Antifa-Prozess in Düsseldorf: Das Schweigen ist gebrochen
Bisher haben die Angeklagten im Prozess in Düsseldorf wegen der Angriffe auf Neonazis in Budapest geschwiegen. Nun nicht mehr. Es ist eine Zäsur.
Eineinhalb Jahre lang hat Nele A. geschwiegen. Seit ihrer Festnahme im Januar 2025, nachdem die 24-jährige Thüringerin zwei Jahre lang abgetaucht war und sich dann der Polizei stellte. Und auch seit dem Prozessbeginn gegen sie und fünf weitere Angeklagte in diesem Januar vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Doch nun, an diesem Dienstag, bricht Nele A. ihr Schweigen. Und die anderen Mitangeklagten tun es auch.
Ja, sie sei die Person, die auf Überwachungsvideos bei drei Angriffen auf die Neonazis in Budapest zu sehen sei, am 9. Februar 2023, liest Nele A. im Hochsicherheitssaal von einem Zettel ab. Aber nein, sie habe bei diesen Angriffen nicht den Tod der Geschädigten in Kauf genommen, wie es die Anklage ihr vorwirft. Eine solche Gleichgültigkeit gegenüber Menschenleben sei für sie „nicht hinnehmbar“. Dieser Anklagepunkt sei „politisch motiviert“, diene der „Denunziation und Abschreckung“. Im Gegenteil, betont Nele A., sei bei den Aktionen der Tod der Angegriffenen ausgeschlossen worden.
Dann brechen auch Paula P., Emilie D., Clara W., Luca S. und Moritz S. ihr Schweigen, die anderen Beschuldigten, 23 bis 25 Jahre alt. Auch sie räumen alle ein, auf den Videos in Budapest zu sehen zu sein – und weisen vehement den Vorwurf des versuchten Mordes zurück. Und sie verteidigen die antifaschistische Motivation ihres Handelns.
Es ist eine Zäsur. Denn bisher schwiegen alle Beschuldigten, denen die antifaschistischen Angriffe vor drei Jahren in Budapest vorgeworfen wurden, zu möglichen Tatbeteiligungen. Maja T. aus Jena schweigt, die nonbinäre Aktivist*in wurde im Juni 2024 nach Ungarn ausgeliefert und dort im Februar zu acht Jahren Haft verurteilt. Hanna S. aus Nürnberg schweigt, sie wurde im September 2025 in München zu fünf Jahren Haft verurteilt. Und Johann G., Paul M. und Tobias E. schweigen, die derzeit mit vier weiteren Linken in Dresden vor Gericht stehen.
Die Angeklagten in Düsseldorf aber schweigen nun nicht mehr.
Die Angriffe in Budapest im Februar 2023 richteten sich gegen den „Tag der Ehre“, einem alljährlichen Treffen von Neonazis aus ganz Europa, die dort die Wehrmacht und SS verherrlichen. Rund um diesen Aufzug gab es damals fünf Angriffe auf Rechtsextreme, immer aus einer Gruppe Vermummter heraus, auch mit Schlagstöcken und Gummihämmern. Die Attackierten erlitten Knochenbrüche und Platzwunden, einer wurde noch geschlagen, als er schon bewusstlos war.
Auch Attacken gegen Nazi-Laden in Erfurt
Eine der Beschuldigten, Emilie D., soll zuvor auch in Erfurt mit anderen Linken zwei Neonazis und einen Thor-Steinar-Laden angegriffen haben. Ein Attackierter erlitt hier einen Schädelbasisbruch.
Nach den Angriffen von Budapest setzte eine Großfahndung ein – und die nun in Düsseldorf Angeklagten und eine Handvoll weiterer deutscher Linken tauchten ab. Nur Maja T. konnte von Zielfahndern in Berlin gefasst werden. Sieben Linke um Nele A. stellten sich dann im Januar 2025 selbst der Polizei.
Zusammen mit den Verfahren gegen gut zehn weitere Beschuldigte, denen als „Antifa Ost“ Angriffe gegen Rechtsextreme in Ostdeutschland vorgeworfen werden, ist es die größte Verfolgungswelle gegen Linksradikale seit Jahren. Und die Angriffsserie ist mit ein Grund, weshalb Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) zuletzt einen Kampf gegen den Linksextremismus ausrief.
Auch in Düsseldorf hängt die Bundesanwaltschaft die Vorwürfe hoch, mit ihren Vorwürfen der Bildung einer kriminellen Vereinigung und des versuchten Mords. Am Dienstag weist nun Nele A. letzteren Vorwurf strikt zurück – und hält dem ihre Motivation für ihr Handeln entgegen. Sie sei in Jena aufgewachsen, wo sich der rechtsterroristische NSU bildete, der zehn Menschen tötete und 2011 aufflog, trägt sie mit fester Stimme und in schnellem Tempo vor. Und es seien auch die Anti-Asyl-Proteste des Thüringer Pegida-Ablegers ab 2015 gewesen, die „prägend“ für sie gewesen seien.
Jüdische Familiengeschichte als Motivation
Vor allem aber erzählt Nele A. von einem weiteren Antrieb: ihrer Familiengeschichte. Ihre Mutter sei ungarisch, deshalb habe sie jedes Jahr mehrere Wochen bei der Familie in Budapest verbracht, sei auch nach dem Abitur für ein halbes Jahr zum Studium dorthin gezogen. Und früh habe sie sich gefragt, warum eigentlich ihre ungarische Familie so viel kleiner sei als ihre deutsche. „Irgendwie wusste ich schon warum.“ Ihre Vorfahren seien jüdisch gewesen.
