piwik no script img

Le Pen nach Urteil in Frankreich„Ich bin und bleibe Kandidatin“

Marine Le Pen hält nach dem Urteil an ihrer Präsidentschaftskandidatur fest. Sie setzt ihre Hoffnung auf einen Entscheid des Kassationsgerichts.

Rudolf Balmer

Aus Paris

Rudolf Balmer

Das Pariser Berufungsgericht hat der Rechtspopulistin Marine Le Pen bei seiner Verurteilung wegen „gravierender“ Unterschlagung von EU-Geldern eine kleine Tür offen gelassen, die es ihr ermöglicht, dennoch bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Sie zögert nicht, diese Chance zu nutzen. Wenige Stunden nach ihrer Verurteilung zu drei Jahren Haft, davon zwei auf Bewährung und ein Jahr im Hausarrest mit Fußfessel, 100.000 Euro Bußgeld und den befristeten Verlust ihrer Wählbarkeit hat sie am Dienstagabend in der Tagesschau des Senders TF1 bestätigt: „Heute Abend bin ich Kandidatin.“ Und damit sei das Thema auch erledigt, gelobte sie.

Da die Dauer des Verlustes ihres passiven Wahlrechts im Unterschied zum strengeren Urteil der ersten Gerichtsinstanz von den Berufungsrichtern stark reduziert wurde, steht trotz des Schuldspruchs einer Kandidatur rechtlich nichts im Wege. Aber wie steht es mit der Fußfessel? Ist das nicht eine allzu große Behinderung für einen Wahlkampf? Laut Urteil muss sie diese elektronische Überwachung während 12 Monaten tragen und sich einer täglichen Kontrolle ihrer Präsenz unterziehen. Doch diese Frist kann bei einem Entgegenkommen des Richters, der über den Strafvollzug entscheidet, auf sechs Monate verkürzt werden.

Nicht darauf aber begründet Le Pen ihre Erwartung, weiterhin für das Rassemblement National (RN) kandidieren und die Präsidentenwahl gewinnen zu können. Trotz der Verurteilung für „schwere“ Veruntreuung öffentlicher Gelder (Mittel des EU-Parlaments), beteuerte sie, völlig „unschuldig“ zu sein. Deshalb wolle sie mit einer Kassationsbeschwerde das Urteil vom Dienstag anfechten. Ob dies für alle ausgesprochenen Strafen, namentlich die von der ersten Instanz beschlossene fünfjährige Nichtwählbarkeit, eine aufschiebende Wirkung hat, ist unter Juristen umstritten.

Falls dagegen das Kassationsgericht als oberste Gerichtsinstanz die Beschwerde zum Prozess zurückweist und das Urteil bestätigt, könnte sich das Spielen auf Zeit als kontraproduktiv erweisen. Statt jetzt gleich und bis Ende des Jahres müsste sie dann womöglich die Fußfessel ausgerechnet in den letzten Monaten vor den Wahlen vom 18. April und 2. Mai tragen, und für jeden Abstecher in die Provinz auf ihrer Wahltour müsste sie eine richterliche Genehmigung einholen.

Marine Le Pen hält an Kandidatur fest

In der Urteilsbegründung hatte die Gerichtspräsidentin Michèle Agi zur reduzierten Dauer des Wählbarkeitsverlusts mit einer mehr politischen als rechtlichen Überlegung erklärt, die Justiz dürfe „nicht die Wahlfreiheit der Bürger“ einschränken. Im Fernsehen griff Le Pen diese Idee in ihrem Interesse sofort auf: „Die Franzosen haben die Freiheit zu wählen. Sie werden das letzte Wort haben“, sagte sie zur Rechtfertigung des Festhaltens an ihrer Kandidatur. Den Wahlkampf begann sie noch im selben Moment. Sie wolle als Präsidentin den (schlummernden) „Riesen Frankreich befreien und den ihm gebührenden Platz (in der Welt) verschaffen“, versprach sie. Heute gehe gar nichts mehr in diesem Land, und das sei „keine Fatalität“.

Nach der Urteilsverkündung hatte sie mit verschlossener Miene das Gericht ohne Kommentar verlassen und sich mit der Parteispitze und ihren Anwälten zu Beratungen zurückgezogen.

In Frankreich war das etwas knifflig angelegte und schwer zu analysierende Urteil mit Verwirrung aufgenommen worden. Man hatte einen „Schwarz-Weiß“-Entscheid erwartet: Sie kann entweder kandidieren oder nicht. Jetzt versteht man, dass sie eventuell kandidieren kann, aber vielleicht nur unter erschwerten Bedingungen und dies, falls ihr die Justiz mit Rücksicht auf die politische Dimension beim Vollzug Erleichterungen gewährt.

Die Konfusion ist mit der Kassationsbeschwerde und deren ungewissen Konsequenzen nicht kleiner geworden. Spre­che­r*in­nen der linken Oppositionsparteien betonten, eines sei dagegen klar: Das RN sei so oder so – mit Le Pen oder Bardella oder beiden als Kandidaten – vom Gericht zum zweiten Mal als „Partei von Delinquenten“ entlarvt worden, und es sei nun an den Wähler*innen, ihr an der Urne eine definitive Absage zu erteilen. „Wer für das höchste Amt kandidiert, muss beispielhaft sein, und das ist (hier) nicht der Fall“, meinte zurückhaltend der Erste Sekretär des Parti Socialiste, Olivier Faure.

Bereits am Tag nach ihrer Verurteilung ist Marine Le Pen auf Wahltour gegangen. Sie besuchte die von ihrer Partei bei den kürzlichen Kommunalwahlen eroberte Stadt Le Flèche im Departement Sarthe an der Seite ihrer Schwester Marie-Caroline.

Mehr noch beachtet wurde die Präsenz von Jordan Bardella, der sich bei dieser Gelegenheit erstmals dazu äußerte, dass er selber nun doch nicht als Ersatzmann kandidieren kann. Er empfinde deswegen „weder Erleichterung noch Enttäuschung“, versicherte er den zahlreich angereisten Medien.

Auf dem benachbarten Marktplatz von La Flèche demonstrierten Gegner der extremen Rechten. Für sie, wie auch für die linken Parteien, bietet die gerichtlich wegen Unterschlagung verurteilte Rechtspopulistin eine zusätzliche Angriffsfläche. Dies um so mehr, als sie selber vor Jahren öffentlich gefordert hatte, dass Politiker, die der Korruption oder Unterschlagung zur illegalen Parteifinanzierung überführt würden, auf Lebenszeit ein Amtsverbot erhalten müssten. Daran möchte Le Pen freilich heute nicht erinnert werden.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • ""Nieder mit der afd - siehe Le Pen & Farage""



    ==



    Ein Urteil gegen Le Pen würde sie vor ein Dilemma stellen: Sollte sie ihr Versprechen einhalten, während einer verordneten Ausgangssperre mit elektronischer Fußfessel keinen Wahlkampf zu führen – oder sollte sie zurücktreten?



    =



    Während sie mit diesem moralischen Dilemma rang, trat Le Pen in den Nachrichten auf und verkündete, sie werde bei der Wahl doch als Kandidatin antreten. Da sie in einer Rechtsfrage vor das höchste französische Gericht ziehen wolle, müsse sie womöglich gar keine elektronische Fußfessel tragen. In einem unheilvollen Auftritt zeigte sich Le Pen trotzig: Es liege an den Wählern, die Entscheidung zu treffen sagt Le Pen.



    =



    Es passte ins Bild, dass Farage in UK fast zeitgleich eine ebenso groteske Erklärung abgab – als Reaktion auf eine Untersuchung wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Farage wetterte gegen ein System, von dem er sich angeblich verfolgt sieht.. Sein Motto „Das Volk gegen das Establishment“ -- an das Volk als Träger des „gesunden Menschenverstands“. Sowohl in France als auch in UK wisse „das Volk“ es besser als jede staatliche Institution.



    =



    Le Pen & Farage & agd zerstören den Staat.

  • Dass die Justiz wie schon in den USA jetzt auch in Frankreich keine klare Kante gegen die Rechtsextremen aufzeigt, echt ein schwarzer Tag für Freiheit und Demokratie !

  • Marine Le Pen wird mit der Fußfessel durch Frankreich ziehen und für das saubere Frankreich marschieren.



    Wie sie vor etlichen Jahren ankündigte, sie wird mit Verbrechern und Kriminellen 'aufräumen'.



    Dass sie nun selbst verurteilt ist, dass sie nun ein Fehlverhalten einräumt?



    Die Erkenntnis reicht nicht weit und sie zeigt, wie Marine Le Pen wirklich ist: Sie verspricht allen alles und hält sich selbst an gar nichts.



    Marine ist gefährlich, weil sie trotzdem gewinnen könnte. Die Linke diskutiert, jeder startet etwas, aber die klare Gegenfront, die fehlt momentan. Macron und sein Spektrum werden diese Wahl nicht mehr in den Griff kriegen, sie werden aber keine Empfehlung für einen linken Kandidaten abgeben. Auch das steht schon fest.



    Insofern könnte die Front National Rechtsextremistin an die Macht kommen und sie wäre ein Problem, vieles könnte tief nach Unten gehen. Offen ist, ob sie im Stile der AfD mit ihren Gegnern richtig abrechnet und die inhaftiert, oder ob sie die aushält, wie es Meloni macht.



    Schön wird das aber nicht werden, weil Marine Le Pen nicht nur rechtsextrem ist, sondern auch ungefiltert für den Kapitalismus. Das könnte zu großer Armut führen.

  • "Sie wolle als Präsidentin den (schlummernden) „Riesen Frankreich befreien und dem ihm gebührenden Platz (in der Welt) geben“, versprach sie."

    Haben diese bedauernswerten Gestalten nichts anderes als ihre hanebüchenen Großmachtsfantasien? Wieso fallen die einfachen Arbeiter*Innen eines Landes auf sowas rein? Ich werde daraus nicht mehr schlau werden. Warum sind Menschen so Führergeil.

    • @Montagsdepression:

      Ist doch ganz einfach. Je gebeutelter der Mensch - umso größer seine Allmachtsphantasien. Das wissen diese "Führer" und versprechen eine grandiose Zukunft.