piwik no script img

Nach dem CSD-Anschlag Das falsche Versprechen von Sicherheit

Jonas Wahmkow

Kommentar von

Jonas Wahmkow

Konservative und Rechte wollen uns glauben machen, mit Fußfesseln und Co könne man Anschläge verhindern. Aber wir brauchen eine vernünftige Debatte.

D er CSD-Anschlag war wie jeder Terrorakt auch ein gesellschaftlicher Kontrollverlust: Das Zusammenleben, wie wir es kennen und für selbstverständlich erachten, ist für einen Moment auf schreckliche Weise unterbrochen. Das Vertrauen darin, sich ohne Angst, besonders als queere Person in einer feiernden Menschenmenge zu bewegen, ist erschüttert.

Das Bedürfnis, dieses Vertrauen und diese Kontrolle wiederzuerlangen, ist nach einem Terroranschlag groß. Deshalb beschäftigen wir uns fast schon obsessiv mit der Frage, was falsch gemacht wurde und wer welchen Fehler gemacht hat und wie man sie in Zukunft vermeiden kann. Wie hätte der Anschlag auf den Berliner CSD verhindert werden können?

Es sind vor allem die Rechten, die auf diese schwierige Frage schnelle und einfache Antworten liefern. Noch Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) etwa fordert Fußfesseln, Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) Präventivhaft, sein Parteikollege Markus Söder schlägt einen vorsorglichen Führerscheinentzug für Gefährder vor.

Besonders KI-getriebene Überwachungstechnologien werden von Wegner und seinen Par­tei­kol­le­g:in­nen als Heilsbringer angepriesen: Auf magische Weise hätten die Algorithmen vorhergesagt, dass Abdul B. einen Anschlag plant. Mit erweiterten Rechtsbefugnissen hätten die Behörden B. in Präventivhaft gesteckt und Schlimmeres verhindert.

Mehr Überwachung, weniger Sicherheit

Die bittere Wahrheit ist, hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Einzeltäter wie Abdul B. brauchen nur ein Auto und ein Messer für ihre grausigen Taten

Man muss kein Kriminalexperte sein, um zu ahnen, das solch ein Vorgehen nicht für mehr Sicherheit sorgt. Wenn Menschen aufgrund eines wahrscheinlichkeitsbasierten Algorithmus in den Knast geworfen werden, trifft es vermutlich einige, die tatsächlich einen Anschlag planen, aber auch Unschuldige, meist Angehörige ohnehin schon diskriminierter Minderheiten. Der Pauschalverdacht gehört zur grundlegenden Funktionsweise algorithmischer Überwachung. Besser lässt sich der Hass auf Staat und Mehrheitsgesellschaft nicht schüren.

Die bittere Wahrheit ist, hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Einzeltäter wie Abdul B. brauchen nur ein Auto und ein Messer für ihre grausigen Taten. Aufwendige Planungen, die Spuren hinterlassen, gibt es nicht. Und der Pool an orientierungslosen und frustrierten jungen Männern, die sich von extremistischen Ideologien aufstacheln lassen, wird in Zeiten erodierenden sozialen Zusammenhalts und wachsender gesellschaftlicher Spaltung immer größer.

Das bedeutet nicht, dass man nichts tun kann und sollte. Doch statt dem Ruf nach immer mehr staatlicher Überwachung nachzugeben, sollten wir lernen, mit Unsicherheiten zu leben. Ver­an­stal­te­r:in­nen und Polizei können Sicherheitskonzepte überprüfen und optimieren, Sozialarbeit an Schulen kann verstärkt werden, um auffällige Jugendliche schneller zu erreichen. Auch mehr Geld für Aufklärungs- und Deradikalisierungprogramme sind sicherlich hilfreich.

Doch auch diese Maßnahmen können höchstens das Risiko minimieren und sind keine Garantie dafür, zukünftige Anschläge zu verhindern. Erst wenn wir das anerkennen, können wir eine vernünftige Debatte über politische Konsequenzen führen.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen

Jonas Wahmkow

Jonas Wahmkow

Schreibt Geschichten aus dem Spätkapitalismus. Redakteur für Arbeit, Wirtschaft und Care im Berlin Ressort.
Mehr zum Thema

18 Kommentare

 / 
  • Ich komme ja aus der repressiven Sowjetunion (baltische Staaten) und war seit der Jugend und bis noch vor 10-15 Jahren Linker, bevor die Entfremdung mich in die Mitte (SPD, CDU, Grüne) getrieben hat.



