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Wehrplicht in Deutschland Zwangsdienst ist nie gut, auch nicht für eine gute Sache

Pascal Beucker

Kommentar von

Pascal Beucker

Junge Leute erhalten nach dem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der Bundeswehr. Das ist noch nicht zu schlimm – aber wie lange bleibt das so?

E igentlich sollte man Karin Prien danken. Wenn die christdemokratische Familienministerin jetzt verkündet, dass sich ihr Ressort intensiv mit der Reaktivierung des Zivildienstes beschäftigt, ist das zunächst erfreulich. Nein, das gilt nicht für den Vorgang an sich. Menschen – in diesem Fall junge Männer – brauchen keine Zwangsdienste, auch nicht für eine gute Sache. Aber es ist gut, dass Prien diejenigen, die davon betroffen sein könnten, daran erinnert, dass die Wiedereinsetzung der Wehrpflicht noch nicht zu den Akten gelegt ist.

Es herrscht eine trügerische Ruhe

Seit das Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes am 1. Januar 2026 in Kraft trat, herrscht eine trügerische Ruhe. Denn es hätte ja schlimmer kommen können. Dass junge Leute nun nach dem 18. Geburtstag einen Fragebogen von der Bundeswehr zugeschickt bekommen, ist noch nichts, was auf die Barrikaden treibt. Aber wie lange bleibt das so?

Die schwarz-rote Regierung plant, die Zahl der aktiven Sol­da­t:in­nen bis 2035 von derzeit rund 185.200 schrittweise auf bis zu 270.000 anzuheben. Hinzukommen sollen mindestens 200.000 Reservist:innen. Nach monatelangem Streit hatten Union und SPD im Herbst 2025 beschlossen, dass diese Personalsteigerung zunächst durch Freiwilligkeit und höhere Anreize realisiert werden soll. Gelinge das nicht, solle eine „Bedarfswehrpflicht“ her. So steht es im Gesetz – und das ist der Knackpunkt.

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Schieben bis zur nächsten Legislaturperiode

Von den angeschriebenen Jungs haben laut Bundeswehr bisher rund 96 Prozent geantwortet – kein Wunder, denn sonst drohen 250 Euro Bußgeld. Bei den jungen Frauen, denen kein Bußgeld droht, liegt der Rücklauf bei 4 Prozent. In beiden Gruppen haben etwa 20 Prozent Interesse an einem Wehrdienst. Die Gefahr, dass das Comeback der Wehrpflicht nur in die nächste Legislaturperiode verschoben worden ist, ist groß.

Sowohl die Union als auch relevante Teile der SPD gehen davon aus, dass das Thema dann wieder oben auf der Tagesordnung steht. Wer aber wieder einen verpflichtenden Militärdienst einführen will, muss auch den Zivildienst reaktivieren – zur Abschreckung, damit nicht zu viele auf dumme Gedanken kommen. Das ist der unerfreuliche Hintergrund von Priens Plänen.

Als eine Lehre aus der militaristischen deutschen Vergangenheit bekam das Recht auf Kriegsdienstverweigerung 1949 einen zentralen Platz im Grundgesetz. Doch dieses Jahr feiert die Bundesrepublik ein zweifelhaftes Jubiläum: Im Juli 1956 verabschiedete der Bundestag – gegen die Stimmen der SPD – die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht für Männer. Damit wurde gleichzeitig das Grundrecht auf Kriegsdienstverweigerung zu einem Ausnahmerecht herabgestuft, das beantragt werden muss, an die Ableistung eines „Ersatzdienstes“ gekoppelt ist und auch von staatlichen Stellen abgelehnt werden kann. Diese Kopplung an die Wehrpflicht ist der grundsätzliche Konstruktionsfehler des Zivildienstes.

Als mit der Aussetzung der Wehrpflicht 2011 auch der Zivildienst seine Existenzberechtigung verlor, wurde er durch den auch für Frauen offenen Bundesfreiwilligendienst ersetzt. Das war keine schlechte Idee – wenn sie denn bloß ernst gemeint gewesen wäre. Die Regierung wollte so demonstrieren, dass sie weiterhin das Engagement in sozialen, kulturellen, ökologischen oder anderen gemeinwohlorientierten Einrichtungen unterstützt.

