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Urteil gegen Le Pen Sie schert sich keinen Pfifferling um Moral

Rudolf Balmer

Kommentar von

Rudolf Balmer

Marine Le Pen ist wegen Untreue von EU-Geldern verurteilt – und könnte dennoch zur Präsidentschaftswahl antreten. Die Opposition reagiert naiv.

D as Pariser Berufungsgericht macht es den Bürgern und Bürgerinnen nicht leicht zu verstehen, was Schuld und Sühne ist. Zumindest, wenn die politische Prominenz auf der Anklagebank sitzt. Da werden Marine Le Pen und ihre Partei, das Rassemblement National (früher Front National), einerseits der Unterschlagung öffentlicher Gelder in Millionenhöhe für schuldig erklärt. Doch zugleich findet das Gericht eine Reihe von Erleichterungen – und kalkuliert die Strafen auf den Tag genau so, dass die Rechtspopulistin nicht an einer Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen gehindert wird.

Warum soll ausgerechnet eine Politikerin, die laut Gericht in „organisierter“ Weise und viele Jahre lang Mittel des Europaparlaments zur Finanzierung ihrer Partei abgezweigt hat, so viel Rücksicht genießen? Und das, damit die „Wahlfreiheit der Bürger“ nicht verletzt werde. Kommt das Gericht zu diesem Schluss, weil Marine Le Pen laut Umfragen sehr große Chancen hätte, diese Wahlen zu gewinnen und Staatspräsidentin zu werden?

Zumindest stutzt man: Das müsste doch im Gegenteil ein moralischer und rechtlich stichhaltiger Grund sein, die Republik vor einer Person zu schützen, die so leichtfertig kriminell mit öffentlichen Geldern umgeht. Genau so sieht es die im französischen Strafgesetz vorgesehene Nebenstrafe des Entzugs des passiven Wahlrechts ja für solche Fälle vor.

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Wenn Marine Le Pen nun doch weiterhin kandidieren will, waschen sich die Richter die Hände in Unschuld. Sie haben sie für schuldig erklärt und verurteilt, aber sie verunmöglichen es der Rechtspopulistin mit ihrem Urteil nicht, ein viertes Mal bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Niemand kann sagen, die Justiz habe der RN-Kandidatin die Wahl gestohlen. Spielte da die Angst vor feindseligen Reaktionen mit? Die Richter der ersten Instanz hatten nach der strengen Verurteilung der RN-Protagonisten Morddrohungen erhalten.

Das Recht wurde mit dem Urteil des Berufungsgerichts nicht gebogen oder verdreht. Aber ganz offensichtlich schert sich Le Pen keinen Pfifferling um den moralischen Affront, sich als Straffällige trotzdem um das höchste Amt der Republik zu bewerben. Sie geht dabei davon aus, dass es ihren Wäh­le­r*in­nen egal sei, wenn sie mit einer Vorstrafe in den Präsidentenpalast Élysée einzieht.

Ein wenig naiv muten diesbezüglich die linken Oppositionspolitiker an, die nun denken, Le Pen werde schnell die Wählergunst verlieren, weil Grundwerte, Recht und Moral für die Citoyens immer noch mehr zählen als populistische Demagogie. Klingt wie aus früheren Zeiten, als in der Politik die Prinzipien Hoffnung und Ehrbarkeit hochgehalten wurden. Der Gerichtsentscheid von Paris ist ein Arrangement, das im Kontext so opportunistisch wie kleinmütig tönt.

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Rudolf Balmer

Rudolf Balmer Auslandskorrespondent Frankreich

Frankreich-Korrespondent der taz seit 2009, schreibt aus Paris über Politik, Wirtschaft, Umweltfragen und Gesellschaft. Gelegentlich auch für „Die Presse“ (Wien) und die „Neue Zürcher Zeitung“.
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20 Kommentare

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  • Das skandalöse Berufungsurteil gegen Marine Le Pen entlarvt das hässliche Prinzip der Samthandschuhe für rechtsradikale Kriminelle. Jahrelang hat sie systematisch EU-Millionen für ihre Partei veruntreut, doch statt eines endgültigen Riegels bekommt sie von der Pariser Justiz einen maßgeschneiderten Persilschein. Dass ihre Wahlsperre exakt so verkürzt wird, dass sie trotz Schuldspruch 2027 für das Élysée kandidieren darf, spottet jeder Rechtsstaatlichkeit Hohn. Eine verurteilte Betrügerin darf zur Präsidentin aufsteigen, weil das Gericht vor dem rechten Mob einknickt. Die Justiz macht sich so zur willfährigen Helfershelferin des Faschismus.



