Menschen stehen auf einer Brücke und schauen sich ein Transparent an: Protect Defend Jewish Life

Mahnwache in Berlin: für jüdisches Leben in Berlin und gegen jede Form des Antisemitismus Foto: Carsten Koall/dpa

Antisemitismus in Deutschland:Die Angst wird bleiben

Weltweit kommt es zu antisemitischer Gewalt, auch in Deutschland. Wie erleben Jüdinnen und Juden diese Welle des Hasses? Vier Protokolle.

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24.5.2021, 19:05  Uhr

Als sich der Konflikt im Nahen Osten Anfang Mai zuspitzte, waren auch Jüdinnen und Juden in Deutschland alarmiert. Würde sich der Hass von dort auch hierzulande entladen? Bald nahmen antisemitische Attacken auf den Straßen zu. In Münster und Bonn wurde vor den örtlichen Synagogen eine Israelflagge verbrannt. In Gelsenkirchen wurde „Scheiß Juden“ vor einer Synagoge skandiert. Überall in Deutschland wurde gegen Israel demonstriert. In Berlin kam es dabei zu Straßenschlachten, De­mons­tran­t*in­nen forderten die Bombardierung Tel Avivs und Messerangriffe auf Israelis.

In den vergangenen Wochen schossen palästinensische Terrorgruppen über 4.360 Raketen auf Israel, 13 Israelis kamen dabei ums Leben. Israels Luftwaffe beschoss daraufhin rund 1.500 Stellungen der Hamas in Gaza, 248 Pa­läs­ti­nen­se­r*in­nen starben. In israelischen Städten kam es zudem zu massiver Gewalt zwischen jüdischen und arabischen Israelis. Seit dem 21. Mai herrscht Waffenruhe.

Weltweit kommt es weiterhin zu antisemitischer Gewalt. Videos aus New York etwa zeigen, wie Jüdinnen und Juden auf der Straße beschimpft, bedroht und verletzt werden. In der Bundesrepublik habe sich ein „aggressives antisemitisches Klima“ entwickelt, sagte Samuel Salzborn, Antisemitismusbeauftragter der Stadt Berlin.

In der taz erzählen vier Jüdinnen und Juden: Wie erleben sie diese Hasswelle? Was erwarten sie von der Mehrheitsgesellschaft? Und was bleibt, wenn die öffentliche Wahrnehmung sich wieder anderen Themen zuwendet?

„Wieder schmiss jemand einen Böller“

Antonia Yamin, 32, lebt in Berlin und ist Europa-Korrespondentin für den öffentlich-rechtlichen israelischen TV-Sender KAN

Portrait von Antonia Yamin

Antonia Yamin Foto: Boaz Arad

„Es tut mir einfach weh. Ich bin in Deutschland geboren, in Mannheim. Ich sehe mich nicht nur als Israelin, sondern auch als Deutsche. Und in meinem Geburtsland gibt es Orte, an denen ich kein Hebräisch sprechen kann, weil ich dann als Jüdin, als Israelin erkennbar bin. Das darf nicht sein, 76 Jahre nach dem Holocaust.

Als israelische Journalistin kann ich in Deutschland eigentlich frei arbeiten. Aber es gibt Stadtteile in Berlin, in denen das leider nicht geht. Vor drei Jahren habe ich live aus Neukölln über den Brexit berichtet, auf Hebräisch. Drei Jugendliche haben das gehört und mich mit einem Böller beworfen. Seitdem war ich nicht mehr in Neukölln.

Bis vorletzten Samstag, um über die große palästinensische Demonstration zu berichten. Ich habe mit vielen Demonstranten gesprochen, auf Deutsch. Man sieht natürlich nicht, dass ich Jüdin und Israelin bin. Ich habe sie auf die Raketen, die Hamas auf Israel schießt, angesprochen: Das interessierte sie nicht. Für sie hat Israel angefangen, sie denken, dass Israel alle Leute in Palästina ermorden möchte. Während ich von RTL interviewt wurde, schmiss wieder jemand einen Böller auf mich. Kurz davor habe ich hebräisch gesprochen.

Viele verstehen nicht, wer hinter diesen Demos steht. In Rotterdam, wo ich am Wochenende über den Eurovision Song Contest berichtet habe, wurde auch gegen Israel demonstriert und ich wurde beleidigt. Darunter war der Leiter einer Hamas-nahen Stiftung. Das sind keine friedlichen Leute.

In meiner journalistischen Arbeit provoziere ich niemanden, sondern lasse die Leute reden. Das mache ich bei der palästinensischen Demonstration gegen Israel, das habe ich bei einem Neonazi-Festival in Thüringen so gemacht. So kommt die Wahrheit am besten raus.

