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„Widersetzen“ in ErfurtDarf man den AfD-Parteitag verhindern? Man muss es!

Gastkommentar von

Ralf Michaels und Anne Gräfe

Exakt 100 Jahre nach der NSDAP hält die AfD am Wochenende in Thüringen ihren Parteitag ab. Wo die Politik versagt, muss die Zivilgesellschaft einspringen.

B estimmte Dinge sollte es nicht geben, zumal in diesem Land. Den Hitlergruß etwa – der ist verboten. Den Antisemitismus – den gibt es leider noch. Vor allem aber sollte es keine große rechtsextreme Partei geben, die in Thüringen am 4. und 5. Juli einen Parteitag abhält – auf den Tag genau 100 Jahre nachdem die NSDAP im thüringischen Weimar ihren ersten Reichsparteitag nach der Aufhebung ihres Verbots abhielt und die Hitlerjugend gründete.

Eine funktionierende Gesellschaft würde eine solche Partei gar nicht erst groß werden lassen. Und eine funktionierende Politik hätte längst ein Verbotsverfahren in die Wege geleitet. Gutachten nach Gutachten, zuletzt der Gesellschaft für Freiheitsrechte, zeigt, dass die AfD rechtsextrem und verfassungsfeindlich ist.

In die Lücke tritt nun die Zivilgesellschaft. Wis­sen­schaft­le­r*in­nen halten am Tag vor dem Parteitag in Erfurt eine Konferenz zu den Gefahren des Faschismus ab. Ein Bündnis aus Nachbar*innen, Gewerkschafter*innen, Eltern, Schü­le­r*in­nen und La­den­be­sit­ze­r*in­nen sowie Menschen aus über 80 Ortsgruppen in ganz Deutschland will unter dem Namen „Widersetzen“ den Parteitag blockieren.

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Das schreckt einige mehr auf als der Parteitag selbst. Befürchtet wird Gewalt – nicht von den Parteimitgliedern, die nach härterem Vorgehen gegen Minderheiten rufen oder von der Polizei, die bei solchen Ereignissen nicht immer deeskalierend wirkt. Der Verdacht trifft vielmehr die Demonstrierenden selbst. Hierzulande fürchtet man An­ti­fa­schis­t:in­nen immer noch weit mehr als Faschist:innen.

Anne Gräfe

ist seit 2022 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Medienkultur und Medienphilosophie an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Ralf Michaels

ist Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht in Hamburg, Global Law Professor an der Queen Mary University of London und Professor für Rechtswissenschaften an der Universität Hamburg.

Die Frage, ob man einen Parteitag, der eigentlich gar nicht stattfinden können sollte, blockieren darf, greift zu kurz. In zivilem Ungehorsam kann sich Verfassungsloyalität ausdrücken. Die Blockade ist Illegalität im Namen der Legitimität. Die Frage ist nicht, ob man den AfD-Parteitag verhindern darf, sondern ob man es nicht muss. Wer unserer Verfassung und historischen Verantwortung gerecht werden will, kann kaum anders antworten als mit Ja.

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16 Kommentare

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  • Es hört sich für mich so an, das die aus ihren Fehlern in Gießen nicht gelernt haben!

    Die Demos in Gießen haben in allen Bereichen nicht funktioniert, nicht vor Ort und nicht im Internet

  • Darf man den AfD-Parteitag verhindern? Man muss es, wenn man deren Wählerzustimmung weiter steigern will. Ja stimmt, es ist eine Zwickmühle. Alles was man tut oder nicht tut hilft der AfD.

  • Zitat: "eine funktionierende Politik hätte längst ein Verbotsverfahren in die Wege geleitet."

    Sehe ich anders:



    Eine funktionierende Politik hätte sich längst mit den Punkten der AfD auseinandergesetzt, mit denen sie ihre Wählerstimmen erzielt. Statt dessen: Wegducken hinter Brandmauern. M.E. ist das ein Armutszeugnis für die Etablierten, alle wie sie da sind.

    Qualitativ sind die beiden Gutachten nach allem was ich lese eher wenig wert. Viel Masse, wenig Klasse. Also wohl eher geringe Erfolgsaussichten.

  • "Hierzulande fürchtet man An­ti­fa­schis­t:in­nen immer noch weit mehr als Faschist:innen."

    Tja, und wer mag wohl Antifaschist:innen mehr fürchten als Faschist:innen? Ich würde sagen: Faschist:innen. Und von wem reden wir hier in persona, der oder die fürchtet? Die Regierung? Kann ja nicht sein, das würde ja den Verdacht nahelegen, dass dort Faschist:innen sind. Oder welche, die es gerne werden wollen.