    ​Dieses giftige Privilegien-Muster kennen wir auch aus Deutschland: Während das System bei Klimaklebern die volle Härte des Gesetzes auffährt, lässt man die AfD-Führungsriege trotz fortwährender Verfassungsfeindlichkeit, illegaler Parteispenden und rassistischer Hetze gewähren. Die Gerichte ebnen den Weg, die Wähler dürfen den reaktionären Scherbenhaufen dann zusammenfegen. Wenn der Rechtsstaat faschistische Kader schützt statt die Demokratie, hat er bereits abgedankt.

  • Betrug gilt als Delikt der Selbstbeschädigung. Es ist juristische Auffassung, dass der Geschädigte sich ja nicht beschädigen lassen muss.

    Le Pen hatte bei der letzten Wahl ca. 41 % (13 Mio) Stimmen mit steigender Tendenz.

    Gerichte sind ein Spiegel der Gesellschaft.

    Das Gericht hat sich in diesem Fall danach gerichtet, dass eine nennenswerte Zahl von Geschädigten damit einverstanden war geschädigt worden zu sein und auch weiter nichts dagegen haben wird.

    In anderen Bereichen urteilen Gerichte anders. Es gibt Bereiche, in denen fortgesetzter Betrug zum Verlust der Berufszulassung führt.



    z.B.



    www.aekno.de/aerzt...n-falschabrechnung



    www.bundestag.de/p...zmeldungen-1161910



    www.gkv-spitzenver...eilung_2008730.jsp

    • @Hans - Friedrich Bär:

      Wer ist denn hier geschädigt? Die EU hat einen Topf. Das Geld hat dem RN zugestanden. Es hätte für dessen Arbeit in Europa eingesetzt werden müssen. Stattdessen wurde es privatisiert oder in RN-Arbeit in Frankreich eingesetzt.



      .



      Hat Europa dadurch einen Schaden, dass die RN-Tätigkeit für Europa vernachlässigt wurde?

      • @test_name:

        Die Steuerzahler / Wähler sind geschädigt. Sie haben in den Topf eingezahlt, damit die im EU Parlament vertretenen Abgeordneten sich mit ihren Mitarbeitern um Projekte des europäischen Parlaments kümmern.

        Das Gericht hat geurteilt, dass Europa einen Schaden hat, sonst hätte es die Angeklagten freisprechen müssen.

        Mutmaßlich konnten die Angeklagten nicht freigesprochen werden, weil es sich um zweckgebundene Gelder handelte, mit denen die Angeklagten damit z.B. nicht Werbeagenturen für ihren Wahlkampf bezahlen durften. Es könnte sogar sein, dass es Gelder waren, die im Haushaltsjahr zurückgegeben werden mussten, wenn sie nicht zweckgebunden verwendet werden konnten. Das gibt es in öffentlichen Haushalten ganz häufig, Zahlungen unter Vorbehalt der bestimmungsgemäßen Verwendung. Das wäre also der konkrete Schaden.

        Das Gericht hat m.E. gemeint :



        Sollen die Wähler darüber entscheiden, es ist ihr Geld. Wenn die Angeklagten Macht bekommen wird es legal so weitergehn. Das ist m.E. ein Skandalurteil im positiven Sinn, ein Fingerzeig an die Wähler: Wir richten uns nach den Gesetzen, wählt ihr diejenigen, die die Gesetze machen, das ist eure Verantwortung! Danke für Ihr Interesse.

        • @Hans - Friedrich Bär:

          >Das Gericht hat geurteilt, dass Europa einen Schaden hat...<



          .



          Weil sich der RN nicht genug und bestimmungsgemäß für rechtsnationale Ansichten in Europa eingesetzt hat?



          .



