Debatte um Neun-Euro-Ticket: Trojanisches Pferd für Superarme

Wegen des geplanten Neun-Euro-Tickets befürchten deutsche Urlaubsregionen wie Sylt den Kollaps. Immerhin steht die eigene Exklusivität auf dem Spiel.

Ein Bild aus der Luft zeigt die Küste von Sylt. Oben ist das Meer zu sehen, dann der beige Strand und dann das Grüne Land, das mit roten gesprenkelt und von weißen Straßen durchzogen ist.

Der Blick von oben lässt auf Sylt jede Menge Platz vermuten – die Inselbewohner sehen das anders Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Auf Sylt hat man Angst. Denn noch ist der Beschluss nicht endgültig in trockenen Tüchern, doch man nimmt allgemein an, dass das Neun-Euro-Ticket kommen wird. Im Rahmen des Entlastungspakets für die Bundesbürger wegen der stark gestiegenen Energiepreise wird jede und jeder vom 1. Juni an bis zum 31. August für nur neun Euro im Monat den öffentlichen Nahverkehr benutzen können. Und dazu zählen dann auch Regionalzüge, mit denen sich Abenteuerlustige im Extremfall von Rügen bis zum Schwarzwald durchhangeln können.

Ebensolche Urlaubsregionen sind es, die nun unter dem erwarteten Run von Tagesausflüglern und Billigtouristen, die „bloß gucken wollen“, schon mal prophylaktisch aufstöhnen. Das gilt nicht nur für die Küstenorte in Mecklenburg-Vorpommern, wo man seit jeher auch jede noch so zahlungswillige Kundschaft als Störung, Zumutung und Überforderung begreift. Sondern insbesondere auch für sich eher exklusiv definierende Zielorte wie die Nordseeinsel Sylt.

„Wir sehen die Insel nicht optimal (aus-)gerüstet für das 9-Euro-Ticket und den damit verbundenen Ansturm“, sagt der Geschäftsführer der Sylt Marketing, Moritz Luft, der Deutschen Presse-Agentur. Und führt dabei vor allem das Nadelöhr Hindenburgdamm an, durch das fast sämtliche Besucher auf ihrem Weg zur Insel müssen. Die norddeutsche Noblesse verbietet ihm, deutlicher zu sagen, wo er am Ende das Problem für seine Freunde vom Sylter Gastgewerbe sehen dürfte: Die Bahn wird für sie alle zu einem trojanischen Pferd für Superarme.

Was haben die Sylter Champagner- und Krabbenschwemmen davon, wenn Heerscharen von graugesichtigen Bewohnern Barmbeker Kellerwohnungen auf der Suche nach einer billigen Bockwurst mit Schwimmkrokodil und Sandeimerchen durchs Dorf klötern? Nein, auf Gesindel mit Kupfermünzen ist man in der Tat nicht vorbereitet; das sind nicht die Leute, die man hier unbedingt sehen will. Doch Schleswig-Holstein hat in Erwartung des Neun-Euro-Tickets für die Marschbahnstrecke von Hamburg nach Sylt immerhin schon zusätzliche Kapazitäten bestellt. Frei nach Olaf Scholz wird Sylt eine Zeitenwende erleben.

Exklusivität braucht Exklusion

Wie unter dem Brennglas zeigt sich hier, wie unsere Gesellschaft tickt. Bestimmte Angebote, die immer Luxus waren (Sylt, Champagner), Luxus sind (Kurzurlaube an Nord- und Ostsee) oder Luxus sein werden (Fleisch, Gemüse, Flugreisen, Senf) funktionieren nur über ihre Verknappung, die sich wiederum über den Preis steuert. Der Reichtum braucht für seine bequeme Entfaltung die Armut, die Exklusivität braucht die Exklusion, der Überfluss braucht den Mangel.

Das betrifft sämtliche Strukturen und Infrastrukturen. Unsere Straßen sind nicht darauf ausgerichtet, dass jede ein Auto hat; unsere Radwege nicht darauf, dass mehr von uns mit dem Rad fahren; unsere Züge nicht, dass Krethi und Plethi damit hin- und hergondeln, wie sie lustig sind. Restaurants würden aus allen Nähten platzen, wenn sich jede einen Besuch dort leisten könnte; Sylt würde unter dem Ansturm schwergewichtiger Unbefugter noch schneller abbrechen und im Meer versinken als sowieso schon.

Doch selbstverständlich gibt es auch bahninterne Sorgen logistischer Natur. Denn woher sollen die ganzen zusätzlichen Züge kommen? So rechnen die Bahngewerkschaft EVG und der Fahrgastverband Pro Bahn mit chaotischen Zuständen, da kein Bahn-Unternehmen auf den Andrang vorbereitet sei. Das leuchtet ein, gleichen doch bisher schon Zugfahrten auf den Strecken von Berlin Richtung Ostsee oder auch nur in die brandenburgischen Naherholungsgebiete (und zurück!) speziell an Sommerwochenenden einer „Reise nach Jerusalem“ mit einem Stuhl und tausend Teilnehmern, mit Prügel, Geschrei, Tränen und dem verbogenen Blech aus überfüllten Zügen geworfener Fahrräder. Für Pendler, die die Fahrkosten ja oftmals ohnehin ersetzt bekommen, wird der kommende Sommer zur Hölle werden.

Verkürzte Züge wegen des Kriegs

Für eine weitere Verschärfung auf den Regionalbahnlinien sorgt der Krieg in der Ukraine. „Interpipe“, der dortige Hauptlieferant für Radscheiben, wie sie auch für die klassischen Regionalzugmodelle von Bombardier benötigt werden, musste kriegsbedingt die Fertigung einstellen. Da es sich bei den Rädern um ständig zu ersetzende Verschleißteile handelt, gerät die Bahn nunmehr verstärkt ins Schwitzen. Der mutmaßliche neue Hersteller in Spanien muss wohl erst einmal die Produktion aufnehmen.

„Es gibt aber dadurch keine Einschränkungen im Bahnbetrieb – auch kurzfristig nicht“, verkündete noch Anfang April eine Bahnsprecherin im „Spiegel“. Drei Wochen später ist dann auf einmal doch von „verkürzten Zügen“ die Rede – man hat bei der Bahn wohl einfach noch mal nachgedacht und ist dann tatsächlich auf folgende Formel gestoßen: Weniger Wagenräder bedeuten weniger Wagen; weniger Wagen bedeuten kürzere Züge. „Klingt komisch, is aber so!“ („Die Sendung mit der Maus“).

Genau hierin könnte aber auch die Rettung für die Sylter liegen. Wenn der Zug voll ist, ist er voll, und bei kürzeren Zügen ist diese Grenze früher erreicht. Damit verengt sich der Hindenburgdamm noch weiter zum Pöbelsieb, durch das es nun weniger auf die Insel schaffen können als zunächst befürchtet. So werden die Sylter von Kriegsverlierern zu Kriegsgewinnlern. Nicht auszuschließen ist, dass die geschäftstüchtigen Nordleute bei Nacht und Nebel im Bahnhof von Westerland noch weitere Waggonräder ansägen. Die zahlungskräftige Wunschklientel kann schließlich fliegen.

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