    Mit wem würde Spahn, Merz oder gar der ... Dobrindt lieber eine Koalition bilden? Mit Antifaschist:innen oder mit Faschist:innen.

    Ich weiß nicht. Ich fand zwar rein aus historischer Genauigkeit Pantisanos Bemerkung nicht richtig, aber ob er sich wirklich so sehr dafür hätte entschuldigen müssen?!

  • Was solle es bringen den Parteitag zu verhindern? Die Polizei hat nehr macht! Und selbst wenn man es irgendwie schaffen würde ihn zu verhindern, was bringt das?? Die Partei und deren Wähler lösen sic doch nicht in Luft auf!



    Das einzige was hilft ist Parteiverbot und bis dahin bessere Politik anderer Parteien und Überzeugungsarbeit lokaler Politiker in Gesprächen um den wechselwilligen Teil der AFD-Wähler zu anderen Parteien zu bringen um der AFD wenigstens paar Prozentpunkt abzujagen. Von daher - Parteitag gewaltsam verhindern sinnlos und aussichtslos. Lieber nur friedlich dagegen demonstrieren!

  • Solange kein Parteiverbotsverfahren durchgeführt wird, ist die AfD als Partei zugelassen und muss einen Parteitag durchführen.



    In meinen Augen wäre es sinnvoller mit dem Verbotsverfahren vorwärts zu machen (und nicht immer nur davon reden), als den Parteitag blockieren zu wollen.



    Vermutlich dürften am Parteitag erhebliche Sachschäden entstehen, die AfD wird sich in der Opferrolle sehen. Ob es wirklich demokratisch ist, einer (noch) erlaubten Partei den Parteitag zu blockieren, dürfte fraglich sein.

  • Einen Verbotsantrag kann der Bundestag, der Bundesrat oder die Bundesregierung beim Verfassungsgericht stellen.



    Wenn es Grüne und Linke mit dem Verbot der AfD ernst meinen, bringen sie dazu im Bundestag und im Bundesrat einen Antrag fürs Verbot und den Gang deswegen zum Verfassungsgericht ein und lassen abstimmen. Dann müssen CDU/CSU und SPD Farbe bekennen.



    Aber stattdessen fordern die Grünen, erst einmal eine gemeinsame Arbeitsgruppe von Bundestag und Bundesrat zu gründen, die weiteres Material fürs Verbot sammeln soll. Damit schiebt man das auf die lange Bank, möglicherweise bis zum St. Nimmerleinstag. Ein typischer Politik- und Managementfehler, nur keine Verantwortung für irgendwas übernehmen. (Wenn Du nicht mehr weiter weisst, gründe einen Arbeitskreis.)

  • Das ist doch krass: wenn es zu wenige Prozente sind, dann sagt das VG , dass ein verbot nicht geht, weil die Gefahr für die Demokratie nicht gegeben ist, wenn es zu viele Prozent sind, dann gilkt das nicht,m was soll das ? Natürlich müsste mensch die CDU zwingen endlich demokratisch wirksame Politik für die einfachen leute zu machen, also deren Mieten und Schulen und ÖPNV gut und bezahlbar zu machen. Politik die auch ökonomisch die Demokratie wieder spiegelt, indem sie die Reichen besteuert und ihre unterschlegenen Steuer mit Karcho + Strafe bewährt einholt, sodass die Repression mal nach Oben geht, um das Allgemeinwohl zu sichern. Sonst aber macht die CDU das Selbe und behauptet, sie könne die AfD nicht verbieten und Europa wird immer faschistischer durch "demokratische" Mittel. Das geht gar nicht! Wenn die CDU Remigration macht, sollte das angreifbar sein, in dem selben Sinne, wie die AfD verbietbar sein muss, auf Grundlage der Menschen &Grundrechte aller, auch Geflüchteter.Das einzufordern sollten sich alle 3 Sozialdemokratischen Parteien zusammenschliessen& menschenrechtlich fundierte Migrationspolitik einfordern mit einem Verbotr von menschenrechtswidriger Politik-egal von wem

  • Die Argumente der AFD lesen sich ganz ähnlich.

    „Wer unserer Verfassung und historischen Verantwortung gerecht werden will, kann kaum anders antworten als mit Ja.“

    Die sehen Merkel als Volksverräterin, die den Schaden (Migration) nicht abgewendet hat.

    Es gibt nur einen verfassungsgemäßen Weg und das ist das Verbot der AFD. Wenn es aber dafür nicht langt, kann man nicht mit solchen Hilfsargumenten aus Schwarz einfach weiß machen.

