piwik no script img

AfD bei Landtagswahl Baden-WürttembergRechtsextrem und normalisiert

Trotz Skandalen um Filz und Vetternwirtschaft: Die AfD erzielt ein Rekordergebnis im Südwesten. Dennoch hatten manche in der Partei mehr erwartet.

Stärkste Opposition im Landtag: AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier (M.) jubelt am Wahlabend Foto: Uwe Anspach/dpa

Bei der obligatorischen Jubelszene im Landtag von Stuttgart stand AfD-Spitzenkandidat Markus Frohnmaier ohne die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla vor der Kamera, verfolgte die ersten ZDF-Zahlen auf seinem Handy und jubelte trotzdem – obwohl das Ergebnis mit 18 Prozent deutlich hinter den Erwartungen lag. Das ist zwar ein Rekordergebnis für Baden-Württemberg, liegt aber hinter den eigenen hochgesteckten Erwartungen zurück. Die AfD lag in den Umfragen lange über 20 Prozent, strebte gar 25 + X an und wollte zweitstärkste Kraft werden.

Dennoch legt die extrem rechte Partei damit um rund 8 Prozentpunkte zu und wird damit wohl die stärkste Oppositionspartei im Stuttgarter Landtag. Bei der letzten Landtagswahl 2021 hatte die AfD noch bei 9,7 Prozent gelegen. 2016 war sie bereits als stärkste Oppositionspartei in den Landtag eingezogen mit damals 15,1 Prozent. Parteichef Tino Chrupalla sprach am Sonntag in einer ersten Reaktion im ZDF dennoch ob des Zuwachses von einem „großen Erfolg“, alles andere wolle man „intern“ auswerten.

Da gibt es tatsächlich so einiges zu tun. Die Partei hatte sich im Superwahljahr Rückenwind durch den Bundestrend versprochen, kämpft aber seit Wochen mit einem Skandal um Vetternwirtschaft, die man zuvor stets immer bei den verhassten Altparteien geißelte.

Parteichef Tino Chrupalla sprach am Sonntag in einer ersten Reaktion im ZDF dennoch ob des Zuwachses von einem großen Erfolg, alles andere wolle man „intern“ auswerten

Für die Rechtsextremen ist das ein deutlicher Dämpfer zur Unzeit – so wollte man doch auf einer Erfolgswelle in das Jahr mit fünf Landtagswahlen starten und strebt im September sogar absolute Mehrheiten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern an.

Spitzenkandidat in Verwandtenaffäre verwickelt

In der Verwandtenaffäre war auch der Spitzenkandidat Markus Frohnmeier einer der Protagonisten. Beim offiziellen Wahlkampfabschluss hatte Spitzenkandidat Frohnmaier, der selbst nicht für den Landtag antrat, gefehlt. Er war kurzfristig in die USA gereist und wollte dort nach eigenen Angaben für Baden-Württemberg wichtige Wirtschaftskontakte knüpfen. Nun: Sein Terminkalender soll nicht allzu voll gewesen sein, wie zu hören war.

Zudem konnte er so unangenehmen Fragen ausweichen – etwa der, warum nicht nur seine Frau bei einer Parteifreundin im Bundestag beschäftigt ist, sondern auch noch sein Vater für eine andere AfD-Bundestagsabgeordnete tätig sei und seine Schwester bei einer Landtagsabgeordneten gearbeitet hatte. Frohnmaier bestätigte das, beharrte aber darauf, dass es sich um legale Beschäftigungsverhältnisse handele.

Frohnmaier fehlte im Wahlkampfendspurt

Empfohlener externer Inhalt

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob Sie dieses Element auch sehen wollen:

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung

Dass Frohnmaier dann auch noch zum Wahlkampfendspurt fehlte, ärgerte auch die Parteispitze zusätzlich: Weder Alice Weidel noch Tino Chrupalla erwähnten Frohnmaier in ihren Reden beim Wahlkampfabschluss in Rottweil. Die Stimmung war sogar so frostig, dass die obligatorische Pressekonferenz zur Wahlnachlese schon am letzten Freitag abgesagt wurde. Hinter den Kulissen wurde Frohnmaier offen für seine USA-Reise kritisiert, er habe den Wahlkampf auf den letzten Metern vergeigt.

