Bundeskongress der Jusos : Was Scholz von Esken lernen kann
Scholz hätte ein Gutes daran getan, sich dem Unmut der Jusos zu stellen. Nicht zuletzt ist es der Nachwuchs, der den Wahlkampf auf der Straße führt.
Foto: Sebastian Willnow/dpa
D ie Frau hatte Mut. Die Wut über die Castingshow der SPD bei der Findung des Kanzlerkandidaten, die die Partei und ihre Protagonisten angeschlagen zurücklässt, brach sich beim Bundeskongress der Jusos Bahn. Die Parteivorsitzende Saskia Esken aber war gekommen, um sich dem Frust zu stellen und – endlich einmal – Selbstkritik zu üben. Man habe wirklich kein gutes Bild abgegeben, räumte sie ein.
Doch wo waren eigentlich Olaf Scholz, der Kanzlerkandidat, oder Lars Klingbeil, das strategische Hirn in der Parteizentrale? Nein, Männer, so geht es wirklich nicht: die Frau vorzuschicken, wenn es unangenehm wird. Wenn Scholz wirklich eine Chance haben will, die Umfragen zu drehen, dann muss er sich stellen. Und auch mal was wagen. So hat er ein weiteres Mal nach dem Rauswurf Christian Lindners das Momentum verpasst, die Parteibasis hinter sich zu versammeln.
Nachdem Boris Pistorius am Donnerstag einen Rückzieher und den Weg für ihn als Kanzlerkandidaten der SPD frei gemacht hat, hätte Scholz sich zeigen müssen. Die einzige sozialdemokratische Großveranstaltung vor Weihnachten wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich Kritik zu stellen, Selbstkritik zu üben und Vertrauen zurückzugewinnen. Esken traute sich, Scholz hat sich gedrückt. Hatte der „Abschiebekanzler“ Angst davor, ausgebuht zu werden?
Wer so zaghaft in einen Wahlkampf geht und noch nicht mal der eigenen Parteijugend vertraut, kann kaum hoffen, dass die Menschen im Land ihm vertrauen. Die SPD will jetzt „Inhalte“ nach vorn stellen – für Investitionen in Wirtschaft und Verteidigung kämpfen, für stabile Renten und den Sozialstaat. Die Jusos und die gesamte Partei werden sich hinter diesen Ideen versammeln und notgedrungen auch hinter dem Kanzlerkandidaten. Zumal der gemeinsame Gegner Friedrich Merz heißt.
Sie werden die Zähne zusammenbeißen und sich zusammenreißen. Doch damit entfacht man noch keine Begeisterung bei den Wähler:innen. Für die ist Scholz zuständig. Er muss raus aus dem Kanzlerkokon und dafür sorgen, dass der Funke überspringt. Zu verlieren hat er derzeit nichts.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert