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Religiöser Fundamentalismus in den USAKult der Härte

Robert Misik

Kommentar von

Robert Misik

„Katholibans“ wie J. D. Vance und Peter Thiel destillieren aus dem Christentum das Aggressive, das Strafende heraus – und nutzen es für ihre Agenda.

E s ist ein Charakteristikum der Clowns, die uns heutzutage regieren, dass man nicht immer genau weiß, ob sie zum Lachen oder zum Fürchten sind. Neulich gab es beispielsweise einen unterhaltsamen Streit zwischen Donald Trumps Bande und dem Papst. Die Welt wird „von einer Handvoll Tyrannen zerstört“, sagte Papst Leo. Trump und seine Leute brachte das auf die Palme. Vizepräsident J. D. Vance konterte mit drohendem Unterton, der Papst sollte „vorsichtig sein“ wenn er über Theologie spreche.

Wesentliche Teile der MAGA-Bewegung verwandeln die Republikaner in eine fundamentalistisch-religiöse Sekte. Der Journalist Thomas Assheuer hat unlängst in der Zeit den Verdacht geäußert, dass die „Religion gnadenlos zur Waffe umgeschmiedet“ wird. Kriegsminister Pete Hegseth gehört radikalen evangelikalen Gemeinschaften an. Auf seinem Körper hat er sich Kreuzrittersymbole eintätowieren lassen sowie den Gotteskriegerslogan „Deus vult“ („Gott will es“).

Dass es eine reaktionär-fundamentalistische Strömung im US-Protestantismus gibt, die nach politischer Macht greift, ist man schon länger gewohnt. Eher neu ist ein Fundamentalismus in der katholischen Szene. J. D. Vance gehört in dieses eigentümliche Milieu von „Katholibans“. Peter Thiel, der Milliardär, MAGA-Sponsor und Tech-Bro, ist eine der zentralen Figuren. Seit Jahrzehnten widmet er sich schon der Lektüre von René Girard, dessen Buch über „Das Heilige und die Gewalt“ zu den Schlüsselwerken philosophisch-theologischer Literatur zählt und durchaus verschiedene Lesarten zulässt.

Thiel liest auch gern den deutschen NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, der in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts mit „Politische Theologie“ und anderen Schriften zur Polit-Religiösität Texte vorlegte, die bis heute einflussreich sind, wobei Schmitt vor allem ein autoritärer Freund der Ordnung und weniger der fanatischen Ideen war.

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Seine „Politische Theologie“ umkreiste das Weiterleben von theologischen Konzepten in säkularen Begriffen der Gegenwart – so glaubte er, der „Ausnahmezustand“ wäre ein säkulares Äquivalent zum „Wunder“. Thiel hält Vorträge über den „Antichrist“ und über den „Katechon“, jene Macht, die das Diabolische aufhalten könne, was merklich von Schmitt beeinflusst ist. Schmitt sah in der seltsamen Figur des „Katechon“ den „Aufhalter“, der sich gegen das Unheil stemmt.

Der exklusive Wahrheitsbegriff des Monotheismus hat Rhetoriken der Strenge und Kompromisslosigkeit etabliert

Besonders hat es Thiel die Apokalyptik angetan. Dass der Milliardär in einem New York Times-Interview die Überlegung anstellte, jener Antichrist, der der nach der Weltherrschaft greife, könnte sich vielleicht in Greta Thunberg verkörpern, verlieh dem hohen Gedanken allerdings einen Schuss ins Lächerliche.

Das Christentum wird in einen Kult der Härte umgeformt und damit sogar in den Dienst eines extremen Neoliberalismus gestellt. Thiel hat unlängst in einem Talk mit einem rechten Youtube-Format darauf hingewiesen, dass das Christentum mit der Idee der Nächstenliebe aus seiner Sicht schon vor Jahrtausenden auf Abwege geriet, weil es den Opfern, den Losern, den Schwachen zugewandt war. Damit habe man den Starken ein schlechtes Gewissen eingeredet, was die Ursünde des Christentums sei. Lieber hätte er ein Christentum, das sich solcher Konzepte wie der Nächstenliebe entledigt und mit dem extremen Ego-Individualismus der Libertären besser vereinbar wird.

