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Monika Herrmann zu Berlin-Sondierungen„Jede rot-grün-rote Koalition verfestigt die Demokratie“

Die grüne Ex-Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg fordert endlich inhaltliche Gespräche. Linke, Grüne und SPD sollen Druck von außen trotzen.

Erik Peter

Interview von

Erik Peter

taz: Frau Herrmann, am Wahlabend freuten Sie sich, dass die Grünen eine Vermittlerrolle zwischen Linken und SPD einnehmen könnten. Bei der jüngsten Unterbrechung der Sondierungsverhandlungen sah es dagegen mehr so aus, als stehe ihr Fraktionschef Werner Graf an der Seite von SPD-Chef Steffen Krach gegen die Linke. Wird die Partei der von ihnen beschriebenen Rolle noch gerecht?

Monika Herrmann: Werner Graf wird genau dieser Rolle gerecht. Es war ja abzusehen, dass es zwischen SPD und Linkspartei eine größere Spannung geben wird. Wenn die SPD tatsächlich die Gespräche beendet hätte, wäre es sehr schwierig für sie gewesen, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukommen. Eine Unterbrechung war also genau die richtige Entscheidung, um die Verhandlungen offenzuhalten. Die SPD dabei zu begleiten, ist für mich nachvollziehbar, denn es geht ja immer auch um Emotionen.

Im Interview: Monika Herrmann

62, war von 2013 bis 2021 grüne Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. 2021 kandidierte sie in dem Bezirk für ein Direktmandat im Abgeordnetenhaus, verlor aber knapp gegen einen Linkspartei-Konkurrenten. Seitdem kümmert sie sich vor allem um Verkehrspolitik.

taz: Was erwarten Sie von den Grünen in den nun wieder aufgenommenen Gesprächen?

Herrmann: Die Rolle, die ich jetzt sehe, ist, dass wir auch Motor der Verhandlungen sein sollten. Die Vordiskussionen sind geführt, Papiere geschrieben, Linien gesetzt und alle drei wissen jetzt Bescheid. Es muss jetzt wirklich losgehen mit den inhaltlichen Gesprächen, wir haben keine Zeit zu verlieren. Wenn wir es gemeinsam hinbekommen, einen Koalitionsvertrag abzuschließen, erwarte ich von den Grünen in der Regierung ein klares Profil, konsequentes Handeln im Sinne der Zukunftsherausforderungen und natürlich auch, dass wir mit dafür Sorge tragen, dass Rot-Grün-Rot gelingt und jede Partnerin ihr eigenes erkennbares Profil halten kann.

taz: Zuletzt hat sich immer wieder die Bundesspitze der Grünen mit Kritik an der Linkspartei und den Sondierungsgesprächen zu Wort gemeldet. Wieso hat man da so eine Sorge vor einem Linksbündnis in Berlin?

Herrmann: Eine hoch irritierende Erfahrung für mich ist, mit welchem Übereifer und zum Teil Schaum vor dem Mund aufgerüstet wurde. Und zwar von Linken, Grünen und SPD. Jede rot-grün-rote Koalition, jetzt und in der Zukunft, verfestigt die Demokratie. Wir sehen doch, wie labil und verführbar die CDU für die extremistische Rechte ist. Was die grüne Parteispitze da geritten hat – aber auch die von Linkspartei und SPD sind ständig in Schnappatmung –, ist mir schleierhaft und macht mich echt sprachlos. Wer immer noch nicht erkennt, was die Zeichen der Zeit sind, ist vielleicht zu sehr in seiner innerparteilichen Blase verfangen.

taz: Teilen Sie die Sorgen vor der Berliner Linkspartei?

Herrmann: Nein. Wir regieren seit Jahrzehnten mit der Linkspartei und der SPD im Bezirk und auch in anderen Bezirken. Wir haben auch zusammen das Land regiert. Die Linke ist allerdings in einem Transformationsprozess. Sie haben sich wieder auf konsequenten Klassenkampf fokussiert, haben neue, stärker werdende Gruppen in der Partei. Und der Generationswechsel ist eben nicht nur ein Generationswechsel, sondern wahrscheinlich auch ein grundlegender Politikwechsel. Erneuerungen und Beharrungen sind eine sehr dynamische Mischung. Wohin es am Ende tatsächlich geht, wird sich erst noch zeigen.

taz: Ist mit der Debatte über Antisemitismus jetzt die größte Hürde für die Gespräche genommen oder kommt die erst mit der Debatte um die Vergesellschaftung?

