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Alltag nach dem 11. SeptemberStändig unter Verdacht

Was macht es mit Menschen, wenn sie plötzlich beweisen müssen, dass sie keine Täter sind? Burak Yılmaz, Bilal Bahadır und Khushwant Singh erzählen.

„Nie wurde nach den Communitys gefragt“

Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den 12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie immer von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh zur Schule gelaufen. Es war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“ Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört. Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.

Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach eine Atombombe drauf“. Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern, was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den Westen.

Portraitfoto

Foto: Lukas Zander

Burak Yılmaz

Burak Yılmaz ist Autor, Host des Podcasts „Brennpunkt“ und arbeitet als Theaterpädagoge mit Jugendlichen zu Rassismus und Antisemitismus.

Nach dem 11. September war Marxloh nicht mehr das „Türkenviertel“, sondern das „Moslemviertel“. An den Hauswänden im Viertel gab es plötzlich Graffitis „Islam gleich Terror“. In Magazinen ging es darum, wie Deutschland islamisiert wird. Nie wurde die Frage gestellt, was das eigentlich mit den Communitys macht. Mir hat das alles Angst gemacht.

Anfangs dachten meine Freunde und ich, wir müssen die Deutschen aufklären und ihnen zeigen, was unsere Religion wirklich bedeutet. Dann kam der Trotz und wir stritten miteinander. Weil da auch das Gefühl war, es ist ohnehin scheißegal, wie wir uns benehmen. Die Deutschen hassen uns sowieso.

Mein einer Lehrer hat immer Zeitungsartikel ausgeschnitten. Als irgendwann ein Anschlag in Pakistan folgte, legte er mir den Artikel dazu vor die Nase und sagte: „So, erklär mal bitte der ganzen Klasse hier: Warum machen das deine Glaubensbrüder?“ In so Situationen wurde ich dann nicht mehr als Burak wahrgenommen, plötzlich wurde ich zum Außenminister vom Islam. Egal was ich sagte, es gab keine richtigen Antworten. Und wenn ich sagte, ich wollte gerade nicht die Gespräche führen, wurden mir heimliche Sympathien unterstellt.

Ein Kumpel erzählte damals, wie manche in seiner Klasse Bombenlegerwitze über ihn machten. Auch andere aus meinem Freundeskreis kamen in solche Situationen. Aber wir erzählten uns nicht davon, wie wir mit Fragen bombardiert wurden, wie wir bei der intellektuellen Sprache unserer Lehrer nicht mithalten konnten, wir irgendwann gar nichts mehr sagten – das ist nicht die Geschichte, die du deinen Jungs erzählst. Lieber erzählten wir uns, wenn wir rhetorisch gewandt antworteten.

wochentaz

Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!

In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Meine deutschen Freunde fragten: Stimmt das, dass der Islam gefährlich ist? Stimmt das, dass ihr alle lernt, Ungläubige zu hassen? Stimmt das, dass ihr alle den Westen kaputtmachen wollt? Für sie war ich der Daueraufklärer. Und zugleich radikalisierten sich in Teilen ihre Eltern und untersagten ihren Kindern, mich zu sehen. Ich merkte damals, es gibt hier diese riesigen Veränderungen und ganz viel Rassismus. Nur musste sich dazu nie jemand äußern.

Unsere Eltern haben gemerkt, dass bei ihren Kids was los ist. Aber durch die viele Schichtarbeit war es echt ein Problem für sie, gut mit uns darüber zu reden. Oft sagten sie dann, wir sollten uns nicht unterkriegen lassen. Aber wir sollten den Deutschen auch keine Gründe geben, uns noch mehr zu hassen. Das hat mich zerrissen.

