt mich, es fällt mir noch mehr ein. Die Kommunen sollen Aufräumwochen einrichten wie derzeit in Hamburg. Zudem sind Schulen gefragt; Müllsammeln als Unterrichtsfach. Der Ausflug ins Grüne mit Müllgreifer statt Wanderstock. Auch Kirchen können sich einmischen. Von Kanzeln, Minbars und Bimas herab machen religiöse Vor­den­ke­r*in­nen ihrem Klientel klar, dass die Erde ein Abbild des Paradieses ist. Im Dreck wollen die Schafe nicht grasen.

Nicht zuletzt muss die Kehrwoche kommen. Keine, die im Treppenhaus endet, sondern die Straße miteinbezieht. Alle sollten Verantwortung auf den Schultern tragen, keinen Dreck.

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taz-Redakteurin
Seit 2002 bei der taz, erst im Lokalteil, jetzt in der Wochentaz. 2005 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet für die Reportage „Schön ist das nicht“, 2011 wurde die Reportage „Die Extraklasse“  mehrfach prämiert. 2021 erschien ihr Roman "Brombeerkind" im Ulrike Helmer Verlag. Es ist ein Hoffnungsroman.
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63 Kommentare

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  • Immer, wenn ich nach Berlin komme, fällt mir genau die Vermüllung auf. Besonders im Neuköllner Norden, wo ich mich öfter aufhalte. Ich kenne keine derart schmutzige europäische Hauptstadt. Es scheint tatsächlich so, dass der sehr hohe Anteil an türkischen und arabischen Bewohnern dort zur Folge hat, dass sie zwar in der Stadt wohnen, sich aber für das Stadtbild nicht mitverantwortlich fühlen. Ihre Welt beginnt nach ihrer Wohnungstür. Das war in meiner Kindheit und Jugend vor über 60 Jahren noch anders. Da wurden die Bürgersteige gefegt, und wenn es etwas zu entsorgen gab, kam in überschaubaren Abständen (einmal monatlich?) eine spezielle Müllabfuhr für Sperrmüll vorbei. Das gibt es aber wohl nicht mehr.

  • taz: **Berlin vermüllt und verroht.**

    Friedrich Merz, der mit seiner "ethisch hochwertigen Politik" noch im Herbst 2025 dafür sorgen wollte, dass unsere 'Töchter' (und natürlich auch unsere Söhne) demnächst alle in einer schönen Stadt leben können (Merz: „Problem im Stadtbild“), sollte vielleicht mal mit Berlin anfangen und dafür sorgen, dass die Hauptstadt keine Müllhalde mehr ist.

  • Ich muss ein Geständnis ablegen: Auch ich habe schon Sperrmüll auf die Straße gestellt, weil ich kein Transportmittel zum Recyclinghof besitze.

    • @aujau:

      Haben Sie keine Freunde, Nachbarn oder Freunde, die Sie um eine Gefälligkeit bitten können? Eine Gelegenheit, sich mit was anderem zu revanchieren, findet sich immer.

  • Vielleicht sollten auch mal die kritische Selbstreflektion betreiben, die jahrelang den Wunsch nach normaler Sauberkeit als provinzielle Spießigkeit verächtlich gemacht, Vandalismus als „kreative Aneignung des Stadtraumes“ glorifiziert und Verwahrlosung und Müll mit Achselzucken als „typisch Berlin“ hingenommen haben.

    Wenn zB ausgerechnet im seit Jahren grün wählenden Bezirk Umweltverschmutzung (nichts anderes ist wilde Entsorgung) hingenommen und sogar implizit als (komplett wirkungsloses) Mittel gegen Gentrifizierung („Berlin bleibt dreckig!“) gefeiert wird, dann wird doch allen signalisiert, dass alles scheißegal ist.

    • @Suryo:

      Ich würde Ihnen soweit zustimmen.