Freiwilligendienst für alle, die es sich leisten können

Nur kosten sollte es nicht zu viel. Daher gibt es viel zu wenige Plätze. Nur ein Bruchteil der Interessierten bekommt überhaupt einen Platz. Dabei gibt es dafür nur ein „Taschengeld“ von maximal 676 Euro monatlich. Das dürfte ein Grund sein, warum er vor allem jungen Menschen aus finanziell besser ausgestatteten Elternhäusern attraktiv erscheint.

Für einen Zivildienst würde es das Geld nicht aus karitativen, sondern aus militärischen Gründen geben. Da gäbe es dann wieder einen Sold, also mehr als ein Taschengeld. Aber der Weg ist trotzdem falsch. Wie die Rückkehr zur Wehrpflicht wäre auch ein damit verbundener verpflichtender Zivildienst ein nicht ausreichend begründeter erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung junger Menschen. Die Regierung sollte lieber gesellschaftliches Engagement wesentlich stärker fördern. Dazu würde ein massiver Ausbau des Bundesfreiwilligendienstes gehören – und mehr Geld für diejenigen, die sich dafür entscheiden.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Pascal Beucker

Pascal Beucker Inlandsredakteur

Jahrgang 1966. Arbeitet seit 2014 als Redakteur im Inlandsressort und gehört dem Parlamentsbüro der taz an. Zuvor fünfzehn Jahre taz-Korrespondent in Nordrhein-Westfalen. Seit 2018 im Vorstand der taz-Genossenschaft. Sein neues Buch "Pazifismus - ein Irrweg?" ist Mitte vergangenen Jahres im Kohlhammer Verlag erschienen.
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38 Kommentare

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  • Mofarocker

    Die sozialen Kompetenzen, die ich während meines "Pflicht"dienstes beim Behinderten- und Seniorenfahrdienst sammeln durfte, haben meine persönliche Entwicklung ausschliesslich positiv beeinflusst... würde es sehr begrüssen, wenn die Heranwachsenden dieser Tage ihren Horizont in ähnlicher Weise erweitern würden.

  • Plewka Jürgen

    Die Bundesrepublik Deutschland hat die jahrzehntelange allgemeine Wehrpflicht demokratietechnisch gut überstanden, das schreib ich als Antimilitarist, der den Bund vermieden hat und stattdessen 10 Jahre im Katastrophenschutz verpflichtet war. Es gibt - vollkommen andere sicherheitspolitische Lage als bei Aussetzung der Wehrpflicht - heute wieder gute Gründe zur erneuten Wehrpflicht. Ein weiterer Grund, der kaum einmal genannt wird: Die Zeit bei der Bundeswehr (in geringerem Maße im Zivildienst) könnte dazu beitragen, die vielfältig (!) separierte (!) Gesellschaft ein (kleines) Stück zusammenzuführen, indem sie dafür sorgt, dass sich Menschen begegnen, die ansonsten in ihren ethnischen, kulturellen und politischen Bubbles leben.

  • Christoph Strebel

    Jeder Mensch, der frei sein will, muss 4 Fragen beantworten: wofür, womit, wogegen und auf wessen Kosten will ich frei sein. Je ungünstiger die Antwort auf die 4. Frage ausfällt, desto mehr kippt die Freiheit in Richtung ihrer Entartung als Willkür, Rücksichtslosigkeit, Zügellossigkeit, Verantwortungslodigkeit.



    Freiheit ist immer fest mit Verantwortung gekoppelt!



    Will ich also frei sein auf Kosten anderer, die meine Freiheit verteidigen?



    ODER WOMIT: will ich frei sein mit Hilfe von Putin?

  • Günter Picart

    Das Hauptargument gegen den Zivildienst ist überzeugend, er ist ungerecht, weil er Frauen benachteiligt, die dieselben Dienste wie bezahlte männliche Zivildienstleistende (mindestens 2600 EUR brutto) gegen ein Taschengeld (knapp 400 EUR) verrichten müssten. Das geht so auf keinen Fall. Leider wird das hier nicht erwähnt (weder im Artikel noch in den Comments).