Ich wollte mir das nicht einfach gefallen lassen. Aber ein Teil von mir dachte sich, wenn die Terror haben wollen, dann lasst uns den doch geben. Meine Freunde und ich haben dann zum Beispiel angefangen, im Bus arabische Floskeln und Begriffe wie „Maschallah“ zu nutzen. Damals war das provokant, die Leute gerieten direkt in Panik, zum Teil wurde die Polizei gerufen – heute ist das Jugendsprache. Oder als so ältere Typen im Bus sagten: „Jetzt kommt die ganze Molukkenscheiße zu uns“, haben mein Kumpel und ich so getan, als würden wir mit Waffen auf die schießen. Das war unsere Art von: Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es gab aber auch krassere Sachen, da bin ich vorn in den Bus gestiegen und habe „Allahu akbar!“ gerufen, meine Jungs sind hinten rein und haben zurückgerufen. Alle sind aus dem Bus gerannt, und der Busfahrer sagte, er würde den Staatsschutz rufen. Dann sind wir abgehauen.

Später in meiner Arbeit als Pädagoge mit Jugendlichen habe ich ähnliche Dynamiken nach dem 7. Oktober gesehen. Da gab es Meldungen vom Schulministerium, dass Lehrer doch bitte explizit mit den muslimischen Schülerinnen über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Eine Stigmatisierung von ganz oben. Ich habe auch Workshops in Schulen zu Antisemitismus und Rassismus gemacht. An einer Schule wurden wirklich nur die muslimischen Kinder zur Veranstaltung bei mir verdonnert – so nach dem Motto, ich soll die jetzt mal geradebiegen.

Was ich aber eigentlich am tragischsten finde ist, dass der ewige Generalverdacht gegen uns und die immer neuen Forderungen nach Abschiebungen, auch ein Angriff auf unsere Imaginationskraft ist. Es ist schwer für uns, sich eine andere Realität vorzustellen, mit anderen Erzählungen, anderen Debatten, anderen Medien.

„Diese schwere Betroffenheit kam mir verlogen vor“

Die Bilder vom 11. September 2001 waren für mich surreal. Ich war damals ein perspektivloser 17-jähriger Hauptschüler in Stadthagen, Niedersachsen. Als die Flugzeuge in die Twin Towers und über unseren Wohnzimmerfernseher flogen, dachte ich zunächst, das Ganze sei ein Trailer für einen Blockbuster.

Im nächsten Moment dann die Nachricht: ein Anschlag. Anschläge war ich aus der Türkei gewohnt. Dass dies kein Anschlag wie viele andere zuvor werden würde, begriff ich erst am nächsten Tag in der Schule. Im Unterricht sollten wir für eine Schweigeminute aufstehen. Ich weigerte mich.

Ich konnte es damals noch nicht klar benennen, aber diese schwere Betroffenheit, die plötzlich ganz Deutschland erfasst hatte, kam mir verlogen vor. Im Bosnienkrieg waren rund 100.000 Menschen gestorben. Im Irak haben die USA in den 1990er Jahren Zehntausende getötet. Für keines dieser Opfer gab es in Deutschland Schweigeminuten.

Portraitfoto

Foto: Malte Ossowski/Sven SIimon/imago

Bilal Bahadır

Bilal Bahadır ist Filmregisseur und Drehbuchautor. 2024 erschien von ihm die preisgekrönte ZDF-Serie „Uncivilized“.

Ich bin ein Gastarbeiterkind. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren nach Deutschland. Schon vor dem 11. September gab es viel Rassismus. Einmal setzte sich ein Lehrer in der Pause auf meinen Tisch. Er hatte ein Salami-Brötchen in der Hand, biss genüsslich ab und hielt es mir mit vollem Mund vor die Nase. „Hier, Schweinefleisch.“ Solche Dinge waren Alltag. Und irgendwie hatte man gelernt, sie zu ignorieren.

Aber nach dem 11. September wurde es anders. Ich konnte es nicht mehr ignorieren. Ein „Terrorexperte“ kam an unsere Schule und sprach über den Islam und den „Dschihad“. Im Fernsehen wurde nur noch über Märtyrertode und 72 Jungfrauen im Paradies gesprochen. Vom Angriff auf die zivilisierte Welt. Alles wurde plattgemacht. Unsere gesamte Identität, unsere Kultur, unsere Religion wurden in ein einziges Muster gepresst. Dagegen konnte man sich kaum wehren. Und in der Öffentlichkeit saß kaum jemand, der ein differenzierteres Bild zeichnete.

Ich weiß nur noch, dass sich damals alles in meiner Brust zusammengedrückt hat. Es fühlte sich komplett falsch an. Lange habe ich versucht, mich an vieles nicht mehr zu erinnern.