          Ich finde der Schaden für den europäischen Steuerzahler ist bereits dadurch entstanden dass solche Töpfe eingerichtet wurden, die Geld verteilen ohne dass eine Notwendigkeit/ Sinnhaftigkeit ersichtlich ist.



          .



          Es gibt einen Topf für Mitarbeiter von Abgeordneten. Es ist schon sehr viel von den Abgeordneten verlangt, diese Stellen nicht mit nahestehenden Personen bzw. Familienangehörigen zu besetzen. Das Geld ist da - also zieht man es ab. Egal ob rechts, Mitte oder links, diese Verhalten ist menschlich.

  • Lustige Vorstellung. Als ob Moral in der Politik zu finden ist.



    Es geht um Macht und Interessen. Nicht um Moral.

  • Ja , Danke!



    Also erstmal für den hellsichtigen Artikel!



    Dann natürlich ein merci an die französischen Richter, die einer NationalistIn den Weg zum PräsidentInnenamt ebnen.



    Doch was wäre die Alternative gewesen?



    Jetzt wird Marine auf ihre Fußfessel weisen und jammern, dass die anderen Parteien Sie verhindern wollen.



    Das gleiche wäre der Weg mit Bardella gewesen - jammer, jammer, wir die Lieben und Guten , werden unterdrückt...



    S...egal!



    Wenn die Französinnen und Franzosen ernsthaft der Meinung sind, dass es Ihnen mit den Nationalisten besser geht, dann sollen sie die wählen.



    Auch GB hat auf Nationalismus gesetzt und 10 Jahre später sehen sie, was sie davon haben.



    Jedoch wollen sie weiterhin Nigel Farage, obwohl mittlerweile klar ist, dass er sie hinters Licht geführt hat.



    Was ist los mit den Menschen?



    Zu doof zum Denken?



    Bei uns läuft es natürlich nicht anders: obwohl die "afd" keine Politik für Arme und Arbeiter macht, wählen auch die sie.



    Wollen die Menschen belogen werden?



    Betrachtet man*frau ihr Medienverhalten könnte man der Überzeugung sein.



    Es ist angesichts der Tatsache, dass Denken offenbar weh tut, ein Segen, dass "uns" das demnächst die KI abnimmt:



    Schöne neue Welt!

  • > Klingt wie aus früheren Zeiten, als in der Politik die Prinzipien Hoffnung und Ehrbarkeit hochgehalten wurden.



    So ist es. Und warum nochmal endete das "Früher" ziemlich genau in den Jahren um und nach 1968?

  • Nun ja, moderne Politiker*Innen scheren sich generell weniger um Moral (sie sind ein Abbild der Gesellschaft!), die ganz rechte Ecke ist da dann auch noch die Speerspitze der Freiheit von Moral. Zumindest beim eigenen Handeln. Beim Moral predigen, da sind sie Spitzenklasse. So strahlt die Heuchlerei noch einmal etwas heller!

  • Moralische Rechtsextremisten? Ist das nicht ein Widerspruch in sich?



    Wenn Le Pen antreten kann wird sie auch antreten. Jetzt sind die Wähler und die politische Konkurrenz gefragt, die Atombombe auf die EU, eine rechtsextreme französische Regierung, zu verhindern.

  • Wirklich beschämend, dass die Justiz der Faschistin die Möglichkeit offenhalten will, zur Wahl anzutreten ... Juristen ohne demokratisches Rückgrat !!!

  • >Untreue von EU-Geldern<

    Man lese mal die Berichte von Martin Sonneborn über seine Erfahrungen als EU-Abgeordneter. Die EU - VDL - steht geradezu für Korruption. Abgeordnete bekommen Geld für Assistenten die sie für ihre EU-Tätigkeit eigentlich nicht brauchen und die Parlamentsverwaltung wundert sich dann darüber, dass die tatsächlich irgendetwas anderes machen.

    Man sollte dankbar sein, dass diese Geldverschwendung der EU aufgedeckt wurde. vdl, lePen ,Hohlmeier, Niebler sind sicher keine Einzelfälle

  • Marine le Pen marschiert für das saubere Frankreich - sie wird jetzt mit der Kriminalität (der anderen) kurzen Prozess machen.



