die 3. meinung: Die verheerende Logik des Kriegs ist Teil unserer Normalität geworden, mahnt Tsafrir Cohen
Der Krieg in Europa beschränkt sich nicht allein auf die Schlachtfelder in der Ukraine. Als Logik hat er sich auch hier eingenistet, ist Teil unserer Normalität geworden. Krieg ist nicht mehr das letzte verzweifelte und eigentlich verabscheute, sondern scheint für viele plötzlich das sinnigste und legitimste Mittel zur Beendigung von Konflikten.
Einher geht dieser Wandel mit einer Verengung gesellschaftlicher Debattenräume. Eine Grenze wird gezogen, die das vermeintlich Gute – das deutsche und europäische Wir – vom bösen russischen Gegenüber trennt. Stimmen, die diese vereinfachende Vereindeutigung hinterfragen oder vor der beidseitig angetriebenen Eskalation warnen, werden als naiv diffamiert. Aus der Unterstützung für die Ukraine indes die Aufrüstung Deutschlands abzuleiten und andere Wege zur Sicherung von Frieden auszuschlagen, ist keine Realpolitik.
Es ist das Einknicken vor dem Krieg unter dem Deckmantel einer imaginierten moralischen Überlegenheit. Kriegslogik imaginiert Sicherheit und Orientierung. In einer Welt voller Umbrüche und Unklarheiten liegt im Vorrang des Militärischen gegenüber dem Politischen sodann auch eine tröstende Behaglichkeit. Wer den Krieg im Kopf hat, kann nicht aus ihm ausscheren – und ihn noch weniger beenden.
Die deutsche Debatte spaltet derweil den Krieg vom Krieg ab, indem die hiesige Aufrüstung von den dortigen Folgen des Krieges getrennt wird. Über diese gefährliche Trennung müssen wir als Gesellschaft sprechen – das ist auch die Aufgabe von Hilfsorganisationen wie medico international, die seit Jahrzehnten mit lokalen Partnerorganisationen unter Kriegsbedingungen zusammenarbeitet.
Tsafrir Cohen
ist Geschäftsführer der Frankfurter Hilfs- und Menschenrechtsorganisation medico international.
Deren Erfahrungen in der Ukraine, in Israel und Palästina, aber auch in Guatemala oder Angola lehren uns: Krieg ist größer, als die Fürsprecher:innen der Aufrüstung ihn sich vorstellen, und größer als jede Kriegspartei. Er ist in seinen Folgen nicht bestimmbar und nicht vorhersehbar.
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