Als ich für die ZDF-Serie „Uncivilized“ begann, mit anderen Muslim*innen in Deutschland zu sprechen, musste ich mich wieder erinnern. Erst da begriff ich, dass es damals fast allen von uns so ging. Und dass viele, genau wie ich, bei den Schweigeminuten für 9/11 nicht aufgestanden waren.

Wir wollten unbedingt eine eigene Serie machen, um uns von den Filmen und Serien zu befreien, die unsere Kultur, unsere Identität und unsere Religion stigmatisierten. Wir mussten unsere eigenen Geschichten erzählen. Kritik allein reicht nicht. Denn wenn Muslime oder Migras etwas kritisieren, heißt es schnell: Wenn du dich darüber aufregst, haben wir offenbar einen wunden Punkt getroffen.

In den 2010er Jahren kam irgendwann der Kipppunkt. Vielleicht 2009, als ein deutscher Oberst einen Angriff auf zwei Tanklastwagen in Afghanistan befehlen ließ und dabei Dutzende unschuldige Zivilisten getötet wurden. Die Berichterstattung über den Krieg wurde immer kritischer. Ich dachte, die deutsche Öffentlichkeit hätte verstanden, was nach 9/11 schiefgelaufen war: wie sich der Westen in allgemeiner Terrorpanik zu einem Krieg hatte verleiten lassen, der Hunderttausende Menschen im Irak und in Afghanistan das Leben kostete – und dabei genau den Teufelskreis befeuerte, der immer neue Extremisten und Anschläge hervorbrachte.

Nach einem Job als Drogist schaffte ich es schließlich an die Kunsthochschule in Köln. Dort war ich der einzige „Kanake“ in einem linksliberalen Milieu. Ich schreibe hier bewusst „Kanake“ und nicht „Migrant“. Die Schule hatte viele Menschen mit Migrationsgeschichte, aber keinen Kanaken. Der Rassismus an der Uni war weniger offensichtlich. Und trotzdem war er präsent.

Ich war plötzlich das Gesicht für den Kanaken, bei dem man nachts die Straßenseite wechselt. Für die „Sorte“ Mensch, mit der man aus Angst nie in Kontakt getreten ist. Der Macho, der Gangster, der Aggro, den man erziehen muss.

In einem Kurs sagte ein Dozent zu mir: „Ich weiß, Literatur ist nicht dein Ding, aber wir freuen uns trotzdem, wenn du dabei bist.“ Dabei kannte er nicht einmal meinen Namen. Als ich Akkus für die Kamera transportierte, sagte ein Kommilitone zu mir: „Lass dich nicht kontrollieren, sonst denken die Leute noch, dass du dich in die Luft jagst.“ Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo Anfang 2015 fragte mich eine Dozentin vor der ganzen Klasse: „Warum warst du gestern nicht auf der Solidaritätsveranstaltung auf der Domplatte?“

Ich musste erst ihre Sprache und ihr Mindset lernen, um mich verteidigen zu können. Trotzdem hatte ich in den 2010er Jahren Hoffnung. Christian Wulff sagte: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ Mit dem Sommer der Migration schien sich 2015 ein anderes, freundlicheres Deutschland zu zeigen. Viele schienen es ernst zu meinen mit Deutschland als einem Land, in dem Menschen aus unterschiedlichen Kulturen ihren Platz finden. Aber mit diesem Eindruck lag ich falsch.

Ich hatte unterschätzt, dass Geschichte für den Westen immer erst dann beginnt, wenn er selbst in Mitleidenschaft gezogen wird. Das war bei 9/11 so. Und ab dem 7. Oktober 2023 war es nicht anders. Die Vorstellung, dass sich die zivilisierte Welt im Krieg mit den Unzivilisierten befindet, blüht seitdem wieder auf. Und der Westen hat bis heute nicht verstanden, dass seine Waffenlieferungen und Militärinterventionen immer wieder einen Nährboden für neue Anschläge schaffen.

Ich vertraue Deutschland mittlerweile nicht mehr. Genau wie viele Menschen später verstanden haben, dass der Einmarsch in den Irak und nach Afghanistan ein Fehler war, werden sie eines Tages auch den Völkermord in Gaza als Fehler sehen.

