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Muslimfeindlichkeit nach 9/11 Plötzlich waren wir alle gemeint

Derya Türkmen

Kommentar von

Derya Türkmen

Die Anschläge vom 11. September 2001 brachten im Westen ein neues Feindbild hervor. Schnell standen Mus­li­m*in­nen unter Generalverdacht.

A ls die Anschläge am 11. September 2001 passierten, war ich neun Jahre alt. Noch ein Kind, das zum ersten Mal begriff, was es bedeutet, Angst um das Leben eines Menschen zu haben, den man liebt. Vielleicht begriff ich damals auch zum ersten Mal, was Tod überhaupt bedeutet. Und dass Menschen dazu fähig sind, andere Menschen zu töten.

1997, vier Jahre zuvor, besuchte ich mit meiner Familie meinen Onkel in den USA. Er lebte in New Jersey, für mich allerdings war damals alles New York City. Mein absolutes Highlight war es, auf der Aussichtsplattform des World Trade Centers im 107. Stock des Südturms der Twin Towers zu stehen. Ich erinnere mich an die Lichter der Stadt unter mir und daran, wie spektakulär schön ich die Aussicht fand. Und wie unheimlich zugleich. So hoch oben war ich noch nie gewesen.

Am 11. September 2001 sah ich diese Türme in den Nachrichten wieder. Den schwarzen Rauch über Manhattan. Menschen, die panisch durch die Straßen rannten und solche, die aus den Türmen in die Tiefe sprangen. Immer wieder liefen dieselben Bilder. Ich verstand nur langsam, dass die Flugzeuge nicht aus Versehen in die Türme geflogen waren.

Menschen hatten das geplant. Sie wollten andere Menschen töten. Warum, verstand ich nicht. Auch nicht, was Islamismus war oder was Religion damit zu tun haben sollte. Für mich gab es in diesem Moment nur eine Frage: Wo war mein Onkel?

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Ich dachte, er könnte einer der Menschen sein, die man dort sterben sah. Meine Eltern hatten bereits mit ihm telefoniert, sie sagten mir, dass er in Sicherheit sei. Sie riefen dann noch mal bei ihm an. Erst als ich seine Stimme hörte und er mir bestätigte, dass es ihm gut ging, glaubte ich es.

2006 flogen wir wieder zu ihm. Diesmal um von ihm Abschied zu nehmen, denn er lag nach einer langen Krankheit im Sterben. Mein Vater trauerte. Das sah man ihm an. Seine Haare waren länger als sonst und sein Bart war schon lange kein Dreitagebart mehr. Bei der Einreise in die USA wurde er aus der Schlange gezogen und in einen separaten Raum gebracht. Erst Stunden später kam er zurück. Er war ganz ruhig und sagte nichts. Ich war 14. Ich verstand, was da passierte. Doch wir sprachen es nicht laut aus.

Ein neues Feindbild

Durch den 11. September war im Westen ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist. Geprägt wurde es in den folgenden Jahren von einem Namen: Osama bin Laden. Der Anführer des für die Anschläge verantwortlichen Terrornetzwerks al-Qaida war mit seinem Bart und Turban in den Nachrichten allgegenwärtig. Seine Bilder prägten die Vorstellung davon, wie ein gefährlicher muslimischer Mann aussah.

Und Murat Türkmen, mein Vater, passte nun ebenfalls in dieses Bild. Türkischer Pass. Schwarze Haare. Bart. Mit al-Qaida hatte er nichts zu tun. Wie religiös er war, interessierte in diesem Moment niemanden.

In Deutschland wurde immer mehr über „den Islam“ gesprochen. Über Terrorismus, aber auch über Kopftücher. Über Islamismus, aber auch über Moscheen. Über Sicherheit, aber auch über Integration und Parallelgesellschaften. Darüber, ob „der Islam“ überhaupt zu Deutschland gehöre. Begriffe rückten zusammen, die nicht dasselbe bedeuteten.

Ausweitung der Sicherheitsgesetze

Es folgten Anschläge in Madrid, London, Paris, Brüssel und Berlin. Menschen wurden ermordet. Die Gefahr durch islamistischen Terrorismus war real. Doch die Reaktion darauf veränderte auch das Leben von Menschen, die mit dieser Ideologie nichts zu tun hatten.

Dass Menschen wie mein Vater nun schneller unter Verdacht gerieten, war nicht nur das Ergebnis individueller Vorurteile. Der Generalverdacht hatte auch eine politische Dimension. Die USA und ihre Verbündeten riefen den „War on Terror“ aus, griffen Afghanistan an und führten später auch Krieg im Irak. Sicherheitsgesetze wurden verschärft, Überwachung und Befugnisse der Sicherheitsbehörden ausgeweitet. Auch Deutschland beteiligte sich am Krieg in Afghanistan und baute seine Sicherheitsarchitektur aus.

