Israels Pläne für den Gazastreifen: Hamas vernichten – und dann?

Bislang gibt es kein Konzept dafür, was mit dem Gazastreifen passieren soll. Eine internationale Treuhandschaft könnte ein Weg sein.

Rauch am Himmel über der Skyline von Gaza City

Die Skyline von Gaza City nach einem israelischen Luftangriff am 1. Oktober Foto: Rizek Abdeljawad/Xinhua/imago

Noch hat Israels angedrohte Bodenoffensive in Gaza nicht begonnen, da gibt es dort schon eine Million Fliehende und 2.750 Tote. Israels Kriegsziel scheint klar: „Wir werden Hamas vernichten“, sagt Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Umstritten sind höchstens die Mittel: Kann man Hamas vernichten, ohne alle Bewohner des Gazastreifens zu verjagen oder zu töten? Will Netanjahu gar auf Putins Spuren wandeln, als geächteter Kriegsherr auf Rui­nen und Massengräbern? Es wäre das Gegenteil eines Sieges. Das erklärt auch die intensive Krisendiplomatie. Mit jedem Tag, an dem Israel doch nicht einmarschiert, können sich Menschen in Sicherheit bringen, öffnet sich das Zeitfenster für einen Ausweg aus der Sackgasse ein wenig mehr.

Denn auf eine Frage gibt Israel beharrlich keine Antwort: Was würde nach der Vernichtung von Hamas mit dem Gazastreifen passieren? Will Israel ihn besetzt halten und sich Krieg ohne Ende aussetzen? Soll die inkompetente palästinensische Autonomiebehörde ihn übernehmen? Soll Israel das Gebiet leeren, annektieren, planieren und darauf Militärbasen oder Atomkraftwerke bauen? Es gibt kein Konzept.

Der völkermörderische Hamas-Terrorangriff auf Israel und Israels angedrohter Gegenschlag stürzen die Region in eine Krise wie seit 75 Jahren nicht. Juden fühlen sich an die Shoah erinnert, Palästinenser an die Nakba. Es geht um die Existenz. Da muss neu gedacht werden. Wenn in Gaza weder israelische noch palästinensische Verwaltung Sinn ergibt, muss ein dritter Weg gesucht werden.

Vielleicht liegt der dritte Weg dort, wo er vor 75 Jahren endete: in der internationalen Treuhandschaft, die in Palästina vor 1948 unter britischer Verwaltung existierte, im Namen erst des Völkerbunds und dann der UNO. Nach Israels Unabhängigkeitserklärung und dem arabischen Krieg gegen den jüdischen Staat verblieb in Gaza das „All-Palästina-Protektorat“ der Arabischen Liga unter ägyptischer Verwaltung und beherbergte Palästinas arabische Politiker. Ägyptens Annexion des Gazastreifens 1959 beendete dies, mit Israels Besetzung ab 1967 war es endgültig Geschichte. Heute aber könnte das Erbe des Palästina-Mandats als Ausgangspunkt für eine neue Debatte dienen.

Osttimor als Modell

Internationale Treuhandschaften gab es weltweit immer wieder, bis in die jüngere Gegenwart, von Namibia bis Palau, zuletzt in Osttimor unter UN-Verwaltung vom Abzug Indonesiens 1999 bis zur Unabhängigkeit 2002. Treuhandmodelle wurden auch immer wieder im Rahmen der Zweistaatenlösung für Israel und Palästina diskutiert.

Wäre eine internationale Verwaltung für Gaza also ein denkbarer Weg? Wenn ja, wie, unter wessen Führung und mit welchem Ziel? Wenn nicht, was dann? Die Fragen mögen heute naiv erscheinen. Aber ohne eine politische Vision gibt es am Ende nur Trümmer- und Leichenberge. Auf beiden Seiten. Und dann muss man diese Fragen sowieso stellen, Tausende Tote später.

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