Bücherentsorgung in der Ukraine: „Russische Literatur ins Altpapier“

Aus Hass auf die russischen Angreifer räumen viele Ukrai­ne­r*in­nen ihre Bücherregale leer. Das betrifft Comics, aber auch Klassiker wie von Tolstoi.

Ein Stapel Bücher in einem Flur

Schulbücher in Chernihiv: Welche davon darf man laut Regierungsverordnung wohl noch behalten? Foto: Emilio Morenatti/ap

LUZK taz | Im Zentrum von Luzk sind an einem Sonntagmorgen die Glocken der Haupt­kathedrale zu hören. Dutzende Trauernde geben zwei Soldaten, die an der Front gefallen sind, das letzte Geleit. Einige hundert Meter entfernt, in der Nähe des Theaters, hat sich eine weitere Gruppe von Menschen eingefunden.

„Russische Literatur ins Altpapier“ heißt ihre Aktion. Sie findet in diesem Jahr bereits zum dritten Mal in Luzk statt. Die Or­ga­ni­sa­to­r*in­nen haben in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, von zu Hause Bücher russischer Au­to­r*in­nen mitzubringen, sie ins Altpapier zu geben und mit diesem Geld die ukrainische Armee zu unterstützen.

Tatjana Scherschen, macht russische Literatur zu Altpapier

„Ehrlich gesagt: Die meisten Bücher habe ich nicht gelesen“

Dutzende Personen haben sich am Theater eingefunden. Überall stehen Waagen, alle diskutieren über die Bücher und erinnern sich daran, wo und wann sie sie gekauft haben. Sie stellen nicht in Frage, diese Werke russischer Au­to­r*in­nen gelesen zu haben. Jedoch klagen sie, dass sie zu Sowjetzeiten während der Russifizierung keine Gelegenheit hatten, ukrainische Au­toren zu lesen – die teilweise oder ganz verboten waren.

„Die Altpapiersammlung russischer Bücher hat zwei Ziele: unseren Kopf frei zu bekommen von diesen russischen Narrativen und die Armee zu unterstützen“, sagt Tatjana Scherschen, eine der Organisator*innen. Sie ist die künstlerische Leiterin des Kulturpalasts in Luzk. Die Einrichtung wird die gesammelten Bücher als Altpapier verkaufen, das dann zu Toilettenpapier oder Pappbechern für Kaffee verarbeitet wird.

„Es tut mir nicht leid, diese Haufen für einen guten Zweck zu spenden. Ehrlich gesagt, die meisten Bücher habe ich nicht gelesen. Einen Teil davon haben meine Eltern noch zu Sowjetzeiten gekauft“, erzählt Scherschen. „Als ich älter wurde, wollte ich vor allem auf Ukrainisch lesen. Einige Bücher habe ich durchgeblättert, da waren nichts als Lügen zu finden und dann habe ich sie für immer zugeklappt. Ich möchte dieses Erbe nicht an meine Kinder weitergeben,“ sagt Anatoli Jantschuk, der in Luzk wohnt.

Die Leute haben viel Kinderliteratur, Comics, Zeitschriften, aber auch Sammelbände von Anton Tschechow und Alexander Puschkin und Lew Tolstoi – fünf Exemplare von „Anna Karenina“ – hierhergebracht. Aber es gibt auch viele Enzyklopädien.

„Das ist jetzt der praktische Nutzen von Puschkin und Dostojewski“, sagt ein alter Mann, der Bücher auf einem Wägelchen hinter sich herzieht. „Die russische Geschichte geht in die Geschichte ein“, sagt ein anderer Mann, der Wassili Tatischtschew (russischer Staatsmann, Historiker, Geograf und Ethnograf, 1668–1750, Anm. d. Red.), Nikolai Karamin und sogar eine Broschüre von Wladislaw Surkow, einem der Apologeten der „Russischen Welt“, mitgebracht hat.

Insgesamt kommt an diesem Tag fast eine Tonne russischer Bücher in Luzk zusammen. Ein Ehepaar aus Luzk bringt 70 Kilogramm russische Literatur mit, um sie zu Altpapier zu machen.

