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Spaniens SozialdemokratieDie Zukunft gehört den Mutigen

Reiner Wandler

Kommentar von

Reiner Wandler

Spaniens Ministerpräsident Sánchez ist auch deshalb so erfolgreich, weil er sich traut, Sozialdemokrat zu sein. Deutschlands SPD kann viel lernen.

Der Spanier Pedro Sánchez ist unter Europas Linken längst ein Star geworden Foto: reuters

D er Erfolg von Ministerpräsident Pedro Sánchez spricht für sich: Die Zukunft gehört den Mutigen. Denen, die sich nichts trauen, gehört sie ganz sicher nicht. Der spanische Sozialdemokrat steht für seine Überzeugungen ein. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Kriegsführung Israels in Gaza zu verurteilen.

Er stellt sich US-Präsident Donald Trump beim Irankrieg entgegen, unterbindet – anders als die Bundesregierung – die Nutzung der US-amerikanischen Basen für den illegalen Angriffskrieg. Und er war der Einzige, der Trump abblitzen ließ, als dieser die unmäßige Erhöhung des Verteidigungshaushalts von den Europäern forderte.

Stattdessen macht Sánchez – der sich dennoch der Verteidigung der Union verpflichtet fühlt und Truppen im Baltikum oder im südlichen Mittelmeer unterhält – Sozialpolitik. Der Mindestlohn stieg in seiner Regierungszeit um 66 Prozent, die Renten legen ebenfalls zu. Er kontrollierte den Strompreis zu Beginn des Ukrainekrieges, und jetzt, in der von Trump ausgelösten Erdölkrise, schnürt seine Linkskoalition ein Paket, das den wichtigsten Branchen und auch den einfachen Haushalten hilft.

Außerdem traut er sich an ein Problem, das allen reichen Ländern gemein ist: Einwanderer ohne Papiere. Während überall in der EU auch die Sozialdemokratie nicht davor zurückschreckt, von härterem Vorgehen gegen Immigranten zu reden. „Nicht nur durchhalten, sondern Lösungen vorschlagen“, nennt er diese Politik, die er ganz bewusst in den Rahmen des Kampfes gegen den Aufstieg der extremen Rechten stellt.

Mit dem Treffen der fortschrittlichen Kräfte in Barcelona stößt Sánchez, der längst eine Art Galionsfigur der europäischen Linken ist, eine Bewegung an, die das Zeug hat, die Resignation angesichts des Aufschwungs der großen und kleinen Trumps dieser Welt zu brechen. Die Rechte gewinnt nicht, weil sie es besser macht, sondern weil sie erreicht hat, dass das fortschrittliche Lager ideen- und regungslos auf das starrt, was da geschieht.

Die deutsche Sozialdemokratie kann von Sánchez nur lernen.

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Reiner Wandler
Auslandskorrespondent Spanien
Reiner Wandler wurde 1963 in Haueneberstein, einem Dorf, das heute zum "heilen Weltstädtchen" Baden-Baden gehört, geboren. Dort machte er während der Gymnasialzeit seine ersten Gehversuche im Journalismus als Redakteur einer alternativen Stadtzeitung, sowie als freier Autor verschiedener alternativen Publikationen. Nach dem Abitur zog es ihn in eine rauere aber auch ehrlichere Stadt, nach Mannheim. Hier machte er eine Lehre als Maschinenschlosser, bevor er ein Studium in Spanisch und Politikwissenschaften aufnahm. 1992 kam er mit einem Stipendium nach Madrid. Ein halbes Jahr später schickte er seinen ersten Korrespondentenbericht nach Berlin. 1996 weitete sich das Berichtsgebiet auf die Länder Nordafrikas sowie Richtung Portugal aus.
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36 Kommentare

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  • Der ganze Politik-Apparat sPD hat sich an die Lobbyisten verkauft, das muss man mit dem Etikett "Sozial" erst einmal schaffen.

    Sozialverträglich sieht anders aus. Der Zug ist wohl abgefahren, jetzt wählen ehemalige sPD ler schon aus Frust die AfD. Na denn.



    Willi, Helmut und Herbert drehen sich im Grab rum und schämen sich zu tiefst.

  • "Außerdem traut er sich an ein Problem, das allen reichen Ländern gemein ist: Einwanderer ohne Papiere. Während überall in der EU auch die Sozialdemokratie nicht davor zurückschreckt, von härterem Vorgehen gegen Immigranten zu reden."



    Die undokumentierten Einwanderer in Spanien sind überwiegend katholische Lateinamerikaner*innen mit spanischer Muttersprache. Das ist ein bisschen eine andere Hausnummer als Menschen, die aus völlig anderen Kulturkreisen kommen und eine völlig andere Sprache sprechen.

  • "Der Erfolg von Ministerpräsident Pedro Sánchez spricht für sich"

    Erfolg ist relativ.



    Sanchez wurde Ministerpräsident, weil der eigentliche Wahlsieger, die PP von Alberto Núñez Feijóo nach der Wahl 2023 nicht genügend Koalitionspartner fand.



    Aber so wirklich begeistert scheinen die Spanier von Sanchez Amtsführung nicht zu sein. Hier findet man einen Hinweis auf die letzten Regionalwahlen:



    www.deutschlandfun...sanchez-r-100.html

    Im Dezember hatte Sanchez‘ PSOE in der südwestlichen Region Extremadura 14 Prozentpunkte verloren. Ist es jetzt schon ein Erfolg, weil er in Asturien nur 5 Prozent verloren hat ?

  • Die SPD ist offensichtlich in die Populismusfalle getappt.

    Mit (z.B.) der Zustimmung zur sog. "neuen Grunsicherung" hat sie einen Teil ihrer Werte verraten, nämlich das Versprechen, daß in diesem Land niemand von Hunger und Obdachlosigkeit bedroht ist, sondern daß es eine Solidargemeinschaft gibt, die Menschen auch in schwierigen Lagen auffängt.



    Nun..dieses Unterfangen hat sich absolutes Desaster erwiesen, denn die umgarnten Arbeiter*innen haben sich dann doch lieber der afd zugewandt. Und das schlimmste: die sPD hat es immer noch nicht begriffen.







    Der *Spaltpilz* den die afd Tag für Tag verbreitet, betrifft aber nicht nur die SPD sondern auch die CDU.



    Und so laufen sie alle in populistischer Weise irgendwelchen vermeintlichen Wählergruppen hinterher und übersehen, daß es in der Parteipolitik niemals nur um Interessen geht, sondern auch oder sogar vor allem: um Zukunftsversprechen und Visionen..

  • Die Zukunft gehört den Sozialdemokraten, die wirklich politische Wirkung anstreben, die hochpolitisch agieren, die etwas wagen, die auch Kontroversen ausstehen. Die SPD in Deutschland ist Mitte, vielleicht sogar Mitte-Rechts oder Mitte-Sozialkonservativ. Damit gewinnt man eben nicht die Alleinerziehende Mutter, die den 2. Bildungsweg gegangen ist, nicht den Rentner, der Facharbeiter war und sich um Kinder und Enkelkinder sorgt, auch nicht den Studtenten in Freiburg, der viel arbeitet, um ein WG-Zimmer zu bezahlen. Die SPD in Deutschland ist verlässlich, hat viele Ressourcen, wirkt aber entpolitisiert und sehr konsensorientiert, sie wirkt so als ob sie im Ruhestand ist. In Spanien ist die Sozialdemokratie noch im politischen Bereich, mit allen Chancen und allen Risiken. Das weckt Erwartungen und das löst Debatten aus. Davor schreckt bei uns die SPD zurück, was schade ist.

  • Ob Sanchez als Vorbild taugt wird sich zeigen. Seine Projekte sind gut und progressiv. Allerdings zeigt sich seit den Regionalwahlen ein klarer Rechtsdrall in den Wahlergebnissen und Umfragen. Könnte also sein da Sanchez nächstes Jahr eher von einer PP und Vox Koalition abgelöst wird. Die Stimmung in Spanien geht eher nach rechtsaußen.

  • Der Schlüssel eine erfolgreiche Volkspartei zu sein, liegt darin, glaubwürdige, pragmatische und rationale Politik zu machen, deren Ergebnis beim Bürger ankommt und nicht von alten Zeiten zu zehren. Die SPD ist so profillos wie keine andere Partei und trägt seit Jahren in Regierungsverantwortung eine große Verantwortung für Reformstau, Stillstand, Bürokratie, Verwaltungsmentalität. Ob GroKo oder Ampel. Die SPD war immer dabei und hat weder als Juniorpartner noch als größte Kraft den Eindruck eines Zugpferdes vermittelt. Die Menschen trauen der Partei nicht mehr zu, das Land nach vorn zu bringen. Wenn man aus der Lethargie nicht bald rauskommt, geht man den Weg der der FDP.

  • Wie bemisst sich dieser Erfolg? Die letzten Wahlergebnisse seiner Partei sind kaum besser als bei der SPD. Seine Frau ist gerade in einen Korruptionsskandal verwickelt, von dem sich noch zeigen muss, ob er ihn politisch überlebt. Wesentlich erfolgreicher scheint mir dagegen die Dänische Sozialdemokratie - allerdings mit komplett anderer Politik.



    Der Kommentar ist Wunschdenken.

  • Die SPD in unserem Land nähert sich dem skandinavischen Modell von Sozialdemokratie an. Neoliberal ist unsere SPD bereits, aber noch nicht rassistisch genug.

    Unsere SPD wird nen Teufel tun, Spanien als Vorbild zu nehmen. Dann lieber Wähler an die CDU verlieren.

    Was Deutschland braucht ist eine kapitalismusfeindliche Partei. Die SPD sollte diese Rolle einnehmen, völlig egal, ob sie vom Verfassungsschutz nicht mehr zugelassen wird zur Wahl. Dieses Risiko müssen die eingehen. Mehr als abstürzen kann die SPD sowieso nicht mehr.

    • @Troll Eulenspiegel:

      "Unsere SPD wird nen Teufel tun, Spanien als Vorbild zu nehmen. Dann lieber Wähler an die CDU verlieren."

      Man kann auch beides gleichzeitig tun. 😎

  • Schon, aber Sanchez regiert auch nicht mit der PP. Der Raum für offensive sozialdemokratische Politik ist gering (selbst, wenn sie wollten und nicht die Seeheimer davor wären).

  • Die Sachen mit denen die Sozialdemokratie in Spanien punktet, lassen sich nicht auf Deutschland übertragen.



    Spanien fürchtet sich aus geostrategischen Erwägungen nicht vor Russland und möchte deshalb nicht mit seinen EU-Partnern solidarisch sein. Können wir nicht machen. Spanien hat vorwiegend spanischsprachige Migranten aus Südamerika. Deren integration ist für uns leider keinerlei Blaupause, weil wir eine komplett andere Migration haben leider. Der Antisemitismus wäre noch das Einzige was die hiesige SPD aus Spanien übernehmen könnte.



    Wenn die Sozialdemokratie wieder etwas gewinnen will, müssen die Nöte und Sorgen der einfachen Bevölkerung sprachlich und inhaltlich adressiert werden auch wenn diese strukturell eher konservativer Natur sind. Den Willen dazu sehe ich dann allerdings in keiner vorgeblich linken Bewegung in unserem Lande.

  • Es bräuchte erst mal eine linke Mehrheit im Parlament (oder zumindest Parteien, die in der Mitte dazuzugewinnen wären, ohne gleich den Blockierwart Lindner zu machen.



