Pro und Contra Ausgangsbeschränkungen: Übertrieben oder solidarisch?

Sind die Ausgangsbeschränkungen zu hart? Darüber wird auch innerhalb der taz viel gestritten. Ein Pro und Contra.

Eine dramatisch leere Strasse, nur zwei Passanten gehen, weit entfernt voneinander

Bei Corona schwer zu verbinden: individuelle Freiheit und Solidarität Foto: dpa

Das Wetter ist wunderbar und Ostern steht vor der Tür. Alle wollen raus, klar. Aber wo endet das Mindestmaß an Solidarität mit Älteren oder Vorerkrankten? Kurz: Sind die Ausgangsbeschränkungen übertrieben?

Ja, sagt Simone Schmollack

Die Ostseeinseln sind abgeriegelt, der brandenburgische Landkreis Ostprignitz-Ruppin hatte ursprünglich ein Einreiseverbot ausgerufen, es gilt ein Betretungsverbot für Berge in Bayern. Ausflüge ins Hamburger Umland sind ebenso verboten wie Parken an Ausflugsorten in Rheinland-Pfalz. Die Liste der Bewegungseinschränkungen und Verbote lässt sich fortsetzen, jedes Bundesland hat seine eigenen Grenzen gesetzt, die mal mehr, mal weniger eng sind. Dennoch gelten im ganzen Land mittlerweile äußerst strenge Regelungen.

Doch sind sie in dieser Krassheit gerechtfertigt? Helfen sie tatsächlich, die Zahl der Infektionen rasch einzudämmen? Vor allem: Sind sie politisch klug?

Derzeit sind 72 Prozent der Bevölkerung laut dem ARD-Deutschlandtrend mit dem Corona-Krisenmanagement der Bundesregierung zufrieden. Das ist ein sensationeller Zuspruch für Merkel und Co., den es so sonst nicht gibt. Das heißt also, die Menschen halten die Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote für legitim und richtig. Ebenso halten sich die allermeisten Menschen auch daran. In den Supermärkten und auf den Straßen sind die Menschen auf Abstand.

Schon klar, es sollen keine Viren von A nach B getragen werden. Aber nirgendwo sind Menschen geschützter und schützender als allein auf einem Zeltplatz, am weiten Strand, im Wald

Aber das könnte sich ändern: Wenn die Verbote allzu heftig werden und die Maßnahmen den Alltag stark einschränken, vor allem während der Osterfeiertage, wenn die Familien, die Homeoffice-Überdrüssigen, die Singles endlich mal wieder die Sonne spüren wollen. Einige Menschen entwickeln bereits Abwehrreaktionen gegen die restriktiven Maßnahmen, sie erkennen schlicht den Nutzen dahinter nicht mehr.

Warum darf die allein lebende, von Kurzarbeit betroffene Frau, die in Berlin seit einem Monat brav zu Hause hockt, jetzt nicht – weiterhin allein – vor ihrem Campingwagen in Brandenburg in der Sonne sitzen? Warum ist es dem älteren Ehepaar in Sachsen verboten, in den Wald zu gehen, weil der sich außerhalb des „Umfelds seines Wohnbereichs“ befindet? Wieso kann der hart arbeitende Krankenhausmanager aus Niedersachsen an seinem ersten freien Wochenende keinen Tagesausflug an den Strand machen?

Schon klar, es sollen keine Viren von A nach B getragen werden. Aber nirgendwo sind Menschen geschützter und schützender als allein auf einem Zeltplatz, am weiten Strand, im Wald. Anderen Spaziergänger*innen kann dort weiträumig aus dem Weg gegangen werden. Einen gefürchteten Massentourismus gibt es schon allein wegen der geschlossenen Hotels, Restaurants und Cafés ohnehin nicht. Stattdessen werden sich in den Städten die Parks füllen. Dort dürfte das Ansteckungsrisiko um ein Vielfaches höher sein. Oder werden die Parks dann auch geschlossen, weil sich zu viele Jogger*innen, Familien und Spaziergänger*innen zu nahe kommen könnten? Kommt es so wie in Paris, wo Sporttreiben tagsüber draußen bereits verboten ist?

Das ist absurd und kontraproduktiv. Man kann's auch übertreiben.

