Merz und Social Media: Vorsicht mit dem weichen Ei
Social Media ist fies! Besonders gegen Friedrich Merz. Der klagt: „Kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ Der alte Mann braucht Nachsicht.
U nser Land ist so gemein geworden. Jetzt werden schon Menschen, die sich der Herausforderung des „lebenslangen Lernens“ stellen, auf Social Media beschimpft, Azubis quasi. Nehmen wir beispielsweise unseren Mann im Kanzleramt, Friedrich Merz. Noch im Rentenalter hatte er sich entschlossen, etwas Neues auszuprobieren, was er bis dahin noch nie gemacht hatte: regieren. Er hat uns und sich also ins kalte Wasser geworfen und nun strampelt er vor sich hin.
Doch statt anzuerkennen, dass einem als Anfänger auch schon einmal Fehler unterlaufen können – zumal man um die 70 auch nicht mehr so ganz schnell lernt – wird der deutsche Bundeskanzler auf Social Media beschimpft. Das ist Ageismus und voll ungerecht! Kein Wunder, dass Merz im aktuellen Spiegel sagt: „Ich bin nur gelegentlich auf Social Media unterwegs. Aber wenn Sie mal schauen, was dort über mich verbreitet wird, wie ich da angegriffen und herabgewürdigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“
Meine Tochter hat für mich mal auf Tiktok nachgeschaut und Folgendes festgestellt: Merz wird vorgeworfen, dass er schuld an den hohen Dönerpreisen sei, dass er seine Texte und E-Mails mit dem Zwei-Finger-Suchsystem eingibt, dass er in jeder Hinsicht ein schlechter Bundeskanzler sei. Und das nicht nur Olaf Scholz besser gewesen sei, sondern viel schlimmer noch: Altkanzlerin Angela Merkel.
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Mensch, Leute, geht es noch unsensibler? Merz leidet unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung, denn Merkel hat ihm nach Kohls Niedergang vor gefühlt 100 Jahren den Job als Kohl-Nachfolger weggeschnappt.
Und dann war da noch die Sache mit dem Gelege. „Merz, leck Eier!“, stand auf einem Schüler-Plakat bei einer Demo gegen die Wiederinkraftsetzung der Wehrpflicht. Daraus ist sogar ein Musikvideo entstanden. Das war so um Ostern herum und jeder würde sofort an Ostereier denken. Wie dem auch sei, Merz sieht sich wohl ins falsche Licht gerückt und das ist ja bekanntlich sein gutes Recht. Vielleicht möchte er keine Eier lecken. Vielleicht ist er sogar allergisch. Oder steht nun mal nicht drauf. Womöglich hat er auch etwas gegen die Zeile mit dem „geldgeilen Opa“, identifiziert sich halt nicht so, auch wenn er sieben Enkelkinder hat.
Merz hat also recht: Er ist weder eine Mimose (Scholz über Merz) noch ein Weichei (Mertins über Merz). Tatsächlich ist kein Bundeskanzler vor ihm je auf Social Media so fies, so gemein, so menschenfeindlich behandelt worden.
Achtung, Achtung, hier meldet sich der automatische Faktencheck der taz mit einigen ganz, ganz wenigen Ausnahmen:
1. Angela Merkel: Sie wurde regelmäßig als „Volksverräterin“, „Verbrecherin“, „dumme Schlampe“ sowie am Galgen hängend dargestellt. Außerdem mit Hitler-Bart (Eurokrise) und als Taliban (2015) sowie als Hure. „Hau ab!“ und „Merkel muss weg!“ fluteten unablässig die sozialen Medien.
2. Olaf Scholz: Ihn beschimpfte man auf Social Media als „Volksschädling“, „Versager“, „Kriegstreiber“ und „Drecksau“.
3. Bundeskanzler Helmut Kohl wurde in der Vor-Social-Media-Zeit, als man seine Meinung noch mit Aufklebern auf dem Auto zur Schau trug, jahrelang als „Birne“ verspottet, als provinzieller Fettwanst, der kein Englisch sprechen konnte. Dumm wie Brot obendrein. Mein persönlicher Lieblingsaufkleber: Kohl hebt ein Bügeleisen ans Ohr und fragt: „Hallo, wer spricht da?“
Doch Kohl hat eben auch gesagt, dass man als Bundeskanzler solche Beschimpfungen „aushalten muss“; es habe ihn ja niemand gezwungen, Bundeskanzler zu werden. Doch das ist bei Friedrich Merz anders. Er folgte einem inneren Zwang, Bundeskanzler werden zu müssen. Er ist zudem ein sehr empfindsamer Mann.
Deshalb mein Appell: Seid vorsichtig mit diesem weichen Ei!
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