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Bürgerdialog auf RaddampferWieso ein Familienunternehmen an die AfD vermietet

Die AfD lädt zu einem Bürgerdialog auf einem historischen Raddampfer ein und die Reederei findet das unproblematisch. Das weckt ungute Erinnerungen.

Volle Fahrt Kurs steuerbord? Der Raddampfer „Freya“ stand schon 2005 mitunter in der Kieler Förde unter der Dampf Foto: Wulf Pfeiffer/dpa

D ie AfD lädt mal wieder zu einem Bürgerdialog ein – dieses Mal auf dem historischen Raddampfer „Freya“. Die Reederei Adler-Schiffe verspricht „pure Nostalgie und maritime Romantik“ auf der „Freya“ und die AfD findet das offenbar das passende Ambiente für ihre Veranstaltung. Schließlich nutzt die Partei schon länger nostalgische Emotionen für die Vermittlung ihrer politischen Intentionen.

Das 1950 gegründete Unternehmen Adler-Schiffe mit Sitz auf Sylt ist keine kleine Reederei. Sie verfügt über eine Flotte von 26 Fahrgastschiffen, die an Nord- und Ostseeküste sowie auf Elbe, Eider und Nord-Ostsee-Kanal fahren. Das Unternehmen ist mit weiteren GmbHs und Holdings vernetzt.

Die AfD-Bundestagsfraktion wirbt im Netz ganz offen für den Ausflug mit dem 115 Jahre alten Raddampfer: „Nutzen Sie diese Gelegenheit, um Fragen zu stellen und mit uns über die Zukunft Deutschlands zu diskutieren“ schreiben Kurt Kleinschmidt, Sven Wendorf, Gereon Bollmann, Alexis Giersch und Kerstin Przygoddasie. Anmeldung sei nötig: „Begrenzte Platzzahl!“. An der Fahrt mit dem Raddampfer haben schon mal mehr als 130 Gäste teilgenommen.

„Seit geraumer Zeit finden diese Fahrten statt“, sagt Bettina Jürgensen vom Kieler „Runden Tisch gegen Rassismus und Faschismus“. Auf der Website des Familienunternehmens in zweiter Generation finden sich diese AfD-Werbe-Fahrten allerdings nicht.

In einem offenen Brief an das Unternehmen schreiben die Mitglieder des „Runden Tischs gegen Rassismus und Faschismus“: „Wir wünschen uns und Adler-Schiffe, dass die Fahrt mit dem Raddampfer keine Reise in die politischen Vergangenheiten wird, mit millionenfachem Mord durch Rassismus, Faschismus und Krieg.“ Sie fordern das Unternehmen auf, die Fahrt abzusagen. Bisher hat das Unternehmen darauf nicht reagiert.

Auf Nachfrage der taz teilt das Familienunternehmen mit, Angebote und Dienstleistungen stünden „grundsätzlich allen Kundinnen und Kunden diskriminierungsfrei zur Verfügung unabhängig von deren politischer, religiöser oder weltanschaulicher Ausrichtung, sofern sich diese im Rahmen der geltenden Gesetze bewegen“. Eine Unterstützung politischer Parteien oder deren Inhalte erfolge nicht.

Brandmauer bekommt Risse

Lange galt für Familien- und Mittelstandsunternehmen das „unausgesprochene Gesetz, mit der AfD nicht zu reden“, schreibt Oliver Stock, Herausgeber des Magazins „Markt und Mittelstand“, Ende Mai. Aber die „Brandmauer“ bekäme zusehends Risse. Im deutschen Mittelstand werde „traditionell nüchtern gerechnet“, und bei den derzeitigen Umfragewerte der AfD könnten die Mittelständler davon ausgehen, so Stock weiter, „dass unter ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern genauso AfD-Wähler sind wie unter ihren Kunden“. Die Risse in der Brandmauer seien also keiner Ideologie, sondern schlicht Pragmatismus geschuldet.

Diese Annahme, die Stock formuliert, weckt ungute Erinnerungen an jene Rationalität, die sich vor über 90 Jahren für Firmen und Unternehmen rechnete. Die Grenzen zwischen Weltanschauung und Wertschöpfung könnten auch heute fließend sein. Im November 2025 sorgte zuletzt Marie-Christine Ostermann für eine heftige Debatte. Die Präsidentin des Verbands Verband Die Familienunternehmer wollte die Brandmauer zur AfD aufgeben und hatte Ende Oktober den ersten AfD-Politiker zu einer Veranstaltung eingeladen.

Die AfD erwartet bei ihrem Bürgerdialog auf der „Freya“ am 13. Juni Protest.

