Umgang mit islamistischem Terror: Das doppelte Monster

Kevin Kühnert und Sascha Lobo fordern, islamistischen Terror entschlossener zu benennen und zu bekämpfen. Aber wie, ohne Rechten Futter zu geben?

Eingehakte Arme, im Vordergrund der Handschuh einer Einsatzkraft, vermutlich Polizei

Trauerkundgebung für Samuel Paty am vergangenen Dienstag in Con­flans-Sainte-Honorine bei Paris Foto: Jacopo Landi/imago

Letzte Woche wurde der französische Lehrer Samuel Paty von einem 18-jährigen Islamisten ermordet. Anfang Oktober attackierte ein Islamist zwei Touristen in Dresden, einer von ihnen starb, der andere überlebte schwer verletzt.

Der konservativ-liberale Journalist Alan Posener konstatiert nach dem Mord an Paty, dass die deutsche Linke bei islamistischem und rechtsextremem Terror mit zweierlei Maß messe. Während sie rechtsextremen Terror verdamme, herrsche bei islamistischem Terror Schweigen. Das nütze den Rechtsex­tremen: „Die Feinde der Freiheit nutzen die Spaltung der Gesellschaft. Nur wer beides – die Religionsfreiheit und die Freiheit der Religionskritik – verteidigt, kann den Dunkelmännern wirksam begegnen.“

Normalerweise erwartet man von Linken, dass sie Alan Posener ignorieren, auch wenn er manchmal recht hat. Kurz nach Poseners Kolumne aber schreibt SPD-Vize Kevin Kühnert auf Spiegel.de gegen das „Schweigen“ der Linken über den Islamismus an. „Wenn die politische Linke den Kampf gegen Islamismus nicht länger Rassisten überlassen will, muss sie sich endlich mit diesem blinden Fleck beschäftigen.“ Auch Sascha Lobo stellt in seiner Spiegel.de-Kolumne nun „Stille“ bei den Linken fest. Sogar einen „Verniedlichungsrassismus“ gegenüber den islamistischen Täter:innen will er ausmachen. Damit meint er eine Art linken Rassismus, der islamistischen Akteur:innen Handlungsfähigkeit abschreibt, in dem er ihre Taten einfach nur als quasiautomatische Gegenreaktionen auf den bösen Westen interpretiert.

Ein wenig übertreiben es Kühnert und Lobo schon. Auch haben manche linken Gruppierungen längst ein problematisches Interesse am Islam entwickelt. So schreibt zum Beispiel Stefan Grigat in der taz, dass „große Teile der Linken“ die „dringend notwendige Kritik des Islam den Fremdenhassern von rechts“ überlassen würden. Es geht aber nicht um eine Kritik des Islam, weil sich der Islamismus so wenig aus dem Koran erklären lässt wie die Kreuzzüge aus der Bibel.

Dennoch beschäftigen sich Kühnert und Lobo mit einer wichtigen Frage: wie Linke mit islamistischem Terror umgehen sollen, ohne dabei das antimuslimische Ressentiment im Land zu bedienen. „Die deutsche Linke – und auch die Liberalen und Bürgerlichen – haben zweifellos versäumt, eine nichtrassistische Islamismuskritik zu entwickeln“, so Lobo. Wenn das so ist, dann ist das schlecht.

Die Attentäter von Halle, Hanau, Paris und Dresden kommen alle aus derselben Hölle. Das müssen wir unterstreichen

Wie können sich Linke entschlossener, lauter und geeinter als bisher gegen Terror islamistischer Machart stellen, ohne sich von den rechtsex­tremen Kräften im Land instrumentalisierbar zu machen? Wie also das eine Monster bekämpfen, ohne das andere zu füttern?

Indem die Linken das bekämpfen, was beide Monster eint: die totalitäre Erhöhung des Kollektivs über das Individuum. Diese äußert sich in Rassismus. Aber auch in Antisemitismus: Bei den Islamist:innen wie auch bei den Rechtsextremen haben am Ende meistens die Juden an allem Elend Schuld. Die Attentäter von Halle, Hanau, Paris und Dresden kommen alle aus derselben Hölle. Das müssen wir immer und immer wieder unterstreichen, anstatt die Opfergruppen oder die Tätergruppen zu hierarchisieren. Auf Böses folgt Böses. Nur wenige Tage nach dem Mord an Samuel Paty erlitten zwei muslimische Frauen in Paris Messerstiche, offenbar durch zwei Angreiferinnen, die sie nach Angaben der Opfer als „dreckige Araber“ beschimpften. Die Polizei ermittelt.

