Alltäglicher Judenhass: Die Mär vom fremden Juden

Der antisemitische Angriff auf Sänger Gil Ofarim zeigt: Ausgrenzung ist kein jüdisches Problem, sondern das der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft.

Demonstration gegegn Antisemitismus mit Transparent.

Demonstration des Bündnisses „Leipzig nimmt Platz“ vor dem Westin Hotel Leipzig Foto: Dirk Knofe/dpa

Sie werden beleidigt, bespuckt und blöde angemacht. Man tuschelt über sie, reißt blöde Sprüche: Die antisemitischen Vorfälle, denen Juden in Deutschland im Alltag ausgesetzt sind, ohne dass dies jemals in einer Strafanzeige mündet und in die Kriminalstatistik einfließt, sind mannigfaltig, alltäglich und bedrückend. Bedrückend sollten sie aber nicht nur für die Betroffenen sein, sondern mindestens ebenso für die Mehrheitsgesellschaft, die diesem Treiben mehr oder weniger interessiert zuschaut.

Ein jüdischer Künstler hat in Leipzig nun einen dieser Ausbrüche von Judenhass öffentlich gemacht. Ein Hotelmitarbeiter wollte ihn, den durch ein Kette mit Davidstern sichtbaren vorgeblich Fremden, nicht einchecken lassen – jedenfalls nicht mit sichtbarer Kette. Das ist purer Judenhass. Die Angelegenheit wird durch die Reaktion auf diesen widerlichen Vorfall nicht besser, fiel doch den Hotelbetreibern nichts Besseres ein, als eine Flagge Israels als Zeichen der Solidarität mit dem Abgewiesenen aufzuhängen. Und wieder wird der Jude als Fremder gebrandmarkt, immerhin im positiven Sinne, aber trotzdem bedeutet dies: Er gehört nicht zu uns.

Juden sind Deutsche, keine Ausländer, übrigens auch keine deutschen Mitbürger. Es sind keine Touristen und keine Migranten. Einfach nur deutsche Staatsbürger. Sie zählen genauso zu Staat und Gesellschaft wie deutsche Katholiken, Protestanten oder ­Atheisten.

Es ist diese simple Tatsache, die Antisemiten seit dem 19. Jahrhundert nicht anerkennen wollen und aus der sie ihre Zurückweisung des Jüdischen als angebliche Volksfremde konstruieren, die die postulierte nationale Identität bedrohen. Das war schon im Kaiserreich so und setzte sich in der Weimarer Republik fort. Die Nazis konnten darauf ihre Vernichtungspolitik aufbauen, und noch Konrad Adenauer sprach von einer „Judenfrage“. Bis zum heutigen Tag spukt diese Mär in den Köpfen vieler herum.

Es ist aber eine Frage, die an die deutsche Mehrheitsgesellschaft gerichtet ist. Denn nicht Juden sind das Problem, sondern die Antisemiten und die Mehrheitsgesellschaft, die sie duldet und teils nicht einmal erkennt.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Das Amulett und das Mädchen", Hentrich & Hentrich 2019

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de