Zum Bild des ‚schlecht integrierten Ausländers‘ kam das des potenziell gefährlichen Muslims hinzu

Dieser Generalverdacht zeigte sich nicht nur an Flughäfen oder Landesgrenzen. Ich begegnete ihm auch in dem alltäglichen Deutschland, in dem ich erwachsen wurde. Meine Familie war eine türkische Familie, ohne dass „muslimisch“ für mich eine wesentliche Beschreibung für uns gewesen wäre. Aber plötzlich waren auch wir gemeint, wenn über „die Muslime“ gesprochen wurde.

Ich merkte es an den Fragen, die mir gestellt wurden. Was ich von den islamistischen Anschlägen halte. Warum ich kein Kopftuch tragen müsse. Wie meine Familie zum Islam stehe. Ob ich bete. Und wie war das noch mal mit „Allahu Akbar“ und sich in die Luft sprengen – kommt man dann in den Himmel? Für diejenigen, die mir solche Fragen stellten, schien all das zusammenzugehören.

Rassismus gegen Menschen mit Migrationsgeschichte war nicht neu. Mölln und Solingen passierten lange vor dem 11. September. Zum Bild des angeblich „schlecht integrierten Ausländers“ kam aber nun das des potenziell gefährlichen Muslims hinzu. Man musste nichts getan haben, um in dieses Bild zu passen. Genau das hatte ich mit meinem Vater erlebt.

Muslimsein als Verdachtsmoment

Darin liegt für mich eine der folgenreichsten Verschiebungen nach dem 11. September: Islamismus und Islam rückten in der kollektiven Wahrnehmung so eng zusammen, dass Muslimsein allein zum Verdachtsmoment werden konnte.

Wie es davor war, weiß ich nicht. Ich bin dann in einer Zeit erwachsen geworden, in der Terrorismus, Religion, Herkunft und Integration immer wieder gemeinsam verhandelt wurden. Eine andere politische Wirklichkeit habe ich kaum kennengelernt.

Auch deshalb ertappe ich mich 25 Jahre später noch nach jeder Gewalttat, über die berichtet wird, bei einem Gedanken, den ich eigentlich gar nicht haben möchte. Ich hoffe: Bitte kein islamistisches Motiv. Nicht, weil das die Tat weniger schlimm machen würde. Sondern weil ich weiß, was danach kommt. Wieder wird nicht nur über Islamismus und Islamisten gesprochen, sondern über „die Muslime“ und „den Islam“.

Und jedes Jahr am 11. September denke ich nicht nur an die Bilder der einstürzenden Türme. Ich denke auch an meinen Vater damals am Flughafen. An einen Mann, der als potenzieller Terrorist behandelt wurde, obwohl er eigentlich nur auf dem Weg zu seinem sterbenden Bruder war.

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Derya Türkmen

Derya Türkmen

Ist seit Oktober 2023 bei der taz, schreibt am liebsten über Gesellschaftthemen, Filmpolitik, Migration und die türkische Diaspora in Deutschland. Hat TV- und Filmproduktion in Hamburg, Angewandte Medien in Mittweida studiert, sowie Asian Cinema und TV-Broadcast in Ayr/Schottland.
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56 Kommentare

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  • Sam Spade

    Diskriminierung und Stigmatisierung begegnet man mit Wehrhaftigkeit. Bedeutet Solidarität und auch öffentlich die Stimme zu erheben für die eigene Community.

    Da kommt von den Muslimen nicht nur in Deutschland zu wenig. Wer seine Rechte nicht mit Nachdruck einfordert und dagegenhält, darf sich nicht wundern, wenn reaktionäre Kräfte immer mehr Raum einnehmen.

    Weder zu 9/11 noch in der Post Phase habe ich in der Breite vernommen das die muslimische Gemeinschaft ihre Stimme erhebt, Solidarität bekundet oder sichtbaren Protest ausdrückt.

    Anlässe gab es danach reichlich. Zu hören und zu sehen war davon ausserhalb von muslimischen Verbandsvertretern allerdings wenig.

    In einem Land in dem laut BAMF fast 10% der Bürger einen Migrationshintergrund mit islamischer Prägung haben, sollte es eigentlich lauter zugehen wenn Rechtsextreme ihre öffentliche Hetze gegen Minderheiten betreiben.

    Hiergegen anzugehen wäre die Pflicht der gesamten Zivilgesellschaft und dazu gehören auch die muslimischen Bürger. Sich selbst davon auszunehmen hat nur zur Konsequenz, das die negativen Folgen daraus für diese Gruppen als erstes spürbar werden, wie es die Autorin eindringlich geschildert hat.