Beide, Rechtsex­tre­me und Islamisten, sehen in ihren Gegnern keine Individuen mehr, sondern nur noch Abziehbilder einer verhassten Gruppe. Der junge Terrorist tötete Samuel Paty nicht deshalb, weil er Samuel Paty war, sondern weil er ihm als besonders schlimmer Repräsentant einer feindlichen Gesellschaft galt. Der rechtsradikale Attentäter von Christchurch tötete letztes Jahr betende Muslime, weil er sie als Verkörperungen einer verhassten Bedrohung sehen wollte. Beide Terroristen, die von Paris und Christchurch, aber auch die von Halle und Hanau, verwirkten ihr Leben. Sie sind tot oder in Haft wegen einer bösen Sache, die größer war als sie selbst. Den Aufhetzern auf beiden Seiten geht es darum, den von dem Politikwissenschaftler Samuel Huntington beschworenen Clash of Cilizations auf bestialische Weise wahr werden zu lassen. Einen Kulturkampf, in dem der Wert eines Individuums nur noch daran bemessen wird, was es für die eigene Seite ­leistet.

In einer aktuellen Studie belegt das Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft vielfältige Verbindungen zwischen beiden Extremismen – auch in Deutschland. Die Studie untersucht etwa Ideologie, Rekrutierungs- und Diskursstrategien und Social-Media-Verhalten. „Feindlichkeit gegen Muslime und islamistischer Fundamentalismus sind eng miteinander verknüpft und verstärken sich gegenseitig“, so die Zusammenfassung der Studie. Ideologisch und in Sachen Radikalisierungsstrategie, gerade über die sozialen Netzwerke, bestehen hierzulande große Gemeinsamkeiten. Das Fazit der Autor:innen lautet, „dass beide Seiten in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen, um ihren ex­tremistischen Narrativen Glaubwürdigkeit und ihren Aktivitäten Legitimität zu verleihen.“

„Früher als erhofft.“ So reagierte Jörn Kruse, Hamburger Spitzenpolitiker der AfD, auf die islamistische Anschlagsserie in Paris 2015. Islamistische Gewalt polarisiert die Gesellschaft und nutzt der AfD, so das ebenso strategische wie menschenverachtende Kalkül. Kruses Parteikollege Arvid Immo Samtleben aus Dresden äußerte sich 2017 ähnlich und wünschte sich in einem Facebook-Post „ein paar islamistische Anschläge“, um die Umfragewerte der Partei zu verbessern. Diese und eine Vielzahl weiterer Beispiele, online wie offline, finden sich in der wichtigen Studie aus Jena.

Was für Frankreich und Deutschland gilt, gilt auch global. Gilbert Achcar, ein Politikwissenschaftler der University of London, beschrieb das symbiotische Verhältnis zwischen Gotteskriegern und Kulturkriegern bereits nach dem 11. September und dem Irakkrieg von 2003. Damals wurde der War on Terror zum herrschenden Narrativ westlicher Politik. Gegen die rechten Kulturkrieger argumentierte Achcar, dass wir uns heute eben nicht in einem Clash of Civilizations befinden, in welchem sich die „Kulturkreise“ des Westens und des Islams in einem unerbittlichen Wertekampf gegenüberstünden. Vielmehr hätten wir es mit einem Clash of Barbarisms zu tun, in dem sich die radikalen Kräfte in beiden Zivilisationen gegenseitig aufstacheln. Ein Kampf, in dem die Barbaren drohen, die zivilisierten Mehrheiten auf beiden Seiten in Geiselhaft zu nehmen. Daraus folgt eine vielleicht altmodisch anmutende universalistische linke Perspektive, die sich gegen Monster auf beiden Seiten stellt. Das lässt sich leichter schreiben als tun. Vor allem zu einem Zeitpunkt, in der die Linke selbst zu sehr kulturalisiert und partikularisiert. Wenn es aber stimmt, dass Islamismus und Hass gegen Muslime sich gegenseitig bedingen, dann wäre nichts fataler, als den Rechten die Islamismusbekämpfung zu überlassen.

Was also tun? In der Anerkennung der symbiotischen Verbundenheit von rechtem Islamhass und Islamismus liegt der Schlüssel zum Kampf gegen beide. Wer den antimuslimischen Rassismus der AfD eindämmt, verengt auch die digitalen und analo­gen Echokammern, ­innerhalb deren Isla­mis­t:in­nen ihre Anhän­ge­r:in­nen finden. Wer zeigt, wie viel die dschihadistische Ideologie mit dem Menschenhass der Rechtsextremen zu tun hat, steht ein für eine offene, demokratische und religionstolerante Gesellschaft. Wer auf den Clash of Barbarisms aufmerksam macht, hilft dabei, dass aus dem großen Kulturkampf nicht die sich selbst erfüllende Prophezeiung wird, die die Rechtsextremen so gerne herbeireden würden.

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ist Dozent für Internationale Politik an der University of Hongkong. Zuvor hat er in England gelehrt und promoviert. Autor von „Germany and Israel: Whitewashing and Statebuilding“.

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