Trotz allem ist das Ergebnis für die AfD ein Rekordergebnis. Die extrem rechte Partei ist seit Gründung überdurchschnittlich stark im Südwesten, weil sie hier vor allem in ländlich geprägten christlich-konservativen Regionen an politische Mentalitäten gut anknüpfen können, wie Rechtsextremismus-Experte Rolf Frankenberger in der taz erklärt hatte.

Wahlumfragen von Infratest Dimap ergaben, dass 60 Prozent der Meinung sind, dass die AfD Demokratie und Rechtsstaat gefährdet. 72 Prozent wollen die AfD nicht in einer Regierung sehen. 25 Prozent sind wiederum für eine Regierungsbeteiligung der AfD. Die Rechtsextremen bleiben damit die unbeliebteste Partei und politisch isoliert, auch wenn es rechnerisch für eine schwarz-braune Mehrheit reichen würde. Allerdings schreitet auch die Normalisierung voran.

Knappe Hälfte der AfD-Wähler „überzeugt“

Ein Novum wiederum ist, dass 47 Prozent der AfD-Wähler*innen angaben, die extrem Rechten aus Überzeugung zu wählen, ein Zuwachs um 11 Prozentpunkte. Der Wert liegt damit erstmals über dem der 42 Prozent Wähler*innen, die angeben aus Enttäuschung über andere Parteien AfD zu wählen. Der Direktkandidat Markus Frohnmaier wurde nur von 18 Prozent der AfD-Wähler als wichtig für die Wahlentscheidung genannt. 65 Prozent gaben das Programm (mit seinem neoliberal-rassistischen Markenkern) an, 9 Prozent langfristige Parteibindung.

Die Altersverteilung zeigt ein umgedrehtes „U“: Unterdurchschnittlich schnitt die AfD an den Rändern ab – bei den über 70-Jährigen (9 Prozent) und den 16- bis 24-Jährigen (15 Prozent). Die besten Ergebnisse erzielte sie bei den 35- bis 44-Jährigen (23 Prozent), sowie in den Altersgruppen von 25 bis 34 Jahren und 45 bis 59 Jahren mit je 21 Prozent. Im Schnitt liegen die 60- bis 69-Jährigen mit 18 Prozent. Hinzugewonnen hat die AfD in allen Altersgruppen – bei den jüngsten um 9 Prozentpunkte, etwas mehr bei den übrigen Altersgruppen unterhalb von 60 Jahren. Am meisten Zuwachs gab es bei den 35-44-Jährigen mit 12 Prozentpunkten.

Schwach bei Frauen und Rent­ne­r*in­nen

Nach Berufsgruppen wählen überdurchschnittlich häufig Ar­bei­te­r*in­nen die Partei (34 Prozent), Angestellte und Selbstständige liegen mit 18 Prozent im Schnitt und Rentner sind unterdurchschnittlich mit 13 Prozent vertreten. Am stärksten hinzugewonnen hat die AfD bei Angestellten, wo sie 10 Prozentpunkte gewann – bei den Ar­bei­te­r*in­nen wiederum acht.

Eine Konstante ist auch der geschlechtsspezifische Trend, dass die AfD häufiger von Männern gewählt wird (21 Prozent) und weniger von Frauen (14 Prozent). Ebenso ist nicht neu, dass die AfD in kleineren Gemeinden unter 100.000 stärker abschnitt (18 bis 19 Prozent) und in Großstädten mit 100.000 Einwohnern schlechter (12 Prozent).