In diesen Milieus versucht man die menschliche Eigenschaft der „Empathie“ schlechtzureden. Die nennt man „Toxic Empathy“.

Für reichlich Gespött sorgte neulich US-Kriegsminister Pete Hegseth, der im Zuge einer Lobrede auf seine Militärs vermeintlich aus einem alttestamentarischen Vers zitierte, in dem er von der „großen Rache“ fantasierte und von der Vollstreckung göttlicher Strafe. Es stellte sich heraus, dass Hegseth eine Nonsens-Variante der Passage vortrug – aus einer Persiflage aus dem Filmklassiker „Pulp Fiction“. Der Missbrauch des Religiösen kommt Gotteslästerung längst verdammt nahe.

Aber zugleich ist das Zornige, das Aggressive, das Strafende in den Religionen angelegt, und besonders in den monotheistischen Religionen, die eine gewalttätige Unbedingtheit ins Feld des Religiösen eingeführt haben.

Viele Gelehrte, wie etwa der verstorbene Religionswissenschaftler Jan Assmann, haben darauf hingewiesen, dass der exklusive Wahrheitsbegriff des Monotheismus, dessen Unterscheidung zwischen dem wahren Gott und den falschen Göttern, Rhetoriken der Strenge und der Kompromisslosigkeit etabliert habe. Der Herr als „verzehrendes Feuer“, als „eifernder Gott“, von dem gesagt wird: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er.“ Einer der bekanntesten Sätze der Evangelien lautet schließlich: „Wer nicht für mich ist, der ist gegen mich.“ Das ist eine der furchtbarsten Formeln der Menschheitsgeschichte.

Hegseths Pastor berät

US-Kriegsminister Hegseth sieht die Militärs, die Iran bombardieren, nicht nur in einem geopolitischen Konflikt, sondern in einem Krieg „für Jesus“. Damit wird an eine Sprache angeschlossen, in der Heilserwartung und Vernichtung nah beieinander liegen. Es wird eine „Verbindung von Frömmelei und Blutrünstigkeit“ beschworen, und „militante Maskulinität mit christlicher Gewissheit“ (The Guardian) kombiniert. Hegseths engster religiöser Vertrauter, der Pastor seiner Gemeinde, ist beispielsweise für die Abschaffung des Frauenwahlrechts.

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Der Irrwitz strahlt auf christliche Szenen in Europa aus. Fundamentalisten, die früher ein Schattendasein gefristet haben, gewinnen im rechtsextremen Biotop und in Krawallmedien Aufmerksamkeit und infiltrieren katholische und protestantische Milieus, sie schwingen sich zu Verteidigern des christlichen Europas auf – und empfinden Rückenwind. Was vor wenigen Jahren noch der Narrensaum war, wird selbstbewusster: Sie träumen von einer Theokratie, in der Religion und weltliche Herrschaft nicht mehr getrennt sind.

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Robert Misik

Robert Misik

Geboren 1966, lebt und arbeitet in Wien. Journalist, Sachbuchautor, Ausstellungskurator, Theatermacher, Universaldilettant. taz-Kolumnist am Wochenende ("Der rote Faden"), als loser Autor der taz schon irgendwie ein Urgestein. Schreibt seit 1992 immer wieder für das Blatt. Buchveröffentlichungen wie "Genial dagegen", "Marx für Eilige" usw. Jüngste Veröffentlichungen: "Liebe in Zeiten des Kapitalismus" (2018) und zuletzt "Herrschaft der Niedertracht" (2019). Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik 2009, Preis der John Maynard Keynes Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik 2019.
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14 Kommentare

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  • Zu Thiel, Hegseth, Vance und dem ganzen restlichen evangelikalen und rechtskatholischen Trumpisten-Gschwerl fällt mir tatsächlich nur eines ein: "Otterngezücht" (auch wenn man den echten Ottern damit bitter Unrecht tut).



    Einer, der das Christentum vom Gebot der Nächstenliebe "befreien" will, ist alles Mögliche, aber auf gar keinen Fall ein Christ ...

  • Witzig ist jedenfalls, dass der katholische Konvertit Vance den (oder besser seinen) unfehlbaren Papst in theologischen Fragen belehren will. Wäre das nicht ein Fall für die Exkommunikation?

  • „Katholibans“ wie J. D. Vance und Peter Thiel destillieren aus dem Christentum das Aggressive, das Strafende heraus ...