Und dann erzählt Nele A. über die Schicksale ihrer Verwandten in der Zeit des Nationalsozialismus. Ihr Urgroßvater sei als Zwangsarbeiter durch eine Bombe 1944 gestorben. Dessen Vater sei auf dem Weg ins KZ Auschwitz zu Tode geprügelt worden. Andere Verwandte seien in Konzentrationslagern gestorben oder hätten als Zwangsarbeiter arbeiten müssen. Ein Bruder ihres Urgroßvaters sei als Widerständler gehängt worden, in heller Hose und Lackschuhen. Zehn weitere Verwandte seien aus dem Ghetto in Keszthely 1944 verschleppt worden und nie mehr zurückgekehrt.
Diese Menschen seien Musiker, Anwälte, Zahnärzte, Journalisten, Arbeiter oder Kinder gewesen, erzählt Nele A. „Ihre Namen findet man heute alle in Yad Vashem“, der Holocaust-Gedenkstätte in Israel. Und dann, schließt die 24-Jährige, gingen heute jedes Jahr wieder Neonazis in Budapest auf die Straße, um diejenigen zu „zelebrieren“, die ihre Familie und Hunderttausende weitere Menschen umgebracht hätten. Die deren faschistische Ideen fortführten. „Das wollte ich nicht hinnehmen müssen“, sagt Nele A.
Auch die anderen Angeklagten verweisen danach auf den NSU-Terror oder die Anti-Asyl-Proteste, die sie politisiert hätten. Sie benennen den Rechtsruck, den Aufstieg der AfD, den rechten Terror von Hanau, Halle oder an Walter Lübcke. Luca S. betont: „Für ein Land, das aus seiner Geschichte gelernt haben will, ist diese Entwicklung ein Armutszeugnis.“
Und alle Angeklagten betonen die Vernetzung der Rechtsextremen in Budapest, auf die dort gepflegte Menschenverachtung. Die Angriffe hätten deshalb „eine individuelle wie auch generelle abschreckende Wirkung“ haben sollen, sagt Emilie D., auch sie Thüringerin. Niemals aber habe man jemanden töten wollen, betont auch sie. Das sei „ein unantastbares Grundprinzip“. Und das sei auch unter Antifaschist*innen Konsens. Sie selbst habe ja damals Pfefferspray auf die Attackierten gesprüht, eben weil sie davon ausging, dass diese weiter handlungsfähig seien und sie verfolgen könnten.
Auch Moritz S. aus Sachsen nennt den Vorwurf des versuchten Mordes „absurd“. Die Bundesanwaltschaft wolle damit „ein Exempel statuieren“, von antifaschistischem Engagement „abschrecken“. Natürlich sei es nicht um die Tötung von Menschen gegangen. Man folge vielmehr einem Weltbild, das „die Gleichwertigkeit aller Menschen“ zum Kern habe. Aus dem gesellschaftlichen Rechtsruck resultiere aber „die Notwendigkeit für konsequentes antifaschistisches Handeln“.
Auch die Hamburgerin Clara W. erklärt, es sei für sie „unbegreiflich“ gewesen, dass sich in Budapest Neonazis vernetzten konnten. „Ich wollte dem etwas entgegensetzen. Aber nicht um jeden Preis.“ Sie sei sich immer sicher gewesen, dass es nicht zum Tode von Menschen kommt. „Sonst hätte ich mich nicht beteiligt.“ Ganz ähnlich äußert sich auch Luca S.
Nur Paula P., auch aus Thüringen, belässt es dabei, einzuräumen, dass sie auf den Überwachungsvideos zu sehen ist. Sie war als einzige zuletzt unter Auflagen aus der Haft entlassen worden.
Richter verspricht Aussagen zu würdigen
Richter Lars Bachler erkennt an, dass die Einlassungen den Angeklagten sicher „nicht leicht gefallen“ seien. Tatsächlich sollen diese lange gerungen haben, ob und wie sie sich äußern. Das Gericht werde diese Aussagen würdigen, verspricht Bachler. „Das sei Ihnen versichert.“ Die Aussagen dürften die Beweisaufnahme im Prozess beschleunigen. Bisher war dieser bis ins nächste Jahr terminiert.
Am Dienstag fährt das Gericht aber erstmal im Programm fort, befragt noch per Video zwei der in Budapest Angegriffenen, den Rechtsrockmusiker László D. und seine Partnerin Orsolya F. Sie seien nach dem Besuch eines Szenekonzerts am Abend des „Tags der Ehre“ von hinten attackiert worden, erzählen beide. László D. wurde bewusstlos niedergeschlagen, sein Jochbein zertrümmert. Orsolya F. berichtet, ihr sei auch mit einem Gegenstand ins Bein gestochen worden. Nachfragen zu László D.s rechtsextremer Vita wiegeln beide ab. „Nichts rechtfertigt diese Angriffe“, betont Orsolya F. mehrmals.
Der Angeklagte Moritz S. hatte dagegen zuvor in seiner Erklärung betont, dass der „Tag der Ehre“ das größte Neonazi-Treffen Europas sei – und ein Ort der Raumnahme und internationalen Vernetzung militanter Rechtsextremer, die ihrerseits Gewalt vorbereitet hätten. „Für mich galt es, dem entschieden entgegenzutreten.“
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