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Pläne für ein SondervermögenUndemokratisch und falsch

Kersten Augustin
Kommentar von Kersten Augustin

Der alte Bundestag sollte nicht noch über ein Sondervermögen entscheiden. Mit der Linken ist im Bundestag eine Zweidrittelmehrheit machbar.

Ein Reform der Schuldenbremse sollte im Bundestag verhandelt werden Foto: Michael Kappeler/dpa

F riedrich Merz, der voraussichtlich nächste Kanzler, steht vor dem gleichen Problem wie sein Vorgänger. Er braucht Geld, viel Geld, vor allem für seinen Plan, die Bundeswehr besser auszustatten. Nun wird bei SPD, Grünen und Union die Idee debattiert, noch mit dem alten Bundestag ein neues Sondervermögen zu beschließen. Denn dafür bräuchte es eine Zweidrittelmehrheit, die die Parteien nach der Wahl nicht mehr haben. Doch der Plan wäre undemokratisch und ein Sondervermögen der falsche Weg.

Merz hätte die Schuldenbremse, die Wurzel allen Übels, längst reformieren können. Schon im November stellte er vage eine Reform in Aussicht, auch CDU-Ministerpräsidenten drängen seit Langem darauf. SPD und Grüne hatten der Union nach dem Ende der Ampel eine Zusammenarbeit angeboten, um Investitionen zu ermöglichen. Merz lehnte ab, weil er glaubte, es würde ihm im Wahlkampf schaden. Dass auch die Union für ihre Versprechen echtes Geld braucht, verschwieg sie.

Das mag im Wahlkampf legitim sein, aber dann muss die Union damit leben, dass der Bundestag nun anders aussieht. Auch durch Merz’ polarisierenden Wahlkampf sind die Parteien der sogenannten Mitte insgesamt geschrumpft. Für eine Reform der Schuldenbremse braucht es nun die Linke. Alles andere wäre eine Missachtung des Wählers. Verfassungsrechtlich mag es erlaubt sein, noch mit dem alten Bundestag ein Sondervermögen zu beschließen, bis der neue konstituiert ist.

Es widerspricht aber jedem demokratischen Gespür, eine so weit reichende Entscheidung zu treffen, Hunderte Milliarden Schulden aufzunehmen, bloß weil einem das Ergebnis nicht passt. Eine Reform der Schuldenbremse, die auch Investitionen erlaubt, wäre der saubere Weg, denn dafür gäbe es mit der Linken im neuen Bundestag eine Zweidrittelmehrheit. Es ist eine besondere Ironie, dass nun alles an ihr hängt.

Denn die Linke war es, die die Einführung der Schuldenbremse als einzige Partei grundsätzlich ablehnte. Gregor Gysi warnte damals im Bundestag, man werde die Einführung noch bereuen. Spätestens jetzt ist es so weit.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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10 Kommentare

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  • Die Schuldenbremse ist nicht die Wurzel allen Übels. Es ist die Heilung des Grundproblems, dass Politiker lieber Geld ausgeben als sparen.



    Das jetzt, wo wir wieder unter 70% (regulär müsste man unter 60% sein) Schulden zu Wirtschaft sind, der Spielraum gern wieder etwas größer sein kann, sehe ich ein.

    Vermutlich braucht es einen Dreiklang: Höhere Steuern, mehr Schulden und Kürzung von Ausgaben. Wie sonst will man die massiv höheren Ausgaben für Rüstung schultern? Das wir wieder verteidigungsfähig werden müssen dürfte schwer zu bestreiten sein.

  • Stimme dem Tenor des Artikels zu. Monatelang aus taktischen Gründen etwas abzulehnen und nach der Wahl aus ebenso taktischen Gründen dann plötzlich holterdipolter mit der alten Mehrheit noch durchzusetzen, schadet der Demokratie wie kaum etwas anderes, zumal wenn es um dreistellige Milliardenbeträge geht.



    .



    Vermute mal, dass nicht zweckgebundene Sondervermögen rechtlich nicht möglich wären. So dass die Linke jetzt eben mitentscheiden kann, was sie mitträgt und was nicht. Einem Sondervermögen für produktive Investitionen wird sie sich gewiss nicht verweigern, wahrscheinlich auf sozialpolitischen Zugeständnissen beharren. Politisch halte ich das für richtig.



    .



    Wenn aber die neue Regierung die Verfassung nochmals für Aufrüstung ändern will, dann muss sie sich halt an die AfD-Fraktion wenden, die ihr da gewiss entgegenkommen wird. Da wären in der Hinsicht dann bei allen Beteiligten die Hosen runter.

  • Vielen Dank für diesen Kommentar!



    Es reden gerade so viele darüber, dass die Linke die Reform der Schuldenbremse blockieren würde.



    Nein, würde sie nicht.



