piwik no script img

Ermittlung gegen VulkangruppeEin Zeichen der Verzweiflung

Erik Peter

Kommentar von

Erik Peter

Bundesinnenminister Dobrindt kündigt eine Million Euro Kopfgeld auf die Vulkangruppe sowie ein Aufrüsten gegen Linksextremismus an. Er scheint einen Erfolg nötig zu haben.

Am 5. Januar gehen im Südwesten Berlins die Lichter aus. Die Polizei tappt immer noch im Dunkeln Foto: Michael Ukas/dpa

M an möchte nicht Alexander Dobrindt sein. Das gilt generell (und) aus vielerlei Gründen. Aber vor allem will man nicht in der Haut eines konservativen CSU-Innenministers stecken, von dem in seiner Rolle als Innenminister, aber eben auch als rechter Scharfmacher erwartet wird, Erfolge im Kampf gegen radikale Linke vorzuweisen.

Im konkreten Fall würde sich Dobrindt gern mit der Aufklärung des Anschlags auf das Stromnetz im Berliner Südwesten schmücken. Für Hinweise auf die sogenannte Vulkangruppe hat der Bund eine Million Euro ausgelobt und eine breite Öffentlichkeitsfahndung gestartet, deren Plakate ohne jede Informationen einzig auf das Kopfgeld hinweisen.

Doch während sich Dobrindt damit als Macher inszenieren will, offenbart seine Ankündigung vor allem zweierlei: Die absurd hohe Summe – 40-mal so viel, wie für die Ergreifung des RAF-Mitglieds Daniela Klette gezahlt wurde – zeigt zum einen, dass die Ermittlungsbehörden vollends im Dunkeln tappen. Dunkler noch als Straßenzüge in Steglitz-Zehlendorf Anfang des Jahres.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten, linken Meinungsspektrums.

Zum anderen offenbart das ausgesetzte Kopfgeld, wie ahnungslos Konservative und Sicherheitsbehörden sind, wenn es um radikale Linke geht. Links sein bedeutet nämlich zuallererst einmal, sich nicht kaufen zu lassen, schon gar nicht vom Staat. Das gilt umso mehr für jenen kleinen Teil der Szene, in der die Vulkangruppe(n) anzusiedeln sind, der nicht mehr auf die Reformierbarkeit der Gesellschaft setzt, sondern dieser abgeschworen hat.

Unter dem Label von „Vulkangruppen“ werden vor allem in Berlin und Brandenburg seit 2011 Anschläge auf die Infrastruktur verübt. 15 Jahre, in denen Sicherheitsbehörden den wahrscheinlich verschiedenen Tä­te­r:in­nen­grup­pen keinen Schritt näher gekommen sind. Und nichts spricht dafür, dass sich das alsbald ändern wird.

Angesichts einer breiten Ablehnung von ziellosen Sabotageaktionen gegen die Zivilbevölkerung auch innerhalb der radikalen Linken, spricht viel dafür, dass hier abgeschottete, vollkommen autonom agierende anarchistische Zirkel agieren. Kleinstgruppen also, die nicht auf Szeneruhm zielen, den Kreis der Mitwissenden also extrem begrenzt halten.

Konstruierter Terrorismus

Angesichts der vollmundigen Ankündigung Dobrindts, gegen Linksextremismus aufzurüsten, werden absehbar ausbleibende Ermittlungserfolge auch seine persönliche Niederlage sein. Das wiegt umso schwerer, da der Innenminister selbst und mit ihm viele andere in Politik und Medien, die Sabotageaktionen auf die Ebene von Terrorismus gehoben haben, also auf eine Stufe mit Gewaltverbrechen bis hin zum Mord. Auch wenn die Folgen von Sabotageaktionen mitunter unabsehbar sind: Die Motivation, Menschen zu vernichten, steht offensichtlich nicht dahinter.

Doch die Hochstufung von Linken auf eine Stufe mit dem NSU oder dem IS entspricht einem rechten Zeitgeist. Zuletzt hatte die US-Regierung die sogenannte Antifa Ost zur Terrororganisation erklärt und gar 10 Millionen US-Dollar für Informationen ausgelobt, die zur Zerschlagung des Zusammenhangs dienlich sind. Dobrindts Innenministerium und das Bundeskriminalamt folgen nun dieser Schwerpunktsetzung. Neu ist das derweil nicht: Die größte Bedrohung für das konservative Establishment sind seit jeher Linke.

Wie immer dient das auch dazu, Sicherheits- und Überwachungsstrukturen auszubauen. So soll der Verfassungsschutz zusätzliche Stellen für seine Schnüffelei gegen Linke erhalten, angekündigt sind zudem mehr Befugnisse für Er­mitt­le­r:in­nen bei der automatischen Gesichtserkennung und der Speicherung von IP-Adressen. Zumindest das darf sich Dobrindt dann als Erfolg verbuchen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Erik Peter
Politik | Berlin
Leiter der Berlin-Redaktion und Redakteur für parlamentarische und außerparlamentarische Politik in Berlin, für Krawall und Remmidemmi. Schreibt über soziale Bewegungen, Innenpolitik, Stadtentwicklung und alles, was sonst polarisiert. War zu hören im Podcast "Lokalrunde".
Mehr zum Thema

9 Kommentare

 / 
  • Das ist mal wieder so typisch deutsch: wieso ist denn die Belohnung zeitlich befristet? Das ergibt ja gar keinen Sinn.



    Noch schlauer wäre es gewesen, die Summe auf 10 Millionen zu setzen. Es muss schon ein krasser Anreiz sein, die Kollegen zu verraten.

