Polizeigewalt in Großbritannien: Täter (nicht weiß), Opfer (weiß)
Ein 18-Jähriger wird niedergestochen und stirbt anschließend bei der Festnahme durch die Polizei. Rechte instrumentalisieren seinen Tod.
D er 18-jährige Student Henry Nowak liegt schwerverletzt am Boden. Er sagt, er könne nicht mehr atmen. Polizist*innen drücken seinen Körper in den Dreck, legen ihm Handschellen an, kurz darauf ist Nowak tot. Dieses Video, aufgenommen von einer Bodycam an der Uniform einer der anwesenden Polizist*innen, sorgt derzeit für kontroverse Debatten über Polizeigewalt und Hasskriminalität in Großbritannien. Diese Szene spielte sich schon im Dezember 2025 ab, die Debatte wurde durch das nun bekannt gewordene Videomaterial neu entfacht.
Der 23-jährige Täter, der auf sein Opfer zuvor mit einem Messer einstach, hatte gegenüber der Polizei angegeben, Nowak habe ihn rassistisch beleidigt. Mutmaßlich eine Lüge. Auf den Hinweis vom schwerverletzten Nowak, er sei niedergestochen worden, antwortete der Polizist trocken: „Ich glaube das nicht, Kumpel!“ Selbst der unter massivem Druck stehende britische Premierminister Keir Starmer fragt vor laufenden Kameras: Welche Rolle spielte der falsche Rassismusvorwurf gegen Nowak bei seinem Tod?
Hier kommen gleich mehrere kontrovers diskutierte Themen zusammen: eine Messerattacke, ein erfundener Rassismusvorwurf, eklatante und dokumentierte Polizeigewalt. Viele greifen sich in der Debatte das heraus, was in ihre Agenda passt. Wie besessen schielen politische Akteure in Großbritannien und darüber hinaus auf die Hautfarben des Täters (nicht-weiß) und des Opfers (weiß) und versuchen, daraus eine Erzählung in ihrem Sinne zu formen.
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Auch in Deutschland gibt es diskursives Rosinenpicken
Die Rechtsextremen in Großbritannien, darunter auch Nigel Farage von der Reform-Partei, wittern gar „Rassismus gegen Weiße“, versuchen die Wut der Öffentlichkeit auf Minderheiten als Ganzes zu lenken. Sie schieben dem Antirassismus die Schuld zu, dass die Polizei dem nicht-weißen Täter im entscheidenden Augenblick so viel Glauben schenkte. Natürlich machen sich die Rechtsextremen somit das Leben einfach, während sie den Tod eines jungen Menschen instrumentalisieren.
Fälle – wie den George Floyds, aber auch Nowaks – zu nutzen, um auf strukturelle Probleme und zielgerichtete Fragen aufmerksam zu machen, ist wichtig und richtig. Sie zu instrumentalisieren, um seine eigenen politischen Interessen zu bewerben, ist Teil des Problems. Auch in Deutschland erleben wir regelmäßig ein diskursives Rosinenpicken. Dabei werden Fälle hervorgehoben, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob darin überhaupt strukturelle Probleme erkennbar werden, was Kriminalität und Polizeieinsätze angeht.
Der Fall von Henry Nowak zeigt außerdem deutlich, wie überfordert Polizist*innen nicht nur in Großbritannien sind, im Ernstfall Lagen zu deeskalieren und Opfern zu helfen. Hätte eine richtige Einschätzung durch die anwesenden Beamt*innen Nowaks Leben gerettet? Das Bodycam-Video zeigt, dass es gut sein kann, dass das falsche Verhalten der Polizei Nowak womöglich seine letzte Überlebenschance geraubt hat.
Nowaks Vater warnt vor Instrumentalisierung
Es zeigt in der tobenden Kampagne aber auf der Metaebene noch etwas anderes. Nämlich, dass die fehlgeleitete Stimmungsmache von rechts zu Migration die eigentlichen Probleme kaschiert: männliche Gewaltbereitschaft, vereinfachter Waffenbesitz und eine Gesellschaft, die der Polizei zu viel Verantwortung überlässt, anstatt gleichzeitig auf Dialog, soziale Arbeit und Aufklärung im Sinne der Sicherheit zu setzen.
Man könnte so viele zielführende Fragen stellen, die über diesen Fall hinausgehen und auch uns in Deutschland betreffen: Warum legt die Polizei so oft schwerverletzten und sichtlich wehrlosen Menschen Handschellen an? Warum spielen die Hautfarbe und Herkunft eines Täters die Hauptrollen, wie eine Gewalttat im Nachhinein gewertet wird? Wie kann Sicherheit für alle gewährleistet werden? Wie die Polizei fit gemacht werden, in solchen Situationen keine fatalen Fehler zu machen? Antworten und dazugehörige Reformen könnten Menschenleben retten. Einige wollen das nicht, ihnen geht es nur um die nächste Wahl, die Realisierung der eigenen Hass-Agenda.
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Für Henry Nowak würde eine solche Debatte leider viel zu spät kommen. Sein Vater hat dazu aufgerufen, den Tod seines Sohnes nicht für Hass gegen Minderheiten und rassistische Stimmungsmache zu instrumentalisieren. Gezielt zu fragen, wie so eine multiple Gewalteskalation in Zukunft verhindert werden kann, das sind wir dem viel zu früh verstorbenen Henry Nowak schuldig.
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