  • Siegfried Bogdanski

    Oh Mann, "Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung junger Menschen"!



    - Schulpflicht



    - Einwohnermeldepflicht (wenn man für Freiheit und Lebensplanung einen festen Wohnsitz bevorzugt)



    - Ausweispflicht



    - Führerscheinpflicht (wenn man für Freiheit und Lebensplanung ein Kfz fahren will)



    - Einkommensteuerpflicht (wenn man für Freiheit und Lebensplanung einer Erwerbstätigkeit nachgeht)



    - Sozialversicherungspflicht (wenn man für Freiheit und Lebensplanung einer Erwerbstätigkeit nachgeht)



    - Kirchensteuerpflicht (wenn man für Freiheit und Lebensplanung Mitglied in einer christlichen Kirche ist)



    - und eben Wehrdienst/Zivildienst (wenn man für Freiheit und Lebensplanung die Vorzüge des Lebens in Deutschland genießen will)

    • BarfußimSommer

      @Siegfried Bogdanski:

      Und weil ich jetzt schon so viele Pflichten nachgehen muss im Rahmen einer Staatsbürgerschaft, die ich auch nicht ablegen kann, soll ich im schlimmsten Fall auch noch zwangsweise für diesen Staat mein Leben geben ob mit oder ohne Waffe?

      Ja da bin ich unverbesserlichen Utopist, stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin.

    • Pawel_ko

      @Siegfried Bogdanski:

      "verpflichtender Zivildienst ein nicht ausreichend begründeter erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung"

      Abgesehen von den Gründen die eben doch für einen Wehr/ Zivildienst sprechen. (Höhere Verteidigungsfähigkeit, mehr Gemeinsinn, Entlastung im Sozialwesen, persönliche Reife, verankerung der Armee in der Mitte der zivilen Gesellschaft)

      In den 55 Jahren der Wehrpflicht haben insgesamt rund 8,4 Millionen Männer den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr geleistet. Zusätzlich absolvierten über die Jahrzehnte rund 2,7 Millionen Männer den zivilen Ersatzdienst.

      Und irgendwie haben diese Männer den "erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung" überlebt und es geschafft ein ganz normales Leben zu führen ohne, dass unsere Gesellschaft kollabiert ist.

  • Detlev Beutner

    "Diese Kopplung an die Wehrpflicht ist der grundsätzliche Konstruktionsfehler des Zivildienstes" - das ist gut gemeint geschrieben, aber es ist das WESEN des Zivildienstes. Es ist und bleibt Wehrpflichterfüllung (§ 3 Abs. 1 S. 1 WPflG) und eingeplanter Kriegsdienst (§ 79 ZDG).

    Und man darf nicht vergessen: Wer aus pazifistischer und/oder antimilitaristischer Gesinnung heraus die Wehrpflicht als solche ablehnt, wird auch einer Einberufung zum Zivildienst keine Folge leisten - und plötzlich bekommt der "Zwang" in Zwangsdienst ein sehr konkrete Gesicht:

    Strafverfahren wegen Dienstflucht - und wie die ausgehen, bestimmt der Zeitgeist; früher - alles nachzulesen in der Urteilssammlung gegen Totale Kriegsdienstverweigerer auf uris-tkdv.de - mal Geld- und Bewährungsstrafen, mal Haftstrafen ohne Bewährung, und je nachdem, ob das Erstgericht eine "Gewissensentscheidung" attestiert oder es sein lässt auch entsprechende Versuche von Doppel- und Mehrfachbestrafungen.

    Zwangsdienste, zumal militärisch motivierte? Verweigern!

  • Axel Berger

    Die meisten Leute zahlen Steuern, Sozialabgaben und GEZ-Gebühren. Sie müssen Treppenhäuser putzen, Schnee räumen und Laub fegen. Alles Zwang. Und ein Jahr Dienst in der Jugend, wie ich ihn auch geleistet habe, soll unzumutbar sein? Da fehlt mir eine Begründung.