    2013 war das letzte Mal, was leider für unser Land damals nicht erklärt und genutzt wurde. Unsere Infrastruktur und der Fortschritt im Lande sähen heute anders aus.

    • @Janix:

      Eine linke Mehrheit wäre begrüßenswert. 2013 scheiterte sie allerdings an einer SPD die sich klar weigerte mit Grünen und Linken in eine Regierung zu gehen. Statdessen regiert man lieber mit der CDU. Was sich auch heute darin zeigt, dass man statt eigener sozialer Vorschläge und einem starken progressiven Profil lieber die Vorschläge und für viele Teile ungerechten Reformvorschläge der Union abnickt, statt eine eigene Vision als Sozialdemokraten dagegenzusetzen. Des weiteren ist die Personaldecke der SPD sehr dünn, was progressives Personal angeht. Wenn die SPD so weiter macht, wird Sie weiter den Weg von einstelligen Wahlergebnissen wie in BW gehen. Damit wäre eine linke Mehrheit auf lange Sicht schwierig. Die einzigen Alternativen scheinen im Moment sozialpolitisch die Linken und Grünen zu sein.

      • @Hamburger in Istanbul:

        Man hat vor der Wahl eine Koaliton mit der Linkspartei klar ausgeschlossen und sich nach der Wahl daran gehalten. Hätte man dieses Versprechen nicht gegeben, wären die Stimmern sehr sicher deutlich geringer ausgefallen.

        • @Dr. McSchreck:

          Ja, beiden pflichte ich auch etwas zu. Die SPD war so simpel, sich von der Union auf Keine Linken festnageln zu lassen. Das hätte mit einem gescheiterten Koalitionsversuch mit der Union, einem Auswechseln des ohnehin zweitrangigen Kandidaten und einem ausgiebigen Erklären gelöst werden können. Und dass die Linken weder Äußeres noch Verteidigung hätten kriegen dürfen.



          So war die scheinbar einzige Alternative dann die neue so genannte. Merkel ranzte untätig ihre schwarze Null, länger, als gut war.



          Rot-rot-grün hätten den UN-Flüchtlingslagern wohl auch nicht die Gelder gekürzt, auch das hätte am rechtsrabiaten Rand etwas geändert.

  • Guter Mann, da kann die deutsche Sozialdemokratie (also die LINKE) wirklich noch von lernen.



    Weder hilft eine Anbiederung an Konservative oder Rechtspopulisten noch eine in der eigenen Blase ausgefochtene Selbstzerfleischung. Auch die Linke muss liefern, konkrete Verbesserung für die Menschen, ohne Staatshaushalte und Wirtschaft zu ruinieren.



    Eigentlich ist die heutige Zeit wie gemacht für eine selbstbewusste Linke, zumal der Höhenflug der Rechtsextremen (Trump, Orban, Meloni) deutlich niedriger wird. Weniger Klingbeil wagen, will man der SPD zurufen.

    • @FtznFrtz:

      Wenn die heutige Zeit wie gemacht für eine selbstbewusste Linke wäre, stellt sich die Frage, warum die Linke und die SPD so erfolglos sind.

      Der Linken mangelt auf jeden Fall nicht an Selbstbewusstsein.

      • @rero:

        Das ist schnell beantwortet: Die Linkspartei hat Jahre damit verplempert, den heutigen BSW-Leuten den Hintern zu pudern und eine heute vollkommen diskreditierte außenpolitische Ausrichtung zu verteidigen. Seit das nicht mehr im Zentrum steht, ist sie deutlich erfolgreicher, auch wenn der Prozess zu einer regierungsfähigen Alternative andauert.



        Die SPD ist weder links noch selbstbewusst.

  • "Treffen der fortschrittlichen Kräfte in Barcelona" Guter Witz, ist doch die deutsche spd dort auch vertreten.

  • die spd hatte eine letzte Chance unter Scholz.



