Menschenfeindlicher Stadtverkehr: Vielköpfige Monster auf der Straße

Jedes Kind lernt, noch bevor es flüssig sprechen kann: Weil die Autos so gefährlich sind, haben sie mehr Rechte.

Auf der Kreuzung Mollstraße/Otto-Braun-Straße haben Teilnehmer einer Mahnwache des ADFC und Changing Cities ein so genanntes Geisterrad abgestellt.

Der ADFC stellt „Geisterräder“ auf, wo Radfahrer tödlich verunglückten Foto: Soeren Stache/dpa

Unter den menschenfeindlichen Kreuzungen Berlins ist die Kreuzung Mollstraße/Otto-Braun-Straße hinterm Alexanderplatz fraglos eine der menschenfeindlichsten. Wobei die Konkurrenz in Berlin wirklich hart ist. Die Kreuzung ist so groß wie ein ostwestfälischer Ortskern; außer unzähligen Fahrspuren begegnen sich hier auch zwei Tramstrecken.

Der junge Vater steht mit seinem vermutlich zweijährigen Sohn an der Ampel, das Kind in Stiefelchen mit Leucht-Applikationen auf einem dieser Mini-Roller, die sie jetzt alle haben. Tief beugt der Vater sich hinunter, als er den Roller bei Grün anschieben will, aber der Kleine will alleine. Der Vater trabt los, zeigt auf das grüne Männchen in der Ampel: „schnell-schnell“ – und sieht nicht, dass das Kind mit dem Roller hinter ihm stürzt.

Die anderen FußgängerInnen sind schon vorbei, die Ampel springt auf Rot, und jetzt erst dreht der Vater sich um, der Kleine rappelt sich auf, und wir, die wir im Fahrradpulk stehen, sehen dem Schauspiel zu, ob der Mann es schafft, sein Kind zu retten, bevor die Viererreihe Autos sich gleich einem vielköpfigen Monster auf die beiden stürzt, um sie zu verschlingen. Was nicht passieren wird, schon klar. Nur mein Puls rattert, als sei es denkbar.

Die verdammte Ampelschaltung ist dazu programmiert, die Menschen unter Hochdruck zu setzen, die ohne Auto unterwegs sind. Zweijährige, die ja auf „Aber nur bei Grün!“ dressiert werden, sollen beim Überqueren der Straße Panik bekommen, sollen gar nicht erst das Gefühl entwickeln, dass sie die Straße überhaupt überqueren dürfen, immer springt das Licht für sie sofort wieder auf Rot – Rot für „Was willst du hier überhaupt“, Rot für „Kann dein Vater dich nicht mit dem Auto zur Kita bringen“, Rot für „Lauf um dein Leben“.

Autos sind gefährlich

Und deshalb braucht so ein Vater samt Kind auch bis zu zehn Minuten zur Querung der Kreuzung, wo jede Autofahrerin nach „einmal kurz warten“ drüberrauscht, und der Grund lautet, dass AutofahrerInnen nicht lange warten müssen sollen. Erstens nehmen sie im Stau noch mehr Platz weg also ohnehin schon, und zweitens ist es ja auch für alle am Straßenrand besser, dass die Autos sie nicht so lange volldieseln, sondern zügig weiterfahren können. Jedes Kind lernt, noch bevor es flüssig sprechen kann: Eben weil die Autos so gefährlich sind, haben sie mehr Rechte.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Dass all dies für so normal gehalten wird, macht es übrigens nicht leichter, es überhaupt aufzuschreiben. Was ein Problem der Diskussion übers Auto generell ist: Zwar haben Klima, Umwelt und Planetenrettung zuletzt einen bemerkbaren Aufstieg in der öffentlichen Tagesordnung erlebt. Doch hinterm Stichpunkt Auto herrschen praktisch noch die Verhältnisse der 80er Jahre: Autos waren, sind und werden sein, und wer etwas anderes sagt, hat verloren.

Jedes Mal, wenn irgendwoher ein politisches Lüftchen weht, das den Wahnsinn wenigstens mildern würde, müssen unglaublich viele Menschen plötzlich entweder täglich die gebrechliche Großmutter zur Physiotherapie oder die Waschmaschine zur Reparatur fahren. An der Kreuzung Moll/Otto-Braun kann ich morgens weder Großmütter noch Waschmaschinen in den Wagen erkennen.

Dafür aber Leute, die, als der Vater sein Kind vom Asphalt sammelt, schnell-schnell, mit dem Fuß schon mal ganz sacht aufs Gas tippen. Denn darum geht es ja: zu zeigen, wer hier die Macht hat.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Chefredakteurin der taz. Von 2014 bis 2020 beim Deutschlandfunk. Davor in der taz als Chefin vom Dienst, Sozialredakteurin, Parlamentskorrespondentin, Inlandsressortleiterin. Zwischendurch auch ein Jahr Politikchefin bei der Wochenzeitung „der Freitag“.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de