Planetarer Generationenvertrag: Nicht O.K., Boomer

In der Coronakrise tragen die Jungen das Vorsorgeprinzip mit. Die Klimakrise aber bleibt ungelöst. Wann zahlen die Älteren an die Jüngeren zurück?

Jugendliche Demonstranten mit Pappschildern, auf den Klimaprotest-Slogans stehen

Post-Boomer am 18. Mai in Berlin Foto: Stefan Bones/Ipon/imago

Es brauchte 3,7 Milliarden Jahre, bis der Mensch so weit entwickelt war, wie er heute ist. Diesen Entwicklungsstand, und speziell den der Männchen mag man für mau halten, aber man kann es auch so sehen, dass wir in einem Universum von zwei Billionen Galaxien eine unfassbar privilegierte Stellung zugewiesen bekommen haben, die wir als Species seit kurzer Zeit so umfassend auskosten, dass das System des Planeten kollabiert. Es braucht jetzt dringend eine sachgemäße Kühlung der Erdoberfläche.

Das ist der Rahmen, den man in den großen und gern auch den kleinen Krisen des Jetzt aus den Augen verliert. Aus bekannten Gründen ist speziell unsere bundesdeutsche Gegenwart mit der jüngeren Vergangenheit verknüpft. Und nun geht es in diesem Moment, da die Staats-Billiarden in Europa rausgetan werden, um eine strukturelle Verknüpfung mit der Zukunft. Also nicht nur ‚Nie wieder‘ sondern auch ‚So wie noch nie‘.

Das ist leicht gesagt, aber wie soll das gehen, wo in der pandemischen Erschütterung die herrschende Sehnsucht nach dem ‚So wie immer‘ noch stärker ist? Eine zentrale Sache ist die Verstärkung einer neuen Perspektive – jener der jungen Menschen. Die „Normalität“, die wir uns so denken, ist immer noch weitgehend eine männliche Boomer-Welt, also geprägt von den privilegierten westdeutschen Nachkriegs-Babyboomerjahrgängen (und vergrößert durch die sich aus verständlichen Gründen anschmiegende Generation X).

Diese Leute zwischen 40 und 75 sind nach unserem Verständnis gar nicht homogen. Aber wir blicken hier mal in einer Art kosmischem Kontext drauf. Und da sind sich viele in der Grundstruktur ähnlicher, als sie es im Alltag des konsumistischen, ästhetischen, moralischen und politischen Differenzierungstrebens wahrnehmen können.

Die Jungen werden jetzt doppelte Opfer

Während die Jungen in der Coronakrise entgegen einer verzerrten Medienwahrnehmung das politische Vorsorgeprinzip mittragen, das insbesondere das Leben der Älteren schützen will und die Kosten wohl überwiegend den Jungen überlässt, haben die Boomer den Jüngeren bisher die Risikovermeidung versagt, indem sie die Kosten einer ernsthaften Klimapolitik nicht mittragen wollen.

Dadurch werden die Jungen jetzt doppelte Opfer. Wenn sie den Boomern nicht klarmachen können, dass die jetzt zurückzahlen müssen – und das bedeutet, die Corona-Krisenbewältigung mit Klimakrisenbewältigung und Transformationswirtschaft zu koppeln. Wenn den schon sehr ICH-igen Boomern alles nach ihnen schnurz ist, weil sie definitiv ihren Spaß gehabt haben, dann war es das. Aber vielleicht hilft es, ihnen die andere Welt zu zeigen, die sichtbar wird, wenn die Lebensperspektive bis ins 21. Jahrhundert reicht.

Aus dieser verlängerten Weltperspektive ergibt sich zwangsläufig eine andere Politik. Deshalb ist es albern, dem Grünen Bundesvorsitzenden Robert Habeck vorzuwerfen, er wolle das Wahlrecht ja nur auf 16 senken, um damit junge Wähler zu gewinnen. Ja, was denn sonst? Jemand muss die Post-Boomer-Welt vertreten. Ob die Grünen diese Partei sein können, ist unklar. Klar ist aber, dass es für die Lebensperspektive der Unter-40jährigen dringend eine weitgehendere politische Repräsentation braucht als bisher. Eine klimapolitisch und sozialökologisch grundierte Vergabe der Corona-Milliarden folgte daraus praktisch zwangsläufig.

Tja, Unfried, höre ich neuerdings süffisant: Und wie passt da die Forderung des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann nach einer Prämie für Autos mit Verbrennungsmotoren dazu? Bei aller Sorge um die Beschäftigten in der baden-württembergischen Zulieferer-Industrie: Gar nicht.

Aus Sicht der Jungen ist das Restauration der Boomer-Welt. Und nicht O.K.

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Chefreporter der taz, Chefredakteur taz FUTURZWEI, Kolumnist und Autor des Neo-Öko-Klassikers „Öko. Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“ (Dumont). Bruder von Politologe und „Ökosex“-Kolumnist Martin Unfried

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