Der Fall Kimmich: Sag mir, wo du stehst!

Die Aufregung um den Impfstatus von Joshua Kimmich ebbt nicht ab. Die Annahme, der Fußballer habe keine Wahl, ist falsch.

In der Schusslinie: Joshua Kimmich, 26 Jahre alt, FC Bayern München.

In der Schusslinie: Joshua Kimmich, 26 Jahre alt, FC Bayern München Foto: Reuters/Pedro Nunes

Was ist eigentlich passiert in den vergangenen vier, fünf Tagen? Hat Jo­shua Kimmich heimlich Blutdiamanten für seine Freundin gekauft? Hat er sich große Aktienpakete von sinistren Waffenproduzenten gesichert? Wurde er beim intimen Plausch mit Beatrix von Storch gesichtet? Ist seine Mitgliedschaft bei Scientology aufgeflogen? Oder hat das Dopinglabor in Köln etwas Verdächtiges im Urin des Bayern-Spielers entdeckt, Epo oder Wachstumshormone?

In Wirklichkeit ist es viel, viel schlimmer: Joshua Kimmich ist nicht geimpft. Die Republik ist in heller Aufregung. Empörungspartikel schwirren nicht nur in den sozialen Netzwerken umher wie gefährliche Geschosse. Die Causa Kimmich wird auch prominent auf Programmplätzen besprochen, die reserviert sind für das hochpolitische Tagesgeschehen. Twitter hyperventiliert. Köpfe werden geschüttelt, Anklagen erhoben, Urteile gefällt.

Was ist eigentlich passiert? Nun ja, der Nationalspieler mit der bis dato untadeligen Vita hat eine persönliche Gesundheitsentscheidung getroffen, so wie er das in seiner Karriere, besser: in seinem Leben, wohl schon dutzendfach getan hat. Nur hat es früher, in der vermeintlich guten alten Zeit, niemanden interessiert, ob er sich etwas (legales) spritzen ließ oder nicht, ob er Vorsorge gegen dieses oder jenes Zipperlein getroffen hat – oder eben nicht. Von Interesse war, ob Kimmich gut in Form war, ob er schöne Vorlagen gab oder Tore schoss.

Das ist seit der medialen Aufregung um das Coronavirus nun gänzlich anders. Seit über 18 Monaten testen wir uns nicht nur auf ein Virus, wir testen uns auch auf Compliance – und, wie es so schön heißt, auf solidarisches Verhalten. Der Einzelne hat besser im Vorsorgekollektiv aufzugehen, sonst könnte es ungemütlich werden. Selbst liberale Geister verkünden in diesen Wochen apodiktisch: „Halt’s Maul und lass dich impfen!“

Das Private ist radikal öffentlich geworden

Was ist eigentlich passiert? Das Private ist radikal öffentlich geworden, und wo das Private sich noch ziert, wird es eben mit brutaler Vehemenz unter den Spot der Öffentlichkeit gestellt. Wie sich der Einzelne mit den strengen Regularien der Pandemie arrangiert, wird zum allgemeingültigen Maßstab über die Satisfaktionsfähigkeit einer Person. Wer die hygienische Norm erfüllt, ist wohlgelitten, wer Probleme hat, sich in den kratzigen Mantel des neuen Normal zu hüllen, der bekommt das geballte Unverständnis einer zunehmend unerbittlichen Mehrheit zu spüren.

Sag mir, wo du stehst, sag mir, welchen hygienischen Weg du gehst! Bist du einer von uns oder gehörst du zum Spektrum der schrägen Vögel? Was bisher so gut funktionierte, sprich die Dämonisierung selbst von respektablen und bedenkenswerten Positionen, stellt sich im Fall von Kimmich als Problem dar. Denn Kimmich ist kein Rechter, er ist kein Aluhut und kein Verschwörungstheoretiker, er ist kein Querdenker und kein Schwurbler. Kimmich ist ein angesehener Fußballspieler, ein durchaus nachdenklicher und sozial engagierter Typ. Oder muss man nun sagen: „Er war ein angesehener Fußballspieler“?

Was ist eigentlich passiert? Am Anfang der ganzen Aufregung stand die Meldung, dass der Bayern-Trainer Julian Nagelsmann einen grippalen Infekt habe und deswegen beim Champions-League-Spiel in Lissabon nicht an der Seitenlinie stehen könne. Später wurde vermeldet, Nagelsmann sei trotz zweifacher Impfung positiv auf das Coronavirus getestet worden. Dass Nagelsmann zum größer werdenden Heer der Impfdurchbrüchler gehört, war nicht wirklich von Interesse.

Man diskutierte auch eher nicht über die Wirksamkeit der Impfung, deren langsam schwindende Effektivität, man sprach eher nicht über die immer noch vorhandene Möglichkeit, sich selbst und andere anzustecken, sondern wartete begierig darauf, wer wohl wegen eines Kontakts zum Trainer aus dem Kader genommen werden müsse im nächsten Bayern-Spiel. Das sind dann bestimmt die Ungeimpften, schlussfolgerte man erwartungsfroh, jederzeit bereit, das Verfahren gegen den oder die Delinquenten zu eröffnen.

Was ist eigentlich passiert? Joshua Kimmich hat sich am vergangenen Wochenende versucht zu erklären. Angesichts der Empörungswelle, die hart über dem 26-Jährigen zusammenschlug, tat das die Offensivkraft des FC Bayern München mit bemerkenswerter Ruhe. Er erklärte, dass er ein paar Bedenken bezüglich der noch unerforschten Langzeitfolgen habe und sich bislang nicht zu einer Impfung gegen Covid entschieden habe.

Der Nationalspieler machte deutlich, dass er weder ein „Impfgegner“ noch ein „Coronaleugner“ sei, er versuchte also, seine Entscheidung auf ein ratio­nales Fundament zu stellen. Aber danach ging es nur noch unnachgiebiger zur Sache. Ihm wurde sogar unterstellt, krebskranke Kinder gefährdet zu haben – einen heftigeren Durchschwang mit der Moralkeule gibt es wohl kaum. Dass er natürlich getestet in die Kinderklinik ging? Egal.

Dass Kimmichs Risiko, an Corona zu sterben, bei 1:500.000 liegt? Wurscht. Dass er sich durchaus Sorgen über eine impfbedingte Herzmuskelentzün­dung machen darf? Anscheinend nicht von Belang. Dass es bei fehlender Impfpflicht ein Recht auf Risikoabwägung, ja auch auf Dummheit und Selbstschädigung gibt? Spielt kaum eine Rolle.

Bedingungsloser Konformismus ist das Gebot der Stunde. In der Frage der Corona-Impfung scheint das Mitmachen alternativlos zu sein. Was ist eigentlich passiert, verdammt?

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