Sollte Israel Palästina irgendwann vollständig besiedelt und alle Menschen getötet oder vertrieben haben, wird man im Westen darüber trauern. Das geraubte Land wird trotzdem Israel gehören. Die Vertriebenen werden vertrieben bleiben. Und die Mörder werden unter uns bleiben. Und zehn oder zwanzig Jahre später werden wir wieder dabei zusehen, wie in einem anderen Land dasselbe geschieht.

Die Wahrheit ist: Ich weiß mich zumindest rhetorisch zu verteidigen. Meinen hart arbeitenden Freunden wird in ihren Betrieben aber ganz offen gesagt: „Nächste Wahl, und dann ist Abfahrt.“ Wie damals versuche ich heute wieder, mich an vieles nicht zu erinnern. Aber vergessen werde ich nichts.

Und trotzdem gibt es auch eine Entwicklung, die mir Hoffnung macht. Wenn ich heute mit jungen Migras arbeite, erlebe ich Menschen, die selbstbewusst für sich einstehen. Meine Eltern haben mir noch gesagt: „Das ist nicht dein Land. Leg dich nicht mit den Lehrern an. Halt die Klappe!“ Aber heute wissen diese Jugendlichen, dass sie ein Teil Deutschlands sind.

„Ich ahnte, das wird vieles verändern“

Zwei Männer stehen neben mir im ICE, als der eine diesen Satz sagt: „Scheiße, die Taliban sind bis Hamburg vorgerückt!“ Ich erinnere mich gut. Es war 2013 und ich gerade auf dem Heimweg vom Bundeswirtschaftsministerium. Ich hatte Termine zur Willkommensinitiative „Make it in Germany“ der Bundesregierung, die ich damals mit koordinierte. Willkommenskultur live. In meiner Heimat Deutschland.

Die Zugepisode war kein einmaliges Erlebnis. Nach dem 11. September 2001 waren solche Vorfälle Alltag, besonders wenn in den Medien über Osama bin Laden berichtet wurde. „Scheiß-Taliban!“, „Terrorist! Bringt euch in Deckung!“ oder „Gleich geht die Bombe hoch!“, hieß es dann.

Gerichtet waren solche Äußerungen auch an Menschen, die versuchen, die weisheitsorientierte Lebensweise der Sikhi zu leben. So wie ich. In den USA erfuhren Sikhs nicht nur verbale Gewalt. Am 15. September 2001 wurde der Tankstellenbesitzer Balbir Singh in Arizona erschossen.

Portraitfoto

Foto: Khushwant Singh

Khushwant Singh

Khushwant Singh ist Gründungsmitglied des Rats der Religionen Frankfurt. Er publiziert und spricht an Schulen, Universitäten und in Podcasts zu Ethik, Weisheit und Nachhaltigkeit.

Als Kind von Asylbewerbern habe ich mühselig gelernt, Grenzen zu setzen. Wenn ich eine entwürdigende Äußerung höre, sage ich höflich: „Ich habe große Ohren unter meinem Turban. Warum hast du das gesagt?“ Das Staunen ist groß. Meistens wird geleugnet. Ich habe auch schon gesagt: „Passt. Bei uns ist immer Karneval.“

Selten entschuldigt sich jemand. Oder fragt mich, wie es sich anfühlt, in der eigenen Heimat ausgegrenzt zu werden. Deutschland ist ein wunderschönes und reiches Land, mit vielen tollen Menschen. Und doch erlebe ich oft Griesgrämigkeit. Nachdenklich macht mich auch die mangelnde Zivilcourage. Selbst in einem Zug, der aufgrund von Verspätung Raum für Dialog ohne Ausweg bietet, habe ich nie (!) erlebt, dass sich jemand an meine Seite stellt. Wie so oft im Leben musste ich als Teil der Spezies Homo Turbanus selbst klarkommen.

