Der PEN und Deniz Yücel: Showdown in Gotha

Der PEN ringt um Führungsfragen und Erneuerung. Die Schriftstellervereinigung muss nun über ihren aktuellen Präsidenten Deniz Yücel entscheiden.

Porträt des PEN-Präsidenten Deniz Yücel

In Gotha wird über Abwahlanträge gegen ihn abgestimmt: Deniz Yücel Foto: Gerald Matzka/dpa

Es geht um etwas. Das ist deutlich herauszuhören, wenn man in diesen Tagen mit Mitgliedern des deutschen PEN telefoniert, mit langjährigen und neuen, mit engagierten und bislang eher stummen, mit Kri­ti­ke­r*in­nen des Präsidenten Deniz Yücel und mit seinen Verteidiger*innen. Und es geht keineswegs nur um Yücel. Vielmehr steht für viele die Deutungshoheit über den PEN auf dem Spiel, über seine Ausrichtung, seinen Sinn und Zweck und die jeweils eigene Rolle darin.

Von Donnerstag bis Sonntag werden sich die Mitglieder der Schriftstellervereinigung in Gotha treffen. Sie werden Preise verleihen und neue Mitglieder hinzuwählen wie immer, sie werden über den Krieg in der Ukraine diskutieren, das auch, vor allem aber werden sie darüber abstimmen, ob ihr erst im vergangenen November mit großer Mehrheit gewählter Präsident weiter Präsident bleiben wird, und damit werden sie über die Zukunft des PEN entscheiden. Wendungen wie „Showdown in Gotha“ fallen am Telefon. „Es steht Spitz auf Knopf“, sagt einem Ursula Krechel, die Ehrenpräsidentin des PEN.

Als Journalist wird man in dieser Situation mit Hintergründen nicht einfach nur versehen, sondern geradezu munitioniert. Empört wird betont, dass Yücel seiner eigenen Institution „Bratwursthaftigkeit“ vorwirft. Von Übergriffigkeiten in den Abläufen ist die Rede, von Ausfälligkeiten in Sitzungen und dass das Verhältnis zur Geschäftsstelle des PEN in Darmstadt eskaliert sei. Yücel habe die „Mindeststandards des menschlichen Umgangs nicht eingehalten“, sagt die Schriftstellerin Petra Res­ki, die zu Yücels schärfsten Kri­ti­ke­r*in­nen gehört, am Telefon.

Der Schriftsteller Joachim Helfer, Schatzmeister des PEN und Yücels Mitstreiter, weist jegliche Mobbingvorwürfe zurück; der Justiziar habe das geprüft und kein Mobbing festgestellt. Helfer spricht dagegen von einer „Tontaubheit“ gegen manche notwendigen Veränderungen.

„Der PEN ist weniger divers und männlicher, als er sein müsste“, sagt Helfer und illustriert das mit einer tatsächlich haftenbleibenden Anekdote: Noch 2017 wurde auf einer PEN-Versammlung über das an sich interessante Problem von Repräsentation in der Demokratie diskutiert – von einem Podium, auf dem ausschließlich weiße Männer vom Typus emeritierter Professor um die 70 saßen, was aber ein Großteil der Zu­hö­re­r*in­nen gar nicht als Problem wahrgenommen habe.

PEN ein Honoratiorenverein?

Die Schriftstellerin Regula Venske, die Vorgängerin von Yücel im Präsidentenamt des PEN, ist dagegen verblüfft darüber, wie stark in der Öffentlichkeit noch das Bild des PEN als „Honoratiorenverein“ vorherrscht. Sie gibt zu, auch selbst in den ersten Jahren ihrer Mitgliedschaft mit dem PEN gefremdelt zu haben, doch spätestens seit der Präsidentschaft von Joseph Haslinger ab 2013 habe es doch deutliche Ansätze zu einer Verjüngung und Erneuerung gegeben. Und auch vorher habe es stets Bemühungen in diese Richtung gegeben, etwa 1999 durch die Gründung des Writers-in-Exile-Programms durch Michael Naumann.

Tatsächlich, so kann man Venske ergänzen, hat Haslinger 2016 in der PEN-intern etwas ironisch „Massentaufe in Bamberg“ genannten Mitgliederversammlung viele jüngere Au­to­r*in­nen in den PEN zuwählen lassen. Doch wenn man weiter herumtelefoniert, erfährt man auch, dass vielen von ihnen Widerstände seitens der älteren Mitglieder entgegenschlugen. Einer der 2016 neu Zugewählten, der nicht namentlich zitiert werden möchte, sagt: „Man wurde von einigen Älteren gegängelt wie ein Zwölfjähriger. Sobald man sich nicht eingeordnet hat, wurde man kleingemacht mit dem Argument: Du hast doch gar keine Lebenserfahrung.“ Auch andere berichten einem von solchen Ressentiments.