  • Kommen Tier

    Es gibt ja auch den "gewaltlosen Widerstand" als Alternative zur Armee: Wenn eine andere Armee einmarschieren will, setzen sich alle auf die Straße und singen "Give Peace a Chance."

    • Filou

      @Kommen Tier:

      Genau und die andere Armee wird sich zurückziehen.

    • Detlev Beutner

      @Kommen Tier:

      Das klingt ein wenig sarkastisch. Tatsächlich gibt es das Konzept der "Sozialen Verteidigung"; ist etwas komplexer als dargestellt, aber ja, natürlich gibt es Konzepte, die etwas weitergehender sind als "wir versuchen einfach so viel Leute 'vom Feind' umzubringen, bis sie aufhören uns umzubringen". Und ja, man sollte sich damit etwas auseinandersetzen, um nicht den Eindruck zu bekommen, es gäbe nur "Militär oder Nichts"...

      • Sole Mio

        @Detlev Beutner:

        Und wie sieht dieses Konzept denn aus? Wie sind die Erfolgschancen einzuschätzen, wenn der Verteidigungsfall eintritt.



        Ich bin neugierig auf Ihre Antwort

    • Ohne_Mitte_geht_nix

      @Kommen Tier:

      Dafür würden sich dann bestimmt viele begeisterte Mitmacher finden, weil die immer groß darin sind, die Freiheit und Demokratie mit hehren Worten zu verteidigen. Aber anschließend würden sie sich wundern, wo diese plötzlich abgeblieben sind.

    • Schorsch59

      @Kommen Tier:

      Wenn ein Agressor mit seiner brutalen Armee mein schönes Deutschland angreift, möchte ich ihm nicht mit "gewaltlosen zivilen Widerstand" und einem "Happening" entgegentreten, sondern mit einer schlagkräftigen Parlamentsarmee: der Bundeswehr.

      "Si vis pacem para bellum" ist auch heute noch aktuell ...

      • Zangler

        @Schorsch59:

        Kurz mal in die Geschichte geschaut: Der letzte pöhse Aggressor war Napoléon Bonaparte, und zwar 1806. Danach war Deutschland mindestens fünfmal selbst Aggressor. Wenn du Frieden willst, verunmögliche es Deutschland, Krieg zu führen!

    • Il_Leopardo

      @Kommen Tier:

      Schöner Gedanke. Aber sagen Sie das mal den Menschen in Butscha. Die Opfer dort waren überwiegend Zivilisten, die einfach auf ihren ganz normalen täglichen Wegen erschossen und erschlagen wurden.

  • Jeff

    Wenn ich schon "Zwangsdienst" höre geht mir der Hut hoch. Was geändert werden sollte, ist, dass ein Zivil- oder Wehrdienst einfach per Kreuzchen ausgewählt werden kann. Kein Verweigern, einfach eine Wahl.



    Klar, muss man an tiefer liegende Gesetze dran, aber in anderen Ländern gibt es das auch.



    Ich kenne tatsächlich keinen Ex-Zivi oder Ex-FSJlerin, die die Zeit nicht insgesamt für eine gute Erfahrung hielten. Die einzigen, die immer über ihre Zeit mecker waren Bundis.



    Ich werde meinen Kindern Zivi/FSJ empfehlen. Pflicht, oder nicht. Und der Gesellschaft hilfts auch.



    Sucherlich gibt es auch Ausnahmen, und manches ist auch vom Aufgabenbereich zu heftig, aber daran kann man ja arbeiten.



    1 Jahr für die Gesellschaft Sozial oder Militär. Einfach ankreuzen.

    • Deep South

      @Jeff:

      "Wenn ich schon "Zwangsdienst" höre geht mir der Hut hoch"

      Mir auch. Ständig les ich hier etwas, von Solidarität, von gesellschaftlichen Engagement und von einer gespaltenen, egoistischen Gesellschaft. Von der Lenkungswirkung bei Gesetzen, bei Steuern, etc. Ob im Straßenverkehr, bei Genussmitteln, bei Ernährung, beim Reisen, etc. Da sind Aber immer wenns mal konkret wird und nicht der eigenen Agenda entspringt, dann isses Zwang.