Zahlen des ZDF zu Wechselwählern bestätigen einmal mehr die Arithmetik des Rechtsrucks: Wenn Konservative AfD-Positionen kopieren, profitiert das Original. Von der CDU hat die AfD 11 Prozent Wähler gewonnen, von der zuletzt häufiger mit Kettensägen-Rhetorik auftretenden FDP 9 Prozent. Darüber hinaus profitierte die AfD zu 26 Prozent von Nichtwählern. 39 Prozent der AfD-Wähler gaben an, bereits bei der letzten Landtagswahl die Rechtsextremen gewählt zu haben.

Die Wahl zeigt wiederum einmal, dass Rechtsextremismus kein Ost-Problem ist. Trotz dieses Rekordergebnisses in Baden-Württemberg ist es nur das bislang zweitbeste in einem westlichen Flächenland: In Hessen war die AfD 2023 mit 18,4 Prozent als zweitstärkste Kraft hinter der CDU in den Landtag eingezogen. Ihr höchstes Ergebnis bei einer Landtagswahl erzielte die AfD in Thüringen 2024 mit 32,8 Prozent, wo sie zum ersten und bisher einzigen Mal eine Landtagswahl gewonnen hat.

Unser Mittel gegen Antifeminismus

Wir machen linken Journalismus aus Überzeugung: kritisch, unabhängig und frei zugänglich für alle. Es gibt keinen Bezahlzwang, keine Paywall. Das geht nur, weil sich viele freiwillig beteiligen und unsere Arbeit unterstützen. Auch im Digitalen muss Journalismus, der für mehr Gleichberechtigung eintritt, finanziert werden. Unsere Leser:innen wissen: Journalismus entsteht nicht aus dem Nichts. Damit wir auch morgen noch unsere Arbeit machen können, brauchen wir Ihre Unterstützung. Schon über 48.000 Menschen machen mit und finanzieren damit die taz im Netz - kostenlos für alle. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5 Euro sind Sie dabei. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema
Fotomontage eines wochentaz-Titels und dem Buchcover „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit

10 Wochen taz + Sachbuch „Autoritäre Rebellion“

Zeiten wie diese brauchen Seiten wie diese: unabhängig, konzernfrei und mit klarer Kante gegen Faschismus, Rassismus und Rechtsruck. Teste jetzt die taz und erhalte das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit als Prämie.

  • Das neue Buch „Autoritäre Rebellion“ von Andreas Speit als Prämie
  • Die wochentaz jeden Samstag frei Haus + digital in der App
  • Die tägliche taz von Mo-Fr digital in der App
  • Zusammen für nur 28 Euro

10 Wochen taz + Buch „Autoritäre Rebellion“

Jetzt bestellen

9 Kommentare

 / 
  • Ich sehe eine stabile Mehrheit für CDU und AfD.



    Es wird ja hier häufig unterstellt, die Union bereite eine Zusammenarbeit mit der AfD vor. Jetzt wäre die ideale Gelegenheit, gerade auch angesichts dessen, dass in den östlichen Bundesländern ebenfalls Wahlen anstehen.



    Die CDU könnte jetzt in BaWü eine Koalition mit der AfD bilden oder sich in einer Minderheitenregierung von der AfD tolerieren lassen.



    Aber wird das passieren?



    Natürlich nicht.



    Aber wie passt das mit dem häufig geäußerten Mantra, die CDU strebe eine Zusammenarbeit mit der AfD an?



    Ich bin auf die Antworten gespannt.

  • Wieso sitzen Leute nicht im Knast die eine Terroragenda von Terroristen organisieren namens "Remigration"?

    Wie soll ich mich bitte gewaltfrei, verfassungs- und gesetzeskonform in einem Staatswesen verhalten, das diese Täter nicht ständiger Repression bis hin zu empfindlichen Haftstrafen aussetzt?



    Zumal man ja in der Öffentlichkeit nicht mehr sicher und friedlich leben kann.

  • Jeder Rastätter sollte dem deutschen System auf Knien danken diese völlig sinnfreie Tunnellösung der Bahnstrecke bekommen zu haben. Aber nein, man wählt natürlich Blau.

