Die These: Spaltung der Gesellschaft? Quatsch!

Das Geplapper von der „Spaltung der Gesellschaft“ erklärt gar nichts. Wer davon spricht, will nicht über Interessenunterschiede oder Macht reden.

Menschenmenge in Frankfurt/Main

Menschen in einer Einkaufsstraße in Frankfurt am Main Foto: Michael Probst/ap

Bitte spreche niemand mehr von der „Spaltung der Gesellschaft“. Man hört davon derzeit rund um die Uhr. Keine andere Wendung wird, als sei sie ein Geschütz, um Offenkundiges zu markieren, so oft in Stellung gebracht. Ich nenne sie hier nur SdG, das verschwendet weniger Platz.

Eine simple Google-Suche besagt: SdG bringt es auf 8,6 Millionen Ergebnisse. Es wird etwa der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Joseph Stiglitz angezeigt, er hält die SdG im Zusammenhang mit der „Ungleichheit“ für besonders auffällig. Aber die ökonomischen Wissensdisziplinen sind nicht die einzigen Bereiche, in denen diese Chiffre wie aus einem Zauberkasten hervorgekramt wird. Die digitale SdG hat die Bertelsmann Stiftung im Blick, in der Frankfurter Rundschau hingegen wird die Coronaberichterstattung mit der Warnung vor der SdG aufgepeppt.

Der TV-Sender Sat.1 fragt aktuell: „2G: Spaltung der Gesellschaft oder Notbremse in der Pandemie?“ Ebenfalls sehr gern taucht die SdG auf in den kultur- und politikreligiösen Sendungen von Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur, sehr oft im Expert*innengespräch. Gefühlt jeden Tag und stündlich warnt irgendeine berufene (oder unberufene: in Form von Hörer*innenbeiträgen) Person vor ihr.

Aber die SdG erklärt nichts, gar nichts, niemals. Denn davon abgesehen, dass „Gesellschaft“ kein Subjekt ist, kein Mensch, sondern ein gedachtes Ganzes, die Kategorie schlechthin in der Soziologie, kann niemand Gesellschaft ermessen. Es gibt keine Beobachtungsposition, keinen Hochsitz im Wald beim Ausspähen von Getier und Geschehen, von der aus auch nur irgendeiner von uns einen Überblick zum oder gar vom Ganzen, Gesellschaftlichen hat.

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Maßgrößen existieren nicht, niemand könnte sagen, beispielsweise und nur fiktiv: 31,3 Prozent aller Irgendwermenschen möchten dies & das und handeln so oder so. Denn das große Gewusel namens Gesellschaft ist ein Objekt, das stets beobachtbar wirkt – und doch nie sein kann. Trotzdem rattert die Diskursmaschine weiter (aus Büchern und Aufsätzen, Texten wie diesem hier natürlich auch), lebt eine ganze Deutungs­industrie von der nur eingebildeten Kraft, so etwas wie Gesellschaft vollumfänglich erklären zu können.

Schlager der Plapperei

Dabei sind Gesellschaftsdiagnosen immer nur von Wert, werden sie in Smalltalk-Gewittern in der Bahn, im Kol­le­g*in­nen­kreis oder auf Partys geäußert. „Finden Sie nicht auch, dass wir in einer erschöpften Gesellschaft leben?“ Oder, um mal ein paar magische Worte, allesamt Schlager der Plapperei, zusammenzupappen: „Die spätkapitalistische Gesellschaft findet wirklich nicht mehr aus dem Burn-out heraus, uns droht eine depressive Zeit.“ Der Top-Hit unserer Zeit bleibt indes die Rede von der „Spaltung der Gesellschaft“, um diese opulente Formel dann doch noch mal auszuschreiben.

Meist folgen auf den Befund noch gute oder weniger gute Ratschläge: „Wir brauchen mehr Entschleunigung“ oder „Wir brauchen bessere Kommunikation“. Was aber nicht gesagt wird, wenn die SdG zur Sprache kommt, ist das soziologisch Banalste: Dass Menschen verschieden sind, dass sie divers ticken und im Übrigen auch sehr gern irrtumsanfällig, erratisch sind. Sie haben nämlich Interessen, eigene. Die zu ermitteln wäre wichtig, sie zur Kenntnis zu nehmen oder nehmen zu müssen, darauf käme es an.

SdG – das ist die Formel des explorierten Nichts und Alles, und vermag nicht damit umzugehen, wenn Menschen einfach ihre (gemeinsame) Kraft einsetzen, um etwas gegen andere durchzusetzen. Wie etwa, klassisch aus der Arbeiter*innenbewegung, mit einem Streik: Lohnabhängig Beschäftigte wollen etwas durchsetzen und ihr Arbeitgeber muss sich dem stellen, ob mit dem Streik nun eine Spaltung des Betriebes attestiert werden muss oder nicht. Ein Streik, bei dem es ums Eingemachte, mithin um Geld und Zeit, geht, ist immer eine spalterische Angelegenheit – und das ist auch richtig so.

