piwik no script img

Ein Jahr schwarz-rote BundesregierungKoalition der Missgunst

Sabine am Orde

Kommentar von

Sabine am Orde

Merz kritisiert die SPD für ihre angeblich fehlende Kompromissbreitschaft. Das ist unklug – und dürfte für den Kanzler nach hinten losgehen.

Foto: Uwe Koch/HMB-Media/imago

F riedrich Merz ist am Mittwoch ein Jahr als Kanzler im Amt und die Lage ist schlecht: Die Zustimmungswerte zur schwarz-roten Koalition sind mies, Merz’ eigene Beliebtheitswerte noch mieser, und Union und SPD gönnen sich „das Schwarze unter den Fingernägeln nicht“, wie Bildungsministerin Karin Prien (CDU) jüngst auf dem taz.lab beklagte.

Und was macht der Kanzler am Sonntagabend zur besten Sendezeit? Er zeigt mit dem Finger auf die SPD und ihre angeblich fehlende Kompromissbreitschaft und heizt damit die Missgunst in der Koalition weiter an. Das ist unklug – und dürfte für Merz nach hinten losgehen.

Nun ist das SPD-Bashing, das der Kanzler da bei Caren Miosga betrieb, genau das, was ein Teil der Union seit Längerem von ihm erwartet hat. Genau jener Teil der Union, der ihn bislang besonders unterstützte. Diesem Druck nachzugeben, ist verführerisch, falsch ist es trotzdem. Und zeigt zudem, wie schwach Merz gerade auch innerhalb der CDU ist.

Das Logo der taz: Weißer Schriftzung t a z und weiße Tatze auf rotem Grund.
taz debatte

Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Denn Merz bestärkt damit jene in seiner Partei, die sich mit dem Koalitionspartner ohnehin schwertun und noch immer nicht verwunden haben, dass das im Wahlkampf versprochene „CDU pur“ in einer schwarz-roten Koalition eben nicht zu machen ist. Ihnen die Grenzen aufzuzeigen, wäre die bessere Strategie. Und deutlich zu machen: Kurzfristige Gewinne der einen oder anderen Seite sind nicht das, worum es jetzt geht. Aufgabe dieser Koalition ist vielmehr, das Vertrauen in die politische Mitte zurückzugewinnen – und nicht weiter zu verspielen.

SPD musste schmerzhafte Kompromisse eingehen

Wobei auch gar nicht stimmt, was Merz nahelegt: dass die Union im ersten Jahr so viel kompromissbereiter als der Koalitionspartner war. Die SPD hat ein paar für sie wirklich fette Kröten schlucken müssen: beim Thema Migration etwa, beim Bürgergeld und bei der Rente.

Mit seinen Anschuldigungen dürfte Merz zudem genau das Gegenteil von dem bewirken, was er eigentlich will: Statt die Bereitschaft zum Kompromiss zu stärken, wird er die Gegenwehr der Sozialdemokraten weiter anstacheln. Was eine weitere Gegenwehr in den eigenen Reihen nach sich ziehen wird. Eine Eskalationsspirale, die gefährlich ist.

Denn wer so regiert, endet wie die Ampel. So schwer es ihm fallen dürfte: Merz sollte sich lieber ein Beispiel an den CDU-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen, Daniel Günther und Hendrik Wüst, nehmen. Die regieren auch deshalb so geräuschlos und halbwegs erfolgreich, weil sie ihren Koalitionspartnern Erfolge zugestehen. „Gönnen können“, das muss die Koalition in Berlin dringend lernen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Sabine am Orde
Innenpolitik
Jahrgang 1966, Politikwissenschaftlerin und Journalistin. Seit 1998 bei der taz - in der Berlin-Redaktion, im Inland, in der Chefredaktion, jetzt als innenpolitische Korrespondentin. Inhaltliche Schwerpunkte: Union und Kanzleramt, Rechtspopulismus und die AfD, Islamismus, Terrorismus und Innere Sicherheit, Migration und Flüchtlingspolitik.
Mehr zum Thema

25 Kommentare

 / 
  • Die SPD ist nach Wählerstimmen mit Abstand Juniorpartner, führt sich aber auf als hätte sie die Wahl gewonnen. Logisch dass sich die CDU das auf Dauer nicht gefallen lassen kann.

