Dieter Nuhrs Femizid-Witze: Er füttert ein misogynes Weltbild
In einer ARD-Sendung macht Kabarettist Nuhr Witze über Frauenmorde. Weder eine rote Linie für ihn noch für den öffentlich-rechtlichen Sender.
D ass Dieter Nuhr kein Herz für Frauen hat, ist weithin bekannt. Bei ihm müssen sie regelmäßig für flache Pointen herhalten. Mal sind sie zu woke, mal zu dogmatisch und mal können sie einfach nicht einparken. Auch in seiner aktuellen ARD-Sendung „Nuhr im Ersten XXL“ witzelt er, die Parklücken bei Frauen seien einfach strukturell zu klein. Auch 2026 scheint das für sein Publikum noch ein Brüller zu sein. Aber das ist erst einmal kein Problem. Das Problem folgte in der Sendung direkt darauf.
Ausgehend von einem Text meiner SZ-Kollegin Nele Sophie Karsten und von mir in der taz, die sich beide mit der strukturellen Gewalt im Patriarchat beschäftigen, sagt Nuhr, es gäbe kein strukturelles Problem mit dem Töten von Frauen. Nun hätte man denken können, dass wenigstens Femizide eine rote Linie für die Witze bei dem Kabarettisten Dieter Nuhr seien. Aber falsch gedacht! Auch tote Frauen sind für Nuhr einen Lacher wert.
Er rechnet den Zuschauer_innen vor, dass die Wahrscheinlichkeit, als Frau von einem Mann getötet zu werden, quasi bei null liege. Denn es gäbe 300 bis 350 Frauenmorde pro Jahr, und er betont zwar, dass jeder Mord zu viel sei, nur um dann zum großen Aber zu kommen. Millionen Männer in Deutschland würden keine Frauen töten. Um zu überleben, hat er dann auch noch einen Ratschlag für die Frauen parat. Er sagt: „Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einfach erst mal kennenlernt.“ Und ergänzt nach einer kurzen Pause für das Gelächter des Publikums. „Vielleicht einfach mal fragen, ob er nebenberuflich als Frauenmörder tätig ist.“
Um das klarzustellen: Die Frage ist nicht, worüber Comedians Witze machen dürfen. In einer Demokratie, in der die Kunstfreiheit ein hohes Gut ist, dürfen sie sich erst einmal über alles lustig machen. Die Frage, was ein gelungener Witz ist, ist dabei eine ganz andere. Und Nuhrs Versuch, sich humoristisch mit Femiziden auseinanderzusetzen, ist gleich auf mehreren Ebenen gescheitert.
Keine Bühne bieten
Zuerst: Er ist nicht witzig. Humor ist bekanntlich Geschmackssache, aber sein Witz zeugt nicht von Raffinesse, er hat keinen doppelten Boden. Er ist einfach plump. Anstatt sich humoristisch an den Tätern abzuarbeiten, sind die Frauen, die Opfer, das Ziel. Denn durch seinen Sicherheitstipp wird seine Ansicht klar: Frauen seien selbst schuld, wenn sie getötet werden. Sie hätten den Mann vor dem Sex einfach einmal kennenlernen müssen. Das ist nicht nur Victim Blaming, also eine Umkehrung der Schuld, die die Verantwortung bei den Betroffenen anstatt bei den Tätern sucht. Es ist auch schlicht falsch: Denn die meisten Täter, die Frauen töten, sind keine Fremden, die sie in einer Bar kennenlernen. Es sind Männer, die sie sehr gut kennen: In 87 Prozent ist der Täter der (Ex-)Partner.
Was Dieter Nuhr vermutlich noch nicht verstanden hat, ist, dass Gewalt gegen Frauen wie eine Spirale funktioniert. Die Tötungen kommen nicht aus dem Nichts, sondern sind die Spitze einer Gewaltdynamik: Davor steht physische Gewalt, aber auch psychische Formen, wie Kontrollen oder Manipulationen, aber auch verbale Erniedrigungen. Hinter alldem steckt ein misogynes Weltbild, laut dem Frauen schlicht weniger wert seien als Männer und von diesen kontrolliert werden dürfen. Witze, wie die von Nuhr, füttern so ein Weltbild.
Bleibt die Frage, warum die Öffentlich-Rechtlichen solchen Kabarettisten eine Bühne bieten. Laut ihrem Auftrag dürfen sie keine Menschen aufgrund ihres Geschlechts diskriminieren und sind zur Achtung der Menschenwürde verpflichtet. Eine Anfrage der taz beantwortet der rbb damit, dass sie die Kritik nachvollziehen können, Nuhrs Sendung jedoch von der Kunst- und Satirefreiheit gedeckt sei. Konsequenzen soll es keine geben.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 30 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert