Motivation von Impfgegnern: Der Stolz der Störer

Die verschiedenen Impfgegner-Milieus eint ihre Egozentrik. Die können wir als Echo der neoliberalen Forderung nach Selbstverantwortung lesen.

Protest mit Schildern an einer Straße.

Straßendemonstration von Impf­geg­ne­r*in­nen in München im November 2021 Foto: Aaron Karasek/imago

Seit einigen Monaten haben Impfgegner ihre rhetorische Strategie geändert. Sie konzentrieren sich jetzt darauf, dass das Covid-19-Virus gegen Impfungen die Oberhand habe, bejubeln das Wort „Impfdurchbruch“ wie eine Errungenschaft. In Foren und Gruppen werden Fallzahlen gehandelt, die ihre Grundannahme belegen sollen – Impfung unwirksam, alles Betrug. Ein Impfgegner schrieb mir, was längst zum Gassenhauer der Szene geworden war: „Ihr seid verarscht worden.“

Ein Jahr hatten Anti-Vaxer behauptet, nur milde Grippe und Angstmache zu sehen. Längst hat sich ein Gruppenverständnis als Zusammenschluss derer herauskristallisiert, die sich für klüger halten. Kern der Impfgegnerschaft: Die Impfung diene nur der Person, die sich das Vakzin spritzen lasse. „Aber die Durchbrüche …“ ist die Jokerkarte, die Impfgegner gegen politische und soziale Argumente spielen.

So argumentieren esoterische Kreise, Lebensreformer*innen, Globuli-Trupps aus Süddeutschland. Das Lebensgefühl greift bis zum verminderten Freiheitsbegriff der FDP: Menschen zu entlassen, Steuern zu bezahlen, Rücksicht zu nehmen sei eben eine Individualentscheidung. Einige FDPler riefen im Herbst nach einem „Freedom Day“, man kann sich Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki vorstellen, wie er im Lockdown in der Stammkneipe feixt. Der argumentative Kern funktioniert auch bei Ostdeutschen, die dem Staat nichts glauben und AfD wählen.

Die Schnittmenge solcher sozial und kulturell kreuzverschiedenen Lager liegt in ihrer Egozentrik. Und in der Freude, als Sperrminorität einer Gesellschaft zu agieren. Zur politischen Kühlerfigur hat sich die eitle Sahra Wagenknecht aufgeschwungen, für Beiträge bei Talkrunden und in Kommentaren bekommt sie Applaus aus Lagern, die niemals die Linken wählen würden. Das Argument dreht sich im Kreis, wasserdicht und zum Dogma verschweißt: Wer der Regierung misstraut, misstraut der Medizin, die mit viel öffentlicher Förderung entwickelt wurde. Wer der Medizin misstraut, misstraut auch der Regierung, die sie propagiert.

In der Zeit hat Martin Machowecz darüber nachgedacht, ob die geringere Impfquote in Ostdeutschland mit zwei Punkten zusammenhänge: Erstens einer Unempfindlichkeit gegenüber einem Gesundheitsbegriff, den er aus der Zahl kardiovaskulärer Erkrankungen (hoch, weil viel Alkohol & Zigaretten) in Ostdeutschland und Osteuropa ableitet. Vier von fünf ostdeutschen Bundesländern belegen die Plätze mit der geringsten Impfquote. In Osteuropa ist die Impfquote deutlich niedriger als im Westen. Machowecz’ zweiter Punkt destilliert eine Empfindlichkeit gegenüber moralischen oder politischen Appellen, die nicht genügend ostdeutsches Kolorit tragen: Die Bereitschaft, Argumenten zuzuhören, die von Menschen formuliert werden, die nicht in meiner Gegend leben, nicht zu meinem politischen Milieu gehören, ist gering. Fans des Fußballvereins Erzgebirge Aue bewiesen, wie so eine identitätspolitische Debatte funktionieren soll: Sie forderten, der sächsische Ministerpräsident Kretschmer, in Görlitz geboren, müsse für seine nun härtere Gangart in der Covid-19-Politik abgeschoben werden. In „den Westen“.

Machowecz hat einen entscheidenden dritten Aspekt übersehen: die Lebenswelt gewordene Entsolidarisierung. Sächsischer Frust, thüringischer Daffke, allerlei Enttäuschung über die Mittelmäßigkeit der eigenen Lebensentwicklung hat weniger Wurzeln im Realsozialismus: Die ostdeutsche Misere kann man als Ergebnis der 1990er Jahre lesen.

Die Auseinandersetzung um die Impfung ist höchstens an der Oberfläche eine gesundheitspolitische

Stephen Holmes und Ivan Krastev haben vorgeschlagen, Probleme im Imitationsdruck und der Imitation westeuropäischer und westdeutscher Lebensstile und überhaupt des westlichen Politikmodells zu suchen. Polen und Ungarn haben sich inzwischen vom liberalen Politikmodell verabschiedet, lassen sich aber gerne noch von der EU alimentieren. Allerdings bedienen sie damit auch soziale Forderungen: die richtungslose Rebellion vieler, die für ihre Enttäuschung andere verantwortlich machen wollen. Die vielen ihre angeblich gute Laune vermiesen wollen: Geflüchteten, Menschen mit anderen sexuellen Orientierungen, oder den zum Stereotyp hochgejazzten Kreuzberger Hipster. Der Kern der Auseinandersetzung um die Impfung ist höchstens an der Oberfläche eine gesundheitspolitische Diskussion. In ihr spiegelt sich das Spannungsverhältnis vom Einzelnen zu Gruppen. Und eine olympische Disziplin der Deutschen: Rechthaberei.

Viele Ostdeutsche und Osteuropäer erlebten die 1990er Jahre als immer heftigere Zumutung: Nach der Epoche, in der die Holzparolen der „Solidarität“ die kleine Münze politischer Bekenntnisse waren, wuchs der Stress aus Vereinzelung, Wettbewerb, Misstrauen. Das Elitenprojekt Sozialabbau, Beschneidung der Daseinsvorsorge, komplementiert mit militanter Forderung von Selbstverantwortung schallt nun aus dem Wald zurück als komplette Unfähigkeit, einen Gemeinschaftsbegriff zu denken. Der Wald bedeckt auch Teile der Mitte der ostdeutschen Gesellschaft.

Von hier halten Menschen einer Mehrheit ihre Hartleibigkeit entgegen, die sie sich im Wettbewerb aller gegen alle angelegt haben. Plötzlich finden sie Gesinnungsgenoss*innen, taufen sich mit Telegram und Facebook zum widerspruchsfreien Kollektiv. Sich nicht impfen zu lassen, spiegelt die Selbstbezogenheit, die eine neoliberale Wirtschaftsordnung in die Gesellschaft getragen hat. Und fordert einen politischen Apparat heraus, der gegen Spaltung bei Einkommen und Vermögen nur Sonntagsreden parat hatte. Oder Zwang. Plötzlich können sich Menschen wichtig fühlen, indem sie sich stolz als Störung verstehen. Das Grinsen, mit dem viele auf den Antivax-Demonstrationen auftreten, ist ein Echo auf das Feixen der Kubickis.

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