Nein, sagt Nina Apin

Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen und bald ist Ostern. Leider fällt die geplante Fahrt zu den Großeltern aus – Reisebeschränkung. Mit den Kindern oder Freunden zusammen in den Biergarten oder zum Eisessen? Geht auch nicht. Da hat man schon ein paar Tage frei – und dann soll man noch nicht mal mit dem eigenen Auto raus aufs Land dürfen, an den See oder ins Sommerhäuschen? Ist das nicht alles völlig überzogen? Befolgen wir nicht alle seit Wochen so brav die Corona-Regeln, dass sich die berühmte Verdopplungszeit bereits auf stattliche 16 Tage gesteigert hat? Da wird so eine kleine österliche Landpartie doch auch mal drin sein – unter Einhaltung der Hygieneregeln selbstverständlich.

Ja, die Kontaktbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus sind eine Zumutung. Immerhin sind Versammlungs-, Bewegungs- und Reisefreiheit Grundrechte, und es fühlt sich sehr, sehr falsch an, dass Polizisten in Uniform einem neuerdings vorschreiben dürfen, wohin man gehen darf und wohin nicht. Und ja, es ist absurd, dass jemand mit einer Datsche in Brandenburg nicht daran gehindert wird, diese anzusteuern – während Menschen mit einem Bungalow an der Mecklenburgischen Seenplatte oder mit Verwandtschaft am Chiemsee zum Umkehren gezwungen werden, weil die betreffenden Regionen sich abgeschottet haben.

Aber jetzt, in Woche vier des gesamtgesellschaftlichen Stillstands, da müsste auch klar sein: Die Solidarität der Jungen und Gesunden mit den Älteren und Vorerkrankten darf sich nicht auf Homeoffice-Arbeit beschränken. Solidarität heißt eben auch, freiwillig den Bewegungsradius klein zu halten, auf die kleinen Extras zu verzichten, im Sinne der Allgemeinheit.

Aber je mehr Menschen sich eine Ausnahme von den Corona-Verboten genehmigen in diesen schönen Tagen, desto größer wird die Ansteckungsgefahr für alle

Nur wenn sich möglichst viele möglichst wenig bewegen, kann die Ausbreitung des Virus verlangsamt werden. Deshalb sind Landtrips jetzt keine gute Idee: denn wenn man Wasser vergessen hat oder die Milch alle ist, geht man eben doch in den Laden, Kontakt und Ansteckungsmöglichkeit inklusive. Und es kann selbst bei kurzen Aufenthalten passieren, dass man sich den Fuß bricht. Und dann? Verstopft man eben doch das örtliche Krankenhaus.

Es fühlt sich an wie eine Bestrafung, sicher. Aber je mehr Menschen sich eine Ausnahme von den Corona-Verboten genehmigen in diesen schönen Tagen, desto größer wird die Ansteckungsgefahr für alle. Das Virus ist noch da und noch immer gibt es weder ein Medikament noch einen Impfstoff dagegen. Deshalb ist es jetzt ein dringend nötiges Zeichen der Solidarität, wenn Menschen, die über ein Privileg wie ein Wochenendhaus verfügen, auf dieses Privileg noch ein paar Wochen verzichten. Damit für diejenigen, die null privilegiert sind, die ohne Arbeit, ohne Garten, vielleicht auch ohne Internetzugang zum Recherchieren der Hausaufgaben oder ohne einen Partner zu Hause festsitzen und eine richtig miese Zeit haben, diese unerträgliche Situation möglichst bald aufhört.

Wenn jetzt Leute ernsthaft damit argumentieren, dass sie sich eine Extraportion Lockerung und Erholung verdient hätten, weil sie ja immerhin arbeiteten, dann sollten sie darüber nachdenken, wie das bei denen ankommt, die laut der jetzt geltenden Krisenlogik nicht „systemrelevant“ sind. Aber sich trotzdem an die Regeln halten.

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Jahrgang 1974, geboren in Wasserburg am Inn, schreibt seit 2005 für die taz über Kultur- und Gesellschaftsthemen. Von 2016 bis 2020 leitete sie das Meinungsressort der taz. Im März erschien ihr Buch "Der ganz normale Missbrauch. Wie sich sexuelle Gewalt gegen Kinder bekämpfen lässt" im CH.Links Verlag.

Ressortleiterin taz.de / Regie. Zuvor Gender-Redakteurin der taz und stellvertretende Ressortleiterin taz-Inland. Dazwischen Chefredakteurin der Wochenzeitung "Der Freitag". Germanistin, Slawistin, Journalistin.

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