    Sie würde lediglich dafür sorgen, dass die Schuldenbremse in Richtung aller wichtigen Investitionen geöffnet wird. Und nicht, wie aktuell geplant nur in Richtung Militärausgaben.



    Ja, die Ausgaben für das Militär sind auch in meinen Augen wichtiger als die Linke gerade annimmt. Das bedeutet aber nicht, dass es sonst keine wichtigen Ausgaben gäbe.



    Ein jetzt vorab beschlossenes Sondervermögen wird die Investitionen in Infrastruktur und Bildung schon wieder schwieriger machen als sie ohnehin schon sind.



    Ob die neue Regierung die Möglichkeit der Verschuldung in Sachen Infrastruktur dann nutzt, ist ja immer noch ihre Entscheidung. Da wird die Linke dann nicht mehr viel dagegen halten können. Aber immerhin möglich wäre es.

    • @Herma Huhn:

      Bevor überhaupt Geld für die bunte Wehr ausgegeben wird, sollte man den Laden erst mal reformieren. Man braucht bloß mal die französische Armee als Vergleich heranziehen, was die mit einem ähnlichen Etat auf die Beine stellen. Die haben aber sicher auch keine Verträge mit externen Beraterfirmen, die sehr preiswert festlegen, wie die Möbelanordnung in den Mannschaftsunterkünften aussehen muß, und die kaufen auch keinen halbgaren Hightech-Schrott, der nicht mal selbst von der Truppe gewartet werden kann.

  • ja, aber...



    demokratietheoretisch ist das richtig und auch ich sehe nicht ein, wieso man der cdu jetzt helfen sollte, hat sie doch 3 Jahre lang die Schuldenbremse benutzt, um die Regierung zu behindern.



    Jetzt das Aber, wenn die Schuldenbremse bleibt, wird auch die nächste Regierung scheitern, ohne Investitionen kann die Wirtschaft nicht anspringen, es müssten Soziales gegen Investitionen (oder politisch noch fataler gegen Aufrüstung) ausgespielt werden, SPD in der Regierung hin oder her, es wird nicht anders gehen.



    Ohne eine wirtschaftliche Erholung werden sich die Wahlergebnisse auch nicht ändern, eher verschlechtern. Ist es das wert?



    Die cdu braucht aber dringend ein Korrektiv, bei gelöster Schuldenbremse, man kann nur hoffen, dass SPD und Linke da etwas bewirken können.

    • @nutzer:

      Ein Sondervermögen für`s Militär noch in diesem Bundestag, wäre der Knieschuß für die Regierung Merz und eine Katastrophe für die Wirtschaft.



      Wenn dann Schuldenbremse generell reformieren.

    • @nutzer:

      Die Linke ist für eine echte Reform der Schuldenbremse.



      Die CDU will ein Sondervermögen für vorabdefinierte Ausgaben, hauptsächlich Militär.



      Man mag darüber streiten, ob Militär gerade wirklich die wichtigste Aufgabe im Land ist.



      Man sollte aber nicht hinterrücks zementieren, dass Militär gerade die einzige wichtige Aufgabe im Land wäre.

      • @Herma Huhn:

        Das sehe ich ganz genauso.



        Militär ist definitiv nicht die wichtigste Aufgabe im Lande, nur, ohne Militär wird es eben auch nicht gehen. Da kann man Putin sogar außen vor lassen, allein Trump wird die dt Regierung erpressen, falls keine Steigerung der Militärausgaben erfolgt, dem wird sich Merz nicht entziehen können, selbst wenn er der größte Pazifist wäre. In dieser Lage ist ohne gelockerte Schuldenbremse ein Ausspielen Soziales gegen Militär das wahrscheinlichste Ergebnis. Und dabei wäre nicht einmal der Wirtschaft geholfen, Kaufkraftverluste am unteren Rand, Investitionen die ins Ausland (Rüstung) fließen.... ein Nullsummenspiel für die Binnenwirtschaft.



        Bei gelöster Schuldenbremse, hätten Links und SPD zumindest theoretisch die Chance einen Sozialabbau zu verhindern und Investitionen in die Infrastruktur zu erreichen. (Sicher ist das allerdings nicht, nur eben der eine Strohhalm der gerade greifbar ist)

  • aber es ist doch so: die Linke könnte mehr Geld für Militärausgaben blockieren.



    Das als undemokratisch zu bezeichnen finde ich nicht ok. Mit Blick auf die Nazis (die halten Regeln für Paperlapapp) hielte ich das für eine gute Option.



    DAS ist ein Zeichen gegen rechts! Einigkeit. Lasst doch Merz machen. Jetzt wo er Kanzler wird, ist bekannt geworden, das er auch Lächeln kann. Und er hört gar nicht auf…

    • @SchMERZlassnach:

      Seine Partei hat aber ja ausschließlich deshalb die alte Regierung handlungsunfähig geschossen und damit de facto 1,5 Jahre Stillstand in der Wirtschaftspolitik herbeigeführt.