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Bundeszentrale gegen Kinderfiguren Benjamin, du lieber Anarchist

Kommentar von

Sølvi Nymoen

Die Bundeszentrale für politische Bildung soll Linksextremismus mehr in den Fokus nehmen. Dabei sind ihr schon Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg zu links.

E rinnern Sie sich noch an die aufregenden Abenteuer von Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg? Sie wissen schon, diese Hörspielfiguren unzähliger Kindheiten, die engagiert Geld für ihre Klassenfahrt sammeln oder einen Zoo retten?

Laut einem Text der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) aber verdienen diese vielgeliebten Kindergeschichten „keineswegs das Prädikat ‚wertvoll‘“. Und das liegt nicht etwa daran, dass der Autor des Textes aus dem Alter der Zielgruppe rausgewachsen ist und die Kassetten inzwischen albern findet. Nein, er sieht in ihnen die Gefahr der politischen Einflussnahme auf Kinder von links.

Der Text der bpb ist bereits aus dem Jahr 2005. Doch ein Blick darauf lohnt sich heute, angesichts der kürzlich durch die Nachrichten gegangenen Meldung, die bpb plane einen Kurswechsel und würde sich in Zukunft unter anderem verstärkt auf Linksextremismus fokussieren – ausgerechnet in einer Zeit, in der die AfD Umfragen zu den bevorstehenden Landtagswahlen anführt.

So zeigt der Text, dass an dieser Ausrichtung überhaupt nichts neu ist. Vielmehr zieht die bpb schon seit Jahrzehnten die Grenze zum aus ihrer Sicht problematischen linken Spektrum.

Umweltprobleme und faule Bürgermeister

Der Autor bemängelt, dass die Geschichten von Benjamin, Bibi und ihren Freun­d:in­nen häufig Bezug zu politischen Themen wie Umweltproblemen nehmen. Und sich die Hel­d:in­nen dieser Geschichten, die Vorbilder der leicht beeinflussbaren Kinder, stets politisch positionieren. Und zwar, verflixt noch mal, immer auf der Seite der Gerechtigkeit und im Interesse des Gemeinwohls.

Absichtlich werde Kindern bereits in frühen Jahren vermittelt, dass es moralisch richtig sei, sich für Umweltschutz einzusetzen oder für arme Klassenkameraden gemeinschaftlich Geld zu sammeln, damit auch diese mit auf die Klassenfahrt fahren können. Besonders schlimm sei jedoch, dass Po­li­ti­ke­r:in­nen und die Polizei stets als Gegner des Gemeinwohls dargestellt würden. Die Darstellung, Politik sei von Wirtschaftsinteressen beeinflusst und würde Bäume fällen, um eine Autobahn zu bauen, ließe Po­li­ti­ke­r:in­nen korrupt wirken.

Auch das Narrativ von Politiker:innen, die negative Berichterstattung über sich fürchteten, sei pauschalisierend. So werde der Bürgermeister des fiktiven Neustadt stets als faul dargestellt, besorgt darüber, dass kritische Berichte aufdecken, wie er in der Arbeitszeit Freizeitaktivitäten nachgeht. All das sei einseitig und würde somit dazu beitragen, dass Kinder nicht zu politisch mündigen Bür­ge­r:in­nen heranwachsen.

Der Autor bewertet die Handlungen der Hörspielfiguren und ihre Vorbildfunktion für Kinder also als gefährdend für die bestehende gemäßigte, demokratische politische Ordnung. Eine Ordnung übrigens, die sich den Erhalt des Status quo als Ziel setzt und geradewegs auf die Erhitzung des Planeten mit dem Kollaps der Zivilisation zusteuert, solange die Ausbeutung natürlicher Ressourcen finanzielle Profite abwirft.

Die Verhaltensweisen von Benjamin und Bibi seien da – problematischerweise – ökologisch, zivilcouragiert und basisdemokratisch, somit tendenziell anarchisch und deshalb links der politischen Mitte einzuordnen.

Ein Elefant auf der Straße

Die verstärkte Fokussierung der bpb auf Linkextremismus ist also nur die logische Handlung einer staatlichen Behörde. Die bpb ist kein unabhängiges Medium, das sich im Gegensatz zur Politik für einen sozialen und ökologischen Wandel einsetzen kann. Sie kann ausschließlich im bestehenden rechtlichen Rahmen agieren, was so weit geht, dass selbst friedliche, gemeinnützige Aktionen Benjamins und Bibis kritisch betrachtet werden.

Was würde passieren, wenn sich Benjamin und Bibi tatsächlich mal auf der Straße festkleben würden

Man möchte sich kaum vorstellen, was passieren würde, wenn sich die beiden Charaktere tatsächlich mal auf der Straße festkleben oder ein Rüstungsunternehmen blockieren würden. Vermutlich würden beide im Gefängnis landen und ihre Hörspiele nur noch auf dem Schwarzmarkt zu kaufen sein.

Dafür könnte die Gesellschaft aber große Hoffnungen in politisch agitierte Kinder setzen, die, infiltriert mit linker Ideologie, vehement für ihre Zukunft in einer Welt ohne apokalyptische Alltagsszenarien kämpfen. Und sich zum Glück keine Zelle mit Benjamin und Bibi teilen müssten, da sie noch lange nicht strafmündig sind.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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