    • @Filou:

      @ Filou



      Na, wenn die SPD die Koalition beendet, ist Schicht mit der Farce der Unionspartein.



      Dann ist es Zeit für die vernünftige rot, grün, rot Regierung in Deutschland 😉

  • taz: *Merz kritisiert die SPD für ihre angeblich fehlende Kompromissbereitschaft. Das ist unklug – und dürfte für den Kanzler nach hinten losgehen.*

    Das wird Friedrich Merz egal sein, denn der arbeitet nur sein Programm ab und gefährdet damit immer mehr die Demokratie in diesem Land.

    Ich habe mit der CDU nichts am Hut, aber ein Kanzler Daniel Günther wäre mir jetzt tausendmal lieber als dieser BlackRock-Mann. So sehr ich Merz auch weghaben will, aber Neuwahlen wären momentan eine dumme Idee, solange die AfD noch nicht vom Bundesverfassungsgericht verboten ist. Friedrich Merz bremst aber sogar ein AfD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht.

    Bevor jetzt wieder belehrende Kommentare kommen. Ja, ich weiß, die Entscheidung für ein Verbotsverfahren liegt nicht allein bei Merz, sondern erfordert ein Verfahren von Bundestag, Bundesrat oder Bundesregierung.

    Solange das Damoklesschwert AfD aber über unseren Köpfen schwebt, kann die Merz-Union den Sozialstaat ungestört demontieren, weil die SPD es nicht wagt einen Koalitionsbruch zu riskieren. Man kann über die SPD ja gerne schimpfen - mache ich ja auch - aber sie möchte nicht, dass dieses Land der AfD ausgeliefert wird.

  • Wieso angeblich fehlende Kompromissbreitschaft?



    Angeblich sehe ich da nicht. Wenn sich die SPD nicht ändert, dann wird sie vom Wähler demnächst (ich hoffe erst 2029) verändert.

    • @Der Cleo Patra:

      Kompromisse wurden doch im Artikel aufgezeigt.

      Weitere Beispiele:



      Ihr größtes Thema bei der Wahl, den Mindestlohn von 15 Euro nicht durchgesetzt

      Der Mütterrente zugestimmt

      Stromsteuer nur für Unternehmen gesenkt nicht wie versprochen auch für Privathaushalte

      Insgesamt keine Verbesserung bei Sozialleistungen oder Arbeitsbedingungen

      Ich frage mich, wo Leute wie Sie. bei der aktuellen Regierung die Handschrift der SPD sehen.

      • @esgibtnureinengott:

        Die SPD erreicht aktuell lediglich die Verhinderung von noch Schlimmerem (Beispiel: das Krankengeld wird nun doch nicht reduziert und der Karenztag kommt nicht; die Abschaffung eines Feiertags scheint auch abgeräumt zu sein). Dafür muss man dankbar sein - leider ist es so weit gekommen, dass man mehr nicht mehr erwarten kann. Nicht bei Umfragewerten für die SPD zwischen 12 und 14%.

    • @Der Cleo Patra:

      Welche Kompromisse werden denn von der SPD blockiert? Was sind die Angebote der Union, die stur ausgeschlagen werden?

    • @Der Cleo Patra:

      @ Der Cleo Pata



      2029 ???



      Da müssen doch die hier in Deutschland gebliebenen Bürger Schnittchen für die Russen oder Chinesen zurechtmachen...

  • www.msn.com/de-de/...anzler/ar-AA22pfnQ

    „Merz wusste immer alles besser. Jetzt ergeht er sich in Selbstmitleid“ Brantner und Haßelmann verlangen von der Regierung, daß sie endlich liefere. Dabei tut sie das längst. Die Heizung, der Sprit: Wieviel Steuermilliarden sollen denn noch in den Taschen der Aktionäre versickern? In einem haben sie allerdings Recht. Wer in dieser U25-Partei* (das sind die Leute, denen das Jobcenter keine eigene Wohnung zugesteht) die SPD als Partner ablehnt, kann an deren Stelle nur die Truppe wollen, die sich irrigerweise "Alternative" nennt. Der Haß dieser Leute gegen die Grünen ist ja kaum noch zu steigern gewesen. Und die übrigen erst ...

    * Spiegel, 5.5.2026 (v.H.): AfD 27; Union zusammen 23; Grüne 14; SPD 13; Linke 11; FDP 4; BSW 3

  • Da verabredet man sich zum ersten Jahrestag der Koalition darauf, besser miteinander umzugehen. Und dann geht der Friedrich zur Caren und tut öffentlich genau das Gegenteil.







    Gemäss dem alten Spruch: " mit dem Arsch wieder einreißen, was man mit den Händen aufgebaut hat..

  • Gönnen können - das wäre was.



    Dafür müssten wir aber erstmal die ganze politische Klasse in Klausur schicken, zusammen mit Medienschaffenden und den besten Mediatoren dieser Welt, denn wer im derzeitigen Klima gönnt, der endet wie Habeck und die Grünen.



    Und dass es so ist, wird uns, Stand heute, die Zukunft kosten.

  • Ich verstehe das Getöse um eine schwache 'Regierung' nicht ! Solange niemand auf die Idee kommt, einmal die ökonomisch-politischen Bedingungen für einen überlebensfähigen Staat in der hier nach dem letzten Wohlstandsgesellschaft zu überprüfen und dabei feststellen muss, dass es eben keinen Außenhandelsüberschuss mehr geben kann, der Grundlage für Auskommen und Arbeit hierzulande war, machen sich Politik und ihre Parteien etwas vor. In der Nachkriegszeit gab es -zunächst in einem fortschreitenden Binnenmarkt- genügend Futter für Investoren und Familienunternehmen, die die ganze Gesellschaft und letztlich über Steuern auch den Staat finanzierten. Die dabei entwickelte Produktivität, die Vielen die Arbeit nahm bzw. umschulen liess, bringt es mit sich, dass Überkapazitäten entstehen und das Zuviel aufgrund fehlender Erwerbschancen der Freigesetzten keine neuen Profite mehr abwirft und das letztlich auch im globalisierten Markt. Das Modell 'mehr Profit durch Wachstum' , das die Gesellschaft, aber vor Allem die Anleger bereichern ließ bedeutet das Ende dieser Wettbewerbswirtschaft, wenn mit den Profiten nichts mehr zu holen ist. Ende des Wohlstands und einer Demokratie, die er schuf.

  • Verwundert nicht wirklich, gehört doch Mißgunst zur DNA der Union, insbesondere wenn sie sich gegen sozial Schwache richtet.

  • Ja wie? “Mer muss och jünne künne.“



    Dem Rheinländer mit der Muttermilch verabreicht! Aber!



    Dem Westfalen - hier speziell dem Sauerländer



    Ein Unding! Woll



    Wie Konrad Beikircher mal beiläufig einwandte:



    “Das kriegt der Westfale/Sauerländer ja schon grammatikalisch nicht auf die Reihe!“



    Normal

    unterm—-Wolfgang🚬Neuss



    Anders gewendet:“Es reicht nicht - keine Gedanken zu haben. Mann muß auch unfähig sein - sie auszusprechen!“ - ahl Laberdäsch •

  • Die „letzte Patrone der Demokratie“ erweist sich leider als Mimimi-Merz. Seine Fähigkeit, daneben zu sprechen, ohne die Folgen davon zu beachten, qualifiziert ihn vielleicht als Blackrock-Manager. Aber nicht als Bundeskanzler.

  • "Die SPD hat ein paar für sie wirklich fette Kröten schlucken müssen: beim Thema Migration etwa, beim Bürgergeld und bei der Rente."

    Genau so ist es, auch wenn der Kanzler meint, das seien seine bzw. die Erfolge seiner Partei.

    Danke für diesen sachlichen Kommentar!

    • @Grenzgänger:

      Das Thema Rente wird erst noch verhandelt. Da war bisher keine Kröte.

  • Kompromisse sind kein Selbstzweck.