    Was ich nie richtig verstanden habe bei deutschen Linken, warum sie so gegen Überwachung und "Law and Ordner" sind. Vielleicht haben sie kein so misanthropisches Menschenbild wie ich? Ich bin ein Freund jeglicher Überwachung (z.B. wie in China + deren "Social Score") und strengen Gesetzen wie in Malaysia oder Singapur. Das ließe sich auch mit unserem Grundgesetz vereinbaren. Ich hätte weniger Angst auf der Straße. Die Wohnung zu verlassen ist für mich ein "Spießrutenlaufen" seit ich hier Lebe. Seit der Flüchtlingskrise ist es noch schlimmer (aggressiv auftretende (streng religiös) Junge Männer).

    Und an die Schlaumeier "dann wandere doch dorthin aus". Umfeld, Freunde verlassen? Niemals! Und kein Geld!

  • Die Grauen Wölfe hatten doch schon Ende der 90gern in Kreuzberg ihr Büro im gleichen Gebäude, wie das SO 36. So fuhr mensch im Fahrstuhl zum Plenum für den T CSD in der Büroetage mit Islamisten, von denen mensch ahnte, dass sie einen eher hassten. Sie waren höfflich& es war trotzdem gruselig. Die Wölfe wurden nie verboten.Später,als 2Typen 1 Lesbenpaar angriffen, lief das Gerücht in der Protestdemo,die Täter kämen aus diesem Millieu:ist wahrscheinlich.Es lässt sich nicht so tun, als wenn es nicht,in allen Religionen patriarchal Autoritäre Gruppen gibt,die Muslime sind da davon, die bei uns auch noch von der Mehrheitsgesellschaft+AfD rassistisch in eine Ecke mit ihren Fundamentalisten gestellt wird:blind sein ist Gefahr! Bei den Christen&Judeo Supremazisten wird das nicht gemacht(oder wie?),nur sind die bei uns wahrscheinlich einflussreicher&= gefährlicher? Nur die haben kein IS artiges Programm globaler Terroristen.Sie haben dafür nur Trump+ICE. Was mir mehr Angst macht?Alles &daß die hiesigen Politnasen dem Trump Fascho Freunden nur gehorchen wollen: dann hier Listen für Homos& Psychiatriebetroffene schreiben&für Palanthir KI einsetzen. Dagegen ist ein Individuum rel.machlos!!

    • @R.L.:

      Ehrlich gesagt verstehe ich Ihren Beitrag nicht so richtig, aber eines muss ich doch berichtigen. Die Grauen Wölfe sind keine Islamisten, sondern türkische Rechtsradikale

  • Menschen die Islamisten werden kommen aus allen Schichten, Lebenslagen und Hintergründen. Eine Menge deutscher IS Anhänger sind Konvertiertiten oft aus mittelschicht Familien. Genauso bei Rechten, oder will jemand behaupten Weidel, Höcke oder Gauland machen das weil es sie nicht dazu gehören? Manche Menschen sind einfach arschlöcher die man wegsperren sollte bis der Sensenmann das Problem löst. Nicht jeder muss Resozialiert werden manche Menschen legt man besser in Ketten und lässt sie 18h am Tag Steine klopfen und gut ist.

    • @Machiavelli:

      Wenn sie den Tatbestand "A...loch sein" wirklich ins StGB aufnehmen wollen, wir man wohl sehr, sehr viele neue Gefängnisse bauen müssen.

    • @Machiavelli:

      P.S.



      Beim Steinklopfen stimme ich Ihnen aber zumindest zu.

  • *seufz* Ja, das ist aber auch jedes Mal das gleiche. Die Menschen werden es nicht mehr lernen, insbesondere die Deutschen. Sie wollen alles 150% abgesichert haben. Selbst der Tod muss sicher sein. Wenn irgendwas passiert - Kuchen nicht gelungen, Unfall gebaut, Todesfall, Krankheit, Anschlag, Job doof - immer muss jemand Schuld sein und eine Versicherung zahlen.

