Alice Schwarzer zu Transsexualität: Agenda statt Authentizität

Alice Schwarzer mal wieder: Die selbst ernannte Feministin hat ein Buch über Transsexualität geschrieben – und dabei nicht viel verstanden.

Porträt Alice Schwarzer. Im Hintergrund ein Bücherregal. Darauf ein Buch mit einem Cover, auf dem deutlich das weibliche Gender-Symbol zu erkennen ist

Frau aus den 70ern: Alice Schwarzer Foto: picture alliance/dpa/Oliver Berg

Vor einigen Wochen hatte ich die Ehre, die Berliner Uraufführung des Filmes Trans: I got Life mitsamt Talkrunde zu moderieren: Nachmittags im Kino Sputnik, abends im Delphi an der Kantstraße. Jeweils coronagerecht, wohl bemerkt. Aber die Plätze waren nicht nur wegen der pandemiebedingten Einschränkungen schnell ausverkauft. Die 95-minutige Dokumentation von Imogen Kimmel und Doris Metz zog ein tolles Publikum in beide Kinos, und die Prot­ago­nis­t*in­nen ließen die Zuschauenden, die aus Queers, Allies und Neugierigen bestanden, gleichsam an ihren Sesseln kleben.

Bei der Abendveranstaltung fehlte allerdings eine Kinogängerin, die ihre Karte schon erwartungsvoll erhalten hatte. Es war, wie ihre Sitznachbarin nach dem Screening erklärte, Ella. Ebenjene 40-jährige, aus dem Iran geflüchtete trans* Frau, die sich ein paar Tage zuvor aus Protest tödlich angezündet hatte.

Am Tatort vor dem Kaufhaus am Alex verebbt mittlerweile das aus Blumen und Kerzen bestehende Meer, das Ella galt. Die sichtbaren Wellen der Empörung weichen der Weihnachtsdeko. Mahnwachen fallen weniger häufig aus. Ungeachtet dessen steigt bei mir die Wut an, und zwar auf diejenigen, die glauben, unsere Identität in Frage stellen und unseren Fortschritt verhindern zu müssen. So muss ich Dampf ablassen. Mit meiner jüngsten Diatribe gegen den Komiker Dave Chappelle also ist es nicht getan. Denn auch selbsternannte Fe­mi­nis­t*in­nen zählen zu den vehementen Ver­fech­te­r*in­nen der Transphobie.

Ich bin eine trans* Frau und eine Schwarze Feministin. Schwarzer-Feminismus ist aber nichts für mich. Ein Widerspruch? Ich rede über den Alice-Schwarzer-Feminismus. Alice? Who the fuck is Alice?

Ja, die. Sie ist wieder da. Den 1970er Jahren entkommen, wartet sie nun mit einem Tante-Emma-Laden voller Vorurteile auf. Diese stehen in einem pseudowissenschaftlichen Sammelband mit dem Titel Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Das wollen Schwarzer und ihre Mitherausgeberin Chantal Louis erläutern. Ein besonders eklatantes Defizit des Buches: Keine der beiden ist eine trans* Person. Wie soll dann eine echte Streitschrift entstehen? Agenda statt Authentizität. Immerhin beschreiben sie ihr 265 Seiten langes Buch als eine Streitschrift, die „zu einer brisanten und notwendigen Debatte über Transsexualität und Feminismus“ beitragen solle.

Sol­da­t*in­nen des Patriarchats

Aha. Als gäbe es da noch was zu debattieren. Vielleicht hat Schwarzer es in ihrem Bunker der Binarität nicht mitbekommen – aber Transsexualität und Feminismus gehen Hand in Hand. Allerdings gibt es Steinzeit-Genoss*innen, die nicht damit zurecht kommen: TERFS. Trans- exkludierende radikale Feministinnen, die, wie die Hexen-Dichterin J.K. Rowling, uns die Autonomie über den eigenen Körper, ja über das eigene Leben absprechen. De facto treten TERFs als Sol­da­t*in­nen des Patriarchats in Erscheinung.