      Nur diese Ergänzung: Die „im seit Jahren grün wählenden Bezirk“ Grünwähler sind dies allerdings eher im Sinne von BW-Grünen, also bürgerlich, urban, globalisiert, (vulgo: weltoffen), also selbst die Gentrifizierer. Weil ihnen letzteres (mehr oder weniger) bewusst ist, sie aber auch noch tolerant sind, nehmen sie auch stark Rücksicht im Wissen, dass wenn Sauberkeit ernsthaft durchgesetzt werden müsste, dies im Zweifel auch autoritäre Maßnahmen erforderlich machte.

      • @Vigoleis:

        Da gebe ich Ihnen teilweise Recht.

        Auf der anderen Seite kann man zB im nun wirklich nicht von Armen bewohnten Prenzlauer Berg sehen, dass auch dort munter Matratzen „verschenkt“ und ähnlich asoziale Vermüllungen produziert werden. Schon rein statistisch dürften viele der Verursacher wohlhabende Grünwähler sein.

  • Ein dickes Brett kann man nur durch ein großes Maßnahmen-Paket bohren.



    1) Drastische Erhöhung der Strafandrohungen und Kontrollen für illegale Müllentsorgung und Graffiti. Singapur wäre hier ein Vorbild.



    2) Erhöhung Müllgebühren



    3) Besserer, schneller und einfacher Entmüllungsservice (Sperrmüll etc).

    Grundsatz: das legale Loswerden des Mülls für die Bevölkerung sehr einfach machen, die illegale Varianten extrem erschweren.

    • @Black & White:

      Warum kommt nicht wie einst, einmal monatlich der Sperrmüll? Das wäre eine mögliche Hilfe. Wer dann trotzdem heimlich nachts entsorgt, sollte sehr hoch bestraft werden. Von 500€ aufwärts!

    • @Black & White:

      Erhöhung der Müllgebühren ist natürlich ein adäquates Mittel die illegal Entsorgung zu stoppen.



      Mmm, das freut natürlich jeden, der stets legal seinen Müll entsorgt.



      Ich verrate Ihnen etwas, durch die Erhöhung der Müllgebühren werden Sie keine illegale Entsorgung verhindern.

  • Vor allem weniger Müll machen. Sachen reparieren, weniger kaufen, den Tisch aus Studizeiten immer noch nutzen.



    Ausnahme: den alten undichten Kühlschrank mit dem hohen Verbrauch wirklich besser durch ein neues Gerät ersetzen - dabei lässt sich der alte Kasten gleich mitnehmen lassen oder beim Kauf am Ort abgeben.



    Es ist schon auch komplex: Sperrmüllfledderei findet sich am nächsten Tag weit verstreut auf der Straße wieder, daher sind zentrale Termine nicht so populär, aber Sperrmüll in überschaubarem Maße sollte bundesweit fast überall möglich sein. Wer da mental überfordert ist, mag Nachbarn zur Hilfe ziehen.

  • Wirkungsvoller als irgendwelche Abgaben (wie soll der Altkleidercontainer Pfand zurückzahlen?) wäre es, ertappte Schweinchen zu Reinigungsarbeiten zu verurteilen.

    Und mal eine Frage aus der Provinz. Bei uns kann man 2 Mal pro Jahr Sperrmüll zur Abholung anmelden. Funktioniert gut. Gibt es so etwas in Berlin nicht?

    • @warum_denkt_keiner_nach?:

      Doch, das geht. Es muss aber ein Termin frei sein, und wenn die neue Matratze da ist, stört die alte in der Wohnung. Also wird sie nachts auf den Gehweg gelegt, es wird ein Zettel „Zu verschenken“ drangeheftet, und dann wartet die Matratze monatelang auf Leute, die sich über das Geschenk einer dreckigen, nassen Matratze freuen.

  • Es braucht vor allem eine funktionierende Müllabfuhr und Stadtreinigung, die nicht nur die reichen Bezirke sauber hält. Wo sich Müll stapelt, wird es den Leuten egal. Wo nichts rumliegt, ist der soziale Druck viel größer. (Höhere Strafen können trotzdem nicht schaden, bringen aber nichts, wenn man Müll nur als rein individuelles und nicht als gesellschaftliches Problem begreift)

    • @Axotono:

      Es sind doch gar nicht nur die reichen Bezirke sauber.

