Sexismus-Vorwürfe gegen Stefan Gelbhaar: Grauzone Macht
Der Fall des Grünen-Politikers Stefan Gelbhaar wurde vorschnell als Intrige abgetan. Neue Chats werfen Fragen nach Grenzüberschreitungen auf.
E r schickt ihr Komplimente, lodernde Flammen- und Herzaugen-Emojis zu freizügigen Fotos, darunter ein Badeanzug-Bild, und verlangt eine „Kompensation“, nachdem sie ihm auf Instagram längere Zeit nicht antwortet. Sie stellt Fragen zu einem Praktikum, will sich in seinem Büro treffen, er schlägt ein „Date“ vor.
Strafrechtlich relevant? Nein. Moralisch verwerflich? Ja. Denn diese Chats sollen sich zwischen dem Pankower Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar und einer 29-jährigen Frau ereignet haben, die sich für ein Praktikum bei ihm interessiert habe – bevor sie gewarnt worden sei, bei Gelbhaar lieber kein Praktikum zu machen. Zum Zeitpunkt der Chatverläufe zwischen 2018 und 2021 war die Frau demnach 22 bis 25 Jahre alt, Gelbhaar 20 Jahre älter. Die neu veröffentlichten Chats liegen dem Tagesspiegel vor, der zuerst berichtete.
Stefan Gelbhaar wurde zum Jahreswechsel 2024/25 vorgeworfen, Frauen sexuell belästigt zu haben. Nachdem eine Grünen-Politikerin im Namen anderer Vorwürfe erhoben hatte, gingen bei der Ombudsstelle der Partei über ein Dutzend Vorwürfe ein. Der RBB machte mit seinen Recherchen die Vorwürfe öffentlich. Der damalige Bundestagsabgeordnete stritt alles ab, zog jedoch seine Kandidatur für die Landesliste zurück. Später stellte sich heraus, dass ein Teil der Vorwürfe fingiert war. Andere blieben jedoch bestehen. Nach Angaben der Partei hielten zunächst sechs Frauen weiterhin an ihren Anschuldigungen fest; erst nach Einsatz einer internen Kommission, entschieden sie sich, diese nicht weiter zu verfolgen.
Trotzdem stellten sich Medien und Politiker*innen schnell schützend vor den Verkehrspolitiker. Er sei Opfer einer Intrige geworden, er gehöre rehabilitiert. Die Süddeutsche Zeitung sprach von „Fake News beim RBB“. Die feministische Bewegung wurde als Ganze diskreditiert, #MeToo sei zu einer Waffe der Frauen geworden.
„Believe the Women“
Das offenbart die gesellschaftliche Grundhaltung, die weiterhin partriarchal und misogyn ist: trotz #MeToo und dem Wissen um strukturellen Machtmissbrauch wird Frauen weiterhin zu wenig Glauben geschenkt. Dabei bedeutet „Believe the Women“ nicht, dass die Unschuldsvermutung aufgehoben werden sollte. „Glaubt den Frauen“ heißt, dass nicht alle Vorwürfe entkräftet werden dürfen, nur weil sich einige als fingiert erweisen.
Doch der Umgang der Partei mit Missbrauchsvorwürfen ließ zu wünschen übrig: Gegen Gelbhaar hatte es bereits 2021 und 2023 Verfahren bei der Ombudsstelle wegen als unangebracht empfundenen Äußerungen und Nachrichten gegeben. Konsequenzen blieben in allen Fällen aus. Eine interne Kommission kritisierte später, die Strukturen der Partei bei Belästigungsvorwürfen hätten „erhebliche rechtsstaatliche Defizite“. Die Grünen kündigten daraufhin eine Überarbeitung an. Für eine Partei, die sich als feministisch versteht, ist das das Mindeste.
Doch auch gesellschaftlich fehlt die Fähigkeit, Grauzonen anzuerkennen. Die gängige Logik lautet: Entweder eine Frau wurde vergewaltigt – oder gar nichts. Diese Dichotomie ist falsch. Machtmissbrauch findet oft im Dazwischen statt. Auch die neu veröffentlichten Chats liefern keine Wahrheit im Sinne von schuldig oder unschuldig.
Die Frau sagte laut Tagesspiegel, sie bereue die Chats heute. Lange sei sie naiv gewesen, bis ihr bewusst wurde, dass Gelbhaar sich ihr gegenüber in seiner Rolle als Abgeordneter unangemessen verhalten habe. Der Grünen-Politiker und seine Anwälte hingegen meinen, die Kommunikation dokumentiere kein Fehlverhalten. Es sei abwegig, darin in Teilen ein „Bedrängen“ durch Gelbhaar zu erkennen. „Es handelt sich um eine unverfängliche, wechselseitige und gleichberechtigte Kommunikation.“
Doch diese Bewertung ignoriert das strukturelle Machtungleichgewicht, in dem die Kommunikation stattfand. Gelbhaar schrieb aus einer übergeordneten Position heraus; die junge Frau wandte sich an ihn als einen Mandatsträger, der über ihre beruflichen Chancen entscheiden konnte. Dass sie flirtete, Lachsmileys und Herz-Emojis schickte, gehört zur Realität solcher Abhängigkeitsverhältnisse. Und die ist: Männer missbrauchen weiterhin ihre Macht – und Frauen, die sich dagegen wehren, werden diskreditiert.
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