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Das neue „Grundsicherungsgeld“Schicksal wird zum Stigma

Barbara Dribbusch

Kommentar von

Barbara Dribbusch

Die neue Grundsicherung stellt Arme unter Verdacht. Manche Mittelschichtmilieus dürften diese Perspektive teilen.

Immer mehr Menschen tragen das Risiko, selbst in die Grundsicherung zu fallen Foto: Jens Kalaene/dpa

D ie Regierung hofft auf Abschreckung durch das am Donnerstag im Bundestag verabschiedete Gesetz zum neuen „Grundsicherungsgeld“. Sie geht davon aus, dass mehr Arbeitslose einen ungeliebten Job annehmen, aus Angst vor den strengeren Sanktionen. 100.000 Leis­tungs­be­zie­he­r:in­nen weniger in der Grundsicherung würden 850 Millionen Euro an öffentlichen Geldern pro Jahr einsparen, rechnet man im Gesetzentwurf vor.

Die Rechnung dürfte nicht aufgehen. Es gibt Missbrauch und Bequemlichkeit bei manchen Leis­tungs­be­zie­he­r:in­nen – die gab es schon immer. Viel häufiger aber sitzen den Ver­mitt­le­r:in­nen in den Jobcentern Leute  ohne verwertbare Qualifikationen gegenüber. Andere mit Kinderbetreuungspflichten, zu geringen Deutschkenntnissen, körperlichen oder psychischen Problemen. Kaum ein Arbeitgeber will diese Leute einstellen.

Doch die Kampagne der Union, Leis­tungs­emp­fän­ge­r:in­nen der Bequemlichkeit zu verdächtigen und zu stigmatisieren, hat gewirkt. Sie zielt auf die Stimmung in manchen Mittelschichtmilieus, die ungehalten sind angesichts der hohen Ausgaben für das Bürgergeld. Auch weil sich diese Milieus selbst zunehmend unter Druck wähnen, weil die Lebenshaltungskosten so stark steigen. Das ist die Paradoxie des Sozialstaates: Die Aggression gegen Leis­tungs­emp­fän­ge­r:in­nen nimmt zu, wenn die Zeiten härter werden. Dabei ist der Anstieg bei den Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen eher dem Ukrainekrieg geschuldet als irgendeinem arabischen Clanverhalten, zum Beispiel.

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Die Frage ist, ob diese Stimmung in den steuerzahlenden Wählermilieus wieder kippt. Dann nämlich, wenn auffällt, dass gar nicht so wenige ein Risiko tragen, selbst in die Grundsicherung zu fallen. Auch wenn sie weiß sind, eine anerkannte Ausbildung haben und Deutsch als Muttersprache. Eine Betriebsschließung, eine Insolvenz, eine Krankheit, eine Scheidung mit Kindern, Pflegebedürftigkeit, eine Minirente – schwupp, schon ist man in der „Grusi“. Das ist Schicksal und kein Stigma. Aber davon ist derzeit lieber nicht die Rede.

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Barbara Dribbusch
Redakteurin für Soziales
Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, soziale Sicherung, Psychologie, Alter. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch). Kontakt: dribbusch@taz.de
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3 Kommentare

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  • Ich bin mir komplett sicher, dass 90% der Bevölkerung zu 100% dahinter stehen ihre Mitmenschen die nicht arbeitsfähig sind zu unterstützen.



    Genauso sicher bin ich, dass 80% zu 100% dagegen sind, dass die, die schlichtweg die Arbeit verweigern massiv sanktioniert gehören.

    Dazu stehe ich, auch wenn jetzt wieder Reaktionen kommen in denen mir erklärt wird, dass es ein Recht darauf gibt, nicht zu arbeiten und der Staat (also wir) dafür zu sorgen haben, dass diejenigen versorgt sind.

    Alle Regierungen der letzten Jahrzehnte haben verpasst dafür zu sorgen, dass Niedriglohn-Beschäftigte besser gestellt werden, als jene die nichts geben, nicht beitragen, sondern nur nehmen. Ich wäre dafür diesen Beschäftigten anteilig für Ihre Beschäftgungsjahre einen Bonus auf die Mindestrente zusteht, damit sie wenigstens später über ein höheres Auskommen, dass sie sich absolut verdient haben, verfügen.

    • @Sole Mio:

      Das sind aber arg viele Windmühlen, gegen die Sie da zu Felde ziehen.



      Hoffentlich geht dabei niemand zu Schaden!



      Oder gehören Sie nicht zu den 90%?

  • Der Punkt der im letzten Absatz angesprochen wird, ist einer an dem ich bei den Thema auch meist sehr schnell denke und mich doch immer wieder wundere. Aber das Belegt in gewisser Weise auch eine Sichtweise Einsteins, die Dummheit des Menschens betreffend.

    Es sind ja nicht nur die großen Industriezweige die drohen weg zu brechen, beim Mittelstand sieht es vllt sogar noch schlimmer aus. Wer jetzt noch denkt sein Job wäre sicher weil er bei einem der "hidden Champions" oder so arbeitet und glaubt da käme schon nicht so schnell Konkurenz auf, der wird sich über die Kündigung in ein paar Jahren ziemlich wundern.

    An ihrem Ast auf dem sie sitzen wird längst ganz fleissig gesägt, in China, u.a. mit Stiehl Kettensägen, die Patente haben die schon vor Jahren gekauft, und ähnliches zieht sich durch den gesamten Mittelstand.