Den Turban tragen Sikhs nicht, um zu werben. Wir tragen ihn auch zu Hause. Wir missionieren nicht. Der Turban steht für die schützende Hand des Göttlichen. Er erinnert daran, dass etwas Höheres über uns steht. Dass wir kleine Lichter im Universum sind. Dass wir als Menschheit einer Familie angehören. Wenn ich den Turban morgens binde, inspiriert er mich bescheiden, die höchste Vision meiner selbst zu leben – würdevoll, mutig, gemeinwohlorientiert und im Einklang mit der Natur. Er ruft auch Gewalterfahrungen und transgenerationale Traumata ins Gedächtnis, die wir als religiöse Minderheit seit etwa 1606 kennen.

Am 11. September war ich im Studentenwohnheim in Heidelberg. Ich war in den Endzügen meines Studiums in Ethnologie und Erziehungswissenschaften. Mein kleiner Robotron-Fernseher aus der DDR lief. Ich sah die Twin Towers einstürzen. Als klar wurde, dass es ein Anschlag war, ahnte ich: Das wird vieles verändern, auch für uns Sikhs.

Ernst wird es, wenn das Abstrakte Gestalt annimmt. Gerade für Menschen, die unbeteiligt sind. Ich machte meinen Magister mit 1,0. Ich wurde nicht einmal zum Bewerbungsgespräch eingeladen. Beleidigungen erntete ich wiederholt. Ich ging nach London.

Vor 9/11 wurden wir Sikhs eher als Exoten wahrgenommen. Ich hörte: „Wo ist dein fliegender Teppich?“ Ich antwortete: „Der schwebte im Parkverbot und wurde abgeschleppt.“ Ein Mann rief mal: „In Deutschland herrscht Vermummungsverbot!“ Im Schwimmbad sagte ein Senior zu mir: „Du Scheiß Arafat, verschwinde!“ Ich fand auch damals nicht, dass ich wie Jassir Arafat aussehe. Ihr?

9/11 zeigt mir, wie wenig wir reflektieren, bevor wir uns äußern. Und wie stark wir uns von visuellen Eindrücken leiten lassen. Mit den wenig sozialen Medien hat sich das verschärft. Wir reagieren sofort. Daumen hoch. Daumen runter. Solidarisch. Empört. Unsere Sinne geben den Takt vor – unsere Seele kommt nicht mit.

Sikhi erinnert daran, das Vergängliche zu transzendieren. Sich nicht mit jedem Reiz und Gefühl zu identifizieren. Sich bewusst zu machen, dass wir alle seelisch Entfremdete in der Fremde sind.

Es ist menschlich, jemanden fremd zu finden. Daraus kann Neugierde entstehen. Wir können lernen, offene Fragen zu stellen: „Magst du mir erzählen, was hinter deiner Kopfbedeckung steckt?“ Schon entsteht ein Dialog.

Mir wird seit 9/11 immer klarer: Wir brauchen weniger Fachwissen und Spezialisierung. Das kann KI. Gerade in einem Land des materiellen Überflusses brauchen wir mehr soziale und emotionale Intelligenz. Deswegen setze ich mich auch ehrenamtlich unter anderem über den Rat der Sikhi dafür ein, dass generationenübergreifend solche Fähigkeiten kultiviert werden. Wenn ich beitragen kann, Empathie, Dialog, Respekt, Gemeinsinn und Komplementarität zu stärken, hilft dies auch, komplexe Vorgänge wie den Kolonialismus differenziert einzuordnen und die langfristigen Auswirkungen unseres Handelns zu reflektieren. Dies ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Sie beginnt in unseren Familien und geht weiter in unseren Bildungsstätten, Gemeinden und Vereinen, bei der Arbeit und in der Politik.

Wir alle sitzen im Boot der Vergänglichkeit. Kein Vorurteil kann uns retten. Doch eine helfende Hand, eine klare Haltung und Orientierung können uns stützen. Im Alltag und beim Überqueren des Meeres der Diaspora, des ewigen Mysteriums, das wir das Leben nennen.

Die Weisen der Sikhi erinnern uns daran: „Fremde sind wir uns selbst. Gekommen sind wir, um uns selbst zu erkennen, zu heilen und eins zu werden“ – ਯਾ ਜੁਗ ਮਹਿ ਏਕਹਿ ਕਉ ਆਇਆ ॥, GGS, 251, M.5.

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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