Polizeipräsidentin bei Israel-Verein: From the river to the sea – mit dem Segen der Polizei
Berlins Polizeipräsidentin sprach als Ehrengast bei einem christlichen Verein. Der spricht Palästina das Existenzrecht ab und fördert Siedlungsbau.
Wer auf Berlins Straßen auch nur ein Versatzstück der propalästinensischen Parole „From the River to the Sea, Palestine will be free“ ruft, muss mit Festnahme, Anzeige und Strafverfahren rechnen. Wenn aber ein stramm christlicher Verein mit umgekehrter Stoßrichtung verlautbart, dass „Gott in der Bibel das Land Kanaan ‚vom Fluss bis zum Meer‘ exklusiv und unabänderlich dem jüdischen Volk zuspricht“, ist das für die Berliner Polizei offenbar kein Problem.
Im Gegenteil: Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel hat sogar als Ehrengast am „Israeltag Berlin-Brandenburg 2026“ des Vereins „Christen an der Seite Israels“ teilgenommen – ebenjener Organisation, die das Existenzrecht von Palästinenser*innen in Israel und Palästina infrage stellt.
Wie der Verein in den sozialen Netzwerken schreibt, kamen bei der Veranstaltung am 21. Februar in der evangelisch-methodistischen Kreuzkirche im Berliner Ortsteil Lankwitz „über 400 Israelfreunde und -interessierte aus verschiedensten Gemeinden und Hintergründen“ zusammen, „um ihren Gott zu feiern und ihrer Verbundenheit mit dem jüdischen Volk Ausdruck zu verleihen“. Dabei habe man „inbrünstig gesungen und hoffnungsvoll gebetet – insbesondere für unsere Berliner Polizei“.
Auf dem Programm standen demnach „bewegende Berichte mutiger Leiter aus der Hauptstadt“ – etwa von Barbara Slowik Meisel, die „als Polizeipräsidentin Berlins aus dem polizeilichen Alltag seit dem 7. Oktober 2023“ berichtet habe. Fotos zeigen sie in Polizei-Uniform bei der Veranstaltung. Neben Slowik Meisel waren die Aktivistin Karoline Preisler sowie der Bild-Reporter Iman Sefati zu Gast. Abgerundet wurde das Event dann noch mit „tiefgehenden biblischen Impulsen zu Gottes Plänen mit Israel“.
Empfohlener externer Inhalt
„Christen an der Seite Israels“ hat sich 1998 gegründet. Der Verein mit Sitz in Herrenberg in Baden-Württemberg organisiert Gruppenreisen aus Deutschland nach Israel, veranstaltet eine „Israel-Akademie“, betreibt eine eigene Jugendorganisation und sammelt Spenden. Die Gelder gehen etwa an eine israelische Anti-Abtreibungs-Organisation, an Jüd*innen, die nach Israel auswandern wollen („Die Bibel prophezeit ihre Rückkehr nach Israel […] Jetzt ist die Zeit für uns Christen, mitzuhelfen das jüdische Volk nach Hause zu bringen!“) und an das Projekt „Israel im Krieg“.
Besonders brisant: Wie Recherchen des Zenith-Magazins zeigen, unterstützte „Christen an der Seite Israels“ in der Vergangenheit auch das Spendenprojekt „Judäa und Samaria“ der Organisation „Christian Friends of Israeli Communities Heartland“ (Christliche Freunde der israelischen Gemeinden im Kernland).
Initiative fördert illegalen Siedlungsbau
Die Initiative fördert Aktivitäten in illegalen israelischen Siedlungen im völkerrechtswidrig besetzten Westjordanland, darunter den Bau von Spielplätzen und Bibliotheken sowie die Errichtung einer Wasserversorgung. Die Zuwendungen werden zudem für „Sicherheitsausrüstung“ eingesetzt, angeblich etwa Zäune und Überwachungskameras. Das sei nötig, behauptet die Organisation, weil es der israelischen Armee oft an Ressourcen mangele, um den vollständigen „Schutz“ jeder Gemeinde zu gewährleisten.
Es waren mutmaßlich diese Verstrickungen, die im vergangenen Jahr den Antisemitismusbeauftragten der Bundesregierung, Felix Klein, dazu veranlassten, die Schirmherrschaft für eine Veranstaltung von „Christen an der Seite Israels“ wieder abzusagen. Für Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel stellen die Ansichten und Aktivitäten der Organisation aber kein Problem dar?
Auf taz-Nachfrage erklärte ein Polizeisprecher dazu, die Polizei Berlin sei zur politischen Neutralität verpflichtet. „Maßgeblich für die Teilnahme an Veranstaltungen oder einer Zusammenarbeit ist, dass diese im Rahmen der geltenden Rechtsordnung stattfinden.“ Slowik Meisel sei vom Verein offiziell als Behördenleiterin zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden. „Die Bezeichnung Ehrengast wurde in diesem Zusammenhang als Ausdruck der Höflichkeit und Wertschätzung des Einladenden verstanden.“
Der Vortrag und die anschließende Podiumsdiskussion hätten dem Zweck gedient, die polizeiliche Arbeit vor dem Hintergrund des Nahostkonfliktes zu erläutern und zu diskutieren, so der Sprecher weiter. „Die politischen Positionen des Veranstalters wurden durch die Polizeipräsidentin nicht kommentiert oder bewertet.“
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