Doch ich muss meine Arbeit machen können. Bei den Protesten in Neukölln waren viel zu wenige Polizisten, und die waren überfordert. Vom Angriff auf mich haben sie erst im Nachhinein über Twitter erfahren. Vor Ort hat sich niemand dafür interessiert, als Journalistin wurde man alleine gelassen.

Wenn diese jungen Männer antisemitische Parolen rufen und eine israelische Journalistin mit Böllern bewerfen, dann muss das Konsequenzen haben. Sonst denken sie sich: Warum sollte ich das nicht wieder machen?“

Protokoll: Kevin Čulina

„Das ist purer Judenhass“

Rebecca Seidler, 40, Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde in Hannover und Antisemitismusbeauftragte des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen

Portrait von Rebecca Seidler

Rebecca Seidler Foto: privat

„Am 12. Mai erhielten wir in der Liberalen Gemeinde in Hannover einen Anruf. Es wurde gedroht, unsere Gemeinde anzuzünden. Natürlich sind unsere Gemeindemitglieder und Mitarbeiter dadurch verunsichert. Mich persönlich hat das bewegt, weil ich mich in der Verantwortung sehe, meinen Gemeindemitgliedern den bestmöglichen Schutz zu bieten. Ich bin deshalb nun viel stärker mit den Sicherheitsbehörden in Kontakt.

In den letzten zwei Wochen habe ich mich in die jüdische Community zurückgezogen. Dort fühle ich mich sicher, werde verstanden und muss mich nicht rechtfertigen oder verteidigen. Das brauche ich gerade. Und: Ich bin wachsamer geworden.

Unsere jüngeren Gemeindemitglieder ziehen sich zum Teil aus den sozialen Medien zurück. Sie werden dort aufgefordert, sich zu positionieren oder den Nahostkonflikt in drei Sätzen zu erläutern. Das ist eine enorme Erwartungshaltung. Die Jüngeren sagen auch, sie kommen mit den antisemitischen Anfeindungen und Beleidigungen nicht mehr klar. Diese Wucht, mit der sie einem entgegenschlagen, ist kaum noch auszuhalten.

Antisemitismus wird gerne relativiert oder negiert. Bei einer Demo in Gelsenkirchen wurde vor einer Synagoge „Scheiß Juden“ im Chor gesungen. Viele Medien berichteten, es handle sich um antiisraelische Proteste. Das stimmt einfach nicht. Das ist purer Judenhass, der dort zum Ausdruck gekommen ist.

Für viele ist es schwer, sich mit Jüdinnen und Juden in Deutschland zu solidarisieren. Ich höre Aussagen wie: „Du weißt, ich bin gegen Antisemitismus, aber bei Israel und Gaza, da will ich mich nicht positionieren.“ Es gibt keine sofortige Solidarität. Das ist ein Zeichen. Meine Befürchtung ist, dass die Aufmerksamkeit verschwindet, sobald es sich im Nahen Osten beruhigt. Das ist fatal. Es müssten langfristige Strukturen in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit entwickelt werden. Viel zu oft sind gute Projektideen nur für ein Jahr befristet. Es ist eine Farce, zu denken, dass man fest verankerten Antisemitismus hier in Deutschland in einem Jahresprojekt bewältigen könnte.“

Protokoll: Erica Zingher

„Da wussten wir: Es geht wieder los“

Laura Cazés, 31, lebt in Frankfurt am Main und arbeitet als Leiterin für Kommunikation und Digitalisierung bei der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST)

Portrait von Laura Cazés

Laura Cazés Foto: Robert Poticha

„Als die aktuelle Eskalation in Israel/Palästina losging, kam in mir ein bekanntes Unbehagen auf. Davon erzählten mir auch jüdische Freund:innen. Wir dachten an die antisemitische Hasswelle, die sich zuletzt rund um den Gaza-Krieg 2014 entladen hat, und wussten: Es geht wieder los.

Ich fragte mich, ob das von der Gesellschaft endlich als Antisemitismus benannt werden würde. Würde man verstehen, in welcher Form diese sich entladende Aggression direkt auf unser Leben als deutsche Jü­d:in­nen auswirkt? Leider haben sich viele Sorgen bisher bestätigt. Ich bekomme viele Zuschriften, gerade von jungen Jüdinnen und Juden, die auch auf Social Media die Wucht dieser Eskalation abbekommen: „Ich bekomme bald einen Nervenzusammenbruch“, schrei­ben sie. Oder: „Ich will mein Instagram-Konto löschen, aber schaue dann doch wieder rein.“ Viele können nachts nicht mehr schlafen.