    Dieser hat es vergeigt.



    (Thema Richtlinienkompetenz: Er hätte lindner viel feüher in die Schranken weisen müssen. Und das Finanzministerium selber besetzen. Tja. Hätte, hätte.



    Jetzt wird erstmal lange nichts kommen.



    Dabei liegen die Themen akut auf der Strasse.



    Leider ist der spd nicht mehr zu helfen. Sie hat kein Rückgrat mehr.

  • "Spaniens Ministerpräsident Sánchez ist auch deshalb so erfolgreich, weil er sich traut, Sozialdemokrat zu sein."

    Diesen Satz sollten sich Klingbeil und Co. hinter den Spiegel stecken.



    Andererseits kann man sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal so war. Das muss gewesen sein, als August Bebel noch lebte.

    • @Oliver Korn-Choodee:

      Mindestlohn und Bürgergeld (als Korrektur der Hartz-Zeit) waren durchaus ursozialdemokratische Projekte und wären ohne die SPD(-Linke) undenkbar gewesen.

      Leider möchten die Seeheimer davon nichts wissen und haben die Verantwortlichen flugs entmachtet, sobald das mit Unterstützung einer nach rechts gerückten Union und der eilfertig nach unten tretenden Presse möglich war.

  • Und Sanchez könnte mit seiner konsequent linkssozialdemokratischen Politik - sowohl außen- wie auch innenpolitisch - durchaus einen Beitrag dazu leisten, dass die Sozialdemokratie wieder die Meinungsführerschaft innerhalb des linken Spektrums in den (west)europäischen Gesellschaften zurückgewinnt..



    Das ist keinesfalls eine Machtfrage gemäßigte vs. radikalere Linke. Sozialdemokratische Parteien haben nach WK2 überall in Westeuropa (nicht nur in der BRD) einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, einen Sozialstaat zu entwickeln, der weltweit als vorbildhaft gilt. Dieses Erfolgsmodell ist durch den Vormarsch des Neoliberalismus- und jetzt der rechten Parteien - zunehmend in Frage gestellt worden.



    Aber weder Grünen noch der (radikalen) Linken ist es bisher gelungen, die geschwächte Sozialdemokratie zu beerben und den Sozialstaat gegen die Angriffe von rechts zu verteidigen. Und auch das gilt für Deutschland wie für andere europäische Länder.



    Wenn die Teilnahme Klingbeils an diesem Kongress in Barcelona also einen kleinen Impuls dazu liefern würde, die SPD daran zu erinnern, was sie mal ausmachte und was heute ihre eigentlichen Aufgaben sind, wäre schon viel gewonnen.

    • @Abdurchdiemitte:

      Ich würde die SPD seit Schröder nicht mehr als linke Partei beschreiben. Die Agenda 2010 ist Neoliberalismus in Reinform gewesen. Das Ergebnis war die Abspaltung bzw. Neugründung der WASG, heute Die Linke. Davon hat sich die SPD bis heute nicht erholt, zumal sie sich nicht entscheiden kann, sich klar von diesem neoliberalen Kurs zu distanzieren.



      Ich würde auch Die Linke nicht als radikal bezeichnen, ähnelt sie programmatisch doch eher der Willy-Brandt-SPD als der KPD etc. Ich sehe für die derzeitige SPD schlicht keine Zukunft mehr. Was will sie denn sein? Welche Lücke will sie besetzen?

      Ein überzeugender Sozialist wie Sanchez ist weit und breit nicht in Sicht. Der maximal bewegliche Klingbeil ist es sicher nicht.

      • @Klabauta:

        Es fällt mir schwer, Ihre Argumentation bezüglich des Zustandes der heutigen SPD zu widerlegen, da Sie damit ja nicht ganz unrecht haben. Von daher will ich erst garnicht den Versuch machen, diese SPD und ihr Führungspersonal zu verteidigen.