      In Prenzlauer Berg ist es vielerorts viel dreckiger als in Moabit. Aber in Moabit betrachten Mieter zB Graffiti an ihrer Hauswand nicht als künstlerischen Ausdruck der örtlichen Jugend, und sie schämen sich, wenn der Gehweg vor dem Haus aussieht wie eine Müllhalde.

  • Gut, dass wir das Spießertum mit seinen gesellschaftlichen Normen überwunden haben.



    Niemand braucht Blockwarte, die andere überwachen ob sie auch ihren Müll richtig entsorgen.

    /s

    • @metalhead86:

      Lustig, früher galt die Sorge um die Umwelt gerade als linksgrüne Spinnerei.

    • @metalhead86:

      Und niemand braucht eine vermüllte Umgebung.

      Und gesellschaftlich Normen sind Spießertum? Auch die, die Sie davor schützen, verprügelt zu werden, wenn Sie den Lebensraum der Mitbürger vermüllen?

    • @metalhead86:

      >Niemand braucht Blockwarte, die andere überwachen ob sie auch ihren Müll richtig entsorgen.<

      Wenn die gelbe Tonne wegen Falschbefüllung nicht mehr abgeholt wird mach ich mir als Vermieter über die Überwachung der Mülltonnen gezwungenermaßen Gedanken.

    • @metalhead86:

      Die Blockwarte kann man doch heute durch Ki gesteuerte CCTV und ein paar Whistleblower ersetzten.

      • @DiMa:

        Anlasslose automatisierte Massenüberwachung um Normen durchzusetzen?

        Das ist ja sogar noch schlimmer als die Blockwarte.

        • @metalhead86:

          Der Anlass ergibt sich ja aus dem Thema. Aus dem Artikel (und der eigenen Beobachtung des Kommentierenden) ergibt sich ja bereits, dass es Hotspots gibt, an welchen die CCTVs angebracht werden können.

  • Wenn ich in Prag, Warschau, Mailand oder Tuttlingen im Park oder sonstso Müll entsorge oder pisse werde ich sofort von Passantfn ggf. auch rabiat zurecht gewiesen. Hier geht man vorbei. Es braucht halt auch mehr sozialen Druck.

    • @Eckhard Hanseat52:

      Eigentlich nicht. Zumindest nicht in Prag oder Mailand in den Stadtteilen außerhalb des Zentrums. Warschau und Tuttlingen (?????????...) kenne ich jetzt nicht persönlich

    • @Eckhard Hanseat52:

      Als ich vor etwa 3 Jahren das letzte Mal in Berlin war, einen sehr guten Freund besuchen, gingen wir abends am Leopoldplatz vorbei zu seiner Wohnung. Irgendwer kam uns mit Einkaufswagen voll Sperrmüll entgegen und entsorgte den Krempel im Park. Als mein lieber Freund dem Kunden sagte "das ist ja eine ganz tolle Aktion mal wieder..", war die Reaktion eine ekelhafte Spuckattake. Nun ja, Leo, Wedding halt, wa. Von daher noch mal gut gegangen, kann ja auch schnell schief gehen. Glücklicherweise wohnt der Gutste nicht mehr in Berlin. Ist schade um die guten Leute dort, aber der Streß und der Dreck... Muss ich nicht haben. Neulich noch mal umsteigen, Bhf Lichtenberg, Richtung Warschau - nach dem üblichen Berliner Chaos was ein Kontrast beim Ankommen in Polen. Kein Müll, alles funktioniert leidlich, trotzdem entspannt, kein Gemaule und Genöle. Und erzählt jetzt nicht daß die Polen ja nu alle Spießer wären.

  • Was erwartet die Autorin in einer Stadt, indem die Ordnungskräfte (Polizei, Ordnungsamt, Sanitäter, etc), beleidigt, bedroht und angegriffen werden?