    • Alex_der_Wunderer

      @Sam Spade:

      @ Sam Spade



      Bedenken Sie bitte, - auch Muslime leben in New York und waren am 9/11 auch unter den Opfern . Ca. 3.000 Tote hat der Snschlag insgesamt an Menschenleben gefordert plus ca. 9.000 Folgeopfer durch Spätfolgen. Die Muslime waren zum Zeitpunkt 9/11 nicht alle aus New York verreist !

    • Jutta57

      @Sam Spade:

      Sie fordern, dass Muslime sich gegen Diskriminierung und Hetze wehren müssen und verlangen gleichzeitig, dass sie sich öffentlich von islamistischem Terror distanzieren müssen. Muslime sind aber Teil des zivilgesellschaftlichen Protests und nebenbei sind sie diejenigen, die die meisten Opfer islamistischer Gewalt zu beklagen haben

  • Alex_der_Wunderer

    Die wahren, legitimierten Terroristen sitzen aber auf Ledersesseln und verwandeln den grauseligen Terror für ihre Geschäfte , ob in der Politik für ihren Machtausbau oder im kapitalistischen Wirtschaftssystem in Profitgewinnung.

  • Leo Onlin

    Weder im Radio noch im Fernsehen des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gelang es nicht - in allen Sendungen, die ich sah und hörte - , die Täter von 9/11 klar zu benennen. Es waren muslimisch-arabische Terroristen, die im Namen von Allah zu tausendfachen Mördern wurden. Stattdessen sprach man von Flugzeugen, die in die Twintower flogen oder eben einfach von Terroristen, die ja von überall kommen könnten (u.a. aus Hamburg).

  • Jim Hawkins

    Was der taz zu 9/11 einfällt:

    Die Geburtsstunde des antimuslimischen Rassismus und die der Turbo-Gentrifizierung.

    Passt.

    • Comerade Aardvark

      @Jim Hawkins:

      Gehört zum modernen links-bürglerlichen guten Ton in diesen Tagen. Lesen Die gerne dazu auch im Standard "25 Jahre 9/11: Wie antimuslimischer Rassismus zur Normalität wurde".



      Ein Unterschied: ein etwas weniger behutsam kuratiertes Forum.

  • Klabauta

    „ Ich denke auch an meinen Vater damals am Flughafen. An einen Mann, der als potenzieller Terrorist behandelt wurde, obwohl er eigentlich nur auf dem Weg zu seinem sterbenden Bruder war.“

    Dieser letzte Satz macht mich traurig, genauso wie die Vorstellung einer Neunjährigen, die nicht versteht, was da geschieht, aber große Angst um ihren Onkel hat.



    Seid Menschen! kann ich nur Margot Friedländers Worte wiederholen.

    In meiner kleinen Großstadt wird am 11. September auch an deren vollständige Zerstörung durch alliierte Bomben vor 82 Jahren gedacht, und wenn heute Nacht die Glocken läuten, werde ich auch an alle die Opfer des nationalsozialistischen Hasses denken, der dafür verantwortlich war.

    Lasst euch nicht verhetzen! Habt Mitgefühl!

  • Edda

    Ich kann den Bericht zu 100 % genauso unterschreiben. Auch ich werde nicht vergessen, welche vollkommen entfesselten Feindseligkeiten Muslimen danach entgegengebracht wurde. Es war DAS Thema in unserer Klasse während meiner Abiturzeit. Ich werde nie vergessen wie mein Deutschlehrer, der mich sehr mochte -weil er es mir hoch anrechnete, immer wieder der Klasse sagte, dass er noch nie eine Ausländerin gehabt hat. die bessere Aufsätze als Deutsche schreibt- über den Islam wetterte und wortwörtlich, sagte, "da sehen wir nun, was der Islam über uns gebracht hat". Nachdem ich völlig geschockt über seine Aussagen war und ihm sagte, dass er doch in seiner Position als Lehrer nicht so über eine ganze Religion reden kann, wurde aus meiner Deutsch 1 auf dem nächsten Abi-Zeugnis eine Deutsch 3! Bin ich bis heute nicht drüber hinweg. Es war so unfair. Ein andermal wurde eine Freundin mit Kopftuch auf der Straße von einer Frau angespuckt mit den Worten, ob sie es denn nun toll finden würde, was "wir" fabriziert hätten. Und einmal wurden zwei Mitschülerinnen, die Kopftuch trugen, aus der Klasse geholt und kamen eine Woche nicht zurück, weil jemand wegen Ihnen den Verfassungsschutz angerufen hätte

    • Alex_der_Wunderer

      @Edda:

      @Edda



      Wir lebten damals 9/11 in Frankreich / Paris, es war wohl in allen westlichen Ländern so, wie Sie es beschreiben. Die Meinungsmache, die Indoktrination der Bevölkerungen durch die Regierungen / Medien hatte zum Ziel von der amerikanischen Regierung und teilweise auch durch die Amerikaner, uns allen diesen Vergeltungsanschlag auf die USA, als einen Anschlag auf unsere westliche Welt und unsere Demokratie zu verkaufen.