Wir trans* Personen sollen nun den Schwanz einziehen, während Schwarzer und Louis ihr Sackhüpfen aufführen. Sie gebrauchen noch die Diktion aus vergangenen Dekaden, wenn sie über Transitionen „von Mann zu Frau“ bzw. „von Frau zu Mann“ reden, anstatt das Konzept des psycho-sozialen Geschlechts gebührend anzuerkennen. Nicht minder schlimm ist, dass sie allen Ernstes „humanitäres und politisches Bedenken anmelden“, was den „Trend“ der Transitionen betrifft.

Aufklärung wollen sie betreiben, indem sie trans* Personen präsentieren, die ihre Entscheidungen offenbar bereuen: Horrorgeschichten über Hormonbehandlungen. Die beiden Herr-aus-Geberinnen gaukeln zwar Solidarität vor, mit Toleranz hat diese skeptisch dreinblickende Erduldung aber nichts zu tun.

Die sexuelle Belästigung als eigenständiger Straftatbestand wurde 2016 mit dem Paragrafen 177 des Strafgesetzbuchs, nämlich dem Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung endlich eingeführt. Zu den vielen, die dies laut gefordert hatten, zählen übrigens Schwarzer und Louis. Aber ihr Buch zeigt, warum wir als trans* bzw. nonbinäre Personen ein umfassendes Selbstbestimmungsgesetz benötigen. Denn die Antipathien, die wir spüren, werden durch Schmähschriften vermeintlicher Fe­mi­nis­t*in­nen nicht geringer.

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Michaela Dudley (Jg. 1961), eine Berliner trans* Frau mit afroamerikanischen Wurzeln, ist eine „Frau ohne Menstruationshintergrund, aber mit Herzblut, in der Regel“. So lautet ihr Signatur-Lied, und so kennt man sie als wortgewandte taz-Kolumnistin. Sie ist Autorin des Februar 2022 erschienenen Buches RACE RELATIONS: ESSAYS ÜBER RASSISMUS (Verlag GrünerSinn: ISBN 9783946625612). Ebenjene historisch fundierte Einführung reüssiert als lyrischer Leitfaden zum Antirassismus. Dudley, eine gelernte Juristin (Juris Doctor, US) schreibt auch für den Tagesspiegel, die Siegessäule, die Zeit / das Goethe, Missy Magazine, Rosa Mag und den Verlag GrünerSinn. Zudem tritt sie als Kabarettistin, Keynote-Rednerin und Diversity-Expertin in Erscheinung. Ihr Themenspektrum umfasst Anti-Rassismus, Feminismus und die Bedürfnisse der LGBTQ-Community. Elegant und eloquent, reüssiert die intersektional agierende Aktivistin als die „Diva in Diversity“. Als impulsgebende Referentin arbeitet sie mit der Deutschen Bahn, der Führungsakademie der Bundesagentur für Arbeit, der Frankfurter Buchmesse und dem Goethe-Institut zusammen. In der Fernsehsendung „Kulturzeit“ (3Sat/ZDF, 25.08.2020) hat sie ihre Ballade „Owed to Marsha“ zu Ehren der queeren Ikone Marsha P. Johnson uraufgeführt. In einer anderen Folge (17.06.2020) hatte sie für die „Meinungsverantwortung“ plädiert, als sie die Äußerungen der Schriftstellerin J.K. Rowling in puncto Transsexualität kritisierte. Immer wiederkehrend kommentiert sie brandaktuelle Themen (ARD, MDR, RBB, WDR). Ihr satirisches, musikalisch untermaltes Kabarettprogramm heißt: „Eine eingefleischt vegane Domina zieht vom Leder“. Sie liebt die Astrophysik, spielt gerne Schach, spricht u.a. Latein und lebt tatsächlich vegan. Ihre Devise: „Diversity ist nicht einfach, sondern mehrfach schön. Kein Irrgarten, sondern ein Wir-Garten.“

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