    Wer soll den dann schon auf Müll achten und sich an Ordnung halten?



    Wenn schon viele Dinge von städtischer Seite ignoriert oder heruntergespielt werden, warum sollte man dann die Stadt als Bürger in Ordnung halten?

  • So habe ich Berlin in den 1990er Jahren wahrgenommen. Das Berlin von heute wirkt auf mich deutlich aufgeräumter und sauberer als damals. Zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungen

    • @R. Mc'Novgorod:

      Es ist dieses Jahr definitiv viel schlimmer als letztes Jahr, und das war schon deutlich schlimmer als das davor.

  • "Dabei bieten sich Lösungen an: Auf alles Kaufbare muss Pfand oder eine Müllabgabe erhoben werden. Auf alles, nicht nur auf Einwegverpackungen wie in Tübingen. 15 Euro auf ein Kleidungsstück, 150 auf ein Sofa, 100 auf den Kühlschrank usw."

    Dass ist tatsächlich ein interessanter Vorschlag. Einer, wie er fast nur aus Berlin kommen kann. Alles, was irgendwie schief läuft, über das Geld regeln wollen. Am Ende triffts wieder nur die, die eh wenig haben. Und wer das Geld hat, stellt sein Zeug trotzdem an den Straßenrand und kommt sich dabei vielleicht noch sozial vor.



    Statt mal zu wirklich tiefer zu hinterfragen, warum diese Stadt in so vielen Bereichen schlechter da steht als andere Großstädte und warum es ausgerechnet in dem doch überwiegend links der Mitte regierten Berlin soviel "zwischenmenschliche Verwahrlosung" gibt, wird ein Pfand auf alles ins Spiel gebracht.



    Irgendwie doch ziemlich bezeichnend.

  • Die Kernaussage des Textes ist: "Wenn die Vermüllung Berlins für etwas steht, dann für den konsensualen Kulturverlust ihrer Bewohner*innen. Oder klarer: für zwischenmenschliche Verwahrlosung. " Ich bin mir nicht sicher, ob dort ein "Müllpfand" auf Kühlschränke oder Bildschirme hülfe. So, wie die Autorin das Problem beschreibt, ist ein "Kulturverlust" kaum mit einer Zwangsabgabe beizukommen.



    Ausnahme: Dass die Symbiose Flaschentrinker-Flaschensammler funktioniert, ist ja keinem "Kulturgewinn" zu verdanken, sondern der Not der Letzteren. Der "Kulturgewinn" stünde VOR der Überlegung, was ich mit einer leeren Flasche gerade mache.



    Also: Dass, was dort, wodurch auch immer, "verlustig" ging, wiederzugewinnen, dürfte ein Prozess sein, der beim gegenwärtigen Gesamtzustand der Gesellschaft dem berühmten "Kampf gegen Windmühlenflügeln" gleicht. Oder anders: Für öffentliche Sauberkeit zu sorgen, war schon immer eine Sysiphosarbeit. Aber es gab eben Zeiten, wo es genügend "Sysiphose" gab.



    Die Idee eines "Müllsamstags" (in der DDR hieß das "Sobotnik") geht schon in die richtige Richtung. Nur ist zu befürchten, dass die "Zielgruppe", die man eigentlich erreichen möchte, nicht teilnehmen wird.

    • @Vigoleis:

      Dem ist nichts hinzuzufügen. Vielleicht wird es sogar schlimmer, dass die Leute dann glauben, mit der Abgabe wäre das Recht verbunden, den Müll überall hinzuwerfen. Man zahlt ja....

  • In meiner alten Heimatstadt konnte man jahrelang kostenlos, inzwischen für ein paar Euro, zwei mal im Jahr eine Sperrmüllabfuhr bestellen. Man stellt die Sachen an den Straßenrand, und es wird von der Stadtreinigung abgeholt. Und, Oh Wunder, es gibt kaum Müll auf den Straßen. Wieso ist sowas in Berlin nicht möglich? Hier kann man für 35 Euro eine Person mit Lastenrad bestellen, das ist doch lächerlich.