      Also sollten wir uns alle in den westlichen Demokratien angegriffen fühlen.



      Dadurch wurde ja auch der Afghanistaneinsatzt durch unsere Regierung erst möglich und in der deutschen Bevölkerung teilweise akzeptabel.

  • ToMuch

    Es gibt so viele muslimische Länder auf dieser Welt. Und in keinem einzigen möchte ich als Frau leben. Und in keinem einzigen herrscht Frieden.

    Das sollte einem doch zeigen, dass die „eigene“ Religion nicht unbedingt für etwas „Gutes“ steht.

    By the way: ausgetreten.

    • Sam Spade

      @ToMuch:

      "Und in keinem einzigen herrscht Frieden"

      Malaysia, Brunei, Indonesien, Senegal, Oman, Katar, Marokko, Albanien, Kasachstan, Usbekistan.

      Nur ein Auszug aus dem Global Peace Index und Global Muslim Travel Index 2026. In deren Bewertung fließt nicht nur der Zustand des Friedens innerhalb des Landes sondern auch die politische Stabilität und die innere Sicherheit mit ein.

      Ich hoffe, ihnen ist schon bewusst das die Religion in den regionalen Konflikten muslimischer Länder meistens nur als Vorwand für weltliche Machtansprüche und politische und wirtschaftliche Interessen dient.

      Dürften Europäer eigentlich aus dem Geschichtsunterricht kennen, war hier nämlich nicht anders bis zu Zeiten der Aufklärung.

    • *Sabine*

      @ToMuch:

      "Das sollte einem doch zeigen, dass die „eigene“ Religion nicht unbedingt für etwas „Gutes“ steht."

      Wenn ich es richtig weiß, war der Koran/Islam "damals" durchaus eine Verbesserung im Vergleich zu den zuvor geltenden Regeln und Gesetzen der (vor-islamischen) Zeit. Es ist nur so schade, dass die Transformation in die Jetzt-Zeit so schwer erscheint. (Ist bei anderen Religionen vermutlich auch der Fall, die uns aber nicht als so dominant erscheinen.)

      Mein subjektives Fazit: Scharia war größtenteils vorteilhafter als "Dschahiliyya", erscheint mir allerdings erheblich schlechter als unser Grundgesetz. Meiner Meinung nach erlaubt die Scharia u.a. einen zu großen Ermessensspielraum und Missbrauchspotential.

    • DerLurch

      @ToMuch:

      Ziemlich grenzwertig der Kommentar. Rassismus kann keine Lösung sein

  • Benzo

    Läuft gut beim Weltherrschaftsanspruchs der Islamisten:

    Der Westen lässt sich terrorisieren, spalten und reibt sich in endlosen Debatten wie dieser auf.

    Aus strategischer Sicht hätten Terroristen es kaum besser planen können.

    Merken wir nicht, dass wir in ihre Falle tappen?

    • rero

      @Benzo:

      Mehrere Attentäter vom 11.9. haben in Berlin studiert, mit uns gelebt.

      Es gab Nachfolger, die ebenfalls normal hier lebten und dann Anschläge begingen.

      Weiterhin leben gar nicht so wenige Islamisten in unserer Gesellschaft.

      Ist da ein gesellschaftlicher Diskurs , wie damit umzugehen ist, in einer demokratischen Gesellschaft nicht normal?

  • Katharina Reichenhall

    Ich danke Ihnen für Ihren Kommentar, Frau Türkmen.



    Mich erinnert Ihr Beitrag an die Geschichten der "alien enemies", also z. B. deutschstämmige Amerikaner im ersten und zweiten Weltkrieg oder asiatischstämmige Amerikaner im zweiten Weltkrieg.

    Einerseits ist diese Skepsis nachvollziehbar- man kann den Leuten ja nur vor den Kopf schauen - aber ich kann mir nur schwerlich vorstellen, wie schwer es sein muss, wenn man plötzlich mit Personen in einen Topf geworfen wird, mit denen man nur wenig gemein hat und mit denen man auch nichts zu tun haben will. Es ist ja bekannt, dass gerade säkulare Muslime ein besonderes Feindbild für Islamisten sind.