        Möglicherweise argumentiere ich aber aus einer mehr „machtpolitischen“ Perspektive heraus als Sie.



        Um eine gesellschaftliche Mehrheit für eine linke, ökologisch-soziale Reformpolitik überhaupt in greifbare Nähe rücken zu lassen, braucht es dazu die SPD (wie es dazu übrigens auch die Grünen braucht). Unvorstellbar, dass Die Linke diese Mehrheit alleine, aus eigener Kraft organisieren könnte. Das funktioniert nur, wenn die Linke es wieder schafft, in die politische Mitte auszugreifen - nicht umsonst spricht man ja von einem Mitte-Links-Bündnis, wenn von RGR die Rede ist.



        Mit „reiner Lehre“ hat eine solche Reformperspektive freilich nichts zu tun, aber sagen Sie mir bitte, wie eine Mehrheit in der Bevölkerung erreicht werden kann, wenn die SPD als politische Kraft weg fiele, die (neben CDU/CSU) noch die Mitte der Gesellschaft erreichen kann.



        Die Willy-Brandt-SPD war übrigens auch nie eine programmatisch rein linke Partei, weiß Gott nicht.

        • @Abdurchdiemitte:

          Die SPD war seit 2013 an jeder Regierung beteiligt und ist dabei immer weiter nach rechts gerückt. Was hat es ihr gebracht? Sinkende Umfrageergebnisse. Ein Mitte-Links-Bündnis würde ich mir auch wünschen, dazu müsste aber die SPD überzeugender darstellen, welche Positionen sie vertritt, und zwar nicht nur zu Wahlkampfzeiten, sondern auch als Beteiligte an der Regierung Merz.



          Die Stimmung im Land tendiert derzeit klar zu Mitte-Rechts, was aber nicht bedeuten kann, dass man sich konservative Positionen aneignet, nur um gewählt zu werden. Es geht nicht um die "reine Lehre", sondern darum, deutlich zu machen, wofür die SPD in einem Mitte-Links-Bündnis überhaupt stehen würde. Wofür die Grünen stehen wissen wir, genauso ist es der Fall bei der Linken. Aber die SPD? Fehlanzeige. Man kann es nicht allen recht machen. Wenn das bedeutet, dass die SPD aufgrund der Stimmung für eine Zeit in die Opposition muss, dann ist das so, und sie könnte diese Zeit nutzen, sich wieder ein eigenes Profil zu erarbeiten.



          Den von der CDSU vorangetriebenen Sozialabbau und die Umverteilung von unten nach oben mitzutragen, wird sie jedenfalls auf absehbare Zeit in der Bedeutungslosigkeit verschwinden lassen.

          • @Klabauta:

            "Man kann es nicht allen recht machen. Wenn das bedeutet, dass die SPD aufgrund der Stimmung für eine Zeit in die Opposition muss, dann ist das so, und sie könnte diese Zeit nutzen, sich wieder ein eigenes Profil zu erarbeiten."

            Ihr Wort in Münteferings Ohr.



            Die SPD wird den Erfolg nicht finden, indem sie immer weiter das Schlimme mitträgt, um Schlimmeres zu verhindern.

  • "Die Rechte gewinnt nicht, weil sie es besser macht, sondern weil sie erreicht hat, dass das fortschrittliche Lager ideen- und regungslos auf das starrt, was da geschieht."



    Beziehungsweise weil sie erreicht hat, dass fast alle Parteien ihre Themen übernehmen: Migration, Arme bekämpfen, Entsolidarisierung...

    Gerade eben lese ich die Schlagzeile: Söder über Warkens Reform



    „Nicht gerecht, dass normale Beitragszahler Krankenkosten für Bürgergeldempfänger finanzieren“

    Söder weiß was gerecht ist? Sicher nicht. Aber ist die deutsche Sozialdemokratie nicht inzwischen genauso?