Ljudmila Romanjuk, die 1976 von Luhansk nach Luzk gezogen ist, hat ihre Bibliothek zu Hause entrümpelt. Das Ergebnis: 160 Kilo fürs Recycling. Eigentlich, so sagt sie, habe sie die Bücher bereits im vergangenen Jahr loswerden wollen. „Ich hatte viel Schulliteratur, russische Klassiker. Erst mit der Zeit wurde mir klar, dass ich solche Bücher hatte. Das hat mich geschmerzt. Vor dem Hintergrund dieser Morde und Zerstörungen, die die russische Welt über mein Land gebracht hat, wollte ich mich auch der literarischen Werke der Rus­s*in­nen entledigen“, sagt sie.

Auch anderswo wird aussortiert. Von den Beständen der transkarpatischen wissenschaftlichen Universalbibliothek wurden mehr als 9.000 Bücher in russischer Sprache beschlagnahmt. Mit dem Geld werden neue ukrainische Ausgaben angeschafft. Ein Krankenhaus in der Region Schytomyr hat mehr als 100 Kilo russische Bücher für die Altpapiersammlung abgegeben. In der Stadtbuchhandlung von Kiew, „Sjajwo knyhy“, kamen ganze 25 Tonnen zusammen.

„Mehr als 1.700 Ein­woh­ne­r*in­nen von Kiew haben mitgemacht. Sie trugen die Bücher auf ihren Armen, in Koffern, transportierten sie in voll gepackten Autos, schickten sie mit einem Taxi oder per Post“, teilt die Buchhandlung mit. „Es wurden 48.000 Bücher gesammelt, für die wir 100.000 Hrywnja (umgerechnet 2.620 Euro) erhalten haben. Das Geld wird verwendet, um ein Auto für ein Bataillon an der Frontlinie zu kaufen“, hieß es weiter.

Die russischen Bücher verschwinden nicht nur in Privatwohnungen aus den Regalen, sondern auch in Bibliotheken. Die Direktorin der wissenschaftlichen Bibliothek in Luzk, Ljudmila Stasiuk, erzählt, dass die meisten russischen Bücher im Mai entfernt und eingelagert worden seien.

In der Jugendbibliothek des Gebietes Wolhynien hätten die Le­se­r*in­nen das selbst initiiert, lange vor der offiziellen Anordnung der Regierung. „Die jungen Leute sind schon im März zu uns gekommen. Sie waren wütend, als sie in den Regalen Alexander Puschkin und sowjetische Kin­der­buch­au­to­r*in­nen gesehen haben“, sagt Alla Efremowa, die Leiterin der Jugendbibliothek. Ungefähr 35 Prozent des Bestandes in ihrer Bibliothek sind Bücher in russischer Sprache. Wissenschaftliche Veröffentlichungen zu technischen Disziplinen, die noch nicht ins Ukrainische übersetzt sind, werden weiterhin vorgehalten.

Tolstoi und Tschechow vom Lehrplan entfernt

Die Bibliotheken folgen damit der Anordnung des Ministeriums für Kultur und Informationspolitik der Ukraine. Darin heißt es, Propagandaliteratur sei aus ukrainischen Bibliotheken zu entfernen.

Der zuständige Minister Oleksandr Tkatschenko hatte im Mai gesagt, dass Literatur in Bibliotheken vernichtet werde, wenn sie Gewalt gegen oder die Vernichtung von Ukrai­ne­r*in­nen befördere, die russische Armee verherrliche. Oder wenn es um Schrift­stel­le­r*in­nen gehe, die unter Sanktionen oder auf schwarzen Listen stehen. Die frei gewordenen Bibliotheksregale werden mit ukrainischsprachiger Literatur und Büchern ukrainischer Verlage aufgefüllt.

Im Sommer hatten die Verantwortlichen in der Ukraine beschlossen, russischsprachige Werke von Schriftsteller*innen, deren Werk eng mit der Ukraine verbunden ist, wie zum Beispiel Nikolai Gogol und Michail Bul­gakow, im Lehrplan der Schulen zu belassen.

Au­to­r*in­nen wie beispielsweise Alexander Puschkin, Anton Tschechow, Lew Tolstoi oder Anna Achmatowa werden im Unterricht dagegen nicht mehr vorkommen. Zu den Literat*innen, die gelesen werden, gehören ab diesem Schuljahr unter anderem Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich Heine, Adam Mickiewicz, Jane Austen und Victor Hugo.

Aus dem Russischen: Barbara Oertel

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