    Da ich schon etwas älter bin und 9/11 als Erwachsene erlebt habe - also am Fernseher, nicht in New York - kann ich mich aber auch noch gut an die vielen Stimmen erinnern, die bereits sehr schnell zur Differenzierung aufgerufen und vor dem Generalverdacht gegen alle Muslime gewarnt haben. Zu Recht natürlich.

    • ASD

      @Katharina Reichenhall:

      Ja klar natürlich das haben wir sofort gemacht! Man muss auch anerkennen, dass diese Kampagne immer weiter ausartete. Und jetzt haben wir heute das Problem, dass Leute die sich zum Islam bekennen, da ich in die Terrorecke gedrückt werden dank dieser merkwürdigen Vorfälle vom 11. September

  • vieldenker

    Letztlich lebt das Miteinander vom gelegentlichen Sortieren der unaufgeräumten Schubladen. Sonst sammelt sich da mit der Zeit viel Schmutz und alter Müll. Aber ohne Schubladen geht es eben auch nicht, sonst würde der mitmenschliche Alltag sehr mühsam und kompliziert. Insofern hilft es nicht, sich das gegenseitige Schubladendenken vorzuwerfen, sondern eher gemeinsam ans Sortieren zu gehen. Dann gibt es immer wieder (positive) Überraschungen, was man da so wirklich findet.

    • ASD

      @vieldenker:

      Genau wegen diesem Schubladendenken passiert das überhaupt!

  • gyakusou

    Das muss man auch erstmal schaffen, dass sich die Mehrheit der heute veröffentlichten taz-Artikel zu 9/11 mit Muslimfeindlichkeit beschäftigt und nicht etwa mit den Terroristen oder der dahinterstehenden Ideologie.

    • Schleicher

      @gyakusou:

      Zivile Opfer 9/11: 3000.



      Zivile Opfer Irakkrieg: 200000.



      Zivile Opfer Afghanistankrieg: 50000.

      Welche Terroristen und welche Ideologie meinen Sie?

      • Oma

        @Schleicher:

        Und schon die übliche Relativierungsorgie losgetreten, völlig erwartbar. 3.000 bleiben 3.000 und alle anderen Zahlen rücken die Anschläge von 9/11 nicht in ein besseres Licht.

      • Ohne_Mitte_geht_nix

        @Schleicher:

        Sie stellen die Opfer eines Tages durch einen Angriff von Islamanhängern in Korrelation zu mehrjährige kriegerischen Auseinandersetzungen? Whataboutism vom Feinsten. Zudem gab es ja auch in den Jahren danach Unmengen an Toten durch islamistische Terrorangriffe...die haben Sie dann aber wohl vergessen.

      • gyakusou

        @Schleicher:

        Über den Irak- oder den Afghanistankrieg kann man auch an jedem anderen Tag des Jahres berichten.

        Es geht um das Framing und welchen Blick man (die TAZ) auf diesen Anschlag wählt.

      • Pawel_ko

        @Schleicher:

        Zivile Tote Syrienkrieg 300.000



        (Der Mord an Christen, Drusen und Alawiten geht munter weiter während wir schreiben)



        Zivile Tote durch den IS 150.000



        Dazu zehntausende tote Iraner durch das islamistische Regime

        Folter und versklavung unter der Taliban, Kinderehen, Folter und versklavung unter dem IS usw....

        Ständiger Raketenterror auf Israel durch Hamas und Hisbollah...

        Wenn Sie da nicht zwischen Terroristen bzw. Staaten/Gesellschaften in denen der Islam vorherrscht und unperfekter Demokratie unterscheiden können, weiß ich auch nicht mehr weiter...

        • Schleicher

          @Pawel_ko:

          "zwischen Terroristen bzw. Staaten/Gesellschaften in denen der Islam vorherrscht"

          Pegida.

          Der Syrienkrieg also.



          Assad war kein Islamist. Putin ist Orthodoxer Christ.



          Zur Aufrüstung islamistischer Kräft auch in Syrien findet man schnell:

          "Es handelte sich damit um eines der teuersten US-Programme zur Bewaffnung und Ausbildung von Rebellen seit der CIA-Operation zur Aufrüstung der islamistischen Mudschahedin in Afghanistan, der Operation Cyclone. Außerdem gab es Berichte, dass von der CIA gelieferten Waffen direkt bei der bereits 2013 als Terrororganisation eingestuften al-Nusra-Front landeten."

          (Wikipedia: Timber Sycamore)

          Aber lass uns mal nicht über die eigenen Fehler sprechen, wenn wir doch einfach über den Islam klagen können. Sind ja die anderen dann.

        • EffeJoSiebenZwo

          @Pawel_ko:

          Vielleicht doch ganz @gyakusou, dass sich die taz mit dem Thema beschäftigt, oder?

