Aigners Nominierung : Die Frau der Stunde
Ilse Aigner als Bundespräsidentin – das ist eine gute Wahl. Doch wie sie es wurde, das wollen wir mal schnell wieder vergessen.
Foto: Thomas Peter/reuters
I lse Aigner wird Bundespräsidentin, und das ist gut so. Nicht weil sie nett ist, nicht weil sie mit den Leuten kann, nicht weil sie politisch erfahren ist, nicht weil sie einen klaren Wertekompass hat und auch nicht, weil sie der Rechtsextremen im bayerischen Landtag immer wieder gezeigt hat, wo der Hammer hängt. Sicher, all das sind gute, nein, sehr gute Voraussetzungen für Aigners neuen Job.
Was aber am allermeisten für Aigner spricht und ihre Nominierung letztlich unausweichlich gemacht hat, ist die breite Basis, die sie trägt. Sie ist eben nicht die Kandidatin der CSU, hinter ihr stehen große Teile der SPD, der Grünen und – wie sich zuletzt gezeigt hat – eben auch der CDU. Natürlich hätte man noch wochenlang abwägen können, welche andere mögliche Kandidatin welche Eignung mitbringt, allzu durchsichtige Argumente durchdiskutieren können, ob eine Bundespräsidentin Jura studiert haben sollte und, und, und …
Und keine Frage: Es gibt mit Sicherheit andere Frauen – vielleicht sogar Männer –, die dem Amt gewachsen wären. Aigner muss nicht die beste aller möglichen Kandidatinnen sein. Doch sie ist die Frau, auf die sich derzeit eine starke demokratische Mehrheit in Deutschland verständigen kann. Nicht im Sinne des kleinsten gemeinsamen Nenners, sondern aus Überzeugung, bisweilen sogar Begeisterung. Und das ist genau das, worauf es jetzt ankommt, wenn das künftige Staatsoberhaupt eine Rolle bei der Überwindung der Gräben unserer Gesellschaft spielen soll.
Die Frau der Stunde
Kurzum: Ilse Aigner ist die Frau der Stunde. Dass sie es wurde, hat freilich auch mit einer befremdlichen Dynamik zu tun, an deren Entstehen Friedrich Merz einen gehörigen Anteil hatte. Die „Würde des Amtes“ ist ein überstrapazierter Begriff und sollte nicht zu hoch gehängt werden. Doch dass die Kandidatinnensuche zuletzt aus dem Ruder gelaufen und zu einem wenig angemessenen Schauspiel verkommen ist, lässt sich kaum leugnen.
Der CDU-Chef hätte sich entweder rechtzeitig und aktiv in die Kandidatinnensuche einbringen, eventuell eine ähnlich starke Kandidatin in Stellung bringen müssen oder eben dem wilden Durcheinandergeplärre vor allem seiner eigenen Leute ein frühzeitiges Ende setzen, indem er sich selbst hinter Aigner gestellt hätte. Damit hätte er sogar seinem Rivalen Markus Söder eins auswischen können.
Hat er nicht. Sondern es leider vermasselt – und sein Ansehen damit weiter ramponiert. Man muss kein Freund des Kanzlers sein, um die Gefahr zu erkennen, die von dieser andauernden Selbstdemontage ausgeht. Am Ende jedenfalls werden es nicht die demokratischen Parteien sein, die von ihr profitieren.
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