    Ebenso ist es Tradition, dass dann sofort die PolitikerInnen in den Tanz einsteigen, nach "härteren Strafen", "schärferen Gesetzen", "weitgehenderen Befugnissen (für welche Staatsschergen auch immer)" krakelen.

    Ich habe keine Ahnung, was man gegen diese Verblödung machen kann. Vielleicht á la George Bernhard Shaw, dass man ihnen ihre heißesten Wünsche einfach mal erfüllt: jeder bekommt zwei Polizisten an die Seite, die ihn kontrollieren - am besten präventiv mit Handschellen oder wenigstens elektr. Fußfesseln. In Bayern schon länger gerne auch verfassungswidrig einfach mal eingesperrt, ohne dass man etwas verbrochen hat. Mal sehen, ob das den Leuten auch noch gefallen würde. Wollt ihr die totale Sicherheit? *lautes zustimmendes Geschrei*.

    Für SF-Fans: der Film "Colossus"



    de.wikipedia.org/wiki/Colossus_(Film)

  • Eher überrascht darüber, dass so wenig passiert, möchte ich doch mal hinterfragen, was eine Fußfessel eigentlich bringen soll. Trotz einer Fußfessel kann sich eine Person mit einem Messer ausgerüstet in ein Auto setzen, in eine belebte Einkaufsstraße einbiegen und ein Dutzend Menschen ums Leben oder die Gesundheit bringen. Der Täter in München ist meines Wissens vor der Tat nicht auffällig geworden, hat sich innerhalb kürzester Zeit selbst radikalisiert und in die Verdi-Veranstaltung gerast. Wie hätte man das verhindern können?

  • “Hundertprozentigen Schutz vor Vergewaltigungen kann es nicht geben. Gerade junge Männer sind schwer kontrollierbar. Daher sind Fussfesseln wie in Spanien und ein Nur-Ja-heißt-ja-Gesetz sinnlos.”

    Erklär mir, warum das Unsinn ist, das Gleiche in Bezug auf islamistischen Terror aber nicht.

    • @Suryo:

      Eigentlich ganz einfach, wenn man es nur verstehen will.

      Das spanische Modell: Täter und Opfer tragen in Spanien ein elektronisches GPS-Gerät bei sich. Beim Täter ist es am Körper fixiert, die zu schützende Person trägt es wie ein Smartphone bei sich. Sobald der Abstand zwischen beiden weniger als 500 Meter beträgt, schlägt das System Alarm, und die Polizei kann schnell reagieren.

      Möchten Sie also alle an einer Demo Teilnehmenden und auch normale Passant*innen, also eigentlich Jede*n mit Warngeräten ausstatten? Und ebenso jeden Gefährder (sind ja anscheinend immer Männer, die mit Hilfe von Autos morden), der in der Stadt unterwegs ist? Denn wenn nur die Polizei weiß, wo er sich befindet, stellt sich mir doch die Frage: wann genau ist der Abstand zu wem genau unterschritten, ab dem es bedrohlich wird?

      • @Klabauta:

        Reicht doch wenn an allen Rändern der Demo jemand e9nen Sender trägt?!

  • Dass es keine 100%ige Sicherheit gibt, ist eine Binsenweisheit. Damit kann man aber keine Debatte abwürgen.

    Deradikalisierungsprogramme und Sozialprojekte sind toll, und sollen nicht gekürzt werden, aber die gab es in diesem Fall zuhauf, und sie haben diesen Anschlag nicht verhindert! Die Deradikalisierungs-Organisation hat zwar erkannt, dass Ballout wohl einen auf "Wolf im Schafspelz" macht, aber fand es nicht der Mühe Wert, diese Einsicht mit den Behörden zu teilen.

    Fußfesseln und eine engmaschigere Überwachung hingegen hätten diesen Anschlag sehr einfach verhindert, Herr Wahmkow.

  • Der Hinweis, 100 prozentige Sicherheit werde es nicht geben mag zwar richtig sein, nur hilft er nicht im geringsten weiter, den er ist allenfalls eine Entschuldigung für das Nichtstun. Niemand erwartet 100 prozentige Sicherheit, sondern nur mehr Sicherheit, insbesondere dann, wenn sich bestimmte Tatmuster wiederholen. Das ist mein Anspruch an die Politik.