    • @alanea:

      Da wo ich aufwuchs war es sogar mal so, dass der Sperrmüll feste Termine hatte. Wurde dann auch auf Anmeldung umgestellt. Zwischen Anmeldung und tatsächlicher Abholung vergehen aber mitlerweile ganze Quartale in denen der Sperrmüll am Straßenrand rumsteht…

      Es steht und fällt wohl mit den finanzielle Möglichkeiten der Kommunen.

    • @alanea:

      Ich kenne das auch aus verschiedenen Städten des Ruhrgebietes. Zwar gleicht dies nicht den "Kulturverlust" aus, aber wenigstens ist das wildwüchsige Sperrmüllproblem halbwegs gelöst, mit noch einem Nebeneffekt: Da die Abholtage bekannt sind, durchsuchen noch die "Verwerter" die abgelegten Dinge nach Brauchbarem und Wiederverwertbarem, bevor die Sperrmüllabfuhr kommt.



      Habe mich immer gefragt, warum dies in Berlin nicht möglich ist. Wie so vieles andere mehr...

  • Hier in einer Kleinstadt im Rheinland sind die "Strafgebühren" gerade mal bei €35.- pro Fall und das auch nur dann, wenn man den Verursacher zweifelsfrei identifizieren kann. Es reicht nicht, dessen Adresse im Müll zu finden, die "könnte von anderen" dort hingelegt worden sein, Nachforschungen finden nicht statt. Eine Erhöhung der Gebühren wird konsequent von cdU und AgD verhindert, Motto: "Steuer"erhöhungen mit uns nicht!!! Viele Male haben die ach so geschmähten GRÜNEN eine Änderung versucht, doch es läuft wie im Bund: cdU blockiert, die sPD hält sich raus! So scheitert alles Bemühen....

  • "Ich habe hilflose Erklärungen. Die, die den Müll wild abladen, haben kein Verhältnis zu ihrer Stadt. Es ist nicht ihre." - Ich vermute, dass an dieser These eine Menge dran ist. Anders kann ich es mir auch nicht erklären. Die Müllabgabe wäre super, längere Öffnungszeiten der Wertstoffhöfe sowie regelmäßige (2 x im Jahr) und breit vorab angekündigte Sperrmüllabholungen, wie ich sie aus meiner Jugend erinnere, wären sicher auch gut.

    • @My Sharona:

      „Es ist nicht ihre“.

      Meine Erfahrung ist eine ganz andere. Mir fallen immer öfter Menschen auf, die eigentlich von ihrer Selbstdarstellung her behaupten, es wäre ihre Stadt.



      Und das ist nicht der Zugereiste aus prekären Verhältnissen, sondern immer mehr der aus „gutem Hause“ stammende Torben und Finn.

    • @My Sharona:

      "Es ist nicht ihre".



      Ich weiß nicht, wie es gemeint ist.



      Es wurden schon Kühlschränke, Waschmaschinen, Fernseher, Autoreifen und ganze Badezimmerinnereien nach der Renovierung in den Wäldern abgeladen, als man in den Dörfern noch die Abstammung zig Generationen rückwärts verfolgen konnte.

      • @Erfahrungssammler:

        Das ist richtig.



        Der Unterschied ist nur: Damals hat man seinen Sperrmüll noch verschämt in den Wald (ich heiße das nicht gut) gefahren. heute legt man ihn, zumindestens in Großstädten, einfach dem Nachbarn vor die Tür bzw. auf die Straße nach dem Motto: "Aus den Augen, aus dem Sinn." Das meint die Autorin mit "Es ist nicht ihre", nämlich dass die persönlicher Verantwortung, die jeder Bürger für das Gemeinwesen hat, nicht nur nicht mehr wahrgenommen (d.h. erfüllt), sondern nicht einmal mehr (an)erkannt wird.