        • Barnie

          @Pawel_ko:

          Da braucht man nichts unterscheiden. Ob jetzt Terroristen Zivilisten ermorden oder eine "unperfekte Demokratie" macht im Endergebnis keinen Unterschied. Und dieses Tod, Leid und noch mehr Hass.



          Und eine Demokratie als unperfekt zu verharmlosen, die Gründe erfindet um Kriege loszubrechen (2 x Irak), Foltergefängnisse betreibt und keine Motivation hat gegen Kriegs- und Menschenrechtsverbrechern in den eigenen Reihen vorzugehen, ist einfach daneben.

      • Dr. McSchreck

        @Schleicher:

        Was sollen diese absurden Vergleiche mit mehrjährigen Kriegen? Wieso ausgerechnte diese beiden, wie viele Tote gibt es im Jemen, wie viele im Sudan, wie viele hat der Iran-Irak-Krieg gekostet?

        Aber solche Opfer interessieren dann wohl weniger.

        • Schleicher

          @Dr. McSchreck:

          "Wieso ausgerechnte diese beiden"

          Weil direkte Antwort auf 9/11. Bisschen mitdenken.

          • Oma

            @Schleicher:

            „did not happen in a vacuum“ sozusagen.

          • Dr. McSchreck

            @Schleicher:

            Der Irak-Krieg hatte mit dem 9.11 nichts zu tun.

      • FFR

        @Schleicher:

        Immer schön ablenken.



        Wenn es einigermaßen korrekt ist,



        ist der Dschihadismus seit 9/11 für 60000 Attentate und 240000 Tote verantwortlich.



        (Quelle: Fondation pour l’innovation politique (Fondapol))

        • Sam Spade

          @FFR:

          Besser nochmal die Französischkentnisse aufpolieren.

          Die von ihnen genannte Quelle gibt die Gesamtzahl der Opfer des Dschihadismus und die Anzahl der Anschläge seit 1979 an. Nicht seit 2001 wie von ihnen geschildert.

          Zur Erinnerung: Das Jahr 1979 gilt als Geburtsstunde des modernen Dschihadismus.

        • Klabauta

          @FFR:

          Nur um die Quelle einzuordnen:

          "La Fondapol est un think tank proche du parti de droite UMP.



          La Fondapol évolue plus à droite dans les années 2020 sur les questions sociétales, particulièrement en ce qui concerne l'immigration, l'identité et la sécurité, et dénonce « l'idéologie woke ». Plusieurs de ses contributeurs, à l’image de Xavier Driencourt ou l’ancien préfet Michel Aubouin, sont proches du RN"

          Oder nochmal auf Deutsch:

          "Fondapol ist ein Think Tank, der der rechtsgerichteten Partei UMP nahesteht.



          In den 2020er Jahren bewegt sich die Fondapol in gesellschaftlichen Fragen weiter nach rechts, insbesondere in Bezug auf Einwanderung, Identität und Sicherheit, und prangert die „Woke-Ideologie“ an. Mehrere ihrer Autoren, wie beispielsweise Xavier Driencourt oder der ehemalige Präfekt Michel Aubouin, stehen dem RN nahe."

          Quelle: fr.wikipedia.org

        • Barnie

          @FFR:

          Kommt noch lange nicht an die Titen ran, die die USA in ihren unzähligen Kriegen hinterlassen hat. Und das ist mit der Hauptgrund für den Hass auf sie.

    • dites-mois

      @gyakusou:

      Allerdings!

  • hedele

    Ich gebe zu, dass ich mitgemeint sein könnte. Damals arbeiteten wir als Studenten alle beim MBO-Verlag. Ich habe nach dem 11.09. zwei meiner Kommilitonen beim Staatsschutz gemeldet, die sich auf ihrem PC ständig seltsame Videos anschauen und die Gebetszeiten besonders strikt eingehalten hatten. Dort sagte man mir, die wären beide schon bekannt, aber wenn ich nichts Weiteres wüsste, würde es damit sein Bewenden haben.



    Zwei Dinge haben mich danach geprägt: Als hinter mir im Bus zwei arabische Jugendliche laut Suren vorgetragen haben, habe ich nich umgedreht und sie gefragt, was das denn bedeutet, was sie gerade gesagt haben. Sie wussten es nicht. Wir haben uns danach aber fast 20 Minuten über meinen katholischen und ihren sunnitischen Glauben unterhalten und wir haben uns komischerweise gut verstanden.



    Der nächste Einschnitt war meine damalige türkische Freundin. Sie war so zwischen ihrem streng religiösen Elternhaus und der atheistischen Blase in unserer Linkspartei hin- nun hergerissen, dass sie sich sogar in psychiatrische Behandlung begeben hat. Ich konnte den Konflikt mit meinem kleinen Wissen nicht wirklich abfedern, aber ich habe doch viel mehr verstanden. Die Angst war weg.