      Der Artikel offenbart bestens, dass der Zusammenahng mit Wehrpflicht und Militärdienst großteils nur vorgeschoben ist. Es geht hier ganz banal um den "Zwang" zum Dienst und die "Freiheit und individuelle Lebensplanung junger Menschen".



      6 Monate beträgt aktuell der geplante Dienst. Das soll zuviel der Zumutung sein?



      Das könnte ein zu eins auch aus den neoliberlasten Ecken kommen. Nur die vorgeschobene Argumentation wäre eine andere.

    • Detlev Beutner

      @Jeff:

      Zwangsarbeit, die unter freier Wahl entweder mit der linken Hand oder der rechten Hand erledigt wird, bleibt Zwangsarbeit. Gleiches gilt für "Zivil- oder Wehrdienst" - selbst wenn man ohne "Gewissensprüfung" frei wählen könnte, bliebe es ein Zwangsdienst.

      Davon können ihnen die Totalverweigerer, die sich eben erst gar nicht in die militärische Landesverteidigung einplanen lassen wollen, ein Lied singen. Denn dann kommt das Strafgericht - vgl. uris-tkdv.de wo hunderte von Strafurteilen gegen Totalverweigerer dokumentiert sind.

      "Der Gesellschaft" hilft es übrigens eher gar nicht: Gerade der Zivildienst sorgt für einen noch strammeren Pflegenotstand. Kennen wir alles ausreichend aus der letzten Phase dieses Zwangsdienstes, sollte Grund genug sein, von militärischer Einplanung abgesehen, diesen Dienst nicht einzuführen.

      • Sonderzeichen

        @Detlev Beutner:

        Totalverweigerer verweigern dann konsequenterweise auch sämtliche ihrer Ansprüche an den Staat, oder?



        Nutzen keine Straßen, beziehen kein Arbeitslosengeld oder Bürgergeld, nutzen nicht das Gesundheitssystem, nicht die Wasserversorgung und Kanalisation...



        Bürger haben Rechte, Bürger haben Pflichten. ~1 Jahr Dienst für Bundeswehr ODER eine zivile Einrichtung, und das übrigens BEZAHLT, sind völlig in Ordnung und dem Gemeinwesen förderlich.



        Das sage ich als jemand, der niemals freiwillig in einer regulären Armee dienen möchte. Spätestens die zivile Option macht die Sache in meinen Augen vertretbar. Andernfalls wäre der Dienst vielleicht streitbar, aber immer noch nicht grundsätzlich falsch.

      • Jeff

        @Detlev Beutner:

        Zwangsarbeit ist, wenn man willkürlich Menschen zur Arbeit zwingt. Ein Gesellschaftlich vereinbarter, vergüteter Dienst ist etwas anderes. Durch das Gleichsetzen verwässert man nur die Bedeutung des Wortes. Ist das Ihre Agenda?



        Sprechen Sie bei Steuern und GEZ-Gebühren auch nur von Zwangsabgaben? Sie bedienen hier ultrarechtes Vokabular. Ich hoffe Sie sind sich dessen bewusst.

        Und: Es gibt/gab weit mehr Zivijobs als nur in der Pflege. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Küchendienst in einem Kinderkurheim für einen noch "strammeren" (Ihr Wort, klingt auch rechts) Küchenhilfennotstand gesorgt hätte.

  • TheDigit

    Wenn ich micht richtig erinnere, war der Zivi-Sold Mitte der 1990er Jahre 13,70 DM am Tag, mehr als ein Taschengeld war das auch nicht...

    • Jeff

      @TheDigit:

      Ich bakam 1987 über 700DM pro Monat, ohne jede Ausbildung und steuerfrei. Ich hatte ein kostenloses Zimmer und kostenlose Vollverpflegung. Hätte ich zuhause gewohnt und gegessen, hätte ich noch Wohngeld und Verpflegungsgeld bekommen. Ich konnte in meiner Umgebung für Lau die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.



      Ich bin aus dem Zivi mit einem verdammt guten Polster in die weitere Ausbildung gegangen, weil ich das Geld nicht alles versoffen habe.