        Natürlich: Auch die Waldgesundheit ist Gemeingut, aber mit dem Verbringen in entlegene Gebiete hat man wenigstens noch so etwas wie ein schlechtes Gewissen angedeutet.

        • @Vigoleis:

          Man hat damit kein schlechtes Gewissen angedeutet. Man hat es getan, weil einem ansonsten der Nachbar die Leviten gelesen hätte.

  • "Die Kommunen sollen Aufräumwochen einrichten wie derzeit in Hamburg. Zudem sind Schulen gefragt; Müllsammeln als Unterrichtsfach. Der Ausflug ins Grüne mit Müllgreifer statt Wanderstock."

    Es kann nicht die Lösung sein, daß Bürger den Dreck von Asozialen wegräumen. Es gibt einen Bußgeldkatalog:

    "Sperrmüll: Für alte Möbel, Elektrogeräte oder Teppiche, die Sie einfach auf die Straße stellen, sind die Bußgelder der illegalen Müllentsorgung in Berlin auf mindestens 4.000 Euro gestiegen. Bei größeren Mengen steigt die Strafe sogar auf mindestens 8.000 Euro.



    Bauschutt: Bis zu 25.000 Euro können für illegale Ablagerungen von bis zu 5 m³ verlangt werden."







    Die berliner Lösung des Problems für die, die trotz guten Willens ihr Zeug nicht selbst entsorgen können, liest sich allerdings wie ein Vorschlag aus dem Tollhaus:

    "Parallel zur Erhöhung der Bußgelder für die Müllentsorgung setzt Berlin auf pragmatische Lösungen. Die BSR testet derzeit den Sperrmüll-Abholdienst „Sperrling“, der mit Lastenrädern durch ausgewählte Kieze fährt. Für nur 35 € holen Mitarbeitende kleinere Möbel oder sperrige Haushaltsgegenstände direkt an der Haustür ab." Sofas. Küchenschränke. Lastenfahrrad. Pragmatisch.

  • Der Nachname der Autorin? Schwab.



    Recht hat sie dennoch. Private Räume darf jeder vermüllen, öffentliche aber nicht.

  • Klasse Idee mit dem Pfand - muss ich dann mein Sofa zu dem Elch zurückschleppen wenn es mir nicht mehr gefällt?

  • Stadt incl. ihrer Verwaltung, Infrastruktur und Repräsentanten und die Bewohner:innen dieser Stadt stehen in einem dialogischen Verhältnis, und da gilt:



    wie es hineinruft, so schallt es heraus.

    Die unternehmerische Stadt scheißt auf Teile ihrer Bewohner, und die scheißen halt irgendwann zurück.



    Zerrüttete Verhältnisse sozusagen, aber nicht nur in Berlin, sondern mittlerweile ja in sehr vielen Städten des kapitalistischen Westens.



    Vielleicht gehört ja dieses Symptom in die Kategorie 'Ehrlich machen'?



    Die Hässlichkeit der Verhältnisse, die Vermüllung der gesellschaftlichen Kultur, die staatliche Destruktion der gemeinschafltlichen Infrastruktur, die Prekarität des Wohnens vom desillusionierten Innen plakativ nach außen kehren ...



    Vielleicht hat die kapitalistische Stadt einfach zu viele Menschen produziert, die genau, und aus guten Gründen, fühlen:



    "Das ist nicht meine Stadt"?



    Gemeinsinn kommt von was, und das Gegenteil auch.

    • @Anne in Pink:

      Der kapitalistische Westen hat sehr viele schöne Städte, die nicht vermüllt sind. London, Paris, Wien, Zürich, München, Rom, Mailand, Prag, Barcelona, Boston, ...

  • Einfach nachts Videoüberwachung ermöglichen und harte Strafen verhängen.

    Im Übrigen geht es in anderen Städten nicht so zu wie in Berlin, wo selbst im wohlhabenden Prenzlauer Berg gerne mal



    5 “verschenkte” Matratzen auf 400 Meter Gehweg kommen.

