Rücktrittsforderungen beim PEN: Eine offene Kriegsdebatte?

Heller Aufruhr bei der Schriftstellervereinigung: Einflussreiche Autoren fordern Deniz Yücel dazu auf, sofort als PEN-Präsident zurückzutreten.

Porrtraitfoto von Deniz Yücel.

Sagt seine Meinung, polemisiert gelegentlich, polarisiert auch: Deniz Yücel Foto: Swen Pförtner/dpa

BERLIN taz | Im Oktober vergangenen Jahres hat sich die deutsche Sektion des PEN einen meinungsstarken Präsidenten gewünscht, der mit seinen Beiträgen im Diskurs durchdringt und damit den PEN öffentlich sichtbar macht.

Zu ihrem Präsidenten gewählt hat die Schriftstellervereinigung dann Deniz Yücel. Der macht seitdem, was er vorher schon immer gemacht hat. Er sagt seine Meinung, polemisiert gelegentlich, polarisiert auch.

So hat er es bei der taz gemacht (zur Offenlegung: Wir kennen uns aus der Zeit natürlich gut, haben aber ein Verhältnis zueinander, das professionell dis­tanzierte Sichtweisen zulässt), während seiner Zeit als Türkei-Korrespondent der Welt auch. Freunde vorschneller Konsense müssen sich da manchmal warm anziehen.

Anstand und Würde

Doch in Teilen der PEN-Mitgliedschaft herrscht inzwischen heller Aufruhr. In internen Mails ist von einer „tiefgreifenden, systemischen Störung des Anstands und der Würde unserer Schriftstellervereinigung“ die Rede, hervorgerufen durch Deniz Yücel.

In einer anderen Mail fordern gleich fünf ehemalige Prä­si­den­t*in­nen des PEN, nämlich Gert Heidenreich, Christoph Hein, Johano Strasser, Josef Haslinger und Regula Venske, Deniz Yücel dazu auf, „sofort das Amt des Präsidenten unseres PEN nieder[zu]legen“.

Im Hintergrund stehen öffentliche Äußerungen von Yücel, der auf Podium mehrfach eine Flugverbotszone über der Ukraine und überhaupt ein stärkeres Eingreifen der Nato in dem Krieg gefordert hat. Damit habe Yücel „die Befugnisse des Dir erteilten Mandats überschritten und überdies gegen die Charta des Internationalen PEN verstoßen“, schließlich verpflichte die Charta den PEN dazu, „mit äußerster Kraft … für das Ideal einer … in Frieden lebenden Menschheit zu wirken“.

Deniz Yücel lehnt die Rücktrittsforderung ab. Und in einer Antwort der aktuellen Präsidiums-Mitglieder Ralf Nestmeyer, Joachim Helfer, Christoph Links und Konstantin Küspert wird ihm der Rücken gestärkt. Diese vier Autoren kommen zum Ergebnis, dass vom Friedens-Ideal des PEN aus tatsächlich auch über Flugverbotszonen nachgedacht werden kann, um einem „gegen die Zivilbevölkerung geführten Angriffskrieg mit aller Kraft entgegenzutreten“.

Was für sie vielmehr „in erheblicher Spannung zur PEN-Charta steht, ist es, einen PEN-Präsidenten zum Rücktritt aufzufordern, weil er von jener Freiheit des Wortes Gebrauch macht, die zu verteidigen doch Kernanliegen unseres Vereins ist“.

Harte Bretter bohren

Der Konflikt ist also da. Sagen wir es so: Man kann sich, wenn man Deniz Yücel und manche langjährige PEN-Mitglieder kennt, schon vorstellen, dass hier unterschiedliche Diskussionsstile aufeinandertreffen, und es mag auch sein, dass Deniz Yücel bei seinem Bohren des harten Brettes, dem PEN das Honoratiorenhafte auszutreiben, gelegentlich viel Druck anwendet.

Doch auf der anderen Seite legt die Stellungnahme seiner aktuellen Präsidiumsmitglieder überzeugend dar, dass manche arrivierten Mitglieder des PEN – namentlich von ihnen erwähnt wird der PEN-Generalsekretär Heinrich Peuckmann – eher Munition für einen internen Machtkampf gesucht haben.

Das Argument, dass ein Präsident seine Befugnisse überschreitet, wird halt immer dann gern vorgebracht, wenn einem die vom Präsidenten vertretene Meinung nicht passt. Aber auch als jemand, der, um beim Hintergrund zu bleiben, eine Flugverbotszone ablehnt (was ich tue), kann man fragen, ob ein PEN-Präsident unbedingt pastoral auftreten muss. Es herrscht Krieg in Europa! Da kann man sich doch nicht auf das „Ideal einer in Frieden lebenden Menschheit“ zurückziehen und glauben, dass damit alles gesagt und irgendwem geholfen sei.

In einem hat Deniz Yücel unbedingt einen Punkt: Offene Debatten würden dem PEN besser zu Gesicht stehen, als manche langjährige Mitglieder offenbar glauben.

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