  • Warten wir doch einfach mal ab und trinken einen Tee.



    Nach meiner (Lebens)erfahrung ist jeder irgendwann käuflich, es kommt nur auf die Summe an.

  • Alleine die Tatsache dass trotz der vorhergegangenen Anschläge praktisch nichts über diese Vulkangruppen bekannt zu sein scheint spricht doch Bände. Das Land Berlin scheint keinerlei Fähigkeiten (oder Wünsche) zu haben diese Fälle aufzuklären. Das deutet entweder auf Unfähigkeit hin (in Berlin nicht auszuschließen) oder auf komplette Nachlässigkeit oder Schlimmeres. Berlin stellt sich mal wieder als komplett dysfunktional dar und kann nicht mal seine eigene Bürger schützen. Mal sehen ob die neue Regierung das besser machen wird. haha, zum Schlluß ein Witz...

  • "Zum anderen offenbart das ausgesetzte Kopfgeld, wie ahnungslos Konservative und Sicherheitsbehörden sind, wenn es um radikale Linke geht"

    Hm. Ich dachte, dass waren gar keine Linken, sondern ne "false flag" Aktion mit fragwürdigen Bekennerschfreiben? Jetzt sinds also irgendwelche anarchistischen Kleinstgruppen. Aber der Terrorirismus ist trotzdem konstruiert, weil "die Motivation fehlt, Menschen zu vernichten." Wäre dem auch so, wenn die "false flag" -Theorie noch Bestand hätte? Wäre das Kopfgeld dann vielleicht okay? Stichwort "Wegwerfagenten?".



    Man kann zu diesem Thema hier ja allerlei lesen. Was der Staat alles falsch macht, beim Schutz der Energieanlagen, bei der Verfolgung der Täter, und bei der Einschätzung linksradikaler Haltung. Und da mag hier und da auch was dran sein.



    Was ich aber bislang noch nirgendwo finden konnte, ist eine klare Distanzierung zu solchen Aktionen.

  • "Zum anderen offenbart das ausgesetzte Kopfgeld, wie ahnungslos Konservative und Sicherheitsbehörden sind, wenn es um radikale Linke geht. Links sein bedeutet nämlich zuallererst einmal, sich nicht kaufen zu lassen, schon gar nicht vom Staat. Das gilt umso mehr für jenen kleinen Teil der Szene, in der die Vulkangruppe(n) anzusiedeln sind"



    Na wenn ihr euch da so sicher seid, dann könnt ihr euch ja ganz entspannt zurücklehnen.



    Ich würde dagegenwetten. Freunde der schnellen Mark gibt es unter allen Bevölkerungsgruppen.



    Stand nicht erst gestern in der taz, dass ein Mitglied aus dem innersten Kreis der IL Bremen gegen Geld dem Verfassungsschutz über Jahre diente?



    Na herzlichen Glückwunsch. Ich möchte auch auf die Hammerbande verweisen. Da konnte man auch einen Kronzeugen gewinnen.



    Streit und Missgunst gibt's in allen Gruppen. 1 Mio € sind 1 Mio Gründe für jemanden, der vielleicht eh schon raus will, auszusteigen. Garniert mit Straffreiheit vllt on top.



    Die hohe Prämie macht vor allem eins: sie sorgt für schlaflose Nächte bei den Tätern. Sie erhöht den psychischen Druck enorm. Und das ist ja auch ein Zweck davon. Die Täter sollen sich keine Sekunde mehr in Sicherheit wiegen.

  • Allen, die im Kontext des NSU hilfreiche Aussagen gemacht haben, wurden in Summe 300.000 Euro ausgezahlt.



    Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen, um den Geist, der Dobrindt umtreibt, einschätzen zu können.

    • @Kaboom:

      Und was spricht jetzt genau dagegen, für die Ergreifung der Vulkangruppe eine Summe in Höhe von 1 Mio € anzusetzen? Auch wenn diesmal keine Menschen zu Schaden kamen (zumindest nicht in direktem Zusammenhang), rechtfertigt der angerichtete Schaden diese Summe. Zudem waren zu den Zeiten des NSU Terrors und der späteren Ergreifung der Täter andere Innenminister im Amt. Also Äpfel mit Birnen verglichen.

  • Bin bei ihrem Artikel etwas skeptisch. Niemand muss damit einverstanden sein, was Dobrindt macht , oder wofür er steht. Es liest sich so, als hätte da noch jemand eine (persönliche) Rechnung mit H. Dobrindt offen.

    Ihn jetzt als Scharfmacher in die ganz rechte Ecke zu stecken ist genauso wenig korrekt, wie der Versuch die extrem Linke Vulkan Truppe zu verharmlosen. Eine Truppe, die solche Maßnahmen ergreift, Damit das Leben unschuldiger gefährdet und sich hinterher outet, dass man damit nicht gerechnet hätte! Da wird mir übel! Das ist Dummheit pur und ich möchte nicht wissen was da noch kommt

    Klette war im Vergleich zur ausgesetzten Summe sicher (entschuldigen sie den Ausdruck) „ein Schnäppchen“. Die Million finde ich dennoch gerechtfertigt.

  • Vulkangruppen sind nicht homogen.



    Es gibt nicht die eine "Vulkangruppe"



    Sollten hinter dem Anschlag "radikale Linke" stehen, so werden sich diese mit Sicherheit nicht von dem deutschen Staat kaufen lassen.



    Viel interessanter sind da all die nötigen Informationen, die die Täter haben und benötigen, um überhaupt so gezielt Anschläge vorbereiten und nahezu unsichtbar durchführen zu können.