  • "Obwohl die Männer nachts unsichtbar sein wollen..." - Sicher, dass das nur Männer sind?



    Und Pfand auf alles? Wie soll das organisatorisch geleistet werden? Und finanziell? Mal für die Kinder ein paar Hosen und Socken gekauft, zack, 300 Euro Pfand abdrücken. Ja, bekomme ich ja irgendwann vielleicht mal zurück, aber muss trotzdem erstmal gestemmt werden.



    Andererseits auch Chancen: Klamotten günstig im Ausland kaufen und hier abgeben. Pfandbetrug ist ja nicht neu, aber hier lohnt es sich dann richtig.



    Und Kehrwoche und Co.? Alle müssen dann beseitigen, was ein paar unangenehme ZeitgenossInnen weggeworfen haben? Klingt nicht fair und verleitet erst recht zur Vermüllung.



    Es gibt übrigens sehr saubere Städte, und viele davon haben eine Gemeinsamkeit: Hohe Geldstrafen für Vermüllung.



    Klar wäre es schön, wenn warme Worte reichen würden. Aber wenn das so wäre, dann bräuchten wir auch keine Strafen für Tempoüberschreitungen etc.



    Wenn man etwas verändern möchte muss man beachten, wie der Mensch funktioniert. Nicht wie er funktionieren sollte.

  • Eine Müllabgabe würde ja bedeuten, dass ich dieses Verhalten auch noch subventioniere. Besser wären mehr Überwachung, Entzug staatlicher Leistungen (einschl. Mietzuschüssen) und Haftstrafen.

  • Die Strafen sind auch zu niedrig, dass muss wehtun und auch mit öffentlicher Demütigung einhergehen, sonst lernen es die Deppen nicht, sowohl in der Stadt als auch auf dem Land.

  • Ich habe hier jetzt kein Problem festgestellt. Manche der weggeworfenen Sachen sind ja noch wiederverwertbar, wie z.B. Schränke und Stühle.

    Viel eher sollte die Konsumgesellschaft hinterfragt werden: Statt alle zwei Wochen Kleidung einkaufen und wegschmeißen nur alle zwei Jahre. Und der ein oder andere kaputte Stuhl kann repariert werden.

    Und eine Kehrwoche einführen? Im Land heißt es: Wettbewerb, wer den saubersten Gehweg hinterlässt. Der Wettbewerb einer hochnäsigen Spießergesellschaft passt einfach nicht zu einer Stadt.

  • Genau noch mehr Steuern und Abgaben! Die Armen sind noch nicht Arm genug!

    • @Welt Bürger:

      Prenzlauer Berg ist mit Sicherheit überhaupt nicht arm und trotzdem starrt es dort vor Dreck und Müll

      • @Suryo:

        Abgaben und Steuern treffen alle und nicht nur die Verursacher

  • Berlin sollte sich generell Singapur orientieren. Die Stadt zeigt wie man eine multikulturelle Großstadt sicher und sauber macht und ordentlich regiert. Es braucht keine Müllabgabe wenn Vermüllung des öffentlichen Raumes entsprechend hart bestraft wird.

    • @Machiavelli:

      Hoffe sehr dass es noch etwas lebenswertes dazwischen gibt. Singapur und Berlin sind meiner Meinung nach beides Schreckens Beispiele wie es nicht sein sollte... Aber irgendwie ist heutzutage ja extrem voll angesagt, anscheinend...

      • @Egil:

        Vor die Wahl gestellt zwischen Singapur und Berlin würde weltweit immer eine absolute Mehrheit für Singapur stimmen.

    • @Machiavelli:

      Singapur ist aber eine autoritäre, kapitalistische Law-and-Order-Regierung. Drogengeschäfte werden schnell mit Exekution geahndet. Es würde mich nicht wundern, wenn den Kindern ein militärischer Drill erzogen wird, um den letzten Funken Individualität und Menschlichkeit rauszuprügeln. Gibt es dort drüben überhaupt queere Szenen?

