Vierte Corona-Welle in Deutschland: Kein Weg vorbei am harten Lockdown

Die neuen Rekordzahlen und die völlige Überlastung der Krankenhäuser machen einen Lockdown unausweichlich. Er hätte verhindert werden können.

Mehrere Särge, ein Mann geht aus der Kühlkammer eines Krematoriums

Hundertausend Tote durch Corona in Deutschland, Särge in einem Krematorium in Niedersachsen Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Das Zeichen, das der designierte Bundeskanzler beim Auftritt der künftigen Ampelregierung setzen wollte, war zwar richtig. Den Beginn seiner Ansprache widmete Olaf Scholz am Mittwoch nicht dem Koalitionsvertrag, sondern der Pandemie. Und er betonte, wie ernst die Lage sei. So will er so rasch wie möglich einen ständigen Krisenstab einrichten. Pflegekräfte sollen einen Coronabonus erhalten.

Er sprach sich für eine Impfpflicht in Einrichtungen mit Risikogruppen aus. Und auch eine generelle Impfpflicht schließt er nicht mehr aus. All das klingt gut. Nur: Die Maßnahmen kommen zu spät. Alles, was die künftigen Koalitionspartner beschlossen haben und worum sie im Detail noch ringen, wird auf das Infektionsgeschehen der kommenden sechs Wochen keine Auswirkungen mehr haben.

Um diese vierte Welle mit den dramatisch hohen Inzidenzen, den schon jetzt überlasteten Krankenhäusern und den vielen Coronatoten zu brechen, ist ein harter Lockdown unausweichlich. Und auch das ist die bittere Realität: Dieses Weihnachten wird schrecklich. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen sind am Donnerstag auf einen neuen Tageshöchststand gestiegen. Er liegt jetzt bei über 75.000.

In den Krankenhäusern spielen sich schlimme Dramen ab. In Sachsen, Thüringen, Bayern und Brandenburg werden Kranke abgewiesen oder in andere Bundesländer verlegt. Aber auch im Rest der Republik kommen täglich Tausende Coronakranke dazu. Auch das beste Gesundheitssystem der Welt kann einen solchen Ansturm nicht auffangen. Und das hatte Deutschland schon vor der Pandemie nicht.

Spätestens jetzt sollte auch den „Freiheitskämpfern“ der FDP dämmern, dass die Frage nach Lockdowns politisch verhandelbar ist. Lockdowns sind das letzte Mittel. Es sollte sie wirklich erst geben, wenn alles andere nicht mehr funktioniert. Das Versagen der Verantwortlichen in Bund und Ländern liegt darin, dass sie die milderen Mittel nicht genutzt haben, als sie noch hätten wirken können.

Für die vielen Kranken und Toten unter den renitenten Ungeimpften sind die Po­li­ti­ke­r:in­nen kaum verantwortlich. Zu dem nun anstehendem Lockdown hätte es aber nicht kommen müssen, hätten sie rechtzeitig auf die Virolog:innen, In­ten­siv­me­di­zi­ne­r:in­nen und das RKI gehört und konsequent die 2G- und 3G-Regel eingeführt.

Vor einer Woche hatte RKI-Chef Lothar Wieler vorgerechnet, wenn sich an einem Tag 50.000 Menschen infizieren, werden mit zeitlichem Verzug unweigerlich rund 400 von ihnen sterben. Am Donnerstag waren es 351. Damit hat Deutschland die traurige Schwelle von 100.000 Coronatoten überschritten. Innehalten? Dafür ist keine Zeit mehr.

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war von 2012 bis 2019 China-Korrespondent der taz in Peking. Nun ist er in der taz-Zentrale für Weltwirtschaft zuständig. 2011 ist sein erstes Buch erschienen: „Der Gewinner der Krise – was der Westen von China lernen kann“, 2014 sein zweites: "Macht und Moderne. Chinas großer Reformer Deng Xiao-ping. Eine Biographie" - beide erschienen im Rotbuch Verlag.

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