Jüdische Menschen haben Angst. Die Belastung ist unglaublich spürbar – und das nimmt mich sehr mit. Und das betrifft uns alle, egal wie wir uns politisch positionieren: wir alle werden adressiert, wir alle bekommen den Antisemitismus zu spüren. Uns allen schlägt sehr viel Hass und Aggressivität entgegen.

Gerade in den sozialen Medien wird der Konflikt in Israel und Palästina sehr verkürzt dargestellt. Postkoloniale Theorien und viele antirassistische Ak­ti­vis­t:in­nen verstehen Israel leider als den mächtigsten Staat, als Unterdrücker, und die überdimensionierte Vorstellung allein schon ist antisemitisch.

Nach 2014 haben gerade junge Jüdinnen und Juden sich in Bündnissen organisiert: intersek­tio­nal, in muslimisch-jüdischen Allianzen.

Leider drohen die genau an diesem Punkt aufzubrechen. Es reicht nicht „Wir sind gegen Antisemitismus“ zu sagen und dann Aufrufe der Boykottbewegung gegen Israel zu teilen. Dann sind das nur Lippenbekenntnisse. Und dabei können wir eine inklusive Gesellschaft nur zusammen gestalten, gerade angesichts rechtsextremer Kontinuitäten, Hanau und Halle.

Heute gibt es zwar viele jüdische Safe Spaces, jüdische Austauschräume. Das hilft. Doch die Anspannung wird bleiben. Antisemitische Weltbilder sind so festgesetzt, auch wenn sie dann länger nicht ausbrechen. Und Jüdinnen und Juden müssen sich fragen: Was macht es mit uns, wenn diese Aggressivität wieder auf uns einschlägt? Merken andere überhaupt, wie unsicher wir uns fühlen?“

Protokoll: Kevin Čulina

„Heute traue ich mich nicht mehr alleine mit Kippa auf die Straße“

Anton Tsirin, 33, Schauspieler, Präsident von Makkabi Deutschland Jugend, im Vorstand bei Kibbuz e. V. und Jugendreferent des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden Westfalen–Lippe

Portrait von Anton Tsirin

Anton Tsirin Foto: privat

„Ich arbeite gerade in einem Projekt, das sich „Youde“ nennt. Letzte Woche haben wir dafür gedreht, ein Experiment: Mit Kippa lief ich durch die Straßen und hielt in der Hand ein Schild. Darauf stand: „Ich bin ein Jude. Was wolltest du schon immer fragen oder sagen?“ Jemand sagte zu mir, es sei eine Provokation, dass ich eine Kippa trage. Was provoziert da? Die Kippa? Dass ich Jude bin?

Es wird immer wieder abgeraten, in der Öffentlichkeit eine Kippa zu tragen. Als ich etwa 20 Jahre alt war, habe ich noch aus Prinzip gesagt: Ich ziehe die Kippa an. Ich fand, dass Juden zu sehr zurückgezogen leben. Es bringt nichts, sich zu verstecken, dachte ich, wir müssen uns zeigen, und dass es normal ist in Deutschland ein Jude zu sein.

Heute würde ich mich nicht mehr alleine mit Kippa auf die Straße trauen. Ich hätte jetzt Angst. Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, Gewalt zu erleben. Und ich möchte nicht, dass meine Familie sich um mich Sorgen macht.

Als die ersten antisemitischen Demonstra­tionen stattfanden, fühlte ich mich verantwortlich, etwas zu tun. Es überforderte mich auch. Ich sehe, dass in den sozialen Medien viele falsche Berichte und Videos über den Nahost­konflikt verbreitet werden. Viele Menschen teilen das, ohne wirklich Ahnung zu haben. Das ist ein Problem. Ich habe lange und viel überlegt, wie man diese Menschen erreicht. Aber da läuft man oft gegen eine Wand.

Es gab mehrere muslimische Gruppen, die sich solidarisch gezeigt haben. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Wir leben alle zusammen in Deutschland. Wir alle sind nicht dafür verantwortlich, was dort passiert, sondern was hier passiert. Und wir müssen alle zusammen für unseren gegenseitigen Frieden einstehen.

Es wird wieder ruhiger werden in ­Deutschland. Was bleibt, ist die Unsicherheit. Ich weiß nicht, ob ich als Jude meine Kinder mal unter diesen Voraussetzungen hier aufziehen will.

Meine letzte Hoffnung ist, dass Menschen, die auch für ein friedliches Zusammenleben sind, öfter ihre Stimme erheben. Und, neben Juden, mehr andere Leute auf Demos gegen Antisemitismus auftauchen oder gar mit­organisieren.“

Protokoll: Erica Zingher

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