      Der Grad an Sauberkeit einer Gesellschaft ist auch ein Gradmesser, wie sehr Menschen gedrillt werden oder wie streng Menschen zu Höflichkeit erzogen werden. Natürlich geht es bestimmt anders, siehe Christiania in Kopenhagen, und sicherlich will keiner Müll im Fluss oder auf der Strasse haben. Doch da drüben gilt nicht nur Freiwilligkeit, sondern Selbstverständlichkeit, sich dem Umweltdogma unterzuordnen.

      • @Troll Eulenspiegel:

        Erstmal informieren, in Singapur gibt es vielen Sozialen Wohnungsbau, der Großteil der Bürger lebt entweder in staatlichen Wohnungen (77%) oder im Eigenheim. Das ist klassische Sozialdemokratie der Kapitalismus erwirtschaftet Geld der Staat nutzt es für die Bürger. Law and Order ist übrigens eine linke Idee. Weil es sind die Armen und die untere Mittelschicht die unter Kriminalität am meisten leiden. Die Reichen wohnen in Gegenden wo sie ihre Kinder auch nachts draußen spielen lassen können. Der Rest ihres Posts is uninformiert und kann ignoriert werden.

        • @Machiavelli:

          freedomhouse.org/c...freedom-world/2024

          Neben der schlechten Presse- und Meinungsfreiheit ist die Gewaltenteilung / die Checks und Balances schlecht und wird unterdrückt.

          Und uninformiert? Dass in Singapur die Todesstrafe existiert ist ein Fakt. Jedes Land, welches die Todesstrafe noch ausführt ist de facto autoritär.

          Kurzum: Erst einmal LGBT, Anarchismus oder Präsidentenbeleidigung erlauben, sowie die Pressefreiheit und weitere. Das sind die Gradmesser einer Gesellschaft, die sich frei entfalten darf. Nicht, den Menschen zum Müllvermeiden zwingen. Das wird er von selbst tun, wenn er nicht unterdrückt wird, siehe dazu auch die Theorie von Anne in Pink.

      • @Troll Eulenspiegel:

        „Es würde mich nicht wundern…“

        Also ist alles, was danach kommt, wilde Spekulation.

        Ihre Behauptung weiter oben, Verwahrlosung und Müll seien irgendwie urban und implizit lobenswert, da „unspießig“, halte ich für absurd. Genau so argumentieren einige Bewohner Berlins, um die klarsten Missstände schönzureden.

    • @Machiavelli:

      Das ist die Lösung um ehrlich zu sein.

      • @Welt Bürger:

        In diese Richtung gehen auch meine Gedanken. Werden Sie aber in Berlin niemals durchsetzen können. Dafür ist die Stadt zu links (-versifft). Dann kommt direkt wieder der Aufschrei, das so etwas (Disziplin und Ordnung) viele aus deren Heimat nicht kennen würden und das dann direkt wieder als diskriminierend empfunden wird.



        Habe ich um 2000 in Russland aber auch so erlebt. Der Müll wurde einfach aus dem Fenster geworfen oder draußen abgestellt. Der Schnee hats zugedeckt. Und wenn es taut räumt die Stadt es weg, weil der persönliche Bereich, wo man auch Ordnung hielt, an der Wohnungstür endete. Draußen war aber (sozialistisches) Gebiet, was dem Staat gehörte.

        • @Oleg Fedotov:

          „….(Disziplin und Ordnung) viele aus deren Heimat nicht kennen…“



          „Habe ich um 2000 in Russland aber auch so erlebt.“

          Kannten die Menschen damals in Russland das auch nicht aus ihrer Heimat?

          Übrigens ist meine Erfahrung eine andere. Es sind nicht diejenigen, die Sie im Blick haben. Selbstverständlich gibt es darunter auch Menschen, die einfach illegal ihren Müll entsorgen. Aber in letzter Zeit stoße ich immer mehr auf die „ewig“ hier Lebenden.