    Dazu gehört es, Taten aufzuklären, Täter zu benennen, Fehler zu beschreiben und Verbesserungsvorschläge zu erörtern.

    Was nicht hilft ist die Tat auszunutzen und Forderungen anzustellen, die nichts aber auch garniert zur Verhinderung der Tat beigetragen hätten.

  • "Die bittere Wahrheit ist, hundertprozentige Sicherheit kann es nicht geben. Einzeltäter wie Abdul B. brauchen nur ein Auto und ein Messer für ihre grausigen Taten"

    Aber natürlich ist das auch nur ein Teil der Wahrheit. Niemand behauptet das es "hundetprozentige" Sicherheit geben kann. Aber dass ein verurteilter terroristsicher Gefährder auf Bewährung, einfach so einen Transporter mieten kann und sich ungehindert einer Veranstaltung nähern und Menschen töten kann, kann man scvhon verhindern. Das BVerfG hat für die Fußfessel längst grünes Licht gegeben.



    Selbstverständlich haben die Menschen ein Recht darauf, vor solchen Straftätern bestmöglich geschützt zu werden. Bei Sexualstraftätern, Stalkern, notorischen Schlägern isses hier überhaupt kein Thema, Fußfesseln zur Überwachung als probates Mittel zu betrachten. Aber bei radikalisierten Menschen, die sich Terrororganisationen anschließen wollen und Anschläge planen nicht?



    Klingt für mich absolut unglaubwürdig und ist meiner Meinungn nach Wasser auf die Mühlen der Rechten.

    • @Deep South:

      Puh, Sie machen es sich hier wirklich zu einfach. Fußfesseln sind kein Problem? Natürlich sind sie das, sie sind ein tiefer Eingriff in die persönliche Freiheit, nur wer hoch gefährlich ist kann diese (unter hohen rechtlichen Hürden, die völlig zurecht bestehen) diese verpasst bekommen.



      Und selbst wenn Sie den terroristischen Gefährder komplett aus dem sozialen Leben ausschließen, ihn keine Autos mehr mieten oder Messer kaufen lassen, es wird immer einen Weg geben, mit krimineller Energie, diese Hürden zu überwinden.



      Es ist völlig unglaubwürdig, eine Scheinsicherheit vorzugaukeln, die es nicht gibt.

  • "Das falsche Versprechen von Sicherheit" suggeriert, dass Sicherheit eine Illusion ist. Im kosmischen Maßstab ist das gewiss so, aber im irdische eigentlich nicht so sehr. Es sind wir selbst, die Lebensverhältnisse schaffen, die Kriminalität und Terrorismus erzeugen und fördern. Natürlich kann man darauf reagieren, wie wir es aus amerikanischen Polizeiserien kennen, fast überall Kameras die angezapft werden können, GPS-Tracker, Gesichtserkennung, und Zugriff auf alles und überall. Das würde helfen, aber eben nur bedingt. Besser wären durchweg lebenswerte Verhältnisse und eine aufrichtige und transparente Reflektion unserer Blasen in denen wir leben, unserer Glaubenssätze und Ansichten. Corona hatte gezeigt wie anfällig die Menschen für Fehlinformation sind und wie leicht falsche Behauptungen nachgebetet werden und wie aggressiv Menschen werden können aus diesem Glauben heraus. Und natürlich darf eine Islamkritik nicht einfach islamophob genannt werden und die Bereitschaft zur Vernichtung der Kritiker und der "Ungläubigen" hervorrufen.

    • @shitstormcowboy:

      Der Islam ist nicht per se kriminell. Sowenig wie Judentum oder Christentum. Fundamentalistische extremistische Ausprägungen dessen schon. Darum ist das Wort "Islamkritik" hier nicht ganz passend.



      Als strenggläubiger Atheist kann ich aus guten Gründen mit keiner Religion etwas anfangen, egal ob kriminelle Ausprägung oder gemäßigter Schwachsinn. Aber die Differenzierung zwischen Islam und Islamissmus muss schon sein.

      • @Jalella:

        Bei allen Begriffen, die auf -ismus oder -tum enden, werde ich immer ganz kiebig.



        Ausnahme: Buddhismus.