  • Vor Ort demonstrieren? Ja sicher. Verhindern? Dazu maßt man sich an das Verfassungsgericht zu ersetzen, die Polizei als Teil der Exekutive und man unterläuft das Gewaltmonopol des Staates. Also definitiv nein. Abgesehen davon geht das bei der Mehrheitsbevölkerung nach hinten los - analog zu den Klimaklebern.

  • Ein richtiger wie auch wichtiger Kommentar. Danke

  • Gerne bringen CDU/CSU das Argument vor, man könne eine Partei, die bald 40% Wähler hat, nicht mehr verbieten. Insbesondere Merz vertritt diese Position. Wenn aber die AFD in der Tradition der NSDAP steht, dann bedeutet das, das sie auch in der Tradition deren Taten steht. Das GG sieht für einen solchen Fall die Möglichkeit des Verbotes vor, gleichgültig, wie viele Anhänger eine solche Partei hat. Wenn die politisch Verantwortlichen dahingehend ihre Verantwortung nicht wahrnehmen, dann ergibt sich daraus das Recht auf Widerstand, das nun viele Menschen für sich in Anspruch nehmen. Hoffentlich angemessen, aber es besteht immer auch die Gefahr der Agents provocateurs, die versuchen werden den Widerstand in Misskredit zu bringen. Das sollte aber niemanden hinder sein Recht auf Widerstand wahrzunehmen, denn es geht um den Schutz unserer Verfassung, unseres demokratischen Gemeinwesens und am Ende auch um den Schutz von Gesundheit und Leben unserer Mitbürger, die im Fadenkreuz der NSDAP-Nachfolger sind.

    • @shitstormcowboy:

      Die politisch Verantwortlichen sind Zb. die Fraktionen der Grüne und Linke. Die können im Bundestag einen Antrag über eine Abstimmung einreichen. Jeder Fraktion darf das. Es reichen aber auch 5 % aller Abgordneten. Es gab schon mal eine Gruppe aus 183 Abgeordneten, die wollten einen Antrag stellen, haben sie aber nicht gemacht. Im Moment gibt es wieder so eine Gruppe. Und auch Frau Esken hat wieder erzählt das die SPD jetzt das Verbotsverfahren voran treibt

      Dann bis Mai 2025 haben Grüne und SPD vier Monate ohne FDP regiert. Als Regierung hätten sie einen Verbotsantrag an das gericht stellen könnnen. Haben sie auch nicht gemacht.

      Und der Bundesrat kann beim Gericht einen Verbotsantrag stellen.

      Stattdessen zeigen alle, auch Sie auf Merz. Der hat aber keine Berechtigung dazu. Ansonsten macht niemand etwas.. Nur erzählen statt handeln.

      Wenn jetzt Linke und Grüne einen Antrag im Bundestag stellen werden sie wahrscheinlich in Sachsen Anhalt und Mecklemburg Stimmen verlieren. Also zeigt man auf Merz.

    • @shitstormcowboy:

      Na wenn Merz das sagt. Dann verbieten wir halt erstmal eine Partei, die nur noch so um die 22% hat, aber auch sehr sehr rechts ist. Suchen wir mal eine:

      www.zeit.de/politi...-neuwahl-wahltrend

    • @shitstormcowboy:

      Es braucht keine Union für den Verbotsantrag. Ich kann nicht müde werden das zu sagen.



      Immer der Union da den Stiefel anziehen zu wollen ist peinlich. Die Union ist konservativ.



      Wieso kriegen es SPD, Grüne und Linke nicht gebacken die notwendigen Stimmen zu vereinen?



      Wenn schon die Progressiven im Bundestag zu faul oder feige sind den Antrag zu stellen, machts wahrlich keinen Sinn der Union daraus einen Strick drehen zu wollen.

    • @shitstormcowboy:

      Kein Widerspruch, nur zur Ergänzung; wenn das BVfG 2017 den Verbotsantrag gegen die NPD nicht wegen derer verfassungsfeindlichen Positionen abgelehnt hat, sondern wegen ihrer fehlenden politischen Relevanz, so ist doch offensichtlich, dass die AfD diese Relevanz mit 28% Wählerzustimmung schon längst erreicht hat. Worauf also noch warten?



      Himmelangst wird mir nicht bloß vor dieser NSDAP-Nachfolgepartei selbst, sondern auch vor denjenigen, die jetzt immer noch meinen, die AfD könne eben WEGEN dieser Relevanz nicht (mehr) verboten werden. Gerade das Gegenteil ist doch der Fall.