Das aber ist dann kein Partygeplauder mehr, in der kommunikative und kritisch gesinnte Besorgnis der wohlfeilsten Sorte geäußert wird, sondern eben eine Interessenkollision, die entweder in einen Kompromiss mündet, in der Zerschlagung der Aktion (mit womöglich krassen Folgen für die Rädelsführer*innen) oder im Erfolg dessen, was eben ein Streik vermag: eine Lohnerhöhung, die Gründung eines Betriebsrats oder kürzere Arbeitszeiten.

Antipolitische Wendung

Entsprechend charakterisieren Klimastreiks ebenfalls keine SdG, sondern den Aufbruch der jugendlichen Generationen gegen die Folgen der Klimakrise. Doch, so oder so: Eine SdG ist das alles nicht, sondern ein Zeichengewitter an neuer gesellschaftlicher Bewegung.

Mit anderen Worten: Da „Gesellschaft“ ein hochkompliziertes Gebilde ist, da sie eben keine „Gemeinschaft“ ist, kein familiäres Konstrukt, sondern arbeitsteilig, kommunikativ verwirrend uneinheitlich, multikulturell und multischichtenartig strukturiert, ist die Rede von ihrer Spaltung antipolitisch. Wer von SdG spricht, will über Interessengegensätze, möchte über Macht nicht reden.

Ein demokratischer Staat kann, ja darf sich in puncto Corona nicht auf hochempfindsame Überlegungen und zeitlästige Dauergrübeleien verlegen, wie man die aktuell explodierenden Inzidenzziffern möglichst ohne SdG moderiert. Sein Job ist nicht der einer Moderation, sondern der einer ethischen Güterabwägung – und bei dieser darf in der Tat von einer „Tyrannei der Ungeimpften“ gesprochen werden. Diese blockieren mit ihren Impfunwilligkeiten Versorgungspotenziale in Krankenhäusern. Wichtige, lebenserhaltende Operationen können nicht ausgeführt werden, weil die Bettenkapazitäten von den Impfunwilligen in Beschlag genommen werden.

Das Geschwätz von Spaltung behindert gute Coronapolitik

Und die Politik, die neue Regierung? Verhält sich wie auf einer Party, auf der sich alle einig sind, dass man eine SdG doch auf keinen Fall riskieren wolle. Und genau das ist falsch, weil Rücksicht genommen wird, hinter der sich Entscheidungsschwäche verbirgt. Wenn schon keine Impfpflicht durchgesetzt werden kann – obwohl diese so populär wie ein Tempolimit auf Autobahnen von 130 ist –, dann doch bitte ernsthafte 2G-Lösungen. Wer dem nicht folgt, kann nicht in Restaurants innen Platz nehmen, für den sind Partys und andere öffentliche Geselligkeiten unmöglich.

Das Geschwätz von SdG hat verhindert, dass man Tacheles redet. Wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der sich vom dissidenten Impf­skep­ti­ke­r*in­nen­chor nicht einschüchtern lässt. SdG – das ist die Ausrede an sich, demokratische Entscheidungen zu unterlaufen, wenigstens atmosphärisch.

Politisch zu sprechen, darauf käme es an: Dass in den Schulen wahrlich nicht überall Corona gemanagt wird, dass dies besonders die Schü­le­r*in­nen ohne bildungsaffinen Hintergrund trifft. Dass Pflege- und Krankenhauspersonal einer Impfpflicht unterworfen sein sollte. Und dass, wer in U- und S-Bahnen oder in Zügen keine Maske trägt, nicht mitgenommen werden kann.

Das ist zwar im Einzelfall fies und blöd, aber der Preis, den Antiimpfungsmenschen zu zahlen haben. Worauf es ankommt, ist nämlich weniger das Individualistische, das Unbehagen am Camouflierten, Gesichtsbedeckten – sondern Solidarität.

Wie das zweckmäßig organisiert wird, und zwar durchaus zum Verdruss vieler, ist in Spanien, Portugal, Israel oder in Italien zu bestaunen. Ein seriöses Coronaregime, das etwa auf Dis­kurs­teil­neh­me­r*in­nen wie etwa die Schriftstellerin Juli Zeh vielleicht freiheitseinschränkend wirkt, aber auf sie kommt es nicht an.

Freiheit ist hier nur das Prinzip: sich und andere vor der Erkrankung an Corona zu bewahren. Dass das zu einer Spaltung der Gesellschaft führen kann: Na und?

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Kurator des taz lab und des taz Talk. Interessen: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er ist auch noch HSV-, inzwischen besonders RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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