Herrmann: Wenn alle drei Parteien Rot-Grün-Rot wollen, dann finden sich auch Lösungen. Wenn jemand aber eigentlich doch nicht will, sich dies jedoch nicht laut zu sagen traut, etwa wegen schlechterer Wahlergebnisse nach dem Scheitern, wird dieser auch bei jedem Thema Haare in der Suppe finden.

taz: Wie groß ist die Gefahr, dass die Verhandlungen scheitern?

Herrmann: Wenn sich jetzt alle drei auf das fokussieren, was ihre Aufgabe ist, nämlich eine Regierung für Berlin zu bauen, dann wird das auch was. Solange sie sich von der Springer- und CDU-Hetze und den schrillen Kommentaren von den politischen Seitenlinien der eigenen Parteien beeindrucken lassen, wird es allerdings sehr herausfordernd.

taz: Und was passiert dann?

Herrmann: Es gibt natürlich auch andere Varianten. Der sogenannte Wählerwille ist jedoch eindeutig ein anderer. Wer auf Neuwahlen spekuliert, auf eine Kenia-Koalition oder eine Minderheitsregierung, vertut kostbare Zeit mit Spielchen. Die Ber­li­ne­r*in­nen jedenfalls haben wenig Verständnis, dass mit diesem Wahlergebnis nicht endlich die unsägliche Zeit von Schwarz-Rot beendet wird.

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25 Kommentare

  • Ricky-13

    Besonders interessant ist, dass Merz und seine CDU nicht über Sachsen-Anhalt reden, sondern nur noch vor 'Die Linke' in Berlin "warnen". Aber in Sachsen-Anhalt sind ja auch keine Immobilienhaie in Gefahr, die man vor den "bösen Linken" beschützen muss, die soziale Politik für das Volk machen wollen. Anscheinend ist für die Merz-Union das Wohl der Manager von Vonovia & Co. wichtiger als unsere Demokratie, die immer mehr in Gefahr gerät.

    ***Klartext mit Lilly*** www.youtube.com/shorts/nMcPP1UVh5s

    • Elite123

      @Ricky-13:

      Friedrich Merz hat wochenlang Wählerbeschimpfung in Sachsen-Anhalt betrieben.



      Dass er nicht davon reden würde, stimmt schlicht nicht.

  • Pico

    Die Zeichen in Berlin stehen auf Rot-Rot-Grün. Die Zeiten sollten es auch sein. Man sollte sich nicht von den Quertreibern irre machen lassen. Mit immer den gleichen Argumenten. Die wollen nicht, dass Die Linke erstmals eine Bürgermeisterin stellt. Es ist an der Zeit, dass 1. eine Frau Berlin regiert und 2. durch die Die Linke geschieht und 3. auch noch Migrationshintergrund hat. Zeitenwende. Wir brauchen sie.

    • behr Behr

      @Pico :

      Nur so wird man feststellen, was aus den vollmundigen Wahlversprechen der politischen Akteure wird - zB.



      eine Vergesellschaftung der großen Wohnungsbaukonzerne mit niedrigeren Mieten, professionell gemangten Wohnungen u.ökologisch saniert ohne oder geringer Neuverschuldung und



      starkem sozialen Wohnungsneubau für die Tausenden von



      Wohnungssuchenden ( nein, das letzte wurde nicht versprochen, ist auch nicht im Interesse der Mehrheit).

    • Manuel Im

      @Pico :

      Giffey ganz vergessen?

      • Pico

        @Manuel Im:

        Ja, richtig. Die hatte ich nicht mehr auf dem Schirm ... Vielleicht weil sie nicht viel bewegt hat oder ohne Skandale auskommen oder beides ....

  • So,so

    Mir kommt es so vor, als wolle die spd mit ihrem Herrn Krach (es gilt die Umschuldsvermutung) v.a. ablenken und verhindern, dass eine links-geführte Regierung reale Erfolge aufweist gegen die Mietmafia und Bürgern (uir Abwechslung!) auch mal was Guted tut.



    Ein wirklich schlechtes Gewissen (als ehem. Arbeiterpartei) spielt da wahrscheinlich auch eine Rolle.



    Falls die spd blockiert und weiter mit der €DU die Konzerne befriedigt, liegt sie damit ja auf Bundeslinie- wird den Niedergang der spd aber beschleunigen.



    Ergebnis wird ein weiteres Erstarken der Neonazipartei sein.



    Aber das scheint egal.



    Diese vertane Chance werden sich viele Wähler merken.

  • DiMa

    "Die Ber­li­ne­r*in­nen jedenfalls haben wenig Verständnis, dass mit diesem Wahlergebnis nicht endlich die unsägliche Zeit von Schwarz-Rot beendet wird."