Der Eindruck ist, dass viele der aktuellen Probleme keineswegs erst durch Deniz Yücel in den PEN hineingetragen wurden

Es sind, wenn man sich umhört, sehr unterschiedliche Wahrnehmungen, die hier aufeinanderprallen (die Möglichkeit von Mediationen rund um die Geschäftsstelle des PEN wurde intern besprochen, aber von den Beteiligten nicht angenommen). Man erfährt aber auch einiges davon, wie viel Engagement, Identifikation und Herzblut auf allen Seiten in dieser Institution vorhanden sind, die – auf dieses internationale Selbstbild weist Regula Venske im Gespräch hin – sich vorgenommen hat, die Literatur zu feiern und die Freiheit der Rede sowie die Menschenrechte zu verteidigen. Oder vielleicht sollte man eher sagen: vorhanden sein könnten, wenn es denn gelänge, die unterschiedlichen Perspektiven sinnvoll zu kanalisieren.

Zu viel toxische Männlichkeit

Was steht dem zurzeit entgegen? Der Eindruck ist, dass viele der aktuellen Probleme keineswegs erst durch Deniz Yücel in den PEN hineingetragen wurden, vielmehr bricht jetzt – auch in der durch seine Person erst geschaffenen medialen Aufmerksamkeit – vieles auf, was bislang unterm Deckel gehalten wurde.

Auf der anderen Seite ist aber auch die von ihm selbst und von seinen Verteidigern nahegelegte Sicht, nun würden endlich Erneuerer gegen Besitzstandswahrer stehen, zu eng. Außerdem ist auch von jüngeren Mitgliedern Skepsis, was Yücels Teamfähigkeit betrifft, zu hören – ein Mitglied, das nicht namentlich zitiert werden will, schreibt in einer Mail an die taz von „zu viel toxischer Männlichkeit auf allen Seiten“. Solche Vorwürfe sind kein Pillepalle. Nun, „Besserung ist gelobt“, wie Ursula Krechel, die sich, alles in allem, hinter Yücel stellt, am Telefon sagt, wobei sie auf eine PEN-öffentliche Entschuldigung Yücels anspielt.

Ein strukturelles Problem könnte sich nun allerdings ein Stück weit lösen. Es besteht schlicht darin, dass vor allem junge Au­to­r*in­nen in Deutschland wenig Geld verdienen und es sich nicht leisten können, mehrere Arbeitstage am Stück auf unbezahlten Präsi­diumskonferenzen zu verbringen oder auf eigene Kosten Hotels und Zugfahrten zu den an wechselnden Orten stattfindenden Mitgliederversammlungen zu buchen; emeritierte Professoren können das aber schon. Was zu Unwuchten in der Repräsentanz und einem nicht mehr an der Speerspitze der Gegenwartsdebatten stehenden Diskus­sionsstil führte.

Selbstgerechte Empörung

Die Mitgliederversammlung wird in Gotha erstmals hybrid stattfinden, sodass man sich nun auch von Berlin-Neukölln und anderen aktuellen Autor*innen-Wohnorten aus zuschalten kann. Womöglich ändert schon diese technische Neuerung den Debattenstil.

Über den bisherigen kann man am Telefon einige Anekdoten hören. Es gebe einen großen Drang zur selbstgerechten Empörung, hört man, und: „Irgendwann sind alle im Wolf-Haas-Brenner-Modus: Es ist schon wieder was passiert …“ Doch es ist ja nicht ausgeschlossen, dass in der nun immerhin hergestellten Entscheidungssituation von Gotha auch sachlich und selbstreflektiert diskutiert wird.

Das könnte die sehr unterschiedlichen Ansichten zum Selbstverständnis des PEN betreffen, die kursieren. Sie reichen von der Schriftstellervereinigung, in der Au­to­r*in­nen sich untereinander gesellig treffen können, bis zur großen Geschichte der weltweit tätigen NGO, die sich um verfolgte Schriftstellerinnen kümmert und gegen alle Diktaturen für Gedankenfreiheit in die Bresche springt. Und das könnte die Frage betreffen, wie die Figur des engagierten Intellektuellen in die Gegenwart überführt werden kann, mit ihren sozialen Netzwerken und Notwendigkeiten zur Erzeugung von Aufmerksamkeit.

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