Skandal um Wal: Timmy ist einer von uns
Wal Timmy spaltet das Land wie einst Corona: Misstrauen gegen Experten, Wut auf „die da oben“. Der Rettungsversuch mit Luftkissen könnte einen Aufstand verhindern.
V ielleicht sind es, flankiert vom Bayernsieg trotz Neuer-Patzer und dem Einzug des Frühlings, vor allem die jüngsten Geschehnisse in Ungarn, die uns Deutschen frischen Mut einflößen – die Frohbotschaft lautet: Wal kann auch gut ausgehen.
Und so gibt es nun endlich wieder Anstalten, das aktuelle Herzenstier der Deutschen zu retten. Mediamarkt-Mitgründer Walter Gunz wird gemeinsam mit einer nicht weiter genannten Unternehmerin einen neuen Rettungsversuch des erst in der Lübecker und nun in der Wismarer Bucht gestrandeten Buckelwals Timmy finanzieren.
Davor hieß es ja nur noch: Die Qual der Wal muss endlich enden. Man wollte ihn zur Linderung mit Salzwasser besprenkeln und langsam einschlafen lassen. Weitere ins Auge gefasste Rettungsmethoden wurden als zu strapaziös für das kranke Tier verworfen.
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„Ich kann nicht verstehen, warum man nicht von Anfang an mehr versucht hat“, sagt denn auch Gunz, und er ist mit dieser Meinung nicht allein. Im Gegenteil: Es geht hoch her, speziell auf Social Media wurden Behörden, Retter und Experten von Anfang an mit Hass überschüttet.
Timmy ist einer von uns
„Auf dem Steg Fischbrötchen kauend“ (El Hotzo) beurteilten unsere Tierfreunde die bisherigen Maßnahmen besserwisserisch und aggressiv: „Die machen alles falsch“. Dazu garniert mit Beschimpfungen und Morddrohungen gegen die echten Experten – das alles erinnert fatal an den Umgang mit den Coronamaßnahmen: Wissenschaftler sind scheiße, „die da oben“ hassen uns und Wale, und kümmern sich lieber um die Ukraine oder die angebliche Klimakrise.
Nur für den Wal wird nichts getan. Dessen ist sich das Volk ganz sicher. Dabei müsste man doch nur mal richtig Geld in die Hand nehmen. Wie wäre es damit, die ganze Ostsee auszubaggern, damit der Hirni gar nicht mehr auf die Idee kommt, noch mal irgendwo zu stranden? Oder Pioniere der Bundeswehr könnten endlich mal was Sinnvolles tun, anstatt immer nur harmlose Russen zu bedrohen. Eine Unterwasserbehelfswalbrücke oder so. Klar, das kostet alles, aber für Geflüchtete, Queere, und unverständliche Quatschkultur (Theater!), die kein „normaler Mensch“ braucht, ist doch offenbar auch genug Kohle da.
Timmy ist nämlich einer von uns, ein reiner Charakter, leidensfähig und stolz, und in der Seele (Ost-)Deutscher, deshalb hat es unsere Walverwandtschaft zuletzt auch nach Wismar hingezogen, dieses schöne, aber strukturschwache UNESCO-Weltkulturerbe. Kein Wunder, dass die Wessis ihn umbringen wollten, aber jetzt, da die ganze Welt darauf blickt, geht das nicht mehr so einfach – ellabätsch.
Die dummen Scheißexperten
Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mischte sich nun ein, ein unmissverständliches Zeichen für den Ernst der Lage. Im NDR ermahnte er das Walvolk, dass es „die Anfeindungen, so wie wir sie gerade erleben, bitte schleunigst unterlassen“ möge. Und er habe aus der Ferne den Eindruck, die Landesregierung tue, was sie könne – die Experten wüssten mehr über „die Navigation, die Wale steuern lässt“.
Nein! Nein, Herr Bundespräsident, Einspruch! O Gott, die Knalltüte hat ja fast genauso wenig Ahnung, wie die sogenannten Walforscher. Der deutsche Michel weiß viel mehr darüber als die dummen Scheißexperten. Einfach nur ziehen den Wal, und dabei ein aufmunterndes Lied singen: „Fünf kleine Fische, die schwammen im Meer, blub blub blub blub, da sagt der eine: ‚Ich kann nicht mehr‘, blub blub blub blub …“
Ein Glück, dass das mit Walter Gunz nun ein wahrer Fachmann in die Hand nimmt. Denn wer Toaster verkauft, ist für die Walrettung geradezu prädestiniert. Schon am Donnerstag sollte, so war es bis Redaktionsschluss geplant, der Buckelwal schonend auf Luftkissen gehoben und von einem Schlepper auf einer zwischen zwei Pontons gespannten Plane in die Nordsee gezogen werden. Blub, blub, blub.
Greenpeace und das Deutsche Meeresmuseum sind in die von der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern genehmigte Aktion übrigens nicht eingebunden worden. Selber schuld, diese unfähigen Mordgesellen hätten ja eh keine Ruhe gegeben, bis unser armer Timmy endlich tot ist.
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