    Wenn an einer Kreuzung einer nach rechts und der andere nach links will, kann geradeaus ein sinnvoller Kompromiss sein.



    Am Abgrund geht das nicht.



    Dann heißt es entweder rechts oder links.

    • @Don Geraldo:

      Na Na! Beeten jung - wa!



      “Wir stehen an einem Abjrund von Landesverrat!“ Ol Conny zur 🪞- Affäre



      LechtsRinks? Nö! “Der junge Mann (FJS) is sich noch am Entwickeln!“ 🙀🧐



      & Hütchen?



      “Der kapitalistische Westen steht mit einem Schritt vorm Abgrund!



      Wir sind da schon einen Schritt weiter!“

  • Peinlich!



    Die Schuld bei Anderen zu suchen ist stets die peinlichste Fehleranalyse.



    Merz ist so unzuverlässig wie die gesamte Union.



    Das haben diverse Abstimmungen bewiesen.



    Merz Flucht vor den innerdeutschen Problemen zeitigte ebenfalls keine Erfolge. Der "Außenkanzler" hat werder in der Ukraine, noch in Gaza oder Iran irgendetwas Konstruktives zustande gebracht.



    Trotz Zeitdruck gelingt noch nicht einmal die Zusammenarbeit mit Frankreich in der so wichtigen Unabhängigkeit in Rüstungsfragen.



    Das Verhalten gegenüber Trump darf durchaus als planlos bezeichnet werden.



    Trump und Merz sind sich in diesem Zusammenhang nicht gerade unähnlich.



    Ich hatte die Hoffnung, dass Merz an seinem Amt wachsen würde, als er einsah, dass es ohne Sondervermögen nicht möglich ist, Deutschland voran zu bringen.



    Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt.



    Merz steht da als Jemand, der der Aufgabe nicht gewachsen ist



    Ein machtloser Machtpolitiker, einer der moderieren müsste, jedoch noch nicht einmal sich selbst im Zaum halten kann.



    Merz und die UnionsministerInnen sind die schlechteste Mannschaft, die Deutschland je lenken sollte.



    Wir können froh sein, dass die SPD Schlimmeres verhindert.



    .

    • @Philippo1000:

      >Merz und die UnionsministerInnen sind die schlechteste Mannschaft, die Deutschland je lenken sollte.<

      Ich empfinde das mehr als gelebte Anarchie. Die Regierung lenkt nicht - sie wird getrieben. Dazu eine Tendenz zur Selbstbedienung - die Merz/Klingbeil-Truppe dürfte durchgehend privatversichert sein. Zur Sanierung der ausgeplünderten gesetzlichen Krankenkassen sind sie völlig ungeeignet. Es war ein Fehler diese Böcke zum Gärtner zu machen.

    • @Philippo1000:

      "Merz und die UnionsministerInnen sind die schlechteste Mannschaft, die Deutschland je lenken sollte." Naja, da gibt es ja immer noch Weidel, Chrupalla und Höcke.

      • @PeterArt:

        Die letzteren hatten bis jetzt auch nichts zusagen, ich hoffe



        das bleibt auch so.

        • @Captain Hornblower:

          "je lenken sollte", nicht "gelenkt hat".

    • @Philippo1000:

      Machtlos ist Merz leider auch innerhalb seiner Partei bzw. seiner Fraktion. Er ist zwar ein autoritärer Mensch (und einer, der keine Fehlerkultur hat), aber ich schätze ihn auch so ein, dass er Druck, der auf ihn ausgeübt wird, nahtlos weitergibt. Was die Fraktion angeht, sitzt Jens Spahn am längeren Hebel.

      Die stellen sich zwar in der Öffentlichkeit brav hinter ihn, um Geschlossenheit zu demonstrieren, aber rhetorisch geschickt und manipulativ sind eher so Leute wie Dobrindt, Spahn, evtl. auch Connemann. Und der leutselige Herr Amthor ist auch nicht auf den Kopf gefallen und will gern weiter nach oben. Ganz zu schweigen vom Bayernkönig, der sich immer zu wenig beachtet gefühlt hat in Berlin.