  • Astrid Sehnefeld

    "Durch den 11. September war im Westen ein neues Feindbild entstanden: der islamistische Terrorist (...) Es folgten Anschläge in Madrid, London, Paris, Brüssel und Berlin. Menschen wurden ermordet."



    Wer will es uns verübeln? Uns = die westliche Welt.



    Wenn eine Macht von außerhalb kommt und immer wieder unschuldige Zivilisten möglichst grausam ermordet - da entwickelt sich zwangsläufig eine Antipathie.



    Ja der islamistische Terrorismus versteckt sich unter dem Deckmantel des Islam und ja, eine generelle Verurteilung aller Muslime ist deshalb in keinster Weise gerechtfertigt.



    Das ist aber leichter gesagt als getan.



    UND mir fehlt die Solidarität der friedlichen Muslime. In Deutschland leben 7 Millionen Muslime. Wenn Palästina bombardiert wird gehen tausende Menschen der muslimischen Diaspora auf die Straße - da wird fast wöchentlich demonstriert.



    Wo waren diese Menschen als der LKW über den Weihnachtsmarkt donnerte?🤷

    • Schleicher

      @Astrid Sehnefeld:

      Die reinste AFD / PEGIDA Lektüre.

      "Macht von außerhalb"



      "immer wieder unschuldige Zivilisten"



      "fehlt die Solidarität der friedlichen Muslime"

      Rassismus ist immer ein echter Brainfuck.

    • Dr. McSchreck

      @Astrid Sehnefeld:

      einige davon haben ja gejubelt - wie am 7. Oktober auch wieder.

      Vielleicht sollten wir - aber auch die Autorin - akzeptieren, dass es solche Menschen gibt und das eben auch bei Deutschen. Wie Muslime zum Teil das Feindbild "Westen" haben, so haben eben manche Deutsche das Feindbild Muslim.

      Allerdings sollte man auch anmerken, dass es eine kleine Minderheit ist - das kommt mir im Artikel deutlich zu kurz. Die allermeisten Deutschen haben muslimische Arbeitskollegen, Freunde, Mitschüler und können durchaus unterscheiden.

      • Vigoleis

        @Dr. McSchreck:

        Es gibt ja nicht nur ein Entweder oder Oder, respektive: Freund oder Feind. Ich denke schon, dass ein Großteil der Muslime in muslimisch geprägten Länder den Westen, genauer: dessen propagierte Werte inclusive "universale Menschenrechte" nicht teilt, ohne deshalb militant zu werden.



        Ich erinnere an die diversen "arabischen Frühlinge". Die Revolten wurden von einer gut gebildeten, jungen, urbanen (man könnte sagen: "verwestlichten") Oberschicht initiiert. Selbst bei halbwegs friedlichem Ausgang und den anschließenden halbwegs freien Wahlen hat sich jedoch die Mehrheit der Bevölkerungen oft für islamistisch geprägte Gruppierungen wie die Muslimbruderschaft entschieden. Das ist im "Westen" natürlich mit Ernüchterung wahrgenommen worden. Man war sogar ganz erleichtert, als z.B. in Ägypten das Militär den gewählten Muslimbruder wieder beiseite schob.



        Wie die Muslime hierzulande denken, ist schwer zu sagen, jedenfalls nicht so einfach, wie Sie schreiben. Auffallend ist z.B. der enorme Zulauf, den autokratische Politiker wie Hr. Erdogan mit seiner religiös imprägnierten Agenda bei seinen in Europa sozialisierten Landsleuten findet.

        • Dr. McSchreck

          @Vigoleis:

          Wie meinen Sie das "nicht so einfach, wie ich hier schreibe" - es ist doch überhaupt nicht einfach, weil man eben nicht sagen kann, wie "die Muslime" denken, wie man auch nicht sagen kann, die "die Deutschen" denken.

          Ich kenne persönlich nur Muslime, die sich klar zum GG bekennen und super integriert sind, beruflich kenne ich aber auch andere, für die das Gegenteil gilt. Das ist einfach so - und ich würde den Teufel tun, (wie der Artikel es aber m.E. macht) , das Fehlverhalten von Einzelnen auf die Gruppe zu übertragen.

  • Ludowig

    Vielleicht sollte man aber auch denen, die zuvor nicht in irgendeiner Weise islamfeindlich waren, eine gewisse Verunsicherung zugestehen. Das Gefühl, jederzeit Opfer eines Anschlags sein zu können, als in der Sache Unbeteiligter, hat mich jedenfalls seitdem nie ganz verlassen.

    • Schleicher

      @Ludowig:

      Sie sagen:



      Vorher: Nicht islamfeindlich.