      Klar, konnte man auch machen, dann hatte man das Polster eben vorm Bauch.

      In keinem Moment habe ich mich als Zwangsarbeiter gefühlt.

      Mit Totalverweigerern habe ich persönlich ein Problem: Verweigern ging. Wenn man das nicht durchbekam, nochmal probieren. Wieder nicht? Totalverweiger. Verstehe ich. Aber von vorn herein? Nö, kein Mitgefühl. Tut mir Leid.

  • Bluewater

    Der Wehrsold in der Grundausbildung Mitte der 90iger lag bei 405 Mark. Danach bei 450 Mark. Inflationsbereinigt circa 350 € heute. Verpflegung, Unterkunft, Heilfürsorge umsonst. Dafür sehr feste Arbeitszeiten, kaum Einfluss auf die Verwendung, Kasernierung. Befehl und Gehorsam, Druck, Drall, Geschwindigkeit. Verglichen damit ist ein Taschengeld von 676 €, plus mögliche Zuschüsse (max. 345 € Verpflegung und 285 € Unterkunft, Sozialversicherung über die Einsatzstelle) schon nicht wenig. Im Ehrenamt gibbet nichts, man bringt eher noch Geld mit. Zum Beispiel das eigene Benzin um überhaupt zur Unterkunft zu kommen und nebenbei weitere Helfer einzusammeln. Von den Behörden bekommt man nix, außer einen Tritt in den Hintern, wenn man nach einer Ersatzbeschaffung für den 30 Jahre alten Mannschaftstransporter oder die 40 Jahre alte Feldküche fragt. KatSchutz in Deutschland läuft weitgehend über ehrenamtliche Helfer, die in Einheiten dienen, die sich selbst finanzieren, die Ausrüstung und Ausbildung selber bezahlen und eigene Fahrzeuge und Material mitbringen. Aber hey, die Buftis sind unterbezahlt. Gottkaiser Merz, eile er zur Hilfe!

    • Gerald Müller

      @Bluewater:

      Sie haben 5 Uhr Aufstehen, Wachdienst (4 Stunden Wache, 4 Stunden Pause von Freitag 1800 bis Montag 0600, dann sofort fließender Übergang in den Normaldienst), Frieren bei -10 Grad in der freien Natur für mehrere Tage und Nächte usw vergessen. Nicht zu vergessen das Aufessen der abgelaufenen Lebensmittel der Lebensmittelreserve. Danach weiss man allerdings wovon man redet wenns ums Kriegführen usw geht.

  • Wolfgang Knura

    ...stimme voll und ganz mit einer Ausnahe zu: "...dann gibt es wenigstens einen Sold und kein Taschengeld": Ist lange her aber 1988 waren es 13 DM Sold am Tag + maximal 10 DM Essensgeld, bei Vollverpflegung gab es nix. Wenn das in ähnlichem Niveau kommen sollte, dann wird der Zivildienst so attraktiv, dass man zu einer Vollweigerung raten müsste.

  • Astrid Sehnefeld

    "Zwangsdienst ist nie gut, auch nicht für eine gute Sache"



    Gilt das auch für Gasheizungen, die perspektivisch verboten werden sollen?



    Gilt das auch für Verbrenner, die in naher Zukunft verboten werden sollen?



    Gilt das auch für Inlandsflüge? Gilt das auch für ein Tempolimit? Gilt das auch für höhere Fleischpreise für mehr Tierwohl? Gilt das auch für...



    Was auf der Welt funktioniert denn ohne Zwang?



    Steuern, Gesetze, Schulpflicht - alles Zwang.



    Zwang ordnet die Welt. Zwang ordnet jede Gesellschaft. Ohne Zwang würde Anarchie herrschen. Anarchie hört sich romantisiert nach der absoluten Freiheit an, der menschliche Egoismus gepaart mit Gier macht sie aber zum Alptraum



    Mir ist vollkommen klar, dass die Wehrpflicht in linken Kreisen ein maximales Triggerthema ist, so wie rechts die ÖRR-Gebühren.