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Andreas Speit
Autor
Rechtsextremismusexperte, Jahrgang 1966. In der taz-Nord schreibt er seit 2005 die Kolumne „Der Rechte Rand“. Regelmäßig hält er Vorträge bei NGOs und staatlichen Trägern. Für die Veröffentlichungen wurde er 2007 Lokaljournalist des Jahres und erhielt den Preis des Medium Magazin, 2008 Mitpreisträger des "Grimme Online Award 2008" für das Zeit-Online-Portal "Störungsmelder" und 2012 Journalisten-Sonderpreis "TON ANGEBEN. Rechtsextremismus im Spiegel der Medien" des Deutschen Journalistenverbandes und des Ministeriums für Justiz und Gleichstellung des Landes Sachsen-Anhalt. Letzte Bücher: herausgegeben: Das Netzwerk der Identitären - Ideologie und Aktionen der Neuen Rechten (2018), Die Entkultivierung des Bürgertum (2019), mit Andrea Röpke: Völkische Landnahme -Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos (2019) mit Jena-Philipp Baeck herausgegeben: Rechte EgoShooter - Von der virtuellen Hetzte zum Livestream-Attentat (2020), Verqueres Denken - Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus (2021).
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9 Kommentare

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  • Freya war als De Zwaan während der deutschen Besatzung der Niederlande einigen Juden ein grauenhaftes Versteck, nämlich im Rumpf. So ein Schiff den Rechtsextremisten zu überlassen ist ein fetter Vogelschiss auf jeder Art von Anstand, Moral, sogar Ethik.

  • Rosen auf den Weg gestreut - Tucholsky

    Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,



    erschreckt sie nicht – sie sind so zart!



    Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,



    getreulich ihrer Eigenart!



    Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:



    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft!







    Wenn sie in ihren Sälen hetzen,



    sagt: »Ja und Amen – aber gern!



    Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«



    Und prügeln sie, so lobt den Herrn.



    Denn Prügeln ist doch ihr Geschäft!



    Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft.







    Und schießen sie –: du lieber Himmel,



    schätzt ihr das Leben so hoch ein?



    Das ist ein Pazifisten-Fimmel!



    Wer möchte nicht gern Opfer sein?



    Nennt sie: die süßen Schnuckerchen,



    gebt ihnen Bonbons und Zuckerchen ...



    Und verspürt ihr auch



    in euerm Bauch



    den Hitler-Dolch, tief, bis zum Heft –:



    Küßt die Faschisten, küßt die Faschisten,



    küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft –!

  • Da ich einen guten Draht zu Petrus habe, werde ich ihn bitten, am 13. Juni für einen plötzlichen Wetterumschwung zu sorgen: Er möge es hageln und blitzen lassen!

    • @Il_Leopardo:

      Gute Idee. Vor allem sollte es ordentlich stürmen, damit das Kotzen über die Inhalte der Veranstaltung synchron mit dem des Seeganges gelingt.

  • Es ist uns sicher allen klar, nur wird es selten ausgesprochen:



    Der Versuch, die AfD an den Rand zu drängen, ist endgültig gescheitert.



    Im Gegenteil, diese Strategie hat die AfD stärker gemacht. Und damit steht auch fest, dass sie immer weniger funktionieren wird. Denken wir das ganz nüchtern durch: Wenn 25 % die AfD wählen, dann wird ein ähnlich hoher Anteil der Schiffsvermieter, der Caterer usw. Sympathien für die Partei haben.



    Dazu kommt etwas, was gern in der Diskussion vernachlässigt wird: Viele, die nicht z.B. als Politikerin oder Journalist total in Parteipolitik aufgeht, haben auch kein Interesse, es sich mit 25 % der Nachbarn und Mitbürgerinnen grundsätzlich zu verscherzen. Was mit einer Splitterpartei vielleicht noch funktioniert, widerspricht bei vielen dem alltäglichen Leben.



    Nun braucht niemand zu erwarten, dass aus einem Dialog mit der AfD plötzlich etwas Wunderbares entsteht. Ganz im Gegenteil: Gerade wegen ihres Paria-Status' in der Politik wird die Partei jede Möglichkeit wahrnehmen, andere zu blamieren oder über den Tisch zu ziehen.



    Allein es gibt gar keine andere Möglichkeit. Gewöhnen wir uns also lieber an die Auseinandersetzung _mit_ der AfD - statt ohne.

    • @Frauke Z:

      Und welche Strategie schlagen Sie vor?

  • Kapitalismus und Faschismus gingen immer schon Hand in Hand. Passt wie Arsch auf Eimer, ganz pragmatisch, nicht wahr, liebe Familienunternehmer? :(

    • @Lahmarsch:

      Richtig. Hitler hätte ohne Unterstützung von Krupp und Co niemals seine Schwerstverbrechen so ausführen können.

      • @amigo:

        Stimmt. Waeren das alles Staatsbetriebe gewesen hatte Hitler ein Riesenproblem gehabt...