    Als Noch-Berliner, der auch nach seinem Wegzug auf diese Stadt schauen wird, habe ich jedoch wenig Verständnis, wie es zu dieser Koalition kommen sollte. Dafür habe ich noch die alte R2G zu gut in schlechter Erinnerung.

    Und wenn man in der Presse liest, was Frau Emde parallel so von sich gibt, dann gibt es da noch recht viel zu sondieren, bevor überhaupt eine Koalitionsverhandlung los geht.

  • Elite123

    "Papiere geschrieben"

    Papier ist geduldig.

    Wie will R2G die Sicherheit von Remmo Opfern gewährleisten, die sich an die Polizei in Berlin wenden, wenn die Linke durchsetzt ist mit Unterstützern des Clanmilieus? Es ist nicht nur Kocak, da gibt es zig Leute deren Reden zu Clankriminalität nun in anderem Licht erscheinen...

    • Janix

      @Elite123:

      Elite123, ich würde mir von Ihnen hier im Forum weniger hyperbolische Behauptung und mehr Fakten wünschen, wenn ich mir etwas wünschen darf.

    • esgibtnureinengott

      @Elite123:

      Zig Leute? Haben sie da auch ein paar Beispiele oder nur so eine unbestimmte Vermutung?

      • Elite123

        @esgibtnureinengott:

        - Kocak



        - Schrader (s. parlamentarische Anfragen)



        - Ahmed Abed (Buch "Clanmythos")



        - Marianne Esders (Clan-Begriff sei rassistisch)



        - Elif Eralp selbst (Polizeiarbeit sei "ethnisierend")



        - Jorinde Schulz (Co-Autorin von Abeds Buch)



        - Sören Pellmann (es gibt keinen Bedarf für Konsequenzen für Kocak)



        - Linksjugend (nennt die Polizei bewaffnete Clans als Rechtfertigung für Kocak)

        • Pflasterstrand

          @Elite123:

          das sieht eher nach übler nachrede aus, als nach handfesten indizien oder gar beweisen für eine durchsetzung der linken "mit unterstützern des clanmilieus". würde man Sie für genau diese behauptung auf unterlassung verklagen, dann würde sich ihre alberne liste vermutlich schnell in luft auflösen.

          • Abdurchdiemitte

            @Pflasterstrand:

            Danke für Ihren Kommentar, er erspart mir eine eigene Erwiderung auf den von @Elite123:,



            Ich würde mich ja gerne auf eine Diskussion mit dem Mitforisten einlassen, nur leider bringt er keine Argumente. Stattdessen wirft er irgendwelche Namen in den Raum, verbunden mit fragwürdigen, weil aus dem Kontext gerissenen Aussagen.

          • Elite123

            @Pflasterstrand:

            Das sind Indizien, und dass mein Eindruck ist, hier besteht eine strukturelle Clanunterstützung, ist durch die Meinungsfreiheit gedeckt, aber netter Versuch hier canceln zu wollen.

            Die Indizien sind ja erdrückend. Kocak hatte ja anscheinend stundenlange Meetings mit Issa Remmo, wenn man dessen Aussagen glauben kann.

            Auch bei den anderen: welchen Vorteil hat die Partei die Linke, wenn sie sich als kritisch zur Polizeiarbeit gegen Clankriminalität positioniert?

            Welche Zielgruppe will man damit erreichen?

            Welchen positiven Benefit zieht die Partei daraus?

            Da werden Stunden über Stunden investiert für das Thema, Bücher geschrieben, Anfragen geschrieben, Konsequenzen ausgesessen.

            Für umme?

            • Abdurchdiemitte

              @Elite123:

              Indizien sind keine Beweise. Wenn Sie die dafür halten, müssten Sie sie ausführlicher/sorgfältiger begründen können. Da müssen Sie wegen der Zeichenbegrenzung hier wohl noch etliche Kommentare schreiben.



              Und Vorsicht mit falschen Tatsachenbehauptungen. Sie wissen, wie es Frau Reiche im Rechtsstreit mit der Linkspartei ergangen ist.

            • Pflasterstrand

              @Elite123:

              einerseits halten Sie die aufgezählten personen für zweifelhaft, weil diese sich in einer bestimmten art und weise auf die sog. clankriminalität beziehen oder kontakt mit vertreter*innen dieses milieus gehabt haben, andererseits ist der einzige kronzeuge, den Sie aufrufen, um ihre wilden thesen in "erdrückende indizien" zu verwandeln, ausgerechnet ein vertreter dieses milieus. na was denn nun, na wie denn nun?

              das sind eben keine indizien sondern behauptungen und wenn Sie elif eralp unterstellen, sie sei eine unterstützerin des clanmilieus, dann ist das sogar eine falschbehauptung. auch dann, wenn elif eralp die auffassung äußert, polizeiarbeit zur sogenannten clankriminalität erfolge "ethnisierend".

              schon mal darüber nachgedacht, dass die kritische auseinandersetzung mit dem begriff clankriminalität mit rassistischen erfahrungen zu tun haben könnte? naja, so ist das wohl: hier familienunternehmen, dort clankriminalität...

    • Senza Parole

      @Elite123:

      Ist denn die Berliner Polizei durchsetzt mit Unterstützern des „Clanmilieus“? Falls nicht, ist ihr Beitrag ja unlogisch.

      • Elite123

        @Senza Parole:

        Wenn die Berliner Linke regiert? Dann offenbar ja schon!

        • nihilist

          @Elite123:

          Sicher. Die Linke wird als erstes die vorhandenen Polizeibeamten durch politisch genehmere austauschen. Das machen Landesregierungen eigentlich immer so.

  • behr Behr

    Offensichtlich hat keine der politischen Parteien das Bildungsproblem auf dem Schirm. Schulabbrecherquote über 10 % u. dynamisch steigend. Das ist zusätzlicher Sprengstoff für jeden



    Sozialhaushalt in der Zukunft u. ein weiteres Desinteresse an der Jugend.

  • Janix

    Monika Herrmann hat ihre Eindrücke am Ort. Brantner sollte ihr besser mal zuhören.

    Ein Tipp noch, frei nach Katja Berlin in der heutigen ZEIT: Es gibt ein unfehlbares Mittel, wie mensch auch mit echtem Antisemitismus die Gnade Markus Söders erhält: Einfach auf den Bruder schieben.

    • Meister Petz

      @Janix:

      In Berlin heißt das „Brudi“, wenn überhaupt.

      Aber es kommen auch andere Verwandte in Frage: „ Issa Remmo distanziert sich von diesen Taten. Das seien seine Neffen gewesen, keiner seiner 13 Söhne, sagt er.“ www.welt.de/vermis...o-ueber-kocak.html

  • Phandersaa

    Politikersprech vom Feinen.



    Den sogenannten Wählerwillen gibt es nicht, der wird nach jeder Wahl von den Beteiligten je nach Gusto destilliert, wie es ins eigene Weltbild passt. Der sogenannte Wählerwille interessiert denn auch die politische Kaste nicht die Bohne, getreu dem Motto "Wer seine Stimme abgegeben hat, hat keine mehr". Am Ende geht es in dem vorgeblich ideologischen Ringen für viele Politakteure darum, den längsten Atem zu haben, um die besten Posten und Pöstchen für sich zu ergattern und sich die größten öffentlichen Pötte und Tröge unter den (parteipolitischen) Nagel zu reißen. Und nein, diese Sicht auf das Geschehen ist kein Hass und keine Hetze, sondern der durch viele Enttäuschungen geschärfte Blick eines verfestigt enttäuschten radikalen Demokraten.

  • *Sabine*

    "Wir regieren seit Jahrzehnten mit der Linkspartei und der SPD im Bezirk und auch in anderen Bezirken. Wir haben auch zusammen das Land regiert."

    Frau Herrmann war vor dem 07.10.23 Bezirks-Bürgermeisterin und ich bin der Ansicht, dass sich seitdem sehr viel verändert hat, auch für die jüdischen und/oder israelischen Menschen in Berlin. Ich sehe die Notwendigkeit einer Berliner Regierung, die ohne wenn und aber an der Seite unserer jüdischen und/oder israelischen Mitbürger:innnen m/w/d, auch in Berlin, steht und sich antisemitischen Auswüchsen entgegenstemmt.



    Es ist meiner Meinung nach unerträglich, dass in Berlin Demonstrationen stattfinden, bei denen zum Mord an Juden aufgerufen wird und Juden i.. ... gewünscht werden.

    Ich wünsche mir von allen Beteiligten so sehr, seien es Wähler:innen m/w/d oder Politiker:innen m/w/d, nicht beiseite zu schieben, dass in "ihrer" Stadt der Mord an 6.000.000 unschuldigen, jüdischen Menschen geplant und organisiert wurde.

    Ich lebe nicht in Berlin, meine aber, dass mir dieser Wunsch zusteht, da Berlin auch für mich die Bundeshauptstadt ist.