    Der finale Rat im Artikel, "Die Regierung sollte lieber gesellschaftliches Engagement wesentlich stärker fördern" ist aber ein wohlfeiles Argument. Es dürfte auch dem Autor nicht entgangen sein, dass Ehrenamt nicht mehr im Trend liegt. Das ICH dominiert diese Epoche.



    Finden sie heute mal ehrenamtliche Trainer, Kassenwart, etc für Vereine.



    Der Zwang ist nötig, da die Freiwilligkeit nicht ausreicht

    • Sonderzeichen

      @Astrid Sehnefeld:

      Jetzt muss ich aber gerade ein bisschen lachen!



      Mir gefallen ja ihre Beiträge die ich in letzter Zeit gelesen habe alle recht gut, auch dieser.



      Witzig wird das ganze wenn man weiß, dass ich mich selbst als Anarchisten sehe, und Sie wohl eher konservativ sind.



      Aber ich stimme zu: Anarchie wird wohl immer ein Wunschtraum bleiben, und nur auf kleinen Skalen funktionieren. Die Menschen sind dafür noch nicht reif. Auch ich selbst wohl nicht. Vielleicht sind sie das niemals.



      Es ist mir aber ein Anliegen, so viel ungezwungenheit wie möglich für die Menschen zu schaffen. Aber natürlich haben Sie recht: ab einem gewissen Punkt funktioniert das in der Breite nicht mehr, man benötigt dann wieder Zwang...

    • Jeff

      @Astrid Sehnefeld:

      Sehe ich auch so. Mein größtes Problem ist das Wort Zwang an sich. Das benutzt der Rechte Rand.



      Steuern, GEZ etc. Ohne das gehts doch nicht. Was soll dieses Zwang-Gefasel immer.

      Außerdem sollten alle, Frauen wie Männer zu einm Gesellschaftsdienst antreten. Ein Jahr lang mal was anderes als Schule sehen ist nicht schlecht und dabei bekommt man auch mal was hinter den Kulissen mit. Ist doch eine super Erfahrung! Außerdem hat man genug Geld um die Familie nicht zu belasten und lernt vielleicht noch etwas.



      Zivistellen konnte man sich auch zu meiner Zeit fast aussuchen, es gab weit mehr als Bewerber. Ich hab ein Jahr und einen Monat an meinem Lieblingsurlaubsort gearbeitet. Grandios.



      Klar, gab auch Leute, die haben auf den letzten Drücker genommen, was noch zu Hause frei war. Haben sich dann aber auch nicht beschwert.

      Ehrlich gesagt, wenn ich das Wort Zwangsarbeit in diesem Kontext höre, denke ich, solche Autoren sollten sich dafür schāmen. Zwangsarbeit ist etwas sehr, sehr anderes. Oder sind das verkappte rechte?

    • Il_Leopardo

      @Astrid Sehnefeld:

      Aufklärung und Einsicht wären natürlich besser - aber ich sehe Ihren Punkt. Warum Frauen aber nicht "zwangsverpflichtet" werden, ist nicht nachzuvollziehen. Sie sind ja auch Teil der Gesellschaft - machen die Hälfte aus.



      Sie als Frau sind da aus dem Schneider und können die Moralkeule schwingen.



      Gut, ich habe mich in jungen Jahren auf meine Weise "entzogen". Heute denke ich, dass es besser wäre, wir hätten ein Berufsheer, also gut ausgebildete Freiwillige, die auch entsprechend gut bezahlt werden.



      Was halten Sie davon?

      • Astrid Sehnefeld

        @Il_Leopardo:

        Ich plädiere leidenschaftlich für einen Dienst der ALLE jungen Menschen umfasst, egal ob ihres Geschlechts ⚧️



        Siehe hier



        taz.de/Nein-zum-Zi...bb_message_5254341



        Ich könnte mir überdies auch ein soziales Jahr aus Ausgleich für ältere vorstellen, die beispielsweise ihren Beruf nicht mehr bis zum Renteneintritt ausüben können (bspw der berühmte Dachdecker), die aber vllt noch hervorragend anderswo in der Gesellschaft aushelfen könnten.