  • Ein Teil der Erstarkung dürfte das übliche sein wie auch sonst überall. Aber dass es für ein westliches Land dermaßen hoch ist, könnte daran liegen, dass einige cdU-WählerInnen die Mär glauben, dass mit den Grünen zusammen in BaWü grüne Politik gemacht würde (das verbreiten AfD und fDP ja fleißig - AfDP). Und da die cdU sich thematisch in Sachen Neoliberalismus und Rassismus von der AfD kaum unterscheiden, laufen sie zum brauneren Teild der cdU über: der AfD. Wäre meine Theorie, warum es so einen hohen Wert gegeben hat.



    Wie seht ihr das?

  • Ein Drittel der Stimmen für die AFD ist von Frauen zwei Drittel von Männern.gut das der Wahlkampf bis zum Schluss so eng war, sonst hätte die AFD wohl mehr Prozente geholt.

    • @Hitchhiker:

      Die AfD holt Prozente, weil die anderen nicht mehr gewählt werden.

      Schauen Sie sich doch mal die "klassische AfD-Hochburg" Pforzheim an. Das Zentrum (Wahlbezirke 001.00x) hat eine Wahlbeteiligung von 23% - in Worten: dreiundzwanzig(!) Prozent - bei dieser Landtagswahl.



      Und die absolute Hochburg (Wahlbezirk 007.11 - die volkstümliche Bezeichnung schenke ich mir hier) liefert der AfD eine absolute Mehrheit mit 53 % - das sind aber nur ca. 20% der Wahlberechtigten. Die Zahl ist zwar auch noch zu hoch, aber heißt im Klartext, dass weit über die Hälfte der Wahlberechtigten gar nicht wählen geht und rund 80% der Wahlberechtigten sich für keine aus dem breiten Spektrum der (mehr oder weniger) etablierten Parteien erwärmen können. Dieses Problem ist der Elefant im Raum, den man bislang erfolgreich ignoriert.

    • @Hitchhiker:

      Tja.....ich hoffe, dass der Kanonenschuss vernommen wurde. Allerdings stirbt ja die Hoffnung zuletzt.....meine Befürchtung.

  • 2017 zog die AfD in den Bundestag ein, damals war noch nicht so eine starke Unterwanderung von in Teilen rechtsextremistischen Parlamentariern zu vernehmenen, dennoch wurde die AfD von Anbeginn von den etablierten Parteien blockiert. Einige Stimmen in der Bevölkerung werden laut mit der Frage " wo bleibt denn da der Respekt vor Wählers Wille ? " - und wer hatte Interesse die AfD in Teilen rechtsextremistisch zu unterwandern ?

    • @Alex_der_Wunderer:

      Wieso sollte ich "Respekt vor des Wählers Wille" haben, die einen parlamentarischen Arm des Rechtsterrors mit einem terroristischen Programm namens "Remigration" wählen?



      Also den Faschismus, den zeitgenössische gutbürgerliche Bürger und Bürgerinnen unbedingt immer gerne als gar keinen Faschismus ansehen. Um nachher sagen zu können sie hätten nichts geahnt.

      Die AfD ist nicht "rechts unterwandert worden" Ein paar "Doch-Bloß-Konservative" mit nationalistischen Blähungen, vor allem aber ultrawirtschaftslibertärer Agenda, haben den Kübel gezimmert in die die braune Sosse strömte.



      Henkel, Gauland, Lucke, Adam - sie alle müssen gar keine Faschisten sein, um die Verantwortung dafür zu tragen ihnen den Weg geebnet zu haben. So geht das halt aus, wenn mässig begabte, mässig gebildete kleinbürgerliche Reaktionäre davon träumen die Welt zu gestalten. Nachher sind sie es immer nicht gewesen und irgendwas mit Linke ist schuld, das sie keine Demokraten sind.



      "Remigration" ist ein Terrorprogramm gegen meine Mitbürgerinnen und Nachbarn. Wieso sitzen deren Organisatoren nicht im Knast? Fürchtet man das der schwäbische Bauer sonst den Bauernkrieg auslöst?