    Marine Le Pen ist eine gefährliche Rechtsextremisten, dass sie immer mit Korruption und Nepotismus rumhantiert, macht sie nicht ungefährlicher. Der Clan Le Pen wird im Zweifel ein übles Programm aus Unterdrückung und ungebremsten Kapitalismus über Frankreich ausgießen. Für Migranten wird es zum Kotzen werden. Aber viele andere werden bei Le Pen merken, wie wenig Substanz sie selbst und ihre Bewegung hat. Frankreich zu lieben, ist OK, das zu einer rechtxextremen Ideologie von Alles und Nichts zu verbinden, wird zu üblen Zuständen führen. Und die politische Klasse Frankreichs hat gestern nicht nur ein blaues Auge sondern auch einen Tritt in die Rippen bekommen, Politik in Frankreich ist zum Teilen nicht mehr glaubwürdig. Das betrifft auch linke und mitte-links oder mitte-rechts Politiker.

    • @Andreas_2020:

      Der deutsche Rechtspopulismus läuft da den französischen Rechten hinterher.

  • Die Verurteilung ist für sie und ihre Wähler eher eine Trophäe im Kampf gegen das "Establishment". Le Pen erzeugt das Klima, wogegen sie anzukämpfen vorgibt: Korruption, Mistrauen, Hass. Dabei trägt sie die Attitüde einer dauerbeleidigten Leberwurst vor sich her, also ob ihr die Welt etwas schulden würde. Richtiger Weise hat sie den Russen etwas geschuldet, bei deren Banken sie sich gigantisch verschuldet hatte. Le Pen ist ein russisches Investment.

  • "Warum soll ausgerechnet eine Politikerin, die laut Gericht in „organisierter“ Weise und viele Jahre lang Mittel des Europaparlaments zur Finanzierung ihrer Partei abgezweigt hat, so viel Rücksicht genießen? Und das, damit die „Wahlfreiheit der Bürger“ nicht verletzt werde."



    Gute Frage.



    Berechtigte Frage.



    Ich möchte da Olaf Scholz (CumEx) oder Jens Spahn (Maskendeals) in den Raum werfen.



    Die haben beide einen Milliardenschaden verursacht.



    KEINER von beiden musste vor Gericht, KEINER von beiden hat moralische Bedenken bis heute - im Gegenteil, Scholz ließ sich zum Kanzler wählen und Spahn träumt davon Kanzler zu werden.



    Und das war früher nicht besser - Schäuble, Schreiber, etc, von der DDR will ich erst gar nicht anfangen.



    Die Idee, Politik sei ehrhaft und moralisch erhaben ist, aus meiner Sicht, seit jeher ein ideeller Fiebertraum.



    Es mag einzelne Politiker geben, die den Grundgedanken als Volksvertreter demütig ehren und umsetzen, aber das Gros setzt andere Prämissen.



    Daher stimme ich dem Fazit des Artikels auch zu, dass es naiv sei zu "denken, Le Pen werde schnell die Wählergunst verlieren".



    Siehe Scholz, siehe Spahn, siehe Berlusconi, siehe Trump, siehe siehe siehe...

  • ... und die hält noch Abstand zur AgD, da kann man mal sehen wie es bei unseren "Wertkonservativen" um die Moral bestellt ist.

  • Na ja, Moral finde ich für eine rechte Politikerin etwas viel verlangt. Die findet sich im rechten Spektrum auch bei uns (cdU/csU/AfD) eher wenig. Selbst wenn man mit dem Elektronenmikrospok suchen würde.



    Es wäre ja schon schön, wenn sich rechte PolitikerInnen ab und an mal an Gesetze hielten. Gell, Herr Dobrindt, Herr Spahn? Auch ein Blick ins Grundgesetz täte so manchem gut.

    • @Jalella:

      Die rechten Politiker sind nicht nur nicht besonders moralisch, sie untergraben auch immer wieder die Grundlagen ihrer eigenen Situation. Ist aber nun auch nicht so neu.

  • Was die USA vormachen wird in Europa halt gerne nachgeäfft. Man muss aufpassen, das Vorbestraftsein in Zukunft nicht eine unabdingbare Voraussetzung für ein Präsidentenamt wird.