        Beim Zivi geht es ja nicht um Akkordarbeit und es geht auch nicht darum, dass es 40 Wochenstunden sein müssen



        Es geht um das Bewusstsein füreinander

        • Tiene Wiecherts

          @Astrid Sehnefeld:

          "Ich könnte mir überdies auch ein soziales Jahr aus Ausgleich für ältere vorstellen, die beispielsweise ihren Beruf nicht mehr bis zum Renteneintritt ausüben können (bspw der berühmte Dachdecker), die aber vllt noch hervorragend anderswo in der Gesellschaft aushelfen könnten."

          Dabei geht es natürlich nicht um die 809.000 Menschen (ca. 1% der Bevölkerung), die ohne Berufstätigkeit von ihrem Erbe/Vermögen leben und ganz bestimmt viel fitter sind, als Dachdecker am Ende ihres Berufslebens.

    • Thomas Westhoff

      @Astrid Sehnefeld:

      Vielen Dank für die Desillusionierung! Es sagt sich immer so leicht, was nicht freiwillig geleistet wird ist abzulehnen und die Lebensplanung der jungen Leute dürfe nicht vergessen werden. Wie wäre es, den Dienst an der Gesellschaft einfach in die eigene Lebensplanung mit aufzunehmen? Die meisten, die heute über ihren Dienst in den 80er und 90er Jahren reden, sehen diesen eher als Bereicherung denn als verschwendete Zeit.

      • Il_Leopardo

        @Thomas Westhoff:

        Meinen Sie jetzt den Dienst an der Waffe oder den Zivildienst? Ersteren sah ich als pure Zeitverschwendung an, zumal die große Katastrophe eben erst hinter uns lag. Für Zivildienst bin ich durchaus zu haben.

  • Grenzgänger

    Meinen ersten Zivildienstsold bekam ich Anfang Oktober 1980 ausbezahlt - es war nicht mehr als ein Taschengeld und es gab dazu nicht einmal eine Abrechnung vom Träger der Einrichtung. Dafür mussten wir erst auf die Barrikaden. Besser wurde der Sold davon allerdings auch nicht.

  • Philippo1000

    Eine Überschrift macht noch keinen Inhalt.



    Pflicht und Zwang sind übrigens zwei verschiedene Dinge.



    Ein Wehrpflicht würde im Übrigen die Möglichkeit des Ersatzdienstes mit sich bringen.



    Also „Zwang“ zu zwei wählbaren Möglichkeiten?



    Die Freiwilligkeit war übrigens Position der SPD, die das gegenüber der Union durchsetzte.



    Wenn nicht genügend Freiwillige zusammenkommen ist der Wehrdienst die zweite Option.



    Es geht dabei nicht um irgendwelche abstrusen Ideen darüber, dass Deutschland Krieg führen wolle.



    Es sieht eher so aus, als käme der Krieg zu uns.



    Hybride Angriffe sind schon seit längerem ein Problem, die gerade gefundene Drohne und das Überfliegen der Patriot Werft sollte aber auch den Letzten aufwecken, dass es hier um Verteidigung geht .



    Gerne wird auch über „Solidarität“ mit den baltischen Staaten gesprochen.



    Im Ernstfall sollen für die Solidarität aber wohl Andere einstehen.



    Viel wurde in der Vergangenheit auch über Rechte in der Bundeswehr berichtet, ein größerer Pool aus der Gesellschaft würde diesen Bestrebungen entgegen wirken.



    Es ist sinnvoll, wenn Menschen zum Beginn ihres Erwachsenen Lebens einen Dienst für die Gesellschaft machen. Sie werden damit tragender Teil.

  • Il_Leopardo

    Der Artikel ist ein wenig ungenau. Wehrpflichtig sind doch nur junge Männer, die alle den Fragebogen automatisch erhalten. Junge Frauen erhalten diesen doch wohl nur, wenn sie ihn anfordern. Umso verwunderlicher ist es also, wenn nur 4% ihn zurücksandten.



    Ich frag' mal etwas boshaft: Wenn der Wehrdienst ein "erheblicher Eingriff in die Freiheit und Lebensplanung junger Menschen" ist, warum mutet man ihn dann nur der einen Hälfte der Bevölkerung zu?