    • @Nansen:

      Lange habe ich dem gewohnheitsmäßigen linken SPD-Bashing zugestimmt (wenn auch mit immer größerem Unbehagen). Jetzt nicht mehr. Die gesellschaftliche Linke ist in D völlig in der Defensive und zudem gespalten. Die Grünen entwickeln sich zu einer Neocon-Partei und sind auf Bundesebene gewiss nicht mehr dem linken Spektrum zugehörig. Man kann an der SPD vieles kritisieren, aber im Moment ist diese 15%-Partei wohl tatsächlich das Bollwerk gegen einige Dammbrüche ... sozialpolitisch wie auch außenpolitisch ...

      • @Kohlrabi:

        Seltsam, die selben



        Gedanken kamen mir gestern Abend beim Schreiben meines Kommentars.



        Offensichtlich sind wir im taz-Forum also schon zwei. die die SPD noch nicht ganz aufgegeben haben.



        Und tatsächlich bin ich der festen Überzeugung, dass es hierzulande den „Dreiklang“ aus SPD, Grünen und Linkspartei benötigt, um (in langfristiger Perspektive) linke Mehrheiten zu organisieren und wieder so etwas wie eine politische Reformperspektive zu eröffnen.



        Dass wir davon augenblicklich meilenweit entfernt sind, ist nicht allein Schuld der SPD. (Mein Urteil über die Grünen fällt dabei aber auch nicht so harsch aus wie Ihres.)

        • @Abdurchdiemitte:

          Alleine? Sicher nicht. Aber daran, dass die als progressiv angetretene Ampel am Ende so sehr vor die Wand fuhr, daran hat sie jedenfalls ihren Anteil.

  • Ja wie? “Spaniens Ministerpräsident Sánchez ist auch deshalb so erfolgreich, weil er sich traut, Sozialdemokrat zu sein. Deutschlands SPD kann viel lernen.“

    Wie bitte soll das gehen? SPezialDemokraten!



    Is zwar schonn was her - aber hück noch gültig!



    Als Clara Zetkin und Rosa Luxemburg knapp einem Anschlag entgangen waren.



    Hub Friedrich Ebert an ein Grabinschrift zu salbadern.



    “Ne laß man Fritz!“ sagte Clara Zetkin



    “Hier ruhen die zwei letzten Männer der Sozialdemokratie! - Das reicht!“



    Wer bitte - wollte widersprechen •

    • @Lowandorder:

      Die SPD war schon immer gespalten. Es gab einen Noske, aber auch einen Otto Wels, es gab Gerhard Schröder, aber auch Willy Brandt. Die Liste ließe sich fortsetzen.



      Und es gab in der Konsequenz Abspaltungen der Progressiven, USPD (später KPD) und WASG (später Die Linke)

      • @Klabauta:

        Schonn. Aber vergessens nicht Lassalle & das Duell!



        Le Feldwebel (©️Harry Rowohlt)



        Schmidt-Schnauze & Onkel Herbert Wehner nicht. Letzterer wollte mit Häuptling Silberlocke Ohrfeige Kiesinger die große Koalition fortsetzen & war striktemang dagegen als Willy Kanzlerte mit dem Löckchen Halodrio auf dem Gelben Waagen.



        Heute steht aber - von Wilhelm Busch fein vorweggenommen -



        “Klingbeil - was ist er alltags Kantor sonntags Küster“ neben dem Hohlkopf aus Letzter ☝️ Brilon🌳 🪾ein unfaßbar ideenarmer Seeheimer Kreis Verschnitt ohne Land gar potente Lük - wie Sperrmüllmöbel im Landschaftsbild rum.

        kurz - SPezialDemokraten auf den 🐶 gekommen! Wollnichwoll



        Ja. Es ist schlicht ein Elend •

  • Die SPD hat in Deutschland die Wahl

    An Orte kriechen wo die Sonne bei der Union nicht scheint....



    Oder stärkste Oppositionspartei gegen blau schwarz