      Nachher: Verunsichert.



      Wie bitte gehört das zusammen?

      "Das Gefühl, jederzeit Opfer eines Anschlags sein zu können, als in der Sache Unbeteiligter, hat mich jedenfalls seitdem nie ganz verlassen."

      Das liegt dann aber daran, dass ihr "Gefühl" den Fakten nicht beikommt. In Deutschland bei einem islamistischen Terroranschlag umzukommen ist unwahrscheinlicher als vom Blitz erschlagen zu werden.

      Um auf Ihre Aussage zurückzukommen: Ich gestehe Ihnen diese Irrationalität durchaus zu. Ich gestehe Ihnen aber keine Diskriminierung von Muslimen zu.

      Islamfeindlichkeit ist Verfassungsfeindlichkeit.

      • Leuchtathlet J So

        @Schleicher:

        Es wäre natürlich schon gut, wenn man den Unterschied zwischen "Feindlichkeit" und "Kritik" kennen würde. Letztere ist ein wesentlicher Bestandteil aufgeklärten Denkens und natürluch auch in Hinblick auf den Islam berechtigt.



        Dieser steht in seinem Kern der freiheitlichen Verfassung, dem Grundgesetz dieses Staates diametral entgegen. Eine kritische Haltung ihm gegenüber ist voll im Sinne unserer Verfassung, um ihre freiheitliche Intention als Grundlage unserer offenen Gesellschaft zu stärken und zu schützen.

        • Schleicher

          @Leuchtathlet J So:

          "Dieser steht in seinem Kern der freiheitlichen Verfassung, dem Grundgesetz dieses Staates diametral entgegen."

          Nein. Wer überhaupt von "dem Islam" spricht und die Vielfalt der Auslegungen ignoriert, betreibt nur Hetze im Fahrwasser der AfD.

          Dann haben sie zwar eine "Haltung" aber sicher keine "kritische Haltung".

      • Kassenclown

        @Schleicher:

        Falsch. Muslimfeindlichkeit ist verfassungswidrig. Gegen den Islam darf man allerdings genau so was haben wie gegen jede andere Religion. Ideologien, und nichts anderes sind Religionen, darf man sowohl kritisch als auch ablehnend gegenüber stehen, ohne dass das die Menschenwürde berührt.

  • behr Behr

    Ich wurde als Student an der innerdeutschen Grenze auf einer



    Autofahrt mit einem 2 CV (Ente) von Bonn nach Berlin von einem



    Grenzer der NVA aus meinem Wagen geholt und in einem verdunkelten Raum „verhört“, warum weiß ich bis heute nicht, vielleicht war die Kombination “Ente“ u. Student verdächtig, dabei hatte ich extra ein Bild von Lenin an die Autoscheibe geklebt.

    • hedele

      @behr Behr:

      Der Lenin war der Fehler! Sie haben es übertrieben, sehr verdächtig! "Atomkraft - Nein Danke!" oder Tote Hosen-Aufkleber wären stimmiger gewesen hätten vielleicht eher ein mildes Lächeln bei der Stasi erzeugt. Sie sollten für die nächste Diktatur in SA noch etwas nachschulen.

    • rero

      @behr Behr:

      😅😅😅



      Der Grenzer hielt das Leninbild für eine Provokation.

      Die Ente interessierte den kein Stück.

  • realnessuno

    und nicht vergessen bitte, dass im Zuge der Radikalisierung der US Regierung auch das Wort "Terrorist" neu definiert wurde: Ein "Terrorist" wurde zu einem Un-Menschen, jemand ohne Rechte den man ruhig auch mal entführen und foltern "darf" ohne böse zu sein...

    Und klar, natürlich gibt es seitdem immer mehr "Terroristen" und Ähnliche. Man denke nur an die verunglimpften Hilfsorganisationen, Rote Hilfe usw... Die alle leiden unter einer solchen Neudefinition.

    Ich denke dass inzwischen auch so mancher Muslim in die Nähe von Terrorist gesteckt wird. Genauigkeit geht leider verloren in dieser Welt voller "KI" und verrückter Überreicher.

    • ASD

      @realnessuno:

      Ganz genau und das merkt man auch bei Polizeikontrollen, wenn man da reinkommt! Ich bin blond,und noch nie in meinem Leben kontrolliert aber mein Sohn ist dunkelhaarig und wurde so oft kontrolliert. Ich kann’s kaum noch zählen.

  • Kasimir_Affe

    Ich fand es amüsant, dass ich als schwarzer U40-Mann mit Bart nicht herausgezogen wurde, aber meine Mutter als Ü70-Frau. Irgendwie auch ernst.



    Unsere Religion sieht man uns natürlich nicht an, aber Vornamen sind häufig Indikatoren…