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    Ist auch mMn. schlüssig! So wie das aussieht, sind DIE o.a. im Christad oder im Kreuzzug! Nur zu vergleichen mit den im Islam allgemein bekannten Gruppen!



    Der Unterschied! Die sitzen im Westen in einer mächtigen Regierung!



    Btw. Auch eine andere Interpretation scheint mir möglich!



    Nr. 47 & sein Fanclub würden mMn. jede andere Ideologie nutzen, wenn es politisch & finanziell etwas einbringt!



    Denn wenn die Evangelikalen im Bible-Belt Moslems, Nazis, Kommunisten usw. wären, würden mMn. die o.a. deren Lied pfeifen! :-(

  • Jede Religion ist am Ende mißbrauchbar, sieht man an Thiel und seinen Spießgesellen. Dass am Ende großmäulige und ihr Fähnchen in den Wind hängende Clowns wie Hegseth und Vance dröhnende Dummheit und charakterlosen, machtgierigen Opportunismus verbreiten sollte nicht dazu verleiten, diese Leute auf die leichte Schulter zu nehmen. Sie sind definitiv gefährltich.

  • Geht es nur mir so, dass Hegseth's "unverfängliche Tattoos" mit etwas Abstand recht verfänglich wirken?

  • Religion ist heilbar!

    • @MahNaMahNa:

      Na, offenbar ja nicht.

  • Und vom vielen OPIUM



    fiel unser alter Opi um.

  • Sehr interessanter Artikel. Wenn Thiel fordert, die Nächstenliebe aus dem Christentum zu entfernen, weil man sich damit den Opfern, den Losern und den Schwachen zugewandt habe, dann entkernt er völlig das Christentum. Das wäre so als wenn man sagt, Fußball wäre auf Abwege geraten, als man anfing, den Ball mit dem Fuß zu treten. Es wäre dann Handball und kein Fußball. Ich bin kein gläubiger Christ und ja, die Bibel ist voller Stellen, die sich widersprechen oder unklar sind, aber ein paar Dinge sind in den Überlieferungen zu Jesus doch sehr eindeutig und unmissverständlich.

    Aus dem Christentum eine Religion der Starken machen ist schon eine faszinierende mentale Verformung aller christlichen Lehren.

    • @Leon Kaz:

      Jesus ist in der Tat die größte Schwachstelle des Christentums. Wer die Geschichte und die Glaubenslehren des Frühchristentums kennt und was danach kam, der weiß, dass Jesus von Nazaret eines nicht war: Christ.

    • @Leon Kaz:

      Die mentale Verformung besteht längst seit Jahrhunderten. Durch diese Typen allerdings, wird selbst das noch weiter pervertiert. Mit solchen "Christen" machen wir dann gerne Geschäfte, etwa indem wir Palantir kaufen....

  • Grundsätzlich ein guter Artikel. Zwei Anmerkungen: alttestamentarisch ist ein besser zu vermeidende Bezeichnung. Neztestamentarisch gibt es ja als Äquivalent auch nicht. Alttestamentarisch wird grundsätzlich negativ verbrämt verwendet ( s.a. alttestamentarische Härte) und wäre damit schnell in einer zumindestens antijudaistischen Sicht auf Judentum und AT.



    Assmann hat eine diskursive Theorie aufgestellt, die er teils später selbst modifiziert hat. Seine Thesen immer als Tatsachen hervorzuzaubern stellt sie in eine gewisse Nähe zu Max Webers These der protestantischen Ethik, die bei genauer Betrachtung dann auf wissenschaftlich dünnen Beinchen daherkommt.

    • @Dominik Jürgens:

      Das "Neztestamentarisch" ist zwar nur ein Tippfehler aber mir fällt dazu spontan ein, dass die von Herrn Misik treffend als Clowns bezeichnete Trump Administration ja die religiösen Schriften auf die sie sich berufen doch überhaupt nicht gelesen haben, und ihre (Des-)Informationen aus dem Internet haben. Daher wäre in diesem Zusammengang "Netztestamentarisch" der richtige Begriff für diese wirre Religionsauslegung.

      • @Axel Schäfer:

